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Rome, Italy, August 18, 2018. Bitcoin gold coin and debit cards Visa and MasterCard in a wallet leather

Anders als Kreditkarten passen Bitcoins nicht in die Geldbörse. Bild: mkarco/gettyimages

Analyse

Wie Kryptowährungen unsere Vorstellungen von Geld verändern

Hat der Bitcoin die Goldmünze verdrängt? Und wird die Facebook-Digitalwährung Libra bald den Euro ersetzen?

Philipp Löpfe / watson.ch

Die Babyboomer sind im festen Glauben aufgewachsen, dass die Bank jederzeit ihre Banknoten gegen Gold eintauschen werde. Das hat so zwar nie gestimmt, aber die Gleichung Geld gleich Gold war unerschütterlich. Für den Teenager in den Sechzigerjahren war eine Goldmünze zum Geburtstag das höchste der Gefühle.

1971 schloss der amerikanische Präsident Richard Nixon das Goldfenster. Die Währungen der westlichen Industrienationen verloren ihren Goldanker, ihre Kurse begannen teils heftig zu schwanken. Gleichzeitig machte sich das Plastikgeld breit.

Trotzdem behielt das gelbe Metall seinen magischen Glanz, wenn auch mehr symbolisch.

Der inzwischen zum erfolgreichen Jungmanager mutierte Babyboomer zückte nun stolz die goldene American-Express-Karte.

Ob Banknote oder Kreditkarte, für die Ökonomen war das gleich. In der klassischen Ökonomie ist Geld das Schmiermittel der Wirtschaft, mehr nicht. Geld muss stabil sein. An der Rolle der Bank zweifelte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts kein vernünftiger Mensch. Ihre höchste Pflicht war es, Inflation zu vermeiden, koste es, was es wolle.

Spulen wir drei Jahrzehnte und eine digitale Revolution weiter. Im November 2008 veröffentlichte ein gewisser Satoshi Nakamoto sein legendäres Protokoll. Die Geburtsstunde des Bitcoins hatte geschlagen, auch wenn bis heute niemand weiß, wer sich hinter dem japanischen Pseudonym versteckt.

Geld hat bekanntlich drei Funktionen:

Es ist ein Zahlungsmittel, eine Recheneinheit und ein Wertaufbewahrungsmittel. Bitcoins das genaue Gegenteil: Sie sind extrem volatil, nur in beschränktem Umfang vorhanden, haben nicht kalkulierbare Transaktionskosten und kaum Transparenz.

Gerade das macht ihre Faszination aus. Die Identität von Nakamoto mag zwar ein Rätsel bleiben, die Urheber der Kryptowährung hingegen sind bekannt: Es sind die sogenannten Cypherpunks, libertäre Internet-Anarchisten, die den Staat ablehnen. Mit ihrer digitalen und globalen Währung wollten sie einen frontalen Angriff auf die Banken, und allen voran auf die verhassten Nationalbanken, starten.

Die Cypherpunks fanden bei den Anhängern der "österreichischen Schule" – so nennt man die Fans von Ludwig von Mises und Friedrich Hayek – unerwartete Partner. Die beiden aus Wien stammenden Ökonomen waren Marktfundamentalisten und lehnten alles, was nach Staat roch, ab. Hayek plädierte gar für ein auf Gold basierendes Privatgeld, um so die Macht der "sozialistischen" staatlichen Zentralbank zu brechen.

Der Traum der Österreicher scheint sich in den Kryptowährungen zu erfüllen.

Sie sind staatenlos, privat und ihr Kurs wird einzig durch den Markt bestimmt. Der Pferdefuß dabei: Geld ist mehr als ein Schmiermittel, es ist auch ein Mittel der Macht. Daher haben Könige und Kaiser jeweils ihr Konterfei auf Münzen prägen lassen. Und würden hinter dem Dollar nicht zehn Flugzeugträger stehen, würde der Rest der Welt wohl kaum die grün bedruckten Scheine der Amerikaner als globale Leitwährung akzeptieren.

Die Beinahe-Kernschmelze des internationalen Finanzsystems im Herbst 2008 hat die Vorstellung von Geld als reines Schmiermittel widerlegt. Hätten die Zentralbanken – allen voran die amerikanische Fed und die Europäische Zentralbank – die Märkte nicht umgehend mit Geld geflutet, wäre es zur Katastrophe wie in den Dreissigerjahren gekommen.

Die Finanzkrise 2008 und später die Eurokrise im Jahr 2013 haben die überragende Bedeutung der Zentralbanken einmal mehr bewiesen. Fed-Präsident Ben Bernanke und Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, können sich zu Recht rühmen, eine verheerende Depression verhindert zu haben. Die Geldpolitik dieser Institutionen ist zu dem entscheidenden Faktor der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts geworden.

Diese Funktion könnte nun von einem Bastard empfindlich gestört werden, von Libra. So heißt das private Geld, mit dem Facebook die Welt beglücken will. Metaphorisch gesprochen ist Bitcoin Libras Vater, das traditionelle Geld der Notenbank die Mutter. Die Facebook-Währung basiert auf einer Pseudo-Blockchain und existiert wie die Kryptowährungen nur digital. Um die wilden Kursschwankungen zu vermeiden, ist Libra jedoch auch mit einem Korb von traditionellen Währungen wie Dollar, Euro, Franken, Yen, etc. unterlegt.

Mark Zuckerberg hat sich von China inspirieren lassen.

Alipay und WeChat Pay haben die Chinesen die Phase der Kreditkarten überspringen lassen. Der Zahlungsverkehr verläuft inzwischen praktisch vollständig über das Smartphone. Das minimiert die Transaktionskosten gegen Null und lässt die unhygienischen Banknoten verschwinden.

Libra will diese Vorteile für ein privates globales Geld nutzen. Dabei wird übersehen, dass in China der Renminbi nur technisch digital geworden ist. Geldpolitisch ist er nach wie vor an die Bank of China gebunden, und es undenkbar, dass die Kommunistische Partei dies je ändern wird.

Zuckerbergs Währung hingegen ist die Realisierung von Hayeks Traum: Sie ist privat und global. Langfristig wird sie so in Konkurrenz zu den nach wie vor weitgehend nationalen Währungen treten und damit die Geldpolitik der Zentralbanken unterwandern. Kein Wunder also, reagieren Politiker und Notenbanker eher frostig auf Zuckerbergs Libra-Pläne.

Auch wir sollten uns nicht von der Technik blenden lassen. "Bewegt euch schnell und macht Dinge kaputt", lautet das Motto von Mark Zuckerberg. Das ist okay, wenn es um Katzenvideos und Kochrezepte geht. Aber wollen wir ihm auch unser Geld anvertrauen?

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