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Syrien, Qamischli: Nach einer Explosion brennen mehrere Autos in einer Straße. Bild: ANHA/AP/dpa

Syrien: IS nutzt Chaos nach türkischer Invasion

In Nordsyrien mehren sich seit Beginn der türkischen Offensive Berichte von Aktionen der Terrormiliz "IS". Mehrere Extremisten sollen aus einem Gefängnis ausgebrochen sein, zwei Bombenanschläge wurden gemeldet.

David Ruch

Experten und Beobachter hatten vor diesem Szenario gewarnt: Wenn die Amerikaner aus Nordsyrien abziehen und die Türkei gegen die syrischen Kurden vorrückt, droht die Terrormiliz IS wieder an Stärke zu gewinnen. Nun scheint es, als könnten diese Befürchtungen wahr werden.

Seit dem Beginn der türkischen Militäroffensive gegen die kurdische Miliz YPG im Nordosten Syriens mehren sich Berichte, wonach die Dschihadisten die Gunst der Stunde zu nutzen versuchen. In der Stadt Kamischli an der türkisch-syrischen Grenze sollen am Freitag fünf IS-Kämpfer aus einem Gefängnis ausgebrochen sein, als in der Umgebung türkische Granaten niedergingen.

Begleitet wurde der Ausbruch von einem Autobombenanschlag, der Kamischli ebenfalls am Freitag erschütterte. Dabei wurden drei Zivilisten getötet und neun verletzt. Der "IS" bekannte sich. Die Stadt – eine der wichtigsten in Rojava, wie die syrischen Kurden die Region nennen – war in der Vergangenheit weitgehend verschont geblieben von den Bomben der Extremisten.

In der Nacht meldeten die kurdisch dominierten Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) einen zweiten Autobombenanschlag in der Stadt Hasaka, 50 Kilometer von der Grenze entfernt. Die Explosion habe der zentralen Haftanstalt gegolten, in der Extremisten des IS festgehalten würden, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Die SDF hätten Verstärkung geschickt, um die IS-Häftlinge am Ausbruch zu hindern. Berichte über Tote oder Verletzte gab es nicht.

Kurden sprechen von Verrat der Amerikaner

Die Türkei hatte am Mittwoch ihre lange angedrohte Militäroffensive in Nordsyrien begonnen. Zuvor hatten sich die USA von ihren Posten in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze zurückgezogen und damit praktisch dem Angriff den Weg geebnet. Der Schritt der Regierung von US-Präsident Donald Trump wurde international scharf kritisiert. Die syrischen Kurden, die gemeinsam mit den USA das "Kalifat" des IS im Frühjahr zerschlagen hatten, sprachen von Verrat.

Trump hatte den Abzug mit den Worten begründet, er wolle Amerika aus den "endlosen Kriegen" herausführen. Die USA würden nur noch dort kämpfen, wo es zu ihrem Nutzen sei, und nur noch kämpfen, um zu gewinnen. Im Übrigen sei der IS aus seinem "Kalifat" vertrieben worden.

Beobachter und auch das US-Verteidigungsministerium hatten jedoch wiederholt davor gewarnt, die Schlagkraft der Dschihadisten zu unterschätzen. Als Gefahr wurden insbesondere die Tausenden von inhaftierten IS-Kämpfern in den Gefängnissen der syrischen Kurden betrachtet. Lager wie das in al-Hol, in dem 70.000 Menschen – IS-Kämpfer und Angehörige – unter widrigen Bedingungen untergebracht sind, gelten als tickende Zeitbomben.

Kürzlich warnte ein Kommandeur der SDF vor einer Revolte in al-Hol. "Der IS formiert sich im Camp neu. Wir können das nicht zu 100 Prozent kontrollieren, uns fehlen die Ressourcen. Die Situation ist ernst", erklärte er. Nach dem Beginn der türkischen Militäroffensive kündigten die SDF an, einen Teil der Soldaten von der Bewachung der Lager abzuziehen. Man sei dazu gezwungen, um der türkischen Invasion zu begegnen. Am Freitag hieß es dann, in al-Hol sei es zu einem Aufruhr gekommen.

Experten: Sicherheitspolitisches Vakuum droht

Nach Vorstellung der USA soll die Türkei künftig die Bewachung der inhaftierten Terroristen gewährleisten. Wie eine geordnete Übergabe der Lager unter den Bedingungen des Krieges vonstatten gehen soll, blieb allerdings offen. Experten warnten vor einem sicherheitspolitischen Vakuum. Nils Wörmer von der Konrad-Adenauer-Stiftung sagte t-online.de, es sei zu befürchten, dass der IS die Lage nutzt, um sich lokal zu reorganisieren und wieder an Stärke zu gewinnen.

Der Türkei-Experte und Politikwissenschaftler Burak Copur rief die Europäer zu schnellem Handeln auf. "Der geplante türkische Angriffskrieg ist auch eine sicherheitspolitische Gefahr für Europa, denn er wird eine neue Flüchtlingswelle in der Region auslösen, und damit werden sich möglicherweise auch freigekommene IS-Kämpfer nach Europa absetzen", sagte er t-online.de.

Türkische Armee fällt in Ras al-Ain ein

Unterdessen hat die Türkei ihren Vormarsch in Nordsyrien auch am Samstag fortgesetzt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Ankara brachte die Armee die Grenzstadt Ras al-Ain unter ihre Kontrolle. Kurdische Kämpfer wiesen dies umgehend zurück. Der Kampf um Ras al-Ain dauere an, sagte ein Vertreter der SDF.

Ein AFP-Korrespondent und die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichteten, dass die türkische Armee zwar in Ras al-Ain einmarschiert sei. Die Gefechte dauerten demnach aber an. Über der Stadt waren dunkle Rauchschwaden zu sehen.

Seit Beginn der Offensive sind nach Angaben der Beobachtungsstelle 74 Kämpfer aufseiten der SDF getötet worden, 49 auf Seiten der Türkei und der mit ihnen verbündeten Rebellen. Zudem seien 20 Zivilisten ums Leben gekommen, die meisten davon in Tal Abjad. Die Türkei sprach von 415 getöteten feindlichen Kämpfern. Laut den Vereinten Nationen flohen 100.000 Menschen vor den Kämpfen.

(Dieser Text ist zuerst auf t-online.de erschienen)

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