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An diesem Ort wurde ein Kind missbraucht. Dank Hinweisen auf Twitter wurde der Ort gefunden. Bild: getty Images/europol/google maps/screenshot/Montage: watson

Europol sucht online nach Hinweisen in Kindesmissbrauchsfällen – und du kannst mithelfen

Der Kampf gegen Kindesmissbrauch ist ein harter Job. Fahnder sitzen täglich vor ihren Bildschirmen und sichten Material, das zu dem Grauenhaftesten gehört, das man sich vorstellen kann. Manchmal erzielen sie durch ihre Arbeit bahnbrechende Erfolge, wie die Stilllegung der Darknet-Plattform "Elysium" im Jahr 2017. Dort tauschten mehr als 100.000 Nutzer Fotos und Videos aus, die den Missbrauch von Kindern zeigen. Durch monatelange Ermittlungen in den Abgründen des Internets, gezielte Hacks und aufwändige Observationsmaßnahmen konnten die Ermittler am Ende nicht nur die Seite dichtmachen, sondern auch die Hintermänner in Deutschland festnehmen.

So spektakulär und erfolgreich ist der Kampf der Behörden gegen Kindesmissbrauch jedoch nicht immer. Vieles ist kleine Detailarbeit. Die Ermittler haben häufig kaum Hinweise auf die Herkunft von Missbrauchs-Fotos und -Videos. In diesen Fällen können die kleinsten Details sie den Tätern einen Schritt näher bringen.

Seit fast zwei Jahren setzt die EU-Polizeibehörde Europol in solchen Fällen auch auf die Hilfe des Internets. Auf der Suche nach Hinweisen veröffentlicht Europol Ausschnitte aus Fotos und Videos. Personen sind auf diesen Bildern nicht zu sehen, sie werden herausgeschnitten. Was identifiziert werden soll: Ein Kleidungsstück, ein Wandkalender, eine Landschaft. Alles, was den Ermittlern Hinweise auf den Aufnahmeort liefern könnte.

Einige der Bilder, die Europol zuletzt veröffentlicht hat:

Das Projekt heißt "Stop Child Abuse – Trace An Object"

Auf Deutsch etwa: "Stoppe Kindesmissbrauch – Orte einen Gegenstand". Die Bilder werden auf der Europol-Website veröffentlicht und auch über die Social-Media-Accounts der Behörde verbreitet. Auf Twitter hat sich eine ganze Community gebildet, die bei der Suche nach Hinweisen hilft. Für sie ist es nicht nur eine gute Tat, sondern auch ein Gedankensport.

Einer, der sich regelmäßig an dieser Suche beteiligt, ist Matthias Cantow. Er arbeitet für ein Institut, ist dort für die Software zuständig. In seiner Freizeit betreibt er die Seite wahlrecht.de, auf der vor allem Wahlumfragen veröffentlicht werden. Früher publizierte die Seite auch regelmäßig Artikel. Damit die Fakten stimmen, recherchierte er im Internet. Und das schon, "als es noch gar keine Sozialen Medien gab", wie er sagt. Heute recherchiert er dort vor allem Bildern hinterher.

Bildern wie diesem:

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Bild: europol

Das Foto hatte Europol im Februar gepostet. Die Behörde wollte wissen: "Erkennt ihr die Stadt im Hintergrund?" Die Suche der Crowd nahm ihren Lauf. Matthias Cantow war es schließlich, der den Aufnahmeort fand.

"Das war ein recht einfacher Fall", sagt er. "Ein Nutzer hatte schon die Vermutung geäußert, dass das Foto St. Petersburg zeigt." Cantow musste die Vermutung also nur noch überprüfen und eingrenzen.

Er erklärt:

"Ich habe mir die Region mit Google Maps angeschaut und habe versucht abzuschätzen, von welcher Seite man auf dem Foto auf die Stadt schaut."

Schnell war klar: Die Vermutung stimmt. Das Bild wurde im russischen St. Petersburg aufgenommen. Matthias Cantow suchte auf Google Maps weiter, bis er den genauen Strandabschnitt fand.

Auf diesem Panorama-Foto, das ein Nutzer bei Google Maps hochgeladen hat, erkennt man den Ort gut wieder:

Über 23.000 Hinweise seit 2017

Hinweise wie den von Matthias Cantow gibt Europol anschließend an die Behörden vor Ort weiter. Zu Details der Ermittlungen hält sich Europol bedeckt, auch, weil viele noch laufen, wie eine Sprecherin mitteilt. Zu den bisherigen Erfolgen schreibt sie nur so viel:

Nicht jede Suche ist für die Twitter-Community so einfach wie der Fall aus St. Petersburg. Manche komplizierteren Suchen sind dafür umso ergiebiger.

Das war so ein Fall:

Im Oktober 2018 veröffentlichte Europol zwei Fotos, die auf einem Hausdach aufgenommen wurden. Dazu schrieb die Polizeibehörde:

"In dieser Stadt, vermutlich in Asien, wurde ein Kind sexuell missbraucht. Erkennst du die Stadt? Ermittler benötigen diese Informationen, um den Täter zu finden und ein Opfer zu retten."

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Bild: europol

Über 500-mal wurde das Foto retweetet. Dutzende Nutzer schrieben ihre Ideen und Vermutungen in die Kommentare. Auch Matthias Cantow suchte nach Hinweisen. "Da haben sich die Stärken dieser Crowd-Suche gezeigt", sagt er. Bei so einem Bild reiche es nicht aus, das Handwerkszeug zu beherrschen, also mit Bildersuchen umgehen zu können, oder sich mit der Architektur auszukennen. "Da braucht es auch das Wissen einzelner Personen, die in der betreffenden Region schon mal im Urlaub waren oder aus der Ecke kommen. Die können helfen, die Suche einzugrenzen."

So kam es auch: Schnell war der Blick auf China gelenkt. Einzelnen Beteiligten war die Farbe der Dächer aufgefallen, und die Form der Satellitenschüsseln. Anhand von immer mehr kleinen Details wurde die Suche weiter eingegrenzt. Bis klar war: Das Bild stammt aus der Region um Shenzhen, einer 12,5-Millionen-Stadt an der Grenze zu Hongkong. "Einer hat dann intensiv und mit großer Ausdauer gesucht und das Gebäude gefunden", erinnert sich Cantow.

Dieser Eine war Olli Enne aus Finnland.

Die Investigativplattform Bellingcat konnte das anhand von Bildern aus Baidu Street View – dem chinesischen Pendant zu Google Street View – verifizieren. Bellingcat hat sich auf Geolokalisierung und die Verifizierung von Social-Media-Inhalten anhand offener Quellen spezialisiert. Open Source Intelligence nennt sich das, oder kurz: OSINT. Die Plattform beschäftigte sich unter anderem mit Fassbombeneinsätzen in Syrien, dem Abschuss des Passagierfliegers MH17 über der Ukraine und mit dem Fall Skripal. Immer wieder gelingen den Bellingcat-Journalisten atemberaubende Enthüllungen.

Seit Beginn des Europol-Projekts "Stop Child Abuse – Trace An Object" helfen sie auch bei der Hinweissuche in Kindesmissbrauchsfällen. In einem Artikel zeichnen sie detailliert nach, wie aufwendig und komplex die Suche nach dem Hausdach bei Shenzhen war.

So kannst du dir die nötigen Skills für so eine Suche aneignen:

Die Suche nach Hinweisen in Kindesmissbrauchs-Fällen oder digitalen Spuren in internationalen Kriegsgebieten ist der Ernstfall. Und der will geübt sein. Um sich das nötige Handwerkszeug beizubringen und dafür zu sorgen, dass es nicht einrostet, organisiert eine Twitter-Gemeinschaft aus Journalisten und anderen "OSINT"-Nerds regelmäßige Quizzes.

Auch dabei geht es meist darum, den Ort zu finden, an dem ein Foto aufgenommen wurde.

Ein Beispiel:

Weniger als eine Stunde, nachdem das Foto gepostet und vom "@quiztime"-Account retweetet wurde, hatte der Erste bereits die Lösung gefunden: Das Foto wurde zwischen Pfarrwerfen und Schloss Hohenwerfen im Salzburger Land in Österreich aufgenommen.

Wie er das herausgefunden hat? Zu den Twitter-Quizzes gehört stets auch eine Beschreibung des Lösungsweges für die Mitlesenden.

So haben zwei Twitter-Nutzer den richtigen Ort gefunden:

Wer sich ebenfalls an solchen Quizzes ausprobieren will, findet regelmäßig neue Rätsel-Tweets auf dem Account "@quiztime".

Europol veröffentlicht Fotos, zu denen die Behörde um Hinweise bittet, auf dieser Website.

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