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Bild: imago/watson-montage

"Die Gerechtigkeit ist tot": Türkische Rapper rechnen mit Erdogan ab

Der Rapper Saniser hat einen brisanten Youtube-Hit gelandet. Brisant, denn Saniser ist aus der Türkei und der Song ist eine Abrechnung mit dem autoritären Kurs des türkischen Präsidenten Recep Rayyip Erdogan.

Am Freitag lud Saniser das Video "Susamam" ("Ich kann nicht schweigen") hoch. Es dauert 15 Minuten, 17 andere Rapper haben sich daran beteiligt. Über das Wochenende sammelte das Video mehr als 15 Millionen Aufrufe, zeitweise sei es mehr als 100.000 Mal pro Stunde angeschaut worden, berichtet der "Tagesspiegel".

Das Video sorgt für mächtig Ärger bei der AKP, der türkischen Regierungspartei.

Darum geht's im Anti-Erdogan-Song

"Susamam" prangert Missstände in der Türkei an. Es geht um Tierquälerei, Korruption, Gewalt. Der Song richtet sich an die "hoffnungslose Jugend des Landes". Erdogan selbst wird nicht genannt, die Kritik an ihm wird dennoch überdeutlich.

Der "Tagesspiegel" zitiert aus der Sequenz von Rapper Saniser:

"Du hast den Mund nicht aufgemacht – also bist du schuld."

Im Video steht Saniser dabei in einer Gefängniszelle. Saniser rekapituliert: Er sei unpolitisch aufgewachsen, habe nur an Urlaub und seine Schulden gedacht.

Nun das bittere Erwachen: "Die Gerechtigkeit ist tot, doch ich habe geschwiegen, weil ich nicht betroffen war. Jetzt lasse ich sogar von Twitter die Finger und habe Angst vor der Polizei meines Landes."

Und: "Wenn sie eines Nachts kommen und dich holen, dann wirst du keinen Journalisten finden, der darüber schreibt, denn sie sitzen alle im Knast."

Das Anti-Erdogan-Video in voller Länge:

abspielen

Video: YouTube/Şanışer

Nicht der einzige Anti-Erdogan-Song

Neben dem Werk der 18 türkischen Rapper sorgt seit Freitag auch ein Kollege von Saniser für Aufsehen. Rapper Ezhel veröffentlichte ebenfalls an diesem Tag seinen Song "Olay". Darin zeichnet er das düstere Bild der Türkei als Polizeistaat. Knapp 4,5 Millionen Aufrufe hat dieses Video mittlerweile.

Das Video zeigt Bilder von Demonstrationen, Gewalt auf den Straßen.

Die Reaktionen auf die Erdogan-Songs

In den Kommentaren unter den Videos werden beide Songs gefeiert. "Ich bin voller Hoffnung, ich bin stolz und ich fühle mich wie innerlich gereinigt", zitiert der "Tagesspiegel" die Sängerin Sebnem Ferah.

"Die Songs und ihre Videoclips präsentieren eine lange Liste von Missständen und offenen Wunden, die die türkische Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten heimgesucht haben", kommentiert die unabhängige exiltürkische Internet-Nachrichtenseite "Ahvalnews".

Aber die Regierung und ihre Anhänger reagierten bereits. Unter dem Hashtag "Sustunuz" ("Ihr habt geschwiegen") kritisieren Erdogan-Anhänger den Song von Saniser und seinen Mitstreitern. Sie würden den Putschversuch 2016 und die Opfer der kurdischen Terrororganisation PKK verschweigen.

In der regierungsnahen Zeitung "Yeni Şafak" werden die Rapper als "Vaterlandsverräter" beschimpft.

Der frühere Oberbürgermeister von Ankara, Melih Gökcek (AKP), kritisierte die Rapper in mehreren Tweets scharf. Und teilte auch eine allzu bekannte Verschwörungstheorie. Das Video der 18 Rapper sei der Versuch, neue Proteste anzuzetteln, zitiert der "Tagesspiegel" aus den Tweets des Politikers. Gökcek vermutet den islamischen Prediger Fethullah Gülen dahinter, den die AKP für den Putschversuch 2016 verantwortlich macht.

Wie aktuell die Protestsongs sind, zeigte sich am Tag ihrer Veröffentlichung. Ein Gericht in Istanbul verurteilte am Freitag die Provinzvorsitzende der größten Oppositionspartei CHP, Canan Kaftancioglu, unter anderem wegen Terrorpropaganda und Präsidentenbeleidigung zu mehr als neun Jahren und acht Monaten Haft.

Das Urteil sorgte für Empörung. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Aydan Özoguz sagte nach dem Prozess: "Fast zehn Jahre Haft für Tweets von vor fünf Jahren machen mich sprachlos."

Die Türkei-Berichterstatterin des Europaparlaments, Kati Piri, sprach von einem "empörenden Urteil". "Erdogan nimmt Rache für den Wahlsieg der Opposition. Inakzeptabel!", schrieb die niederländische Abgeordnete auf Twitter.

(ll/mit dpa)

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