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Der erschossene Eisbär auf Spitzbergen: Das Tier wurde von Crewmitgliedern eines deutschen Kreuzfahrtschiffs getötet Bild: Governor of Svalbard/AP

Wie es im Fall des erschossenen Eisbären auf Spitzbergen weitergeht

patrick diekmann

Crewmitglieder eines deutschen Kreuzfahrtschiffes erschießen einen Eisbären und sorgen im Netz für große Empörung. Die Ermittlungen in Norwegen laufen – der Reiseveranstalter gerät unter Druck.

Ein verletzter Bärenwächter, ein toter Eisbär und viele offene Fragen: Deutsche Crew-Mitglieder des Kreuzfahrtschiffes "MS Bremen" haben im norwegischen Spitzbergen einen Eisbären erschossen. Zuvor hatte das Tier offenbar einen Eisbärenwächter am Kopf verletzt, als dieser mit anderen Wächtern an Land gegangen war, um das Gebiet für die Touristen zu sichern.

Der Vorfall am vergangenen Samstag sei laut Unternehmenssprecherin Negar Etminan geschehen, als vier Eisbärwächter eine Landstation zur Absicherung eines Landgangs einrichten wollten. Die Passagiere würden die Eisbären aber von Bord des Schiffes beobachten.

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Die Aufnahme aus dem Jahr 2008 zeigt einen Orca der vor der "MS Bremen" entlang schwimmt: Das Expeditionsschiff unternimmt Reisen zum Süd- und Nordpol. Bild: Hapag-lloyd

Der Reiseveranstalter "Hapag-Lloyd-Cruises" spricht in einem offiziellen Statement von einem "Unfall", den das Unternehmen "sehr bedauert". "Hapag-Lloyd ist sich der Verantwortung bei Reisen in den sensiblen Gebieten und dem respektvollen Umgang mit der Natur und Tierwelt sehr bewusst", schreibt das Unternehmen auf Facebook. Man werde für die Rekonstruierung und Aufklärung des Vorfalls vor Ort intensiv und kooperativ mit den norwegischen Behörden gearbeitet und wird dies weiterhin tun.

Reiseunternehmen in Bedrängnis

Trotzdem ist der Vorfall für den Reiseveranstalter ein mediales Fiasko, das weltweit medial Wellen schlägt – selbst die Presse in den USA berichtet über den Tod des Eisbären. Und die Geschichte von "Hapag-Lloyd-Cruises" deckt sich in Teilen nicht mit den Ermittlungen der örtlichen Behörden in Norwegen. Während das Unternehmen zum Beispiel von einem Schützen spricht, so haben laut Angaben der Polizei und des Gouverneurs von Svalbard angeblich zwei Menschen auf den Bären geschossen.

Laut Angaben der örtlichen Ermittlungsbehörden waren auch nicht nur vier Bärenwächter zu dem Zeitpunkt auf dem Festland, wie von dem Unternehmen angegeben, sondern es befanden sich offenbar zwölf Menschen in der Nähe des Vorfalls. Ob es sich bei den Menschen um Touristen handelte ist unklar.

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(Quelle: Facebook/ Hapag-Lloyd Cruises)

Auf Facebook hatte "Hapag-Lloyd-Cruises" dies im Vorfeld noch verneint: "Die Beobachtung der Eisbären erfolgt tatsächlich nur von Bord. An Land gehen die Gäste der Schiffe nur, um Flora und Natur zu betrachten", heißt es in einem Facebook-Statement. Diese Aussage erscheint mit einem Blick in die sozialen Netzwerke fragwürdig.

Auf Instagram gibt es zahlreiche Bilder, worauf die Teilnehmer eben genau dieser Kreuzfahrten Bilder aus der Nähe von Tieren veröffentlichen. Auch wenn sich die Veranstalter bemühen, Zwischenfälle mit Eisbären zu vermeiden, so dringen die Touristen in den Lebensraum der Bären ein. Diese ernähren sich von Robben oder geschwächten Walrossen und dass sich die Raubtiere in der Nähe ihrer Beute aufhalten, ist wenig überraschend. Und auch mit dem Schiff kommen die Expeditionen sehr nah an die gefährdete Tierart heran.

Dabei gelten Eisbären als gefährdete Spezies – es soll laut WWF höchstens nur noch 25.000 Tiere weltweit geben und ihr Lebensraum wird durch die globale Erwärmung bedroht. Angriffe auf Menschen in Norwegen sind jedoch selten – den letzten gab es im Jahr 2016, wo auch ein Eisbär nach Kontakt zu einem Menschen getötet wurde. Der letzte tödliche Angriff von einem Eisbär auf einen Menschen gab es dagegen im Jahr 2011 – ein britischer Student kam dabei ums Leben.

Eisbären sind in ihrem Lebensraum Spitzenprädatoren, er sieht den Menschen deshalb auch nur als Beutetier. Trotzdem boomt der Tourismus rund um Spitzbergen wegen den Bären: 60.000 Menschen kamen laut Angaben der örtlichen Behörden im letzten Jahr in die Region. "Hapag-Lloyd-Cruises" ist nur ein Teil einer ganzen Industrie, die den Menschen versprechen, dass sie zumindest in die Nähe der faszinierenden Tiere kommen.

Die Ermittlungen zum Tod des am Samstag getöteten Tieres laufen weiter. "Hapag-Lloyd-Cruises" wollte sich zunächst nicht öffentlich zum genauen Ablauf der Geschehnisse äußern – nach eigenen Angaben, um den Ermittlungsbehörden nicht vorzugreifen. Auch der angegriffene Bärenwächter, der mittlerweile wieder aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hat ein Statement gegenüber der norwegischen Wochenzeitung "Svalbardposten" abgelehnt.

Heftige Kritik im Netz

So warten vor allem viele Einheimische und Naturschützer auf Aufklärung in dem Fall um den am Samstag getöteten Eisbären. Die norwegischen Behörden stellen sich nach eigenen Angaben auf "lange Ermittlungen" ein.

Im Netz haben sich dagegen viele Menschen schon ein Urteil gebildet und der Reiseveranstalter "Hapag-Lloyd-Cruises" erntet einen großen "Shitstorm".

Einige der Kritiker sprechen von einer Schande, andere finden es armselig. Viele plädieren für eine Abschaffung solcher Kreuzfahrten und rufen zu einem "Boykott" gegen den Veranstalter auf. "Schämt euch" ist einer der harmloseren Sätze, die Nutzer über den Nachrichtendienst Twitter an den Reiseveranstalter richten.

Die Kreuzfahrten bezeichnet der Veranstalter auf seiner Website als "großartige Naturerfahrung". Viele Twitter-Nutzer sehen die Touristenattraktion als ein Eindringen in die Heimat der Tiere und zeigen Unverständnis für solche Ausflüge. Das Statement des Reiseveranstalters zu dem Vorfall reicht der Netzgemeinde nicht aus. Ein Nutzer fordert ein Umweltprojekt im Lebensraum der Eisbären.

"Hapag-Lloyd-Cruises" hat über die sozialen Netzwerke angekündigt, über diese Vorschläge intern diskutieren zu wollen – konkrete Zusagen gibt es bislang nicht.

Die Expeditionsreisen werden von dem Unternehmen bislang nicht hinterfragt. Touristen zahlen für eine zehntägige Reise auf der "MS Bremen" mindestens 5.810 Euro. Mit an Bord sind laut Angaben der Reiseveranstalter vier bis fünf Eisbärenwächter, die dafür sorgen, dass Passagiere ohne Gefahr an Land gehen können. Zum ersten Mal haben die Wächter von der "MS Bremen" einen Bären auf einer Expeditionsreise getötet. Alle Beteiligten sind sich einig, dass so ein Vorfall nie wieder vorkommen darf.

Dieser Artikel erschien zuerst auf t-online.de

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