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Düzen Tekkal, 41: "Wir haben schon lange denselben Wunsch: Frieden." bild: watson

Kurdin, Jesidin, Deutsche: Warum Düzen Tekkal nicht mehr schlafen kann

Düzen Tekkal (41) ist derzeit die wichtigste Stimme der Kurden in Deutschland. Im Interview kritisiert sie den Einmarsch der türkischen Armee in Nordsyrien und sagt, dass es noch nicht zu spät ist, Rojava zu retten. "Aber jetzt muss schnell gehandelt werden."

Sarah Serafini / watson.ch

Wenn Düzen Tekkal einmal loslegt, dann gleich richtig. Die Deutsche mit kurdisch-jesidischen Wurzeln nimmt kein Blatt vor den Mund. Seit Wochen kritisiert sie den türkischen Angriffskrieg in Rojava öffentlich und in einer scharfen Deutlichkeit: dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan völkerrechtswidrig handelt, dass er eine ethnische Säuberung vornimmt, dass er mit seinem Handeln dem Islamischen Staat zu neuer Kraft verhilft.

Tekkal ist derzeit die wichtigste Stimme der Kurden in Deutschland. Watson hat mit ihr gesprochen.

Frau Tekkal, als Journalistin und Dokumentarfilmerin bereisten Sie das Kurdengebiet in Nordostsyrien mehrfach. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die aktuellen Bilder aus Rojava im Fernsehen sehen?
Düzen Tekkal:
Ich denke an die Menschen, die ich da kennengelernt habe. Egal wo ich war, ich war immer wieder geschockt und gleichermaßen beeindruckt, wie leiderprobt die Leute dort sind und wie viel Schmerz sie in ihrem Leben schon erfahren haben. Ich denke an die Mütter, die ihre Kinder zu Grabe getragen haben. Oder an die Menschen in Suruc, junge und alte, die in einer langen Schlange gewartet haben, um sich freiwillig den Verteidigungseinheiten gegen den IS anzuschliessen. Es tut mir unheimlich weh, dass nun ausgerechnet diese Leute, die für religiöse Minderheiten und gegen den IS gekämpft haben, so massakriert werden.

zur Person

Düzen Tekkal (41) ist die Tochter von kurdischen Jesiden, die in den 70er-Jahren als Gastarbeiter von der Türkei nach Deutschland kamen. Mit zehn Geschwistern wuchs sie in Hessen auf und wohnt heute in Berlin. Sie arbeitet als Journalistin, Autorin und Filmemacherin. Für ihre Dokumentation über den Völkermord an den Jesiden wurde Tekkal mehrfach ausgezeichnet. Im Irak baute sie ein Frauenzentrum für ehemalige Sexsklavinnen des IS auf. Zudem ist sie Gründerin des Vereins "Háwar Help", der sich vor allem für jesidische Frauen einsetzt. 2018 wurde sie von der Europäischen Bewegung Deutschland mit dem Preis "Frau Europas" für ihr Engagement geehrt. Offiziell ist Tekkal keiner Partei zugehörig, sie sagt aber von sich selbst, sie fühle sich der CDU nahe. Zur Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer pflegt sie eine gute Beziehung und begleitete sie vergangenen Sommer bei ihrem Besuch in den Irak.

Seit Wochen touren Sie von einem Fernsehsender zum nächsten und geben Interviews. Sie gelten als die wichtigste Stimme der Kurden in Deutschland. Schlafen Sie überhaupt noch?
Wir schlafen nicht gut. Mit wir meine ich die Kurden, die Jesiden und alle Menschen, die aus der Region in und um Rojava kommen. Wir, die dort Angehörige und Freunde haben. Wir, die dort Zukunftspläne hatten, etwas verändern wollten.

Eines der traurigsten Gespräche, das ich in den vergangen Wochen hatte, war eines mit meinem Vater.

Er sagte zu mir: Düzen, du weißt schon, dass deine Oma den Menschen nie in die Augen schauen konnte, sondern immer auf den Boden geguckt hat? Du weißt schon, dass sie immer mit der Angst lebte, der Willkür ausgesetzt zu sein? Dass sie deswegen lieber bei den Armeniern einkaufen ging und noch nie ein Restaurant betreten hat? Es sind keine einfachen Tage für mich und für meine Familie. Wir schlafen auch deshalb nicht gut, weil wir schon so lange denselben Wunsch haben: Frieden.

Nach der anfänglichen Nachrichtenflut wird nun kaum mehr über die Situation in Rojava berichtet. Heißt das, der Krieg ist jetzt vorbei?
Nein, der ist überhaupt nicht vorbei. Es ist wie bei der türkischen Invasion im Januar 2018 in Afrin. Dort ist das Ganze auch relativ geräuschlos vonstattengegangen. Auch der Schrei nach dem Völkermord an den Jesiden im Jahr 2014 wurde ganz schnell wieder vergessen. Obwohl noch heute 450.000 jesidische Flüchtlinge in Camps leben. Darum verstehe ich es auch als meine Aufgabe, die Leute immer wieder daran zu erinnern, was da gerade abgeht. Ich bin ein Watchdog, der immer wieder den Finger in die Wunde legt, immer wieder die Politik mit ihren eigenen Werten konfrontiert. So versuche ich den Menschen, die nicht gehört werden, eine Stimme zu geben.

Leider lässt sich damit kein Krieg verhindern.
Wissen Sie, beim Völkermord an den Jesiden 2014 habe ich mich sehr alleine gefühlt. Das ist jetzt nicht mehr so. Ich habe das Gefühl, es bewegt sich etwas, etwas könnte kippen. Die Zivilbevölkerung spricht sich immer lauter gegen den Angriffskrieg von Erdogan aus. Vor allem im deutschsprachigen Raum in Deutschland, Österreich und in der Schweiz.

Worum geht es Erdogan eigentlich wirklich?
Um Großmachtphantasien. Er agiert als Alleinherrscher und will die Innenpolitik stabilisieren, indem er eine kriegerische Außenpolitik betreibt. Dort verhält er sich wie ein türkischer Warlord. Er knüpft an eine alte Geschichtstradition an, verfolgt die Enkel der Überlebenden des Völkermords an den Armeniern und jagt die letzten Jesiden. Er setzt alles gleich: Kurden, Jesiden, Christen, Armenier, usw. In seinen Augen sind das alles Terroristen. Damit verhindert er ein Leben in religiöser Co-Existenz.

Was will Assad?
Assad will seine Macht ausweiten und Boden gut machen. Das tut er mithilfe von Russland. Und je näher sich Assad und Putin kommen, umso näher rückt der Iran mit seinen Interessen. Damit werden gerade jene Kräfte gestärkt, die die Welt in Gläubige und Ungläubige einteilen, die kontrollieren wollen und die Nationalismus und Religion vermengen. Wie gefährlich das ist, lehrt uns die Geschichte. Außerdem sitzen auch die Amerikaner noch dort und bewachen das Öl. Es ist eine Zeit, in der die hässliche Fratze der Weltpolitik so richtig sichtbar wird. Was ich nicht nur für die Leute dort, sondern auch für uns in Europa für brandgefährlich halte.

Warum?
Weil wir in Europa gerade viele Probleme haben, was Identitätsbildung, Rassismus und Spaltung angeht. Es herrscht eine gefährliche Entrücktheit der Politik vor, die mit solchen Konflikten wie jener in Rojava weiter befeuert wird. Deshalb müssen wir uns jetzt fragen, welche Strukturen wir unterstützen wollen und an welchen Werten wir uns orientieren. Wenn wir den Leuten jeden Tag erzählen, dass wir eine Wertegemeinschaft sind, aber nicht reagieren, wenn Völkerrecht gebrochen wird, dann sollten wir das Wort "Werte" nie mehr in den Mund nehmen.

Sie klingen desillusioniert.
Schauen Sie mal, welche Strukturen in den muslimischen Ländern gerade gestärkt werden. Es sind nicht die säkularen, die zivilgesellschaftlichen oder die frommen Gläubigen, sondern die islamistischen. Und es ist eine Tatsache, dass Erdogan und seine dschihadistischen Söldnertruppen mit Waffen aus Europa ausgestattet werden. Gerade kürzlich gab es unbestätigte Meldungen von deutschen Leopold-Panzern in den Händen von Dschihadisten! Das zeigt doch, dass wir schon mittendrin sind.

Derjenige, der Waffen liefert, schließt sich demjenigen an, der die Waffen benutzt.

"Háwar – Meine Reise in den Genozid"

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Der Trailer von Düzen Tekkals Doku über den Völkermord an den Jesiden. Video: YouTube/HAWAR e.V.

"Háwar"

Im Sommer 2014 reiste Düzen Tekkal mit ihrem Vater zum zum Ursprung ihrer jesidischen Wurzeln in den Nordirak. Zeitgleich begann die Terrormiliz des Islamischen Staats mit brutalen Angriffen auf die Jesiden in Shingal. Unfreiwillig wird Tekkal Zeugin eines Genozids. Aus ihren Beobachtungen, Erlebnissen und Gesprächen entsteht der Dokumentarfilm "Háwar". Seit jeher bedeutet "Háwar" in der kurdischen Sprache "Hilferuf". Heute ist dieses Wort ein Synonym für "Völkermord". Unter demselben Namen gründete Tekkal auch einen Verein, der sich vor allem um jesidische Frauen kümmert. "Háwar Help" ist auf Spendengelder angewiesen.

Die europäischen Regierungen bekämpfen die islamistische Gefahr in den eigenen Ländern und schauen weg, wenn in Nordsyrien erneut dschihadistische Kräfte gebündelt werden. Das ist doch widersprüchlich.
Absolut. Die europäischen Regierungen handeln nach dem Prinzip: Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Das ist fatal. Denken Sie an Charlie Hebdo, denken Sie an den Breitscheidplatz, denken Sie daran, dass der globale Dschihad dezentral organisiert wird. Wissen Sie, wer am meisten von dem Einmarsch der türkischen Armee in Rojava profitiert? Die Islamisten, deren Strukturen jetzt wieder aufleben. Kürzlich habe ich das beschrieben mit den Worten: "Make ISIS great again". Das kann doch nicht in unserem Interesse sein.

Ist es schon zu spät, dass sich die europäischen Regierungen jetzt auf die richtige Seite stellen?
Nein, aber jetzt muss schnell gehandelt werden.

Wie?
Nicht verkennen dürfen wir die Wirtschaftskraft. Denken Sie an das Beispiel der Firma Volkswagen. Die wollte in der Türkei ein neues Werk bauen. Es ging um eine Investition in Milliardenhöhe. Doch mit Ausbruch des Kriegs in Rojava wurden die Verträge eingefroren. Und diese Frage müssen sich jetzt auch andere Firmen stellen. Welche Werte wollen wir unterstützen? In einem Staat der Völkerrechte bricht? Und ja, vielleicht tut das dann weh. Aber manchmal ist das halt nötig. Manchmal muss man Position beziehen und das haben wir noch nicht ausgeschöpft.

Was schlagen Sie weiter vor?
Ich habe mich für die Verlängerung des Anti-IS-Mandats ausgesprochen, also dass die deutsche Bundeswehr die kurdischen Einheiten vor Ort unterstützt. Ich bin der Meinung, dass es Zeiten gibt, in der wir uns die militärische Frage stellen müssen, um den Frieden zu sichern. Und wenn wir uns schon nicht selbst dahin trauen, dann sollten wir wenigstens sicherstellen, dass die YPG-Einheiten nicht ausgetrocknet und ausgeliefert werden.

Wenn wir uns schon nicht selber die Finger schmutzig machen wollen, dann sollten wir wenigstens nicht den Leuten schaden, die das für uns getan haben.

Die Schweizer Ärztin Maja Hess, die bis vor Kurzem als Helferin vor Ort war, spricht im Zusammenhang mit Erdogans Sicherheitszone von einer ethnischen Säuberung. Was halten Sie von diesem Begriff?
Ich weiß, das ist ein großes Wort, aber es trifft zu. Es ist auf jeden Fall Erdogans Plan, die Leute aus ihren Häusern zu vertreiben. Er will die Bevölkerung austauschen, so wie er es schon in Afrin gemacht hat.

Damit entstehen neue Fluchtbewegungen. Wohin?
Das wird sich zeigen. Und da bin ich mal gespannt darauf, was Deutschland und Europa dazu sagen werden. Denn sie sind es, die davon betroffen sein werden. Und es ist ein Nato-Bündnispartner, der Fluchtursachen verursacht, anstatt sie zu bekämpfen.

Was passiert jetzt mit der kurdischen Selbstverwaltung?
Das hängt ganz von uns ab. Ich fände es schade, wenn es uns nicht gelingt, diese Strukturen in Rojava zu unterstützen und ausbaufähig zu machen. Die Frage ist, was wären die Alternative? Wollen wir diese Gottesstaaten haben, wo die Religion über das Verhalten richtet? Oder wollen wir Rechtsstaatlichkeit fördern? Ich will nichts schönreden. Auch die Selbstverwaltung von Rojava stellt uns vor Herausforderungen. Aber das ist mir lieber, als manch andere Struktur im mittleren Osten.

Der Konflikt zwischen der Türkei und den Kurden ist ein alter. Kann es überhaupt gelingen, diese harten Trennlinien aufzubrechen?
Ich glaube es geht gar nicht um den Konflikt zwischen den kurdischen und den türkischen Menschen. Es geht um Demokraten gegen Antidemokraten, um konservative Strukturen gegen säkulare Strukturen.

Aber sogar die CHP, die sozialdemokratische Partei in der Türkei, unterstützt die Invasion in Nordsyrien gegen die Kurden.
Erdogan gelingt es sehr gut, das Feindbild der Kurden hochzustilisieren. Indem alles kriminalisiert wird, indem kurdische Bürgermeister in Gefängnisse gesteckt werden, indem in der Schule die kurdische Sprache verboten wird. Darum sehe ich schwarz, dass der Kurdenkonflikt unter Erdogan befriedet werden kann. Aber ich habe noch immer die Hoffnung, dass sich das eines Tages ändern wird.

Sie sind nicht nur Niedersächsin, Kurdin und Jesidin, Sie haben auch Wurzeln in der Türkei. Wie sind Sie mit dem Land verbunden?
Meine Eltern sind aus dem Südosten der Türkei, aus
Diyarbakir. Ich bin mit türkischer Musik aufgewachsen, spreche die Sprache und ich habe viele türkische Freunde. Ich trage einen türkischen Teil in mir, er gehört zu meiner Identität.

Und gerade das wird oft vergessen: dass für viele Kurden die Türkei auch eine Heimat ist.

Meine Oma zum Beispiel bestand darauf, nach ihrem Tod daheim in Diyarbakir begraben zu werden. Das war ihr letzter Wunsch.

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