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Eine Szene in den Straßen von Santiago de Chile. Bild: AP

Warum es in Südamerika nach Revolution riecht

Während sich der Norden im Impeachment suhlt, geht im Süden des amerikanischen Kontinents die linke Post ab.

Philipp Löpfe / watson.ch

Eigentlich müsste sich Chile derzeit herausputzen: Ein Gipfeltreffen der Asia-Pacific Economic Cooperation war für Anfang November geplant, gefolgt von der Klimakonferenz der Uno. Beste Gelegenheit also, sich im internationalen Glanz zu sonnen und die Vorzüge des Landes Investoren schmackhaft zu machen.

Beide Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Chile befindet sich seit Wochen im Ausnahmezustand. Millionen protestieren gegen die neoliberale Politik von Präsident Sebastian Pinera. Bei den gewalttätigen Demonstrationen sind bisher 17 Menschen ums Leben gekommen.

Dabei gilt Chile – seit es den blutrünstigen Diktator Pinochet losgeworden ist – als Modelldemokratie in Südamerika. Jahrelang war es von der gemäßigten Sozialdemokratin Michelle Bachelet regiert worden. Die Wirtschaft boomte, es herrschte für südamerikanische Verhältnisse Ruhe.

An einer läppischen Erhöhung der Ticketpreise für die Untergrundbahn in Santiago hat sich der Protest entzündet. Zuerst waren es bloß Studenten, inzwischen sind es Millionen, die gegen die Regierung von Pinera aufbegehren. Und sie denken nicht daran, aufzugeben. "Wir werden weitermachen, bis es strukturelle Veränderung gibt", so die Studentin Juan Torres gegenüber dem "Wall Street Journal".

Chile ist kein Einzelfall. Südamerika wird von einem revolutionären Erdbeben erschüttert. In Argentinien ist am vergangenen Wochenende eine neoliberale Regierung in die Wüste geschickt und durch eine linkspopulistische Regierung ersetzt worden.

October 30, 2019, City Of Buenos Aires, City of Buenos Aires, Argentina: The elected president ALBERTO FERNANDEZ participates in a tribute to former president Raul Alfonsin at the UMET (Metropolitan for Education and Work University, in English), in City of Buenos Aires, Argentina, on Oct. 30, 2019 (Credit Image: © Julieta Ferrario/ZUMA Wire |

Der frisch gewählte argentinische Präsident Alberto Fernandez. Bild: ZUMA Wire

Der bisherige Amtsinhaber Mauricio Macri, ein erfolgreicher Geschäftsmann, wollte Argentinien mit einem harten Sparprogramm für Investoren wieder salonfähig machen. Er ist kläglich gescheitert: Die Armutsrate hat in den vergangenen vier Jahren um 10 Prozent zugenommen, die Inflation liegt bei über 50 Prozent und die Staatsschulden bei 100 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

In Ecuador musste Präsident Lenin Morena kurzzeitig aus der Hauptstadt Quito fliehen und die Militärs zu Hilfe rufen. Er hatte zuvor die Benzin-Subventionen gestrichen und damit Massenproteste ausgelöst.

In Peru befindet sich Präsident Pablo Kuczynski, ein ehemaliger Ökonom beim Internationalen Währungsfonds, wegen Korruptionsverdachts unter Hausarrest. Selbst Brasiliens rechtsextremer Hardliner Jair Bolsonaro scheint die Gunst seiner Bürger zu verlieren.

Für die revolutionäre Welle in Südamerika gibt es eine naheliegende Erklärung: Venezuela und Kuba würden dahinterstecken. "Diese sozialistischen Diktaturen seien wild entschlossen, die Demokratien zu destabilisieren und so von der eigenen Misere abzulenken", fassen Moises Naim und Brian Winter die gängige Verschwörungstheorie im Magazin "Foreign Affairs" zusammen.

Das ist jedoch wenig wahrscheinlich. Beide Länder haben derzeit alle Hände voll zu tun, selbst über die Runden zu kommen und haben daher weder Lust und schon gar nicht die Kapazitäten für revolutionäre Abenteuer im Ausland.

Der Grund für die revolutionären Erschütterungen lässt sich jedoch tatsächlich mit der klassisch-marxistischen Theorie erklären: Das Sein bestimmt das Bewusstsein, und das wirtschaftliche Sein der Südamerikaner ist derzeit lausig.

In den Nullerjahren hat Südamerika einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Schuld daran war ein Rohstoff-Boom, von dem der gesamte Kontinent profitieren konnte. "Die lateinamerikanischen Volkswirtschaften sind zwischen 2003 und 2013 – was das Pro-Kopf-Einkommen betrifft – jährlich um 2,5 Prozent gewachsen, ihre beste Leistung seit mindestens einem halben Jahrhundert", so Naim/Winter.

PRIMORYE TERRITORY, RUSSIA - OCTOBER 24, 2016: A combine harvester collecting soya beans in fields of Alexei Borovinsky's farm in the village of Khorol. Yuri Smityuk/TASS |

Sojabohnen Bild: TASS

Handelskriege und Protektionismus haben diesen Rohstoff-Boom zum Erliegen gebracht. Die Preise sind in den Keller gefallen, die Wirtschaft abgestürzt. Im laufenden Jahr werden die südamerikanischen Volkswirtschaften um 0,2 Prozent zulegen. Das ist selbst für Schwellenländer mickrig.

Rund 100 Millionen Südamerikanerinnen und Südamerikaner sind in den Boomzeiten in den Mittelstand aufgestiegen. Erstmals konnten sie sich ein eigenes Auto, eine Waschmaschine und einen Flachbildschirm-TV leisten. Die aktuelle Wirtschaftsflaute bedroht diese Errungenschaften.

Dazu kommt, dass die Südamerikaner dank Internet und Smartphone erstmals das dekadente Treiben ihrer schmalen Oberschicht beobachten können. Sie sind nicht mehr gewillt, weiterhin tatenlos zuzusehen.

Mittelschicht wollte mehr

"Während den Boomzeiten legte der Mittelstand eine gewisse Gelassenheit an den Tag in der Hoffnung, selbst diesen hohen Lebensstandard zu erreichen", so Naim/Winter. "Doch mit dem Abschmelzen der wirtschaftlichen Aussichten ist auch diese Hoffnung geschwunden."

Hinter der aktuellen revolutionären Welle in Südamerika stecken deshalb nicht marxistische Agitatoren. Es sind die Wut des Mittelstandes und die Angst, die wenigen Errungenschaften der letzten Jahre wieder zu verlieren, welche die Menschen auf die Strasse treiben.

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