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US-Demokrat Joe Biden holte erneut entscheidende Siege. Die Kandidatur ist ihm so gut wie sicher. Bild: picture alliance/ZUMA Press

Biden vs Sanders nun 19:6 – Kann US-Wahlkampf in Corona-Zeiten überhaupt stattfinden?

Die Coronakrise schlägt auch im US-Wahlkampf ein. Sie beraubt Bernie Sanders einer seiner mächtigsten Waffen. Joe Biden holt entscheidende Siege.

Fabian Reinbold, Washington / t-online

Joe Biden ist die Nominierung als Herausforderer von Donald Trump kaum noch zu nehmen. Der frühere US-Vizepräsident hat in der Nacht den dritten sogenannten "Super Tuesday" so eindrucksvoll gewonnen, dass ihm der Sieg der parteiinternen Vorwahl der Demokraten so gut wie sicher ist.

Auf seinen letzten verbliebenen Konkurrenten, den linken Bernie Sanders , steigt der Druck, seinen Rückzug zu verkünden. Zugleich hat die Corona-Krise alle Planungen zum Vorwahlkampf völlig auf den Kopf gestellt und stellt Biden, Sanders und US-Präsident Trump vor eine Situation, wie es sie noch nie gab.

Die wichtigsten Erkenntnisse zur Lage in der US-Politik nach den Vorwahlen in Arizona, Florida und Illinois.

Biden vs Sanders: 19:6

Biden gewann die drei Vorwahlen deutlich. In Florida, dem größten und wichtigsten der abstimmenden Staaten, holte er mehr als 60 Prozent der Stimmen – und gewann nach Hochrechnungen jeden einzelnen Wahlkreis im Rentnerparadies. Biden konnte seinen Vorsprung bei den Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag deutlich ausbauen.

Es ist das erwartet starke Ergebnis für Biden, der nach einer Wiederauferstehung vor zwei Wochen beim "Super Tuesday" zum haushohen Favorit wurde. Die meisten Anhänger der Demokraten sehen im früheren Vizepräsidenten jenen Kandidaten, der am ehesten Donald Trump im November besiegen und die zerrissene Nation einen kann.

Biden hat nun bereits 19 Bundesstaaten gewonnen, Sanders lediglich sechs.

Die Trends der vergangenen Wochen haben sich noch verschärft: Biden gewann die Mehrheiten bei den schwarzen sowie den gemäßigten Wählern in den Vorstädten, während Sanders bei jungen Wählern punktete. 

Die Corona-Krise hat Biden weiter beflügelt. Wählerbefragungen in den drei Bundesstaaten zeigten, dass rund zwei Drittel der Demokraten es ihm zutrauen, am besten eine Krise zu managen.

Das Chaos 

Die drei Vorwahlen waren überschattet vom Chaos und von Unsicherheiten, die die Coronavirus -Pandemie mit sich bringt. Die Gesundheitskrise und die wirtschaftlichen Folgen spitzen sich in den USA seit Tagen zu. Bis zuletzt wurde darum gerungen, ob die Wahlen überhaupt stattfinden.

In allen drei Bundesstaaten war die Stimmabgabe von Problemen überlagert. In Illinois erschienen laut CNN mindestens 850 Wahlhelfer nicht zu ihrem Einsatz – offenbar aus Sorge um ihre Gesundheit. Zahlreiche Wahllokale blieben geschlossen, in anderen standen Wähler stundenlang an, bevor sie ihre Stimme abgeben konnten. Sie blieben zwei Stunden länger geöffnet als geplant. Es gab Berichte, dass Desinfektionstücher und -flüssigkeit in den Wahlkabinen fehlten. Auch in Florida öffneten manche Wahllokale mit stundenlanger Verspätung.

Der Bundesstaat Ohio hatte die Vorwahl gar abgesagt – und das in letzter Minute. Ohios Gouverneur verkündete die Entscheidung in der Nacht zum Dienstag und setzte sich über einen Gerichtsentscheid hinweg. Am Morgen waren dennoch Bürger an den Wahllokalen erschienen, die die nächtliche Ankündigung nicht mitbekommen hatten. Die Wahl soll am 2. Juni nachgeholt werden. Gouverneur Mike DeWine sagte, man könne die Bürger nicht zur "Wahl "zwischen ihren Bürgerrechten und ihrer Gesundheit" zwingen.

Der Ausblick

Dieses Dilemma prägt nun den weiteren Verlauf des Rennens der Demokraten und des Wahljahres allgemein: Wie soll der Wahlkampf in Zeiten von Pandemie und Quarantäne weitergehen – und kann er das überhaupt? Eigentlich funktioniert der US-Wahlkampf über ganz engen Körperkontakt zum Bürger.

Die US-Gesundheitsbehörde rät von Versammlungen mit mehr als zehn Teilnehmern ab. Biden hielt seine nüchterne Siegesrede am Dienstagabend (Ortszeit) deshalb ohne Publikum per Livestream aus seinem Wohnhaus im Bundesstaat Delaware und sprach dabei größtenteils über die Krise.

Neben Ohio haben noch vier weitere Staaten ihre Vorwahlen verschoben – weitere werden dem Beispiel folgen. Möglich scheinen derzeit nur noch Vorwahlen per weitreichender Abstimmung per Post. Schon in der vergangenen Woche war der Wahlkampf praktisch zum Stillstand gekommen. Biden und Sanders hatten ihre typischen Wahlkampfveranstaltungen, die sie seit Monaten abhielten, abgesagt.

Das schmerzte insbesondere Sanders, dessen Massenveranstaltungen die Größe seiner Bewegung verdeutlichten, die einen radikalen Politikwechsel im Land will. Die Corona-Krise beraubte ihn dieser mächtigen Bilder.

Der Druck auf Sanders wird steigen, bald aus dem Rennen auszuscheiden. Auch wenn Biden wegen der ausfallenden Vorwahlen noch länger warten muss, bis er auch die rechnerische Mehrheit der Delegiertenstimmen gesammelt hat, nach denen auf einem Parteitag im Juli der Kandidat gekürt werden soll.

Das Duell zur US-Präsidentschaftswahl wird Joe Biden gegen Donald Trump heißen, davon kann man nun ausgehen. Doch wann es losgehen wird, ob der Krönungsparteitag wie geplant stattfinden kann und wie überhaupt der Wahlkampf aussehen wird – all das ist wegen der Corona-Krise vollkommen unklar.

Dieser Artikel erschien zuerst bei t-online.de

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