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Bulle und Bär brauchen schnell eine Coronavirus-Impfung – für die Weltwirtschaft könnte der Erreger gefährlich werden. Bild: imago images / Sven Simon / getty images / wildpixel /montage watson

Wie das Coronavirus zu einer Gefahr für die Weltwirtschaft wird

Börsencrash in China, leere Hotelzimmer in den Tourismuszentren: Stürzt das Coronavirus die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise?

Philipp Löpfe / watson.ch

Die "New York Times"-Kolumnistin Gail Collins lässt ihre Leser jährlich darüber abstimmen, welcher der dümmste Minister der Regierung sei. Die letzte Wahl hat Handelsminister Wilbur Ross für sich entschieden. Er hat seinen Sieg soeben bestätigt.

Auf die Frage, was die Auswirkungen des Coronavirus auf die US-Wirtschaft seien, antwortete er: Er habe zwar Bedauern mit den Opfern, "aber das Virus wird die Rückkehr von Jobs nach Nordamerika beschleunigen".

Von allen dummen Thesen zum Coronavirus war diese wohl die dümmste: 2019-nCoV ist nicht nur ein Gesundheitsnotstand, zu dem es die Weltgesundheitsorganisation erklärt hat. Das Virus ist auch im Begriff, sich zu einer Pandemie auszuwachsen und damit zu einer veritablen Bedrohung der Weltwirtschaft zu werden.

Die aktuelle Situation ist nicht dazu angetan, unsere Nerven zu beruhigen. Wuhan ist eine Geisterstadt geworden. Infizierte Menschen kämpfen um einen Platz in einem Krankenhaus, erschöpfte Ärzte klagen über den Mangel an medizinischen Vorräten.

Über 300 Todesopfer hat das Virus bisher gefordert, mehr als im Jahr 2003 die Lungenkrankheit Sars. Fast 20.000 Fälle sind bekannt, und das neuartige Coronavirus ist im Begriff, die ganze Welt zu erobern.

In reichen Ländern wie den USA und Deutschland können erkrankte Menschen rasch isoliert und behandelt werden. Bedrohlich wird die Situation jedoch in Ländern wie Kambodscha, Indien, Malaysia, Nepal, den Philippen und dem ländlichen Russland. Aus diesen Gegenden sind jedoch bereits Erkrankungen gemeldet worden.

Der große Unterschied zur Sars-Pandemie

Alle Augen richten sich derweil auf Afrika. Rund eine Million chinesischer Arbeiter sind dort im Rahmen der "Belt and Road"-Initiative tätig. Die wenigsten Länder auf dem Kontinent sind in der Lage, eine Epidemie wirksam zu bekämpfen; und inzwischen weiß man, dass das Virus sich rasch von Mensch zu Mensch verbreitet.

Nicht nur Ärzte und Gesundheitsexperten beschäftigen sich fieberhaft mit dem Coronavirus. Unternehmer, Bankanalysten und Volkswirte schieben ebenfalls Überstunden und versuchen, die Auswirkungen des Virus auf die Weltwirtschaft auszuloten.

Als seinerzeit Sars die Welt in Schrecken versetzte, war sie ökonomisch gesehen zweigeteilt. In China wurde produziert, in den USA konsumiert. Die wirtschaftlichen Folgen der Lungenkrankheit waren daher unbedeutend und wurden rasch überwunden, zumal sich die chinesische Wirtschaft bereits in einem Aufschwung befand.

Heute hingegen ist der chinesische Konsument zu einem wichtigen Treiber der Weltwirtschaft geworden. Weil die Touristen aus dem Reich der Mitte ausfallen, stehen in Istanbul Hotelbetten leer. In Brasilien sorgen sich Farmer, weil die Soja-Preise fallen. Die Scheichs im Persischen Golf müssen einmal mehr mitansehen, wie der Ölpreis in den Keller rauscht.

Reale Auswirkungen des Virus auf die Wirtschaft

In den am meisten vom Virus betroffenen chinesischen Provinzen werden Shops und Fabriken vorübergehend geschlossen. Internationale Konzerne wie Apple, Levi Strauss, McDonald's, Tesla und Anheuser-Busch machen die Läden dicht oder fliegen gar ihre Manager nach Hause.

Weil China ein zentraler Bestandteil der globalen Supply Chain ist, sind die gleichen Manager fieberhaft damit beschäftigt, Ersatz für die Lücken in ihren Versorgungsketten zu finden.

Das neuartige Coronavirus wird mit Sicherheit Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Die Frage ist einzig, wie groß sie sein werden. Die Ökonomen von Goldman Sachs beziffern die Wachstumseinbußen für die amerikanische Wirtschaft auf 0,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), es könnten jedoch auch doppelt so viel sein.

Am schlimmsten ist selbstredend die chinesische Wirtschaft betroffen. Sie befindet sich derzeit ohnehin nicht in Hochform. Nun schätzen Ökonomen, dass das BIP-Wachstum im ersten Quartal unter fünf Prozent fallen könnte, ein für chinesische Verhältnisse desaströser Wert.

Das hat Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Obwohl die Regierung alles versucht hat, das Schlimmste zu verhindern, sind am Montag die Kurse an der Börse in Shanghai um 9,1 Prozent gefallen. Der Renminbi hat gegenüber dem Dollar 1,2 Prozent verloren.

Schon am Freitag haben die Börsen im Westen heftig reagiert. Das heißt nicht, dass sich die Talfahrt zwangsläufig fortsetzen muss. Bisher haben die Investoren Handelskriege und Beinahe-Kriege im Nahen Osten locker weggesteckt. Ob sie vor dem Coronavirus kapitulieren, wird sich zeigen müssen.

Vorläufig jedoch bleibt die Unsicherheit. Ein Impfstoff gegen 2019-nCoV ist noch nicht gefunden, eine Pandemie bahnt sich an. Darauf zu spekulieren, dass der Spuk in ein paar Monaten vorbei sein wird, ist riskant.

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