International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Bild

Eines der 2014 durch die islamistische Terrormiliz entführten Mädchen. 2018 WORLD PRESS PHOTO CONTEST A

4 Jahre nach der Entführung durch Boko Haram: Wie geht es den Mädchen heute?

Trotz der Ankündigung der Regierung, Boko Haram sei militärisch erledigt, wütet die islamistische Terrormiliz nach wie vor in Nigeria. Das sagt der Politologe Mathias Waldmeyer im Interview zum vierten Jahrestag der Entführung von mehr als 250 Mädchen.

William Stern

Vor vier Jahren entführte die islamistische Terrormiliz Boko Haram 276 Mädchen. Die Entführung löste einen internationalen Proteststurm aus. Wie präsentiert sich die Lage heute?
Ein Teil der Mädchen konnte schon ganz zu Beginn, kurz nach der Entführung, fliehen. Etwa die Hälfte der Mädchen und jungen Frauen kam in der Folge in mehreren Wellen frei. Etwa 100 sollen sich noch in der Gewalt der Entführer befinden.

Bild

zvg

Zur Person

Mathias Waldmeyer ist Politik- und Regionalwissenschaftler mit einem Schwerpunkt auf Projektrisikomanagement in fragilen Kontexten. Seit April 2018 betreut er hauptverantwortlich das Nigeria-Programm der evangelischen Mission 21 in Basel. 

Weiß man, wie diese Befreiungen vor sich gingen?
Meist fanden sie im Rahmen von medienwirksamen Aktionen statt. Es wird spekuliert, dass Geld geflossen sei. Und man vermutet auch, dass die Geiseln mit Boko-Haram-Gefangenen ausgetauscht wurden.

Rund 100 der entführten Mädchen befinden sich noch immer in den Händen von Boko Haram. Weiß man, wie es ihnen geht?
Kaum. Über öffentliche Kanäle von Boko Haram hört man ab und an von ihnen, man weiß aber weder, wo sie festgehalten werden, noch, ob alle noch am Leben sind.

Was für öffentliche Kanäle?
Sie werden zum Beispiel in Videos vorgeführt, wo man sie mit Kopftuch und traditioneller Kleidung sieht, und in denen behauptet wird, dass sie zum Islam konvertiert seien. Man kann aber davon ausgehen, dass sie unter Zwang gehandelt haben. Wenn sie nicht konvertieren, droht ihnen ein Leben als Sklavinnen.

Sie waren selber vor kurzem in Yola, im Osten Nigerias, dort, wo sich der Großteil der befreiten Mädchen befindet. Was war Ihr Eindruck?
Ja, ich war in Yola, hatte aber keinen Zugang zur amerikanischen Universität, wo die Mädchen untergebracht sind. Diese werden gut abgeschottet. Wie ich von Vertrauensleuten gehört habe, werden sie dort aber sehr gut betreut, gerade auch im Bereich der Traumaarbeit. Es soll ihnen dort ermöglicht werden, in einem geschützten Umfeld ihre Ausbildung fortsetzen zu können und irgendwann wieder Fuß zu fassen, gerade auch im persönlichen Bereich.

Die Mädchen kurz nach ihrer Befreiung. Bild: AP

Die Rückkehr aus einer so langen Gefangenschaft gestaltet sich extrem schwierig. Nicht nur für die Freigekommenen, sondern auch für die Verwandten.
Ja, einige Mädchen haben versucht, in ihre Dörfer zurückzukehren und wurden daraufhin verstoßen. Gerade für diejenigen, die mit Kindern zurückkamen, die sie in der Gefangenschaft auf die Welt gebracht haben, sind das enorm belastende Situationen. Diese Kinder sind oftmals auch nicht akzeptiert, tragen das Stigma der Schande. Es gibt allerdings auch ein paar leuchtende Beispiele, bei denen die Eingliederung in die Familie wieder klappte.

Boko Haram

Boko Haram kämpft seit dem Jahr 2009 gewaltsam für die Errichtung eines islamischen Gottesstaats im mehrheitlich muslimischen Nordosten Nigerias. In dem Konflikt wurden bisher mindestens 20'000 Menschen getötet und 2,6 Millionen in die Flucht getrieben. Immer wieder verüben die Extremisten auch Anschläge und Überfälle auf Schulen. Boko Haram lässt sich sinngemäß mit "westliche Bildung ist Sünde" übersetzen. Nach Angaben von Unicef wurden seit 2009 mindestens 2295 Lehrer getötet und mehr als 1400 Schulen zerstört.

Die Entführung der Mädchen ging um die Welt, unzählige Prominente veröffentlichten Solidaritätsbekundungen. Dutzende weitere Fälle fanden aber nie den Weg in die Weltpresse: Unicef veröffentlichte gestern die Zahl von 1000 Kindern, die seit 2013 entführt wurden. Erst im Februar hatten die Terroristen mehr als 100 Kinder in Dapchi im Norden Nigerias verschleppt und nach Verhandlungen mit der Regierung wieder freigelassen.
Ja, neben den Chibok-Girls, die extrem viel Solidarität erfahren haben, gibt es Hunderte weitere Geiseln in den Händen der Boko Haram. Wie viele es tatsächlich sind, ist extrem schwierig zu sagen. Viele Entführungen ereignen sich in Regionen, in denen eine moderne Kommunikationsinfrastruktur äußerst schwach verbreitet ist. Es gibt sicher eine hohe Dunkelziffer.

Die nigerianische Regierung vermeldete Anfang dieses Jahres, dass Boko Haram militärisch geschlagen wurde. Was ist von dieser Meldung zu halten?
Das entspricht ganz offensichtlich nicht der Realität. Zwar wurden schon im Jahr 2015 viele Gebiete zurückerobert. Die Sicherheitslage ist aber gerade im Norden weiterhin sehr schlecht. Angriffe durch Boko Haram sind dort keine Seltenheit, nur kommt das selten in der internationalen Presse. Und erst im Februar wurden 110 Mädchen von Boko Haram entführt. Das Risiko bleibt weiterhin hoch.

Wo ist Boko Haram denn genau aktiv?
Es gibt Gegenden im Nordosten, die Boko Haram als Rückzugsgebiet dienen, der Sambisa-Forest zum Beispiel, nicht weit entfernt vom Ort Chibok, ein dichtes Sumpfgebiet, unheimlich schwierig zu kontrollieren. Gleichzeitig hat Boko Haram die Möglichkeit genutzt, sich in Nachbarländer zurückzuziehen, etwa nach Kamerun, Niger, oder in den Tschad.

Boko Haram bekannte sich 2015 zum "Islamischen Staat". Weiß man, ob Boko Haram Unterstützung erfährt von anderen islamistischen Organisationen?
Auch innerhalb von Boko Haram gibt es verschiedene Gruppierungen mit unterschiedliche Ideologien und Methoden. Nur ein Teil von Boko Haram bekannte sich zum "IS". Diese Treuebekundung muss man aber in einem größeren Kontext sehen.

"Der 'IS' war zu jenem Zeitpunkt unheimlich erfolgreich, es war sehr populär, dem 'IS' Treue zu schwören, man konnte so große Aufmerksamkeit erzeugen."

Wie konkret diese Beziehungen sind, ob zum Beispiel Kämpfer im Irak oder in Syrien ausgebildet wurden, dazu kann ich mich nicht äußern. Es gibt aber Vermutungen, dass Boko Haram auch aus dem Ausland finanziert wird.

Bild

Boko-Haram-Kämpfer in einer Video-Aufnahme von 2014. ap

Wie ist die wirtschaftliche und soziale Lage im Nordosten?
Der Nordosten von Nigeria wurde lange Zeit sehr vernachlässigt. Es wäre ungemein wichtig, in diesem Gebiet großflächig in ländliche Entwicklung zu investieren und Ressourcen gerecht zu verteilen. Die katastrophale Wirtschaftslage gepaart mit wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten ist einer der Haupttreiber für politische Konflikte. Ein gerechter Zugang zu Ressourcen und ihre nachhaltige Nutzung liegt im Interesse aller.

Nächstes Jahr stehen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an. Inwiefern beeinflusst der Kampf gegen Boko Haram die politische Lage in Nigeria?
Wie gesagt, die Sicherheitslage hat sich in den letzten Monaten wieder verschärft. Wir befinden uns jetzt im Vorwahlkampf, es geht um politische Weichenstellungen. Viele Menschen sind extrem unzufrieden mit der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage und wollen eine Veränderung herbeiführen. Zu Tausenden registrieren sich Bürger als Wähler. Und in dieser Gemengelage gibt es eben auch Kräfte, die versuchen, die Stimmung aufzuheizen und und Konflikte religiös aufzuladen, Muslime gegen Christen, um schlussendlich politisch Profit daraus zu schlagen.

Ist es absehbar, dass die restlichen Entführten bald freikommen?
Nein, man weiß schlicht nicht, ob da in Zukunft Bewegung in die Sache kommt. Ganz abgesehen davon weiß man auch nicht, wie viele von den Entführten überhaupt noch am Leben sind und ob sie sich noch auf nigerianischem Boden befinden. Wichtig ist, dass die Regierung den Dialog mit den Terroristen aufrechterhält und auch die Schweizer Regierung den Dialog mit der nigerianischen Regierung aufrechterhält, damit das Thema auf der politischen Agenda bleibt.

Welche Rolle spielte damals die sogenannte "Bringbackourgirls"-Kampagne?
Eine sehr große. Die internationale Aufmerksamkeit ist entscheidend dafür, dass positive Schritte erreicht werden. Erstens erzeugt sie Druck auf die politischen Entscheidungsträger und zweitens vermittelt sie der Bevölkerung ein Gefühl von Solidarität und stärkt ihnen den Rücken.

Weitere Themen aus der Politik, die euch interessieren könnten:

SPD-Ministerin schreibt Grußwort für Homöopathie-Kongress – und erntet Kritik

Link zum Artikel

Ray jagt Lügner im Internet – und warnt vor der WhatsApp-Gefahr bei EU-Wahlen

Link zum Artikel

Alle gleich? Monika von der Lippe kämpft für die Frauenquote bei Wahlen

Link zum Artikel

Aus 7 wird 1: So brach die AfD im EU-Parlament auseinander

Link zum Artikel

Neonazis verbreiten auf Twitter Abschiebe-Zettel – wir haben sie entschlüsselt 😂

Link zum Artikel

SPD sinkt auf 15 Prozent – Kühnert glaubt trotzdem nicht, dass er der Partei geschadet hat

Link zum Artikel

Es gibt 3 Fälle, in denen Spahn Selbstbestimmung egal ist

Link zum Artikel

"Die AfD ist das Kraftzentrum der Neuen Rechten"

Link zum Artikel

#FridaysForFuture – Schüler verraten, warum sie auf die Straße gehen

Link zum Artikel

50.000 gegen Axel Voss – die Artikel 13-Demo in Berlin

Link zum Artikel

Errätst du, wo Politiker noch mehr verdienen als in Deutschland?

Link zum Artikel

Der Hundewurf von Straubing – und was die AfD daraus macht

Link zum Artikel

§219a ist durch. 4 Fakten zum "neuen" Werbeverbot für Abtreibungen

Link zum Artikel

"Wenn der Staat beim Sterben hilft" - Jens Spahn steht zu seinem "Nein" bei Sterbehilfe

Link zum Artikel

Ein Tag mit Boris Palmer, dem schwarzen Schaf der Grünen

Link zum Artikel

FDP-Influencer Lindner hat jetzt einen Podcast – und der könnte... gut werden

Link zum Artikel

Warum dieser Bundestagsabgeordnete aus der SPD austritt

Link zum Artikel

Rückkehr-Aktionswochen beim BAMF: Freiwillig steht drauf, Rechtsverzicht steckt drin

Link zum Artikel

Frankreich gibt Raubkunst an Afrika zurück – das schlummert in deutschen Museen

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Geht am Sonntag wählen, weil wir nicht dürfen – fordern junge Klima-Demonstranten

Link zum Artikel

Dagi Bee, Alexi Bexi und Unge: Mehr als 80 Youtube-Stars fordern Boykott von Union und SPD

Link zum Artikel

Hier sind alle Retro-Referenzen, die ihr in Rins "Vintage" verpasst habt

Link zum Artikel

Live-Hochzeit bei "GNTM": Das Peinlichste, was Prosieben je gezeigt hat

Link zum Artikel

Das "GNTM"-Finale war ein Feuerwerk der Absurditäten. 13 spektakuläre Highlights

Link zum Artikel

Youtuber Rezo greift die CDU an – so wehrt sich die Partei

Link zum Artikel

"Grenze überschritten": GNTM-Vanessa wehrt sich gegen ProSieben – Simone schaltet sich ein

Link zum Artikel

Im "GNTM"-Finale trifft Heidi Klum auf Tom Kaulitz – und es gibt feuchte Küsse

Link zum Artikel

Capital Bra versucht sein Glück bei Helene Fischer – das ist ihre Reaktion

Link zum Artikel

Daenerys wer? Die 17 fatalen Probleme des "Game of Thrones"-Finales

Link zum Artikel

Oops, they did it again: Fans entdecken peinlichen Fehler im "GoT"-Finale

Link zum Artikel

"GoT": Doku zeigt, wie Kit Harington am Set in Tränen ausbrach – jetzt wissen wir, warum

Link zum Artikel

Diese 13 Memes über Bran in "Game of Thrones" bringen dich trotz allem zum Lachen

Link zum Artikel

Das "GoT"-Finale war meine allererste Folge der Show – das habe ich über die Serie gelernt

Link zum Artikel

ESC: Peinlich! Sisters geben zu, wo sie bei der Punktevergabe waren

Link zum Artikel

Herzzerreißende "GoT"-Szene mit Daenerys und Jon – Fans sind erschüttert

Link zum Artikel

So emotional nehmen die "GoT"-Stars nach dem Finale Abschied von der Serie

Link zum Artikel

"GoT": 8 Fehler, die dir genauso entgangen sind wie der Kaffeebecher

Link zum Artikel

Achtung, Spoiler! Die besten Reaktionen zum "Game of Thrones"–Finale

Link zum Artikel

Vanessa rechnet nach "GNTM"-Aus mit ProSieben ab – jetzt antwortet der Sender

Link zum Artikel

So sehen BTS als alte Männer aus – und wir haben Fragen

Link zum Artikel

Darum ist das neue Album nur zu 80 Prozent Rammstein – eine (kleine) Enttäuschung

Link zum Artikel

ESC 2019: Dieter Bohlen über Luca Hänni: "Ich hätte den Mut dazu nie gehabt"

Link zum Artikel

Der neue Song von Shirin David ist eine Abrechnung mit ihrem Vater

Link zum Artikel

Samra und Capital Bra: Neuer Song Wieder Lila ist schon jetzt ein Hit

Link zum Artikel

16 Cartoons, die unsere Gesellschaft auf den Punkt bringen

Link zum Artikel

Strache-Skandal in Österreich – Kanzler Kurz soll Neuwahlen wollen

Link zum Artikel

"Zweifel, Ängste, schlaflose Nächte" – Das sagen "die Lochis" zu ihrem Aus

Link zum Artikel

Lena Meyer-Landrut macht Fan mit Post bei Instagram glücklich

Link zum Artikel

Falscher Professor? Vorwürfe gegen einen AfD-Europakandidaten

Link zum Artikel

Pressekonferenz in Sonnenbrille: Loredana streitet Betrug ab und wird laut

Link zum Artikel

Warum sind wir manchmal traurig nach dem Sex?

Link zum Artikel

Ed Sheeran und Justin Bieber: "I Don't Care" kann der Song des Sommers werden

Link zum Artikel

16 peinlichen Instagram-Werbungen, die nach hinten losgegangen sind

Link zum Artikel

180 Staaten bekämpfen jetzt den Plastikmüll – mit einem globalen Pakt

Link zum Artikel

Dieser seltsame Vogel ist ausgestorben ... kommt aber immer wieder zurück von den Toten

Link zum Artikel

Ariana Grande und BTS: Insider verrät, dass gemeinsamer Song "nur eine Frage der Zeit" ist

Link zum Artikel

Sie soll ein Paar um 614.000 Euro betrogen haben – Rapperin Loredana festgenommen

Link zum Artikel

Helene Fischer lief weg und schrie: Luxus-Makler plaudert über den Hauskauf mit Flori

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Aus 7 wird 1: So brach die AfD im EU-Parlament auseinander

Als die AfD erstmals in das Europäische Parlament einzog, war der damalige Vorsitzende und Spitzenkandidat Bernd Lucke noch voller Euphorie: Die AfD sei aufgeblüht als eine neue Volkspartei, verkündete er. Und das mit gerade einmal 7,1 Prozent. Fünf Jahre ist das her.

Und während sich die AfD in Deutschland als Rechtsaußenpartei etablierte, folgte im EU-Parlament ein beispielloser Zerfall: Von den ursprünglichen sieben AfD-Abgeordneten sitzt nur noch einer für die AfD im EU-Parlament. Er …

Artikel lesen
Link zum Artikel