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Thailand

Bild: imago montage

17 Tage Dunkelheit. So kämpften sich die Jungs in Thailand durch die Finsternis

Das Protokoll einer unfassbaren Rettung

10.07.18, 18:59 10.07.18, 19:46
Julia Dombrowsky
Julia Dombrowsky

Barfuß, auf kaltem Fels, in absoluter Dunkelheit und bedrückender Stille – so verbrachten 12 Jungs und ihr Trainer die letzten 17 Tage in einer Höhle in Thailand. Adul, der Junge, fließend Englisch kann. Duangpetch, der Clown und Teamkapitän und Ekkarat, der disziplinierte Torwart.

Die Geschichte ihrer Rettung ging um die Welt. Nicht zuletzt, weil es so unwahrscheinlich schien, dass alle überleben würden. Doch genau das gelang. 

Thailand Beten

Eine Gedenk-Sandburg für die Jungs in Thailand. Bild: NurPhoto

Wie geriet die Jugend-Fußballmannschaft in diesen Albtraum und wie überlebten sie die zwei Wochen in der absoluten Finsternis? Ein Protokoll.

Wie sie am 23. Juni in die Dunkelheit gerieten

Die "Moo Pah" sind eine Fußballmannschaft für Jungs aus ärmlichen Verhältnissen. Zwischen 11 und 16 Jahre sind die Jungs im Team alt, sie sind stolz darauf, bei den "Wildschweinen" spielen zu dürfen. ("Guardian")  

Am 23. Juni macht die elfköpfige Mannschaft mit ihrem Coach nach dem Training einen Ausflug in die Höhle, stellen vor dem Eingang ihre Fahrräder ab. Mit dabei: Der beste Freund des 14-jährigen Torwarts, der selbst gar kein Fußball spielt, er wollte nur Zeit mit seinem Freund verbringen. 

Tham Luang ist eine Höhle, die nur von Anwohnern besucht wird, Touristen bleiben ihr fern – das Gelände ist zu wenig erschlossen und die Höhle unübersichtlich. Sie besteht aus vielen engen Gängen und Zwischenhöhlen. 

GRAFIK --- Darstellung der Hoehle von oben und im Querschnitt, Lokalisierungskarte (90 x 140mm hoch) vom Freitag, 6. Juli 2018 (KEYSTONE/Gerhard Riezler) |

Bild: KEYSTONE

Als es draußen anfängt zu regnen, weicht das Team ins Innere zurück, um dem Wasser zu entkommen – und ist bald komplett eingeschlossen. Das Wasser steigt, sie ziehen sich immer weiter zurück. Am Ende befinden sie sich vier Kilometer vom Ausgang entfernt.

9 Tage sitzen sie hier alleine fest. Niemand weiß, wie es ihnen geht. Ob sie leben. Ob sie überleben werden. 9 Tage, die die Mannschaft wie durch ein Wunder übersteht. 

Dann werden sie gerettet.

Montag

Die Mannschaft harrt in einem Hohlraum der Höhle aus, während es um sie herum still ist. Der Weg nach draußen ist durch Wasser abgeschnitten. Die Kinder wissen nicht, ob überhaupt jemand nach ihnen schaut. 

Sie wissen auch nicht, dass ihre Eltern draußen am Höhleneingang in einem Zelt für sie beten, jeden Tag. Dass Rettungskräfte aus den USA und Dänemark angereist sind, dass mittlerweile die ganze Welt für sie hofft, mitfühlt, Teil an ihrem Schicksal nimmt.

Drinnen sitzen die 12 Jungs und ihr Trainer in der Dunkelheit. Sie teilen ihr letztes Essen. 

Draußen geben die Familien die Hoffnung nicht auf. In der Höhle arbeiten sich Rettungskräfte zentimeterweise von Kammer zu Kammer vor, um zu Adul, Duangpetch und Ekkarat durchzudringen.

"Sie leben."

Aufnahmen der britischen Taucher Video: YouTube/Guardian News

Die britischen Taucher, die die Jungs entdecken, sind überrascht und erleichtert. Die Aufnahmen aus ihren Helmkameras sind unglaublich. Barfuß und in Real-Madrid-Trikots kauern die Jungs im Dunkel. Über, unter und neben ihnen ist nur nackter Fels.

Das Licht der Taschenlampen lässt sie ihre Augen zusammenkneifen. Aber sie leben – alle.

Einer von ihnen, der 14-jährige Adul spricht sehr gutes Englisch. Er kann auch Thai, Burmesisch und Mandarin. 

Das Sprachtalent des Mittelfeldspielers ist jetzt ein Segen.

Members of the Royal Thai Navy are pictured with the 12 schoolboys, members of a local soccer team, and their coach, who were trapped in the Tham Luang Cave network in Northern Thailand. Two British volunteer divers found the missing boys Monday after a nine-day search. Screengrab via Thai Navy Seals/ PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY WAX2018070904 THAIxNAVYxSEALS

Aufnahmen der Royal Navy Seals. Bild: imago stock&people

Wie schafft man das? Wie wird man in einer solchen Situation nicht verrückt?

Dass die Kinder noch leben, haben sie vielleicht auch dem Coach Ekaphol Chantawong zu verdanken. Der 25-Jährige war früher ein buddhistischer Mönch. Er überließ den Kindern den gesamten Proviant. Und kümmerte sich um sie. (Sanook.com)

Ohne Ekaphol hätte sich Verzweiflung breitgemacht, sagt Regierungssprecher Werachon Sukondhapatipak. Der Trainer habe den Jungs geraten, sich hinzulegen und zu meditieren, Energie zu sparen. "Durch die Meditation verlieren sich ihre Gedanken nicht", sagt er. Verlieren sich nicht in Hoffnungslosigkeit und Horror.

Ekaphols Tante Aek harrt mit den anderen Angehörigen am Höhleneingang aus.  Sie ist stolz auf ihren Neffen: 

"Ich möchte, dass er weiß, dass er sein Bestes gegeben hat, um diese Jungs zu beschützen."

Die Tante des Fußballcoachs

Dienstag

Essen für vier Monate wird zu den Jungen gebracht. Die erste Überlegung lautet: die Regenzeit abwarten – die Höhlengänge wären dann nicht mehr überflutet. Die Kinder brauchen außerdem Kraft, um den Weg durch die Höhle zurück zu schaffen. Ein Arzt bleibt bei den Eingeschlossenen, behandelt kleine Wunden mit Jod, päppelt die Jungs wieder auf.

Die Entdeckung der Kinder in Bildern:

Mittwoch

Noch immer heißt es: Abwarten. 

Vor der Höhle kommen immer mehr Menschen zusammen, mehr als 1000 Angehörige, Reporter und Soldaten. Die Rettungskräfte rollen Evakuierungspläne im Dschungel aus. Die Angehörigen haben ein Zelt, indem sie zusammen beten, sich austauschen. 

News Bilder des Tages (180704) -- CHIANG RAI, July 4, 2018 () -- Trapped young footballers are seen in the cave in Chiang Rai, Thailand, July 4, 2018. () (gj) THAILAND-CHIANG RAI-FOOTBALLERS-RESCUE Xinhua PUBLICATIONxNOTxINxCHN

Gebete der Angehörigen. Bild: imago stock&people

Sie dürfen die ersten Bilder von ihren Kindern sehen und sind erleichtert. Kham Promthep kann es kaum fassen, das Gesicht seines Sohnes zu entdecken.

Duangpetch ist 13 Jahre alt. Er ist Teamkapitän und als Klassenclown bekannt. "Er hat Gewicht verloren. Und er sieht müde aus. Aber ich bin trotzdem glücklich", sagt sein Vater der New York Times.

Kian, die Mutter des 16-jährigen Verteidigers Pornchai Kamluang, sagt, sie habe mit dem Schlimmsten gerechnet: 

Guardian Youtube Thailand

Pornchais Mutter Bild: www.youtube.com/guardiannews

"Ich hatte mir schon vorgenommen, dass ich dankbar sein würde, für all den Segen, den er mir in unserer gemeinsamen Zeit gegeben hat. Es ist jetzt, als hätte mein Sohn ein neues Leben bekommen."

Donnerstag

Ab Donnerstag werden Pumpen eingesetzt, die 24 Stunden am Tag im Einsatz sind. Das Wasser landet auf den umliegenden Feldern. Die Jahresernte der Bauern ist damit dahin.

Ein selbstverständliches Opfer, sagen die Bauern. "Wir sind bereit, unsere Ernte überschwemmen zu lassen, wenn so alle 13 Mitglieder des Fußball-Teams gerettet werden."

Members of the Royal Thai Navy along with volunteers from England, the United States, Australia, and China, are pictured as they prepare to rescue 12 schoolboys, members of a local soccer team, and their coach, from the Tham Luang Cave network in Northern Thailand. Two British volunteer divers found the missing boys Monday after a nine-day search. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY WAX2018070701 ROYALxTHAIxNAVY

Pumpen und Seile werden am Höhleneingang verlegt. Bild: imago stock&people

Doch dann fängt es wieder an zu regnen. Viel zu schnell. Und viel zu viel.

Wie machtlos die Einsatzkräfte gegen die Wassermassen in diesen Tagen in Thailand sind, zeigt ein Beispiel: Zum Wochenende wurden 128 Millionen Wasser aus den Höhlen geholt – das sind 50 Olympia-Schwimmbecken.

Der Wasserpegel in den Höhlen sinkt durch die Pumpen zwar um einen Zentimeter die Stunde, doch gegen den Monsunregen richtet das kaum etwas aus.

"Wir rechnen aus wie viel Zeit wir noch haben. Wie viele Stunden."

Der Leiter der Rettungsmission

Vor der Höhle kommt Unruhe auf.

Die Hoffnung vom Anfang der Woche wird brüchiger. "Ich habe gehört, dass der Regen wiederkommt" sagt Sunida Wongsukchan, die Tante des Torwarts Ekkarat, der als besonders diszipliniert gilt. "Ich bin sehr beunruhigt."

Freitag

Die Kinder lernen jetzt, wie man Neoprenanzüge anzieht und durch Sauerstoffmasken atmet. Das Rettungsteam hat einen neuen Plan: Die Evakuierung sei zwar schwierig, aber man würde es schaffen – indem alle durch die Höhle tauchen. 

Thailand Jungs Höhle

Profi-Taucher im Einsatz. Bild: picture-alliance

Doch das Wasser ist schlammig und kalt. Selbst erfahrene Taucher brauchen sechs Stunden für die Strecke nach draußen, weil sie im trüben Wasser mit Taschenlampen nicht erkennen können, was vor ihnen liegt.

Die Jungs sollen sich blind an einem Seil durch das Wasser von Kammer zu Kammer tasten, fest verbunden mit den Profitauchern.

Für viele Menschen ein Horrorszenario: im Dunkeln, unter Wasser, in engen Kanälen. Die Kinder sollen Beruhigungsmitteln bekommen – so der Plan. 

Freitagmittag

Profitaucher Saman Kunan bringt Sauerstoffflaschen zu den Eingeschlossenen. Alle sind optimistisch, dass der Plan gelingt.

Morgens postet der Taucher noch das:

Guardian Youtube Thailand

Saman Kunan Bild: www.youtube.com/guardiannews

"Wir holen diese Kinder nachhause."

Saman Kunan

Doch auf dem Rückweg verliert er das Bewusstsein, sein Tauchpartner kann ihn nicht mehr retten. Der erfahren Taucher stirbt. "Wir geben nicht auf. Wir werden sein Leben nicht sinnlos beendet lassen", so Samans Kommandeur kurz nach dessen Tod.

Wieder steigt die Unruhe: Saman Kunan war ein Profi, ein Navy Seal. Die Jungs und ihr Coach können zum Teil nicht mal schwimmen.

Samstag

Die Kinder müssen ihr Leben riskieren, um zu überleben. Es geht nun darum, diszipliniert zu sein, Ruhe zu bewahren. Was da hilft? Reden. Ablenken. Nicht zu lange Gedankenkarussell fahren. "Die Jungs sprechen mit den Tauchern über Gott und die Welt. Sie reden, essen und schlafen", erzählt der Co-Chef des Krisenstabs, Bancha Duriyaphan. 

Die Rettungskräfte wollen die Kinder möglichst fit haben, bevor sie den gefährlichen Weg nach draußen antreten. Doch die Zeit rennt ihnen davon. Am Abend beschließen die Behörden, dass die Rettung noch am nächsten Tag beginnen muss. Der Leiter der Mission, Narongsak Osotthanakorn: "Ein neues Regenunwetter kommt." Weiter abzuwarten wäre zu gefährlich.

Sonntag

"Heute ist der Tag X", verkündet Narongsak daher morgens. Wenn der Rettungseinsatz nicht sofort anlaufe, würden die Jungen und die Rettungskräfte "die Gelegenheit verpassen".

Einsatzkräfte beginnen mit den vier fittesten der Mannschaft. Die Kinder tauchen mithilfe der Profis gegen die Strömung von Lufthöhle zu Lufthöhle. Das einzige Licht im Schlammwasser? Eine Unterwaser-Fackel, die die Jungs selbst tragen müssen. Doch es kommt keine Panik auf.

Alle vier schaffen es lebend aus der Höhle. Es ist ein Wunder. Und es gibt den Angehörigen wieder Hoffnung, dass am Ende alle Kinder gerettet werden könnten.

Montag

Mithilfe von 19 Rettungstauchern werden vier weitere Kinder von Kammer zu Kammer geleitet, hinaus in die Freiheit. 

Montag: Die ersten Kids wurden befreit, die Rettung geht weiter

Video: Leon Krenz

"Es ist unglaublich, wie cool diese Jungen sind", sagt ein Retter dem britischen Sender BBC, "das sind unglaublich starke Jungs." Wie sie auf die Freiheit reagierten? Schlicht.

"Sie lächelten und sagten Danke."

Ein Sprecher der Taucher.

Dienstag

Die letzten vier Jungs und ihr Trainer werden aus der Höhle geholt. Lebend! Die gute Nachricht verbreitet sich um die ganze Welt: Alle 13 wurden erfolgreich aus der Höhle befreit. Trotz der Rückschläge, trotz der Gefahren.

Die thailändische Marine erklärt: "Wir sind nicht sicher, ob das ein Wunder ist. Oder Wissenschaft. Oder was auch immer."

Wie geht es den Geretteten jetzt?

Nun sind sie in ärztlicher Behandlung, außer einigen mittelschweren Lungeneinfekten geht es allen gut. Die ersten vier durften auch schon ihre Familien sehen – allerdings nur durch eine Glasscheibe. Anfassen verboten. Es herrscht Infektionsgefahr.

Noch bekommen sie Schonkost und müssen Sonnenbrillen tragen, melden die Ärzte, sie sollen noch sieben Tage im Krankenhaus bleiben. Auch um zu schauen, ob die Kinder psychisch fit sind. Aber die Jungs würden herumlaufen und sprechen – allein das sei medizinisch erstaunlich.

Die Jungs haben 16 bis 17 Tage in der Finsternis überlebt. Sie werden auch den Schritt zurück ins Leben schaffen, hofft jetzt jeder.

Thailand Jungs Höhle

Bild: picture-alliance

Der Kleinste von ihnen ist der 11-jährige Chanin Vibulrungreung, seit fünf Jahren spielt er Fußball. Im Team nennen sie ihn "Titan". Er weiß noch nicht, was ihn bald erwartet: Sein Onkel Panupat hat angekündigt, seinen größten Herzenswunsch zu erfüllen.

Er will unbedingt ein eigenes Fahrrad. Das soll er jetzt kriegen. "Ich will aber, dass er es sich selbst im Laden aussucht", sagt Panupat.

Wenn er ihn wieder in die Arme schließen kann. Wenn das ganze Wunder greifbar wird.

(Mit Material von dpa/afp)

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