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serafini/watson.ch/montage

Genua, 3 Monate später: So verzweifelt sind die Bewohner nach dem Brückenkollaps

Seit dem Einsturz der Morandi-Brücke hat sich in Genua nicht viel bewegt. Noch immer liegen überall Trümmer herum, Hunderte können nicht in ihre Häuser zurück. Die watson-Reporterin sprach mit den Menschen vor Ort über ihre Sorgen.

sarah serafini/watson.ch

Rivarolo, das Stadtviertel im Nordwesten von Genua, hat es am schwersten getroffen. Die Brücke, die am 14. August 2018 vom Himmel fiel, hat hier die Straßen blockiert und Menschen aus ihren Häusern getrieben. 43 Leben wurden bei dem Unglück ausgelöscht.

Längst haben sich die internationalen Medien vom Schauplatz abgewandt, das Leben geht schließlich weiter. Auch hier, irgendwie. Nur ist für die Bewohner von Rivarolo heute alles anders und nie wird es wieder so sein, wie vor jenem katastrophalen Tag, der tiefe Wunden in die Seele des Quartiers und in die seiner Bewohner gerissen hat.  

Armando Fazio: "Ich glaube an gar nichts mehr"

Sorgen haben tiefe Furchen auf seiner Stirn hinterlassen. Tränensäcke unter den Augen zeugen von dem Gefühl der Ausweglosigkeit, das er seit dem Absturz der Morandi-Brücke nicht mehr los wird. Armando Fazio steht in der Via Fillak und verwirft die Hände. "Was soll ich denn noch sagen? Ich glaube nicht, dass es besser wird, ich glaube an gar nichts mehr." Sein Blick verwässert, er wendet sich ab.

Fazio, 71 Jahre alt, ist in Certosa, dem Ortsteil im Süden von Rivarolo, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hier lebt seine Familie, sind seine Freunde. Er hat gesehen, wie die Brücke vor 50 Jahren gebaut und mit einer großen Zeremonie eingeweiht worden ist. Sein Haus liege dort drüben auf der anderen Seite, außerhalb der roten Zone, sagt er und zeigt in Richtung der Soldaten, die den gesperrten Straßenabschnitt Tag und Nacht bewachen. Er habe Glück gehabt und musste nicht aus seiner Wohnung evakuiert werden – anders als die 630 Menschen, die gezwungen waren, ihr Zuhause Hals über Kopf zu verlassen.

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Armando Fazio und Ennio Franceschelli in der Via Fillak in Certosa serafini

Ennio Franceschelli: "Ich habe mich wie ein Dieb gefühlt"

Einer von ihnen ist Ennio Franceschelli, ebenfalls 71 Jahre alt. Er zieht an seiner Zigarette und schaut mit zusammengekniffenen Augen in den Himmel. "Was für ein Hundewetter", murmelt er und zieht den Kragen hoch. Seit dem Einsturz kommt er jeden Tag in die Via Fillak. Wenige Meter von der roten Zone entfernt haben hier Hilfsorganisationen provisorisch Zelte aufgebaut. Es ist ein Treffpunkt jener, die ihre Wohnungen verloren haben. Sie erhalten psychologische Unterstützung, eine warme Mahlzeit und können sich über Neuigkeiten austauschen.

"Mein Haus war das dort hinten, in der Via Porro 12", sagt Franceschelli und deutet auf ein gelbes Gebäude, das direkt unter der Brücke steht. Wenige Meter über dem Dach ragt der abgebrochene Stumpf der Brücke ins Leere. Er war in den Ferien, als es passierte. Sein Sohn rief an und sagte: "Papa, die Brücke ist eingestürzt." Franceschelli fuhr daraufhin sofort zurück nach Genua. Zurück in die Wohnung konnte er aber nicht. Seine Frau und er wurden in einem Hotel in der Nähe des Flughafens untergebracht. Inzwischen hat er eine günstige Mietwohnung gefunden.

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Die seit drei Monaten gesperrte Via Fillak führt unter der eingestürzten Morandi-Brücke durch. serfafini

In diesen Tagen dürfen die Evakuierten die Wohnungen betreten, um ihre Sachen zu packen. Die Aktion ist genau vorbereitet und organisiert. In einem Plan ist eingetragen, welche Familie an welchem Tag in die rote Zone gelassen wird. Pro Haushalt dürfen zwei Personen unter der Aufsicht von Feuerwehrleuten in die Wohnung. Dort haben sie zwei Stunden Zeit, um insgesamt 50 Schachteln mit ihrem Hab und Gut zu füllen.

Vor wenigen Tagen war Franceschelli an der Reihe. "Ich bin in der Wohnung herumgeschlichen und habe überlegt, was ich mitnehmen will. Ich habe mich gefühlt wie ein Dieb." Nach ein paar Minuten haben die Sensoren, die nach dem Einsturz an der Brücke angebracht wurden, ausgeschlagen. Die Polizei brachte das Ehepaar aus der Wohnung. "Wenigstens konnte ich ein paar Winterkleider einpacken", sagt Franceschelli.

Er zerdrückt die Zigarette am Boden. "Mit 71 Jahren dachte, ich alles gesehen und erlebt zu haben. Jetzt muss ich wieder ganz neu anfangen." Aus dem Nieselregen werden dicke Regentropfen, die auf Franceschellis Schultern prasseln und dort nasse Flecken hinterlassen.

Giusy Moretti: "Es ist unmöglich, ein Leben in 50 Schachteln zu packen"

In einem der Zelte in der Via Fillak stapelt Giusy Moretti Plastikkisten. Gerade wurde das Mittagessen geliefert. Als Primo gibt es Risotto und als secondo Piatto einen Teller Gemüse mit Fleisch. Seit dem Einsturz der Morandi-Brücke spendet die Stadtverwaltung von Genua den Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, täglich eine Mahlzeit.

"Kann jemand den Rotwein aus dem Kühlschrank nehmen?" Moretti ist die Koordinatorin des Komitees, das sich um die Evakuierten kümmert. Sie orchestriert und delegiert, schickt die Herrschaften an den Tisch, verteilt Besteck, bringt Gläser und händigt das Essen aus. "Ich habe mich ganz meiner Aufgabe verschrieben und schaue, dass es den Leuten hier gut geht", sagt sie und nickt in Richtung der Männer und Frauen, die sich nach und nach im Zelt einfinden und sich an eine lange Tafel setzen.

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Giusy Moretti steht seit dem Einsturz der Brücke jeden Tag für die Betroffenen im Einsatz. Auch sie hat vor drei Monaten ihr Haus verloren. serafini

Im Verlauf der letzten drei Monate ist Moretti eines der Gesichter des Protestes gegen die zermürbend langsame Vorgehensweise der Politik in Genua geworden. Sie gab Interviews, stand vor Kameras, erzählte immer wieder dasselbe: Wie schwierig die Situation der Vertriebenen ist, dass sich deren Geduld langsam zu Ende neigt, weil sie in ihre Wohnungen wollen, um wenigstens ein paar Dinge holen zu können. 

Sie spricht lieber über die anderen als über sich selbst. Das Einstehen für ihre Leute lenkt sie vom eigenen Schmerz ab. Denn auch Moretti hat ihr Haus verloren. 58 Jahre hat sie mit ihrem Mann in der Via Porro gewohnt. Eine ihrer zwei Töchtern einige Stockwerke unter ihr. Nachdem sie den Bescheid bekommen habe, dass sie endlich in ihre Wohnung dürfe, um einige Dinge zu holen, habe sie sich eine Liste gemacht, sagt sie. Was soll sie mitnehmen, was nicht? "Erst als ich in meiner Wohnung stand, realisierte ich, dass es unmöglich ist, mein Leben in 50 Schachteln zu packen."

Emanuela Poggi: "Mein Arbeitsweg dauerte vorher 5 Minuten, jetzt 40"

Auf der anderen Straßenseite, wenige Meter vor der Absperrung der roten Zone, befindet sich im Eckhaus ein kleines Geschäft für Baumaterialien. "Vergano", der Name des Besitzers, prangt in großen Lettern über dem Eingang. Links und rechts zieren Graffitis die Hausmauern. Drinnen sitzt Emanuela Poggi in einem kleinen Büro und tippt auf einer Tastatur Zahlen in den Computer. Seit 35 Jahren arbeitet sie hier. Doch Ende Jahr ist Schluss, der Laden wird schließen.

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Dieses Geschäft für Baumaterialien muss Ende Jahr schließen. sarah serafini

"Weil die Straße durch den Einsturz gesperrt ist, fehlt die Laufkundschaft", sagt sie. Früher hätten hier die Leute Zement, Karton, Farbe gekauft. Heute würde sie den ganzen Tag auf Kundschaft warten und am Abend nach Hause gehen, ohne etwas verkauft zu haben. "Wer nimmt schon einen kilometerlangen Umweg auf sich, um in ein Baumaterialgeschäft zu fahren?" Poggi versteht die Leute. Auch sie selbst weiß, wie mühsam diese Umwege sind, die der Brückeneinsturz verursacht hat. "Mein Arbeitsweg dauerte vorher fünf Minuten zu Fuß. Mit der Metro muss ich jetzt jeden Morgen 40 Minuten um die rote Zone herumfahren."

Überblick über das Polcevera-Tal

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Fünf Angestellte werden nun ihren Job verlieren. Man habe bei der Stadtverwaltung angefragt, ob sie bei der Arbeitsvermittlung helfen könne, sagt Poggi. Bisher jedoch ohne Erfolg. "Schon die jungen Leute haben Mühe, einen Job zu finden. Was soll ich da sagen, in meinem Alter?"

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Emanuela Poggi steht Ende Jahr ohne Job da. serafini

Enrico D'Agostino: "Diese Schreie haben sich mir ins Gedächtnis gebrannt"

Als am 14. August um 11.36 Uhr die Morandi-Brücke herunter donnert, steht Enrico D'Agostino zehn Minuten später wenige Meter vom Einsturzort entfernt auf der Ponte delle Ratelle. Es regnet in Strömen, um ihn herum halten sich herbeigeeilte Einwohner von Certosa fassungslos die Hände vor die Münder, liegen sich weinend in den Armen.

Als Präsident des Komitees "Freie Bewohner von Certosa" setzt sich D'Agostino seit vielen Jahren für die Anliegen der Quartierbewohner von Certosa ein. Sofort trommelt er seine Equipe zusammen und hilft dort, wo er helfen kann. Tagelang krampft er, kümmert sich um die Evakuierten, schleppt notfallmäßig Möbel für sie herbei, verteilt Panini, baut eine behelfsmäßige Infrastruktur auf.

Drei Monate nach dem Unglück kehrt D'Agostino an den Schauplatz zurück und blickt auf das inzwischen aufgeräumte Flussbeet des Polcevera. Er sagt: "Ich stand hier und hörte sie weinen und um Hilfe rufen. Dort vorne, eingeklemmt in ihren Autos. Diese Schreie haben sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Ich höre sie immer und immer wieder."

Bilder vom Brückeneinsturz: 

Mauro Zelaschi: "Es reicht!"

Nicht nur Certosa leidet unter den Nachwehen des Einsturzes der Brücke Morandi. Das ganze Volcevera-Tal war in den Tagen nach dem Unglück vom Rest der Stadt isoliert. Inzwischen wurden einzelne Nebenstraßen wieder geöffnet. Nur schafft das einigen Bewohnern im Tal mehr Probleme, als dass es sie löst.  

So steckt das gesamte Stadtviertel Borzoli seit drei Monaten rund um die Uhr im Stau. Auf einer Anhöhe im Nordwesten von Genua gelegen, schwingt sich hier die Via Borzoli das Tal herunter. Weil andere Straßen weiterhin gesperrt sind, ist das hier eine der einzigen Verbindungsstraßen zwischen dem Westen und dem Osten von Genua. 

Mauro Zelaschi stinkts. Wortwörtlich. Die Abgase seien unerträglich, auch das Gehupe, und vor allem dass man regelrecht in den Häusern eingesperrt sei. Es ist gefährlich geworden den Einkauf zu erledigen. Ohne Fußgängerstreifen und Trottoir könne man sich kaum zu Fuß fortbewegen. 

Im Polcevera-Tal wünschen sich die Menschen nichts sehnlicher, als dass nun rasch gehandelt wird. Der Bürgermeister von Genua, Marco Bucci, verkündete Anfang dieser Woche, dass am 15. Dezember mit dem Rückbau der Brücke begonnen werden soll. Zu viel wurde ihnen schon versprochen, zu oft wurden die Bürger hier in Rivarolo schon enttäuscht. Dass es wirklich vorwärts geht, wollen sie erst glauben, wenn sie es selbst sehen. 

Der erste Teil der Reportage:

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