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In Holland steht der Heineken-Entführer vor Gericht – Zeugin der Anklage: seine Schwester

astrid birschel

Jahrhundertprozess in den Niederlanden: Mit Gewalt und Brutalität regierte Willem "Wim" Holleeder über ein Imperium des Verbrechens. Jetzt ließ ihn seine eigene Schwester auffliegen. Mit drastischen Worten erklärt Astrid Holleeder vor Gericht: 

"Ich hätte dir eine Kugel in den Kopf jagen sollen."

Astrid Holleeder volkskrant

Doch kaum einer weiß, wie Astrid Holleeder aussieht. Es gibt keine aktuellen Fotos von ihr. Sie lebt an einem geheimen Ort, fährt in einem gepanzerten Auto. Die Amsterdamerin steht auf der Todesliste ihres eigenes Bruders, davon sind sie und die Staatsanwaltschaft überzeugt. "Er will mich töten, lieber heute als morgen", sagt die 52-Jährige in Amsterdam. Und sie versteht ihn: "Ich habe das Unvorstellbare getan. Ich habe ihn verraten."

Ein Kriminalstück in 6 Akten.

Die Anklage

Fünf Morde, zwei Mordversuche – Wim Holleeder, 60, wird "Die Nase" genannt, wegen der Größe des Körperteils.

Wim Holleeder sorgt weltweit für Schlagzeilen

Holleeder ist der berüchtigtste Schwerverbrecher der Niederlande. Seit mehr als 30 Jahren dominiert er die Unterwelt. Derzeit wird ihm im Hochsicherheitsgericht von Amsterdam der Prozess gemacht. Er muss sich unter anderem für fünf Morde und zwei Mordversuche verantworten.

Die Niederländer sprechen bereits von einem "Jahrhundertprozess". Hauptzeugin der Anklage ist Holleeders Schwester. Astrid Holleeder will ihn lebenslang hinter Gitter bringen. Sie sagt über ihren angeklagten Bruder:

"Er sieht uns als seinen Besitz an."

Astrid Holleeder

Astrid Holleeder hat die dramatische Geschichte ihres "Verrats" aufgeschrieben. "Judas" heißt das Buch, das nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es ist ein Psychogramm ihres Bruders und die Geschichte einer Amsterdamer Familie. "Er ist nicht fähig zu lieben."

Die Heineken-Entführung

Astrid Holleder ist 17 als ihr Bruder 1983 mit seinem Komplizen Cor van Hout den Bierbrauer Freddy Heineken entführt und 35 Millionen Gulden erpresst. Die Holleeders kannten die Familie gut. Wims Vater war Radrennfahrer und arbeitete für die Heinekens – auch als Fahrer des Chefs.

Die Heineken-Kidnapper vor Gericht

Die Entführung macht weltweit Schlagzeilen. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe macht Willem mit einem großen Teil des Lösegeldes einen rasanten Aufstieg zu einem der gefürchtetsten Bosse der Unterwelt. Seine Schwester erinnert sich: 

"Wim wollte immer Macht."

Astrid Holleeder

"Sein Ziel war es, 100 Millionen Euro zu besitzen. Er kam auf 40 Millionen Euro, immerhin." Spielhallen, Sex-Clubs, Erpressung. Er will Angst verbreiten, sagt seine Schwester. Und:

"Wim ist ein Psychopath."

Astrid Holleeder

2003 wird Holleeders früherer Komplize Cor van Hout, inzwischen der Mann seiner Schwester Sonja, auf offener Straße ermordet. Die Schwestern sind davon überzeugt, dass ihr eigener Bruder dahinter steckt. "Er hat sogar gedroht, Sonjas Kindern etwas anzutun, wenn sie was sagt", sagt Astrid Holleeder.

Die Familie

Astrid Holleeder war über Jahre seine Vertraute. "Wider Willen", betont sie selbst. Als einzige der vier Geschwister hatte sie studiert, Jura. Mit den kriminellen Machenschaften ihres Bruders hat sie zwar nichts zu tun, doch sie kommt lange auch nicht von ihm los. Er umklammere die Familie wie eine bösartige Krake, sagt Astrid, halte sie mit Drohungen im Würgegriff. "Er sieht uns als seinen Besitz an." Und doch gelingt es ihr am Ende – auch wenn sie dafür einen hohen Preis bezahlt.

Astrid Holleeder als Kind

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Lieblos – ein einziges Wort nur beschreibt die Kindheit im Jordaan, damals ein armes Arbeiterviertel in Amsterdam. "Es gab nichts Schönes", sagt Astrid und lacht bitter. Angst schweißt die Familie zusammen. "Das kann sich keiner vorstellen." Erst drangsaliert sein brutaler Vater, ein Alkoholiker, Frau und Kinder. Später macht Bruder Willem weiter. "Wim hasst uns", sagt Astrid. "Er ist nicht fähig zu lieben. "Eine Fotografie von Astrid aus dem Jahr 1970: In ihrem Buch "Judas" zeichnet die Autorin ein Psychogramm ihres Bruders.

Der Verrat

Nach dem Mord an ihrem Schwager Cor van Hout fasst sie einen Entschluss: "Das Morden muss enden."

Weltweite Aufmerksamkeit

Sie will ihren Bruder aufhalten. Doch dafür, das weiß sie als Anwältin nur allzu gut, braucht sie handfeste Beweise. Und die sammelt sie. Immer wenn sie ihren Bruder spricht, trägt sie am Körper Mikrofone und Rekorder. Jahrelang zeichnet sie alle Gespräche mit ihm auf.

Astrid Holleeder ist eine temperamentvolle Frau, sprüht vor Lebensfreude. Doch von diesem Moment an lebt sie in Angst. 

"Verrat akzeptiert er nicht. Wenn du ihn verrätst, dann bist du dran."

Astrid Holleeder über ihren Bruder

Und doch hat sie die Tonbänder der Staatsanwaltschaft übergeben. Ob sie für eine Verurteilung ausreichen, ist noch unklar.

Der Prozess

Das Verfahren vor Gericht wird Monate dauern. Willem Holleeder selbst bestreitet alle Vorwürfe. Auch die mehr als 400 Seiten dicke Familien-Chronik liegt dem Gericht als Beweis vor. Dabei hatte Astrid Holleeder das Buch eigentlich für ihre Tochter geschrieben, sagt Astrid. Eine Art Testament. 

"Damit sie versteht, woher ich komme und warum ich das alles getan habe."

Astrid Holleeder über ihr Motiv auszupacken

30 Tage hat das Gericht in Amsterdam schon verhandelt. Dann ging es in die Sommerpause. Ein Ende ist noch nicht abzusehen. Die Beweisführung ist schwierig. Und auch, wenn Holleeder in Haft sitzt, allein seine Präsenz schüchtert ein. Und noch immer hat er Vertraute, auch außerhalb der Knastmauern.

Wim Holleeder sei noch lange nicht ausgeschaltet. Er habe überall seine Leute, drinnen und draußen. 

2016 entdeckten die Ermittler, dass er aus dem Gefängnis heraus einen Auftrag zur Ermordung seiner Schwestern erteilt hatte. Seither werden beide rund um die Uhr bewacht.

"Die Tore vom Gefängnis sind doch ein Witz für ihn."

Astrid Holleeder über ihr Vertrauen in Hollands Rechtsstaat

Epilog

Astrid Holleeders Buch ist ein Bestseller. Ein Theaterstück und die Verfilmung sind geplant. Doch eine Lebensversicherung ist es nicht. "Das endet nie!"

Selbst wenn Willem Holleeder lebenslang hinter Gitter muss, sind die Schwestern nicht sicher – davon sind sie überzeugt. Auch Sonja wird gegen ihn aussagen. "Wir haben auch lebenslang", sagt Astrid. Ein unbeschwertes Leben mit Kindern und Enkeln, Shoppen mit Freundinnen, Bummeln auf dem Markt – ist nicht drin.

Astrid Holleeder bereut nichts, sagt sie, aber der Verrat zerreißt sie. "Den eigenen Bruder verraten, das ist das Schlimmste, was ich je getan habe."

Sie erinnere sich noch genau an die letzte Begegnung mit Willem, im Gefängnis. "Ich war von oben bis unten verkabelt." Sie wollte ihm ein Mordgeständnis entlocken. "Was haben die gegen mich in der Hand?", fragte er mich. "Dabei zitterte seine Stimme vor Angst."

Und während sie sich an diese Begegnung erinnert, bricht ihre eigene Stimme. "Das ist ein Judas, der den anderen in seinem tiefsten Elend verrät." Im Gerichtssaal können Bruder und Schwester einander nicht sehen. Die Zeugen sind total abgeschirmt. Manchmal stellt sich Astrid eine letzte Konfrontation vor: "Dann", sagt sie entschlossen, "würde ich ihn erschießen."

(dpa)

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