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"Lasst meinen Körper endlich in Ruhe!" – warum wir Body Positivity ersetzen sollten

Özil geht, der Hambacher Forst bleibt, Chemnitz schreckt auf – 2018 war turbulent. Auch für uns: watson.de startete im März. Auf einige Geschichten sind wir seitdem besonders stolz. Wie auf diese hier:

Meine Freundin Bine kann ganz erstaunliche Dinge mit ihrem Bauch machen. Während wir nebeneinander unter einem Baum im Freibad liegen, zeigt sie es mir.

Sie legt sich eine Münze knapp oberhalb ihres Bikinihöschens auf die Haut und schubst sie mit rollenden Bewegungen ihres Bauches aufwärts, bis sie unter ihren Brüsten liegen bleibt.

“Yay! Hashtag liebedeineröllchen” ruft Bine, und wir lachen.

“Apropos Röllchen. Weißt du, was mich nervt”, fragt sie mich wenig später, und hält ihre Hand gegen die Sonne, “dieser Body-Positivity-Trend. Neulich meinte jemand zu mir, wie mutig ich doch sei, ein enges Top zu tragen und wie toll und weiblich ich aussähe. Das war nett gemeint, klar, aber es hat mich geärgert." Warum, will ich wissen.

"Ich würde gerne einfach einen Körper haben. Ich trage ihn schließlich nicht zu Werbezwecken spazieren. Wenn ich ein enges Top trage, ist das kein Statement, für das ich beklatscht werden will. Dünneren Frauen würde man das nicht sagen." Ich nicke.

“Früher dachte ich, bei Body Positivity ginge es darum, dass wir dickeren uns nicht mehr für unsere Körper schämen sollen, dass unsere Körper selbstverständlich werden, nicht mehr ständig kommentiert und komisch angeguckt." Bine seufzt.

"Und jetzt wird er wieder ständig kommentiert und angeguckt. Ahhhhhhhh!”

Bine wirft die Arme theatralisch gen Himmel und lässt einen langen Schrei los, ich klapse ihr zur Zustimmung auf den Bauch. Wir beide gehen noch eine Runde schwimmen.

Tage später und ich muss immer noch über Bines Worte nachdenken.

Ich habe vor einiger Zeit hier schon mal kritisch über Body Positivity geschrieben.

Denn was ursprünglich mal gut gedacht war, nämlich Frauen, die nicht dem klassischen Schönheitsideal entsprechen – dünn, äußerlich gesund, weiß – zu positiver Sichtbarkeit, zu Respekt zu verhelfen, ist zum reinsten Marketing-Vehikel geworden.

Die Body-Positivity-Bewegung wurde so geschickt von der Industrie gekapert, dass von ihr nurmehr eine leere Hülle übrig ist. Eine schöne Hülle, aber eben eine leere. Denn darum geht es eben so hartnäckig: Schön sein und sich dafür öffentlich lieben. Wenn auch mit ein paar Pfunden "zu viel".

Ein Beispiel für die Umkehrung der Bewegung? Bitteschön:

Diese Britin schrieb ein Buch mit dem Titel "Body Positive". In dem Werk: Diätrezepte und Bauch-Weg-Übungen.

Das angesprochene Buch ist nur ein Beispiel dafür, wie sich der Slogan mittlerweile von seinen Idealen entfernt hat. Wer den Hashtag auf Instagram verfolgt, findet noch viele andere. Auch prominente Vertreterinnen der Bewegung, wie die Autorin Stephanie Yeboah, sehen Body Positivity daher mittlerweile kritisch.

Yeboah sprach mit dem britischen "Guardian" über ihre Enttäuschung:

"Es ist nur noch ein Modewort und es hat die Menschen abgeschreckt, die es mal erfunden haben. Wer jetzt body positive sein will, der muss akzeptabel dick sein – also nicht mehr als Größe 44 – oder weiß oder sehr hübsch. Es ist keine Bewegung mehr, von der ich mich repräsentiert fühle." 

"The Guardian"

Von dem Wunsch nach Zusammenschluss hin zur erneuten Exklusion war es leider nur ein kleiner Schritt. Body Positivity sollte Respekt für alle Körper fordern, stattdessen dient es jetzt auch wieder nur der Markierung von klassischer Schönheit. Auch wenn ein paar Röllchen "erlaubt sind". Dass macht dann allerdings den Druck auf alle größer: Liebt eure Körper!

Dickere Frauen wollten nicht mehr so ausgestellt werden, und sind es nun wieder.

Wie Bine es sagt:

“Ich bin nicht immer happy, ich verfluche meine Röllchen oft genug. Und ich ärgere mich, dass ich nicht schlanker und straffer bin. Aber ich mag meinen Körper trotzdem. Er ist mir treu. Aber er braucht auch einfach mal seine Ruhe vor den ganzen Bildern.”

Im englischsprachigen Raum gibt es daher auch mittlerweile Initiativen, die mit anderen Schlagworten die Bewegung wieder mehr in die ursprüngliche Richtung lenken sollen, body neutrality oder body respect beispielsweise.

Denn es geht schließlich darum, den Selbstwert nicht mehr so stark vom Körper abhängig zu machen, erklärt die Aktivistin Alice Dalrymple im "Independent". Was eine Persönlichkeit ausmache, sei nämlich etwas ganz anderes als das Aussehen.

Bine stimmt zu, als ich ihr das erzähle. "Ich will selber darüber bestimmen, wann mein Körper Thema ist", sagt sie. "Und das können wir gerne 'body respect' nennen. Hauptsache, ich muss mich nicht ständig 'positiv' und 'schön' fühlen. Denn so einfach ist das Leben ja nun auch nicht."

Mal ein wirklich positiver Hashtag! #bibporn: Die schönsten Bibliotheken der Welt

Und über diese Themen müssen wir auch reden:

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    Alle Leser-Kommentare
  • Herr Hilt 19.08.2018 16:06
    Highlight Highlight Auf Fotos sieht man halt in den meisten Fällen nur die Oberfläche, was zumindest bei Plattformen wie Instagram die Fixierung auf das äußerliche Erscheinungsbild erklärt.
    Selbst ein Häschtäck wie #arschgesicht wäre nur erfolgreich, wenn die geteilten Arschgesichter eine gewisse Attraktivität hätten.
    Ein Mensch ist aber mehr als nur das, was man sofort auf einem Foto sehen kann.

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