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CHORNOBYL, UKRAINE - SEPTEMBER 29:  A visitor touring the former Chernobyl nuclear power plant takes a photo through a window looking towards facilities that house reactors one and two on September 29, 2015 near Chornobyl, Ukraine. The Chernobyl plant is currently undergoing a decades-long decommissioning process of reactors one, two and three, which continued operation for years following the accident at reactor four. On April 26, 1986, technicians at Chernobyl conducting a test inadvertently caused reactor number four, which contained over 200 tons of uranium, to explode, flipping the 1,200 ton lid of the reactor into the air and sending plumes of highly radioactive particles and debris into the atmosphere in a deadly cloud that reached as far as western Europe. 32 people, many of them firemen sent to extinguish the blaze, died within days of the accident, and estimates vary from 4,000 to 200,000 deaths since then that can be attributed to illnesses resulting from Chernobyl's radioactive contamination. Today large portions of the inner and outer Chernobyl Exclusion Zone that together cover 2,600 square kilometers remain contaminated. A consortium of western companies is building a movable enclosure called the New Safe Confinement that will cover the reactor remains and its fragile sarcophagus in order to prevent further contamination.  (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Bild: Getty Images

Die große Vertuschung: Plattform veröffentlicht bisher geheime Tschernobyl-Dokumente

Dokumente aus den innersten Zirkeln der sowjetischen Machtzentrale geben einen Einblick, wie der Kreml die Reaktorkatastrophe vertuschen wollte.

Jonas Mueller-Töwe / t-online

Nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl griff das sowjetische Gesundheitsministerium zu einem Trick: Als nach dem Super-GAU 1986 die Opferzahlen stiegen, stiegen offiziell auch die Zahlen jener, die angeblich unversehrt die Krankenhäuser verlassen konnten.

Wie das ging, zeigen Dokumente, die das "National Security Archive" nun zugänglich macht: Das Gesundheitsministerium setzte den als kritisch erachteten Grenzwert für radioaktive Strahlung, dem eine Person maximal ausgesetzt sein durfte, wird schlicht um ein Vielfaches herauf. Zehn- bis Fünfzigfach so hoch wie zuvor durfte die Dosis fortan sein. Es war nur eine von vielen Verschleierungstaktiken.

"Was wird aus meiner Familie werden?"

"Der Kreml unternahm große Anstrengungen, das Ausmaß das Strahlungsdebakel zu verdecken", schreibt die Journalistin Alla Yaroshinskaya in einem Essay zur Veröffentlichung der Dokumente. Yaroshinskaya hatte Teile der Dokumente bereits im Jahr 1991 in ihren Besitz gebracht – noch während des schleichenden Zusammenbruchs der Sowjetunion. Nicht ohne Sorgen. "In diesem Land ist alles so unbeständig", schreibt sie über ihre Gefühle damals. "Und wenn die Kommunisten morgen wieder an die Macht gelangen, was wird aus meiner Familie werden?"

Im Folgenden sei ihr aber klar geworden, dass die Täuschung über die Katastrophe in Tschernobyl ebenso gewaltig wie das Reaktorunglück selbst war. In diesem Bemühen schreckten einige Akteure auch vor der Gefährdung von Menschenleben nicht zurück – beispielsweise indem sie keine zwei Monate nach der Kernschmelze die "Re-Evakuierung" in die Nähe der Gefahrenzone anordnete. Auch von Schwangeren und Kindern.

Kontaminiertes Fleisch für Würstchen

Ein geheimes Zusatzprotokoll des Politbüros empfahl später sogar die Verarbeitung kontaminierten Fleisches in Würstchen und Konserven. Laut Yaroshinskaya brachten die 47.500 in den kontaminierten Zonen produzierten Tonnen Fleisch und Milch bis 1989 insgesamt 75 Millionen Menschen in Gefahr. Dabei beruft sie sich auf spätere Angaben der sowjetischen Generalstaatsanwaltschaft von 1991.

Wie rigoros das Regime zu verhindern versuchte, dass Informationen über das wahre Ausmaß der Katastrophe Verbreitung finden, zeigt ein Dokument der ukrainischen KGB-Sektion. Demnach spähte der Dienst verdeckt die Diskussionen internationaler Studenten über die Explosion in Tschernobyl aus. Die Informanten wurden anschließend angewiesen, diejenigen zu identifizieren und zu lokalisieren, die die vermeintlichen Gerüchte verbreiteten.

USA spricht von "PR-Fiasko"

Stoppen konnten jedoch auch die Geheimdienste nicht, dass immer mehr Informationen ans Licht kamen. Hunderttausende Menschen wurden evakuiert, Zehntausende in Krankenhäusern behandelt. Das blieb nicht verborgen. Ausländische Nachrichtensender berichteten intensiv über das Unglück – und wurden auch in der Sowjetunion empfangen. Wieso nutzte der Westen das auf der Höhe des Kalten Krieges nicht exzessiv aus?

Der Sicherheitsberater der US-Regierung, John Matlock, war sich der Möglichkeit bewusst, das "PR-Fiasko" der sowjetischen Führung zu instrumentalisieren, wie aus einem Dokument hervorgeht. Er fürchtete allerdings um die Meinung in Europa – und darum, dass sich Sowjetführer Michail Gorbatschow durch ein allzu offensives Vorgehen in die Ecke gedrängt fühlen könnte.

Vermutlich lag er richtig. Laut Dokumenten gab es im Politbüro bereits im Juli 1986 hitzige Diskussionen: Das sowjetische System solle durch die Fehler bei der Bewältigung der Katastrophe weder bei der Bevölkerung noch im Westen in Misskredit geraten. Drei Jahre lang galt deswegen eine Zensur – entgegen der von Gorbatschow in den Dokumenten vertretenen Position, man solle alle Informationen offenlegen. Nun sind die Dokumente erstmals auch auf Englisch verfügbar.

Dieser Artikel erschien zuerst bei t-online.de.

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