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Diese atomare Explosion ist zum Glück nicht echt. Bild: imago images / Panthermedia

Ein Atomkrieg um Kaschmir würde mehr Opfer fordern als der Zweite Weltkrieg

Daniel Huber / watson.ch

Die Lage in Südasien ist so angespannt wie seit Jahren nicht mehr. Seit Indien Anfang August seinem Teil der umkämpften Kaschmir-Region den Autonomiestatus entzogen hat, warnt Pakistans Premierminister Imran Khan vor einem Atomkrieg zwischen seinem Land und Indien. Khan sprach von einem "Blutbad" und drohte Indien mit einem "Kampf bis zum Ende". Beide Atommächte beherrschen einen Teil von Kaschmir und haben bereits zwei Kriege um diese Region geführt.

Es sei an der Zeit, Indien "eine Lektion zu erteilen", sagte Khan. "Was wir machen werden? Diese Frage stelle ich mir und wir werden kämpfen. Wenn ein Land mit Atomwaffen bis zum Ende kämpft, hat das Konsequenzen, die weit über seine Grenzen hinausgehen."

Khans düstere Warnungen vor den Folgen eines Atomkriegs sind nicht unbegründet. Ein nuklearer Krieg zwischen den beiden dichtbevölkerten Staaten würde in einer Woche mehr Opfer fordern als der gesamte Zweite Weltkrieg. Längerfristig würde der darauf folgende weltweite nukleare Winter weitere Millionen Tote fordern.

Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie der University of Colorado Boulder und der Rutgers University. Die Wissenschaftler um Brian Toon vom Laboratory of Atmospheric and Space Physics (LASP) haben die möglichen Folgen eines solchen lokalen Atomkriegs in der Theorie analysiert und ihre Ergebnisse im Fachjournal "Science Advances" veröffentlicht. Es wäre ein Krieg "ohne Vergleich in der menschlichen Geschichte", wie Toon sagte.

Die beiden verfeindeten Nachfolgestaaten der ehemaligen Kronkolonie Britisch-Indien verfügen derzeit über je rund 150 nukleare Sprengköpfe. Beide rüsten weiter auf; bis zum Jahr 2025 könnten ihre Militärs über jeweils 200 Sprengköpfe verfügen.

Anzahl der nuklearen Sprengköpfe verschiedener Staaten:

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Blau: Großbritannien, rot: Frankreich, gelb: China, orange: Israel, grün: Pakistan, violett: Indien. Die Arsenale der USA und Russlands sind hier nicht angegeben; sie sind bedeutend größer und umfassen etwa 93 Prozent aller Atomwaffen. Nordkorea ist nicht berücksichtigt, da nicht klar ist, über wie viele einsatzbereite Sprengköpfe das Land verfügt. quelle: science advances

Das Szenario, das die Wissenschaftler berechneten, ist bedrohlich: Sie gehen davon aus, dass rund 250 Atombomben über indischen und pakistanischen Großstädten detonieren würden. Diesem Armageddon würden innerhalb einer Woche mindestens 50 Millionen Menschen zum Opfer fallen, doch die Opferzahl könnte bis zu 125 Millionen betragen, je nachdem, welche Sprengkraft die Kernwaffen hätten.

Geschätzte Opferzahlen eines Atomkriegs zwischen Indien und Pakistan:

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Je nach Sprengkraft der eingesetzten Gefechtsköpfe (15 kT, 50 kT oder 100 kT) würde die Zahl der Todesopfer (durchgezogene Linien) und Verletzten (gestrichelte Linien) in Indien (A) und Pakistan (B) sehr unterschiedlich ausfallen. bild: science advances

Die meisten Toten gäbe es dabei nicht durch die nuklearen Explosionen selbst, sondern aufgrund der dadurch verursachten Großbrände. Zum Vergleich: In den knapp sechs Jahren des Zweiten Weltkriegs kamen etwa 65 Millionen Menschen ums Leben.

Auch global wären die Folgen des atomaren Schlagabtauschs einschneidend: Mindestens 36 Millionen Tonnen Ruß würden in die Atmosphäre gelangen und über den Globus verteilt. Die dadurch eintretende Verdunkelung der Sonne würde bis zu zehn Jahre anhalten – mit einschneidenden Konsequenzen für die Biosphäre und die Landwirtschaft. Die weltweite Durchschnittstemperatur würde um bis zu fünf Grad abnehmen und es käme überdies zu einer Verringerung der durchschnittlichen Niederschläge um 15 bis 30 Prozent.

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Verteilung der Russwolke nach dem Atomkrieg. Video: YouTube/University of Colorado Boulder

Aufgrund der Verdunkelung der Sonne und der Abnahme der Niederschläge könnten die Pflanzen weniger Energie in Form von Biomasse speichern. Der Ausfall dürfte bis zu 30 Prozent an Land und bis zu 15 Prozent in den Weltmeeren betragen. Ein solcher Rückgang müsste zwangsläufig zu einer weltweiten Nahrungsmittelknappheit führen. Den Hungersnöten würden rund um den Globus weitere Millionen Menschen zum Opfer fallen.

Die Untersuchungen beruhten auf modernsten Modellberechnungen, sagte Nicole Lovenduski, die zum Forscherteam gehört. Sie zeigten, dass sogar ein lokal begrenzter Atomkrieg "globale Rückgänge bei der Produktivität von Pflanzen an Land und Algen im Ozean" nach sich ziehen würde. "Die entsprechenden Konsequenzen für Organismen in den oberen Bereichen der Nahrungskette inklusive des Menschen wären dramatisch", stellte Lovenduski fest.

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