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WASHINGTON, DC - FEBRUARY 07:  U.S. President Donald Trump speaks to members of the media prior to his Marine One departure from the White House February 7, 2020 in Washington, DC. President Trump is traveling to Charlotte, North Carolina, to speaks at a “North Carolina Opportunity Now” summit.  (Photo by Alex Wong/Getty Images)

Trump will 2020 natürlich wiedergewählt werden. Das schmutzige Playbook steht bereit. Bild: getty

Desinformation via SMS: Wie Trump die Wahl gewinnen will

US-Präsident Donald Trump setzt im Kampf um seine Wiederwahl im großen Stil auf Online-Werbung und SMS. Dabei schreckt er vor nichts zurück. Die Demokraten wollen dagegen halten.

Peter Blunschi / watson.ch

Andrew "Boz" Bosworth ist ein führender Manager bei Facebook. Und seit Jahren ein Vertrauter von Mark Zuckerberg. Anfang des Jahres veröffentlichte er auf dem Intranet ein Memo mit dem Titel "Gedanken für 2020". Darin befasste sich Bosworth auch mit der US-Präsidentschaftswahl. Und mit den Gründen, warum Donald Trump 2016 gewonnen hat.

"Ist Facebook dafür verantwortlich, dass Donald Trump gewählt wurde? Ich denke, die Antwort lautet ja, aber nicht aus den Gründen, an die alle denken", schrieb Bosworth. Also nicht wegen russischer Einmischung oder Cambridge Analytica: "Er wurde gewählt, weil er die beste digitale Kampagne organisiert hat, die ich je von einem Werbekunden gesehen habe. Punkt."

Online-Werbung als Schlüssel zu Trumps überraschendem Erfolg? Einiges spricht dafür, dass Andrew Bosworth richtig liegt. Im Hinblick auf seine angestrebte Wiederwahl im November will der US-Präsident massiv nachlegen. Dies zeigt eine umfangreiche Recherche von McKay Coppins, der für das Magazin "The Atlantic" arbeitet und in den Trumpschen Online-Kosmos eingetaucht ist.

Seine Erkenntnisse müssen für die Demokraten furchterregend sein. "Die Trump-Kampagne will mehr als eine Milliarde Dollar ausgeben", schreibt Coppins. Unterstützt wird sie von parteiischen Medien (Fox News, "Breitbart"), politischen Gruppierungen und anderen Trump-Unterstützern. Gemeinsam seien sie bereit, "die vermutlich aufwändigste Desinformations-Kampagne der amerikanischen Geschichte zu führen".

Was heißt das konkret?

Der Todesstern

Campaign manager for the Trump 2020 reelection campaign Brad Parscale speaks at a press conference in Des Moines, Iowa, U.S., February 3, 2020. REUTERS/Carlo Allegri

Brad Parscale, der Wahlkampfstratege Trumps. Bild: reuters

Donald Trumps Wahlkampf wird aus einem Bürogebäude in Rosslyn geführt, einem Vorort von Washington. Ein republikanischer Stratege sprach gegenüber "The Atlantic" in Anlehnung an Star Wars bewundernd vom "Todesstern". Als Darth Vader in Diensten von Imperator Trump agiert der 44-jährige Brad Parscale, ein mehr als zwei Meter großer Typ zwischen Hipster und Wikinger.

Wie sein Chef pflegt Parscale einen kreativen Umgang mit den Fakten. So bezeichnete er sich als "Bauernjunge aus Kansas". In Wirklichkeit war sein Vater ein wohlhabender Anwalt. 2011 heuerte der große Bewunderer von Donald Trump als Webdesigner bei dessen Firmenimperium an. Seine Stunde schlug, als Trump 2015 seine Kandidatur für die US-Präsidentschaft bekanntgab.

Während sich die Republikaner über dessen hetzerische Parolen aufregten, entwickelte Parscale Ideen, um sie möglichst effektiv unter die Leute zu bringen. Sein bevorzugtes Mittel war Werbung auf Facebook. Dies führte zu einem Wutausbruch von Trump, der mit Ausnahme von Twitter ein digitaler Ignorant ist. Er glaubte, die Wahl nur mit Fernsehspots gewinnen zu können.

"Es war das erste Mal, dass er mich so richtig angebrüllt hat", erinnerte sich Brad Parscale später. Dennoch setzte er sich durch. Von Juni bis November 2016 gab er Dutzende Millionen Dollar aus und buchte 5,9 Millionen Werbeplätze auf Facebook. Kontrahentin Hillary Clinton schaltete nur 66.000 Inserate. Die Einschätzung von Andrew Bosworth basiert wesentlich auf diesem Faktor.

Die Kampagne

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Bild: screenshot

Heute leitet Brad Parscale die Kampagne für Trumps Wiederwahl. Zentral ist das Micro-Targeting von Wählerinnen und Wählern, denen man auf sie zugeschnittene Botschaften zukommen lässt. Parscale hat die Methode nicht erfunden. Barack Obama wandte sie 2012 erfolgreich an, auch Clinton arbeitete damit. Aber Trumps Einsatz 2016 war beispiellos "in Umfang und Unverfrorenheit", so "The Atlantic".

So lancierte Trumps Team drei groß angelegte Kampagnen, um potenzielle Clinton-Wähler abzuschrecken. Sie zielten auf Schwarze in Florida, junge Frauen und linke Weiße. Dabei stützte man sich ab auf die Daten, die die umstrittene und inzwischen aufgelöste Firma Cambridge Analytica von Facebook-Usern "abgesaugt" hatte. Der konkrete Effekt ist umstritten.

Mark Zuckerberg kündigte nach dem Cambridge-Analytica-Skandal Reformen an. Er weigert sich jedoch, politische Werbung auf Facebook zu verbieten. Selbst Inserate mit Lügen werden akzeptiert (kommerzielle Werbekunden werden einem Faktencheck unterzogen). Als "Korrektiv" sind sämtliche politischen Inserate in einer öffentlich zugänglichen Bibliothek gespeichert.

Wer dort recherchiert, stellt schnell fest, dass gerade die Trump-Ads teilweise in unzähligen Varianten existieren. "Sie werfen einen Haufen Scheiße an die Wand und schauen, was kleben bleibt", sagte Max Wood, der eine Targeting-Plattform für die Demokraten gegründet hat, der "Financial Times". Gleichzeitig wird Faktencheckern die Arbeit erschwert.

Die sozialen Medien spielen für Brad Parscale dieses Jahr allerdings eine geringere Rolle. Er setzt auf SMS und andere Textnachrichten. "The Atlantic" schildert die Gründe: "Automatisierte Anrufe landen in der Combox, Mailkampagnen im Spam-Ordner. Auf Textnachrichten spezialisierte Firmen hingegen sagen, dass mindestens 90 Prozent ihrer Botschaften geöffnet werden."

Der Medienkrieg

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Gefakte lokale Newssites mit Trump-Propaganda. Bild: screenshot

Die "Fake News Media" sind eine beliebte Zielscheibe von Donald Trump. Im Wahljahr wird ein regelrechter Krieg gegen sie geführt. Trump-Anhänger haben die Social-Media-Accounts von Hunderten politischen Journalisten "abgegrast", auf der Suche nach belastendem Material. Im Visier sind besonders Mitarbeiter von CNN, "Washington Post" und "New York Times".

Einem Reporter wurde die Verwendung des Wortes "Schwuchtel" im College nachgewiesen, ein anderer Journalist hatte vor einem Jahrzehnt antisemitische und rassistische Witze gepostet. Ziel solcher "Enthüllungen" ist laut "The Atlantic", die Wächterrolle der Medien zu untergraben. Faktenbasierter Journalismus soll nicht glaubwürdiger wirken als Parteipropaganda.

Deshalb hat Brad Parscale eine weitere Front ausgemacht: lokale Nachrichten. Umfragen zeigen, dass die Amerikaner lokalen Medien mehr vertrauen als nationalen. In den letzten Jahren sind "potemkinsche News-Sites" wie "Arizona Monitor" oder "Kalamazoo Times" aufgetaucht. Sie erwecken den Anschein von Seriosität, verbreiten aber republikanische Propaganda.

Die Trickserei

Einen Einblick in das Drehbuch der Trump-Kampagne gab die Gouverneurswahl im letzten November in Kentucky. Dem republikanischen Amtsinhaber und feurigen Trump-Anhänger Matt Bevin drohte eine Niederlage. Kurz nach Schließung der Wahllokale behauptete ein anonymer Twitter-User, er habe "gerade eine Schachtel republikanischer Briefstimmen geshreddert".

Twitter entfernte das Posting, doch eine Armee von Bots hatte einen Screenshot mit dem Hashtag #StoptheSteal verbreitet. Bevins Wahlkampfteam sprach von "Unregelmäßigkeiten". Als sein demokratischer Herausforderer zum Sieger erklärt wurde, weigerte sich der Gouverneur, seine Niederlage einzugestehen. Er verlangte eine Nachzählung. Erst nach neun Tagen gab Bevin auf.

Solche Aktivitäten erinnerten an das Wirken russischer Trolle bei der Wahl 2016. Eine Untersuchung von Twitter ergab jedoch, dass die Bots aus Amerika stammten. Brad Parscale bestritt in einem Fernsehinterview den Einsatz von Bots, doch Twitter ist laut "The Atlantic" mit automatisierten Accounts "verseucht", die Trumps Wiederwahl pushen sollen.

Die Demokraten

Precinct captain Carl Voss, of Des Moines, Iowa, holds his iPhone that shows the Iowa Democratic Party's caucus reporting app Tuesday, Feb. 4, 2020, in Des Moines, Iowa. (AP Photo/Charlie Neibergall)

Bild: ap

Und die Demokraten? Wollen sie diese Aktivitäten tatenlos hinnehmen? Oder müssen sie ebenfalls mit schmutzigen Tricks operieren? Im Senatswahlkampf in Alabama 2017 war dies der Fall, der Republikaner Roy Moore wurde mit ähnlichen Methoden bekämpft. Ein involvierter Aktivist sagte: "Wenn wir es nicht tun, kämpfen wir mit einer auf den Rücken gefesselten Hand."

Die Parteistrategin Tara McGowan will 75 Millionen Dollar für eine Online-Kampagne gegen Trump ausgeben. Gegenüber "The Atlantic" betonte sie ihre Bereitschaft, Dinge zu machen, die auf Sauberkeit und Fairness bedachten Demokraten Unbehagen bereiten: "Trump will um jeden Preis gewinnen. Für ihn wird keine Messlatte zu tief sein."

McGowan ist Gründerin der Firma Acronym, der auch Shadow gehört – also das Unternehmen, das die unselige App geliefert hat, die bei der Vorwahl in Iowa ein Debakel verursacht hat. Nicht nur deshalb bezweifeln manche, dass die Demokraten im Online-Wahlkampf bestehen können. Allein bei der Beschaffung von Daten hätten die Republikaner einen großen Vorsprung.

Einer, der es versucht, ist Mike Bloomberg. Der Milliardär hat laut NBC in den vergangenen zwei Wochen durchschnittlich eine Million Dollar pro Tag für Facebook-Werbung aufgewendet. Die Werbeplätze werden in einem Auktionssystem verteilt. Dabei spielt der Preis eine zentrale Rolle. Bloomberg hofft demnach, Trump auf diese Weise hinauszudrängen.

Der Wille der Demokraten ist somit vorhanden. Ob es funktioniert, ist eine andere Frage. So ist Bloomberg ein eher hölzerner, zugeknöpfter Typ, während Donald Trump mit seinem schrillen und emotionalen Gehabe wie gemacht ist für die sozialen Medien, wo "die Leute eher auf negative als auf positive Botschaften aufspringen", so ein Experte gegenüber NBC News.

Die Dystopie

Was aber könnte am 3. November geschehen, dem Wahltag? McKay Coppins entwirft ein dystopisches Szenario: Anonyme SMS versuchen, die Wähler mit angeblichen Gefährdungen zu verunsichern oder zum Gang ins falsche Wahllokal zu bewegen. Flankierend kommen Horden von Twitter-Bots zum Einsatz, und Facebook-Werbung wird in hoher Kadenz ausgeliefert.

Nach den ersten Exit Polls taucht ein mysteriöses Video auf, das angeblich illegale Einwanderer bei der Stimmabgabe zeigt. Trump retweetet Gerüchte über Wahlbetrug. "Stehlen Illegale die Wahl?" fragt Fox News. "Stecken Russen hinter den gefälschten Videos?" schießt MSNBC zurück. Noch vor dem Ende der Stimmenauszählung wäre das Ergebnis bereits in Zweifel gezogen.

So kann es kommen, muss es aber nicht. Fest steht, dass zumindest Trumps Fangemeinde sich kaum mehr für Fakten interessiert. "Er sagt dir, was du hören willst", zitiert Coppins einen Supporter. "Ich weiß nicht, ob es wahr ist oder nicht, aber es tönt gut – also fuck it." Eine solche Strategie werde von illiberalen Politikern überall auf der Welt angewendet, so der "Atlantic"-Autor.

Heutzutage würden Oppositionelle nicht mehr mundtot gemacht, sondern einfach übertönt. Akademiker hätten dafür sogar einen Begriff: Zensur durch Lärm. Coppins zitiert die Philosophin Hannah Arendt, wonach ständiges Bombardement mit Propaganda die Leute dazu bringe, "alles und nichts zu glauben, alles für möglich und nichts für wahr zu halten".

Die Konsequenz für die Wahlen 2020 könnte sein, dass es nicht um Parteien oder Kandidierende oder politische Ziele gehe, "sondern um ein Referendum über die Wirklichkeit selbst".

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    Alle Leser-Kommentare
  • JaMa 16.02.2020 23:52
    Highlight Highlight Es wäre schön, wenn es ein Referendum um die Wirklichkeit wäre. Der Artikel lässt aber vermuten, die Amerikaner würden nicht danach wählen, wer die bessere Politik, sondern, wer den besseren Wahlkampf macht. Sicherlich ist das auch ein Teil, aber nicht alles. Wird es also ein Referendum um die Wirklichkeit oder eines um die Phantasie? Ist ja toll, dass Trump so viel machen will, noch toller wäre es, wenn seine Argumente dafür auch echt wären. Trump ist einfach 99% Lügner. Er wurde gewählt, weil er die glaubwürdigsten Lügen gesagt hat, die ich je von einem US-Präsidenten gehört habe. Punkt.

Fotograf postet dieses Trump-Foto – die Reaktionen sind großartig

US-Präsident Donald Trump war gerade von Charlotte im Bundesstaat North Carolina wieder beim Weißen Haus angekommen, als ein Fotograf des Weißen Hauses abdrückte. Das Bild wurde schließlich auf Twitter von der Seite "White House Photos" veröffentlicht.

Es scheint, als ob der Präsident seine Haare streng zurückgegelt hätte, wobei es laut dem Weißen Haus der Wind gewesen ist, der für die Frisur gesorgt haben soll. Zudem wirkt Trumps Teint irgendwie ungleichmäßig. Doch seht selbst:

Kurze Zeit später …

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