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Wrackteile des abgeschossenen ukrainischen Passagierflugzeugs. Bild: picture alliance/dpa

Experte: Was der Abschuss bei Teheran für den USA-Iran-Konflikt bedeutet

Am Mittwoch stürzte ein ukrainisches Passagierflugzeug bei Teheran ab. Es soll von der iranischen Luftabwehr abgeschossen worden sein. Eskaliert der Konflikt zwischen den USA und dem Iran nun erneut?

Nach dem Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine mit 176 Toten nahe Teheran verdichten sich nun Hinweise, dass das Flugzeug womöglich irrtümlich der iranischen Luftabwehr zum Opfer fiel.

Der US-Sender CBS berichtete, US-Geheimdienste hätten Signale von einem Radar empfangen, das eingeschaltet worden sei. US-Satelliten hätten außerdem den Start von zwei Boden-Luft-Raketen kurz vor der Explosion des Flugzeugs entdeckt. Der Sender CNN meldete unter Berufung auf mehrere US-Behördenvertreter, man gehe zunehmend von einem versehentlichen Abschuss durch den Iran aus.

Dieser "Arbeitstheorie" lägen die Analyse von Satelliten-, Radar- und anderen elektronischen Daten zugrunde, die routinemäßig vom Militär und den Geheimdiensten der USA gesammelt würden.

Trump hat einen "Verdacht"

US-Präsident Donald Trump heizte Mutmaßungen über die Absturzursache der Maschine unterdessen an. "Ich habe meinen Verdacht", sagte Trump am Donnerstag im Weißen Haus.

"Ich will das nicht sagen, weil andere Menschen auch diesen Verdacht haben. Es ist eine tragische Angelegenheit." Trump sagte weiter: "Jemand könnte einen Fehler gemacht haben." Auf die Frage, ob die Maschine aus Versehen abgeschossen worden sein könnte, sagte er allerdings: "Das weiß ich wirklich nicht."

Droht nun neue Eskalation?

Watson hat mit dem USA- und Außenpolitik-Experten Thomas Jäger gesprochen und wollte wissen, welche Folgen diese Entwicklung für den Konflikt zwischen den USA und dem Iran haben kann.

Seiner Ansicht nach hat der US-Präsident "auf seine Art die Kenntnisse der amerikanischen Dienste bestätigt, indem er davon sprach, dass jemand einen Fehler gemacht haben könnte".

Entscheidend sei hierbei das Wort "Fehler", so Jäger: "Es bedeutet, dass hier keine Absicht, sondern unglückliche Umstände zu sehen sind. So werden es die USA sehen und ihre Kenntnisse für sich behalten, um sie zu einem späteren Zeitpunkt – oder vielleicht nie – nutzen zu können."

Auf den Konflikt zwischen den USA und dem Iran werde dieser Vorgang "keine nachhaltige Wirkung" haben, so die Einschätzung des Experten. Er geht nicht davon aus, dass die USA nun wieder aktiv werden: "Die USA werden damit zufrieden sein, dass der Iran im Kampf um die öffentliche Sympathie für eine gewisse Zeit zurückhaltender auftreten wird." Dabei komme den USA gelegen, dass "alle mutmaßen, iranische Stellen hätten das Flugzeug abgeschossen".

"Mehr brauchen sie derzeit nicht. Die USA werden deswegen den Konflikt nicht neu eskalieren."

Die Informationen zu dem angeblichen Abschuss kamen am Abend von Regierungsvertretern. Ob hier wohl absichtlich Informationen durchgestochen wurden, damit der Iran besonders unmenschlich dasteht?

Zwar komme das nun entstehende Bild vom Iran den USA entgegen, so Jäger. "Aber ob das die Absicht dahinter ist, kann man auch bezweifeln. Vielleicht war es nur einfach eine neue Erkenntnis, die wie alles Neue sofort durchgestochen wurde, ohne an die Folgen zu denken."

Der Experte mahnt zudem: "In den USA könnte es paradoxerweise den Druck auf Präsident Trump erhöhen, auf diese Tat reagieren zu müssen. Insbesondere seine evangelikalen Wähler könnten dies einfordern."

Evangelikale Christen bilden in den USA ein wichtiges Stimmen-Reservoir für den US-Präsidenten. Manche von ihnen betrachten Trump sogar als eine Art Heilsbringer und verehren ihn entsprechend. Will Trump wiedergewählt werden, darf er es sich mit diesen Wählern nicht verscherzen.

Trump will keinen Krieg

"Insofern wäre ihm daran gelegen, dass das Thema schnell aus der Welt kommt. Da keine Amerikaner bei dem Flug umgekommen sind, kann er andere Beispiele wählen, um den Iran schlecht dastehen zu lassen", schätzt Jäger die Situation jetzt ein.

Bei allem Säbelrasseln und allem Druck, den Trump auf den Iran in den vergangenen Tagen und Wochen ausgeübt hat, eines will der Präsident nicht: einen neuen Krieg im Nahen Osten. Trump war mit dem Versprechen in den Wahlkampf gezogen, Truppen nach Hause zu holen, statt sie in neue Kriege zu schicken.

Auch deshalb gab sich Trump am Mittwoch deeskalierend und reagierte nicht weiter auf den iranischen Raketenangriff.

Und was ist mit Europa, den Verbündeten der USA? Immerhin ist hier ein ukrainisches Flugzeug mutmaßlich abgeschossen worden und die EU betrachtet sich auch als Partnerin der Ukraine. Wie könnte Europa nun auf diese Meldungen reagieren?

Jäger dazu:

"Die EU wird tun, was sie am besten kann. Daneben stehen, wohlfeile, folgenlose Worte finden und nichts tun."

Trauer in der Ukraine

Die Ukrainer gedachten am Donnerstag der 176 Todesopfer. Präsident Wolodymyr Selenskyj rief einen Tag der Trauer aus. Die Fahnen wehten auf halbmast.

In den Fernsehprogrammen und im Radio sollte auf Unterhaltungsformate verzichtet werden. Am Kiewer Flughafen Boryspil legten viele Menschen Blumen nieder. Dort hätte die Maschine eigentlich am Mittwochmorgen gegen 8.00 Uhr Ortszeit landen sollen.

Aufgrund des Konflikts im Nahen Osten sollen Flüge im irakischen Luftraum aus Sicht der europäischen Flugaufsicht (EASA) vermieden werden. Das sei eine Schutzmaßnahme, teilte die EASA auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Zudem haben den Angaben der EASA zufolge bereits manche europäischen Fluggesellschaften ihre Routen angepasst.

(hau/pcl mit dpa)

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