International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Manifestations des Gilets Jaunes, Paris, France, 2018 NEWS : Manifestation des gilets jaunes - Paris - 08/12/2018 BastienLouvet/panoramic PUBLICATIONxNOTxINxFRAxITAxBEL

Am vergangenen Wochenende kam es zwischen "Gelbwesten" und der Polizei in Frankreich zu schweren Zusammenstößen. Bild: imago

Solidarität mit "Gelbwesten": Wenn Linke das Wutbürgertum "umarmen"

Die "Gelbwesten"-Proteste lassen linke Intellektuelle von der Revolution träumen. Sie blenden aus, dass die Bewegung problematische Züge hat. Und Frankreich ein konservatives Land ist.

Peter Blunschi / watson.ch

Ein Hauch von Revolution liegt in der Luft. Die Bewegung der "Gilets Jaunes" (oder zu Deutsch "Gelbwesten) ist in Frankreich wie aus dem Nichts aufgetaucht und hält das Land mit teilweise gewalttätigen Kundgebungen in Atem. Der Aufstand der "kleinen Leute" aus der Provinz, die sich von der Regierung und der Pariser Elite verraten fühlen, erregt die Gemüter. Und beflügelt progressive Träume.

Frankreichs linke Intellektuelle sehen in den Protesten der "Gelbwesten" eine Chance, das Land in ihre Richtung zu lenken. "Diese Bewegung muss weitergehen. Weil sie etwas Richtiges, Dringendes, Radikales verkörpert", schrieb der Schriftsteller Édouard Louis, der selber aus einfachen Verhältnissen stammt, in einem stark beachteten Essay.

Sein Freund, der Philosoph und Soziologe Geoffroy de Lagasnerie, unterstützt die Bewegung "voll und ganz", wie er im Interview mit der "Wochenzeitung" erklärte. Er glaubt an die Möglichkeit, den "ideellen Kampf um diese Leute" zu gewinnen: "Die Rolle der Linken ist es, die Bewegung zu umarmen, eine Verbindung zu ihr herzustellen und sie ins progressive Lager zu holen."

Die Gelbwesten sind eine heterogene Bewegung, die sich bislang der politischen Vereinnahmung entzogen hat.

Solche idealistische bis paternalistische Vorstellungen sind typisch für viele Linke und ihren Hang zur Revolutionsromantik. Die problematischen Aspekte der "Gilets Jaunes" werden von de Lagasnerie und Co. nicht ausgeblendet, aber kleingeredet: Rassistische und homophobe Parolen in den sozialen Medien, widersprüchliche Forderungen wie tiefere Steuern und höhere Renten.

Die "Gelbwesten" sind eine heterogene Bewegung, die sich bislang der politischen Vereinnahmung entzogen hat. In ihr mischen sich Menschen, die sich in einer echten sozialen Notlage befinden, mit linken und rechten Unruhestiftern. Sie ist Ausdruck des Wutbürgertums, das sich in vielen Ländern manifestiert und sich als immun gerade gegen linke Vereinnahmungen erwiesen hat.

Das beschränkt sich nicht auf die Fremden- und Islamfeindlichkeit, die von den ominösen russischen Trollfabriken angeheizt werden soll. Die Bewegung ist auch geprägt von Misstrauen bis Ablehnung gegenüber den Medien. Dies erlebte meine Kollegin Camille Kündig, die sich am letzten Samstag in Paris ins Getümmel gestürzt und für watson live von den Ausschreitungen berichtet hat.

In Kontaktversuchen auf der Straße und im Internet wurde sie mit "freundschaftlichen" Warnungen und offener Feindseligkeit konfrontiert. Das liebste Feindbild der "Gilets Jaunes" ist der Privatsender BFM TV. In Paris erlebte Kündig, wie Kollegen bespuckt und mit Eiern beworfen wurden. Es ist die französische Variante von "Lügenpresse halt die Fresse!".

Es ist möglich, dass die Bewegung mit der Zeit und auch aufgrund der anstehenden Feiertage an ihrer Widersprüchlichkeit zerbricht.

Ein weiteres problematisches Phänomen manifestierte sich nach dem Terroranschlag in Straßburg. In den Foren der Bewegung kursierte die Verschwörungstheorie, wonach die von einem radikalisierten Kleinkriminellen verübte Bluttat von der Regierung inszeniert worden sei, um den Elan der "Gelbwesten" zu stoppen.

Solche kruden Ideen mögen nur einen Teil der Bewegung erfassen, aber einzelne Facebook-Gruppen mussten deswegen ihre Kommentarfunktion einschränken. Sie könnten auch die anfangs hohe Zustimmung in der Bevölkerung erodieren lassen, die bereits nach den Zugeständnissen rückläufig war, die Präsident Emmanuel Macron am Montag angekündigt hat.

Seine Fernsehansprache führte zu ersten Spaltungstendenzen bei den "Gelbwesten". Es ist möglich, dass die Bewegung mit der Zeit und auch aufgrund der anstehenden Feiertage an ihrer Widersprüchlichkeit zerbricht. Der für Samstag angekündigte "Akt 5" mit weiteren Kundgebungen wird ein Indiz dafür liefern, wie viel Rückhalt die Bewegung noch hat.

Denn ein Aspekt wird oft übersehen: Frankreich ist eigentlich ein konservatives Land. "Man will sich revolutionär verhalten, aber sobald es Zeit für die Veränderungen ist, verhält man sich reaktionär", sagte der Freiburger Professor Gilbert Casasus im Interview mit watson. Das zeigte sich auch im legendären Mai 1968, mit dem die heutige Protestbewegung oft verglichen wird.

Man kann und muss hoffen, dass auch die gelben Warnwesten als Warnsignal verstanden werden.

Auch damals lag für kurze Zeit ein Hauch von Revolution in der Luft, als sich die Studenten mit den Arbeitern verbündeten. Am Ende war der "Aufstand" ein Fehlschlag, es kam zum Backlash der Bourgeoise, die in Paris zur Gegendemo auf die Straße ging. Präsident Charles de Gaulle drohte mit dem Ausnahmezustand und setzte Neuwahlen an, bei denen seine Partei zulegen konnte.

Mit der Zeit aber setzten sich viele Forderungen der 68er Bewegung durch. Man kann und muss hoffen, dass auch die gelben Warnwesten als Warnsignal verstanden werden. Das beginnt bei Emmanuel Macron, der seinen Hang zu überheblichen Sprüchen und seinen Ruf als "Präsident der Reichen" loswerden und seine notwendige Reformpolitik sozial abfedern muss.

Außerdem bedarf Frankreich der politischen Reformen. Der elitäre Zentralismus, mit dem das Land regiert wird, hat sich überlebt. Wenn die "Gelbwesten" von Referenden wie in der Schweiz sprechen, geben sie die Richtung vor. Es ist bezeichnend, dass die linken Intellektuellen, die selber dem Elitedenken frönen, diesen Aspekt praktisch nicht thematisieren.

Der Protest hat aber eine weit über Frankreich hinaus reichende Dimension. Er ist Ausdruck einer real existierenden Misere: Viele Menschen aus dem Mittelstand kämpfen gegen den sozialen Abstieg. Der Slogan "Ihr redet vom Ende der Welt, wir vom Ende des Monats", mit dem die "Gelbwesten" die Ökosteuer auf Benzin bekämpften, bringt diese Befindlichkeit auf den Punkt.

In den USA haben die Ängste vor dem Niedergang Donald Trump an die Macht gespült. Und mit der fortschreitenden Digitalisierung wird sich das Problem verschärfen. Viele solide Industrie- und Bürojobs werden von Automaten und Algorithmen ersetzt. Was sich in den letzten Wochen in Paris und anderen Städten ausdrückte, könnte nur der Anfang einer gefährlichen Entwicklung sein.

Die Politik ist gefordert, sie muss Wege finden, um dem Mittelstand eine Perspektive zu bieten. Das kann eine Digitalsteuer sein, ein bedingungsloses Grundeinkommen. Nichtstun ist dabei so wenig eine Option wie linke Revolutionsromantik.

Ein Scheitern oder gar Sturz Macrons wird kaum den Linksaußen Jean-Luc Mélenchon an die Macht bringen, sondern die Rechtsextreme Marine Le Pen.

Das könnte dich auch interessieren:

Militärdienst für die Jungs von BTS – das denken die K-Popstars darüber

Link zum Artikel

Politiker-Lügen, Manager-Boni: Wir leben in einer schamlosen Zeit

Link zum Artikel

Sri Lanka: Einheimische Islamisten sollen die Anschläge verübt haben

Link zum Artikel

Exklusiv: 5 unangenehme Fragen an einen White Walker

Link zum Artikel

Defekte Displays – Samsung verschiebt weltweiten Verkaufsstart des Galaxy Fold

Link zum Artikel

Diesen ekligen Sitznachbarn im Flugzeug will keiner haben

Link zum Artikel

Wie Hartz IV meine Familie verändert hat

Link zum Artikel

Trotz Verbots: Polnische Gemeinde verbrennt wieder antisemitische "Judaspuppe"

Link zum Artikel

Der Cast von "Avengers: Endgame" hat das beste Musik-Remake des Jahres herausgebracht

Link zum Artikel

Getötete Journalistin in Nordirland: Militante Gruppe veröffentlicht Bekennerschreiben

Link zum Artikel

Dieses Rätsel ist so einfach, du wirst es niemals zugeben, wenn du es nicht lösen kannst

Link zum Artikel

E-Auto als Klimasünder? Neue Tesla-Studie sorgt für Wut – weil sie Mängel aufweist

Link zum Artikel

Das? Das ist nur die wohl umfangreichste Schatzkarte aller bisherigen Zeiten

Link zum Artikel

PAOK Saloniki wird erstmals seit 34 Jahren Meister – und die Ultras drehen völlig ab

Link zum Artikel

FPÖ provoziert mit "Ratten-Gedicht" über Geflüchtete – Kanzler Kurz: "abscheulich"

Link zum Artikel

Sex-Szene bei "Game of Thrones" – die Fans flippen aus

Link zum Artikel

Erdbeben auf den Philippinen: Hier stürzt ein Hochhaus-Pool auf die Straße

Link zum Artikel

Sie eiferte Steve Jobs nach – und wurde zur größten Betrügerin im Silicon Valley

Link zum Artikel

Sri Lanka: Zahl der Todesopfer steigt auf 310 – Hinweise auf "Vergeltung" für Christchurch

Link zum Artikel

Journalistin macht sich über Enissa Amani lustig – deren Fans starten eine Insta-Hetzjagd

Link zum Artikel

An Hitlers Geburtstag legt die Schweiz die Nazi-Elf aufs Kreuz

Link zum Artikel

Böhmermann macht aus "GoT" die "Game of Shows" – mit Gottschalk und LeFloid

Link zum Artikel

Influencerin geht in Neuseeland baden – und wird dafür abgestraft

Link zum Artikel

Ukraine-Wahl: Komiker Selenskyj neuer Präsident

Link zum Artikel

"Game of Thrones": Ein beliebter Charakter lebt noch

Link zum Artikel

So instrumentalisieren rechte Ideologen den Brand von Notre-Dame für ihre Zwecke

Link zum Artikel

Diese Iranerin zog ihr Kopftuch aus und muss jetzt ein Jahr ins Gefängnis

Link zum Artikel

Hartz-IV-Sanktionen in der Schulzeit: "Ich lebte von 30 Euro im Monat"

Link zum Artikel

"Wir sind nicht bei der WM!" Club aus Brandenburg hat 5 Regeln für Helikopter-Eltern

Link zum Artikel

Bei der Hillsborough-Tragödie sterben 96 Fans – und werden dafür beschuldigt

Link zum Artikel

Vermisst und wieder aufgetaucht – 7 Fälle von Kindern, die verschwunden waren

Link zum Artikel

Der HSV wirbt mit seinen Fans – nur sind's keine Hamburger. Sondern Magdeburger!

Link zum Artikel

Weil Erdogan kam, drang die Polizei in das Büro dieses Abgeordneten ein – jetzt klagt er

Link zum Artikel

"Junge Mädchen werden hier kaputtgefickt" – Ex-Prostituierte will Sexkaufverbot erreichen

Link zum Artikel

Erstes Foto von einem Schwarzen Loch – und das Internet so 🤷‍♀️

Link zum Artikel

Findest du heraus, welche dieser traurigen Tier-Fakten stimmen?

Link zum Artikel

Die coolste Socke gehört auf den "GoT"-Thron! #TeamTyrion

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Was wollen die "Gelbwesten"? Wir haben sie gefragt

"Wir wollen leben, nicht nur überleben": "gilets jaunes" in Paris sprechen mit watson Klartext.

In Frankreich strömten auch diesen Samstag tausende "gilets jaunes" die Straßen und ließen ihrer Wut auf Präsident Macron freien Lauf. Die Stimmung war aufgeladen, viele wollten nicht mit Journalisten sprechen. 

Auf unserem Streifzug durch Paris haben wir Paul, Yves, Claire, Mégane, Yannik, Jessica und Marc kennengelernt. Sie alle erzählen Geschichten von sozialer Ungerechtigkeit, von prekären Lebensumständen. Es sind zum großen Teil Menschen, die kaum von ihrem Lohn leben können – …

Artikel lesen
Link zum Artikel