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Faszination statt Furcht – Warum Menschen Serienmördern verfallen

Es ist jeden Tag dasselbe: Die Nachrichten sind voller Tod, Leid und Katastrophen. Der Welt mangelt es nun wirklich nicht an Schreckensgeschichten – aber wieso ziehen uns dann ausgerechnet die Menschen so in den Bann, deren Verbrechen nur einen verschwindend geringen Anteil aller Straftaten ausmachen? 

Die Rede ist von Serienmördern. Erst seit etwa einem halben Jahrhundert gibt es ihn, den Begriff "Serienmörder", der laut Duden so viel bedeutet wie: "Mörder, der eine Reihe gleichartiger Morde begeht". Das hatte es zuvor zwar auch schon gegeben – man denke nur an Jack the Ripper, der im 19. Jahrhundert in London sein Unwesen trieb –, aber erst Ted Bundy, der sich in den 1970ern jahrelang weitestgehend ungehindert durch die USA mordete und 30 dieser Taten schließlich gestand, verpasste dem abstrakten Bild eines Serienmörders ein Gesicht.

Dieses hier.

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Bild: Giphy

Ein attraktives Bild, wohlbemerkt – was sicher zur Faszination beitrug, die von Bundy ausging und die ihm nicht nur eine nationale TV-Ausstrahlung seiner Gerichtsverhandlung bescherte, sondern auch Tausende Verehrer, die ihm per Post ihre Bewunderung aussprachen. Und jetzt, 30 Jahre nach seiner Hinrichtung, erlebt einer der berüchtigsten Mörder der USA ein Revival: Dieses Jahr erscheint eine (weitere) Verfilmung seiner Taten, diesmal mit Zac Efron in der Hauptrolle, und gerade veröffentlichte Netflix eine Doku-Reihe über Bundy. Anstatt allerdings dafür zu sorgen, dass dieser Mann die Menschheit erneut das Fürchten lehrt, rief die Doku vor allem eines hervor: Verknalltheit.

"Ohne Scheiß, Ted Bundy ist höllisch heiß. Der darf mich würgen, Dadddddyyyyy." – @xo_tanababy ist nicht allein: Kommentare wie dieser, in dem insbesondere Bundys Äußeres gelobt wird, finden sich zu Tausenden auf Twitter und Facebook

Und Bundy ist nicht der einzige Serienmörder, der die Massen nicht verschreckte, sondern verzauberte.

Allein das Angebot auf Netflix und Co. spiegelt eine Faszination mit Serienmördern: "Dexter", "Bates Motel", "Hannibal", "Das Schweigen der Lämmer", und aktuell "You – Du wirst mich lieben" – die Film- und Fernsehwelt ist voll von ihnen, den Killern, deren finsteren Bedürfnissen meist eine geistige Erkrankung oder ein Trauma zugrunde liegt. Und obwohl uns diese Darstellungen in den Medien ganz deutlich klarzumachen versuchen, wie verwerflich die Taten dieser Menschen sind, stehen wir dann am Ende doch da mit Tweets wie dem obrigen, die vor allem eine Frage aufwerfen:

Hast du überhaupt begriffen, was du dir da gerade angesehen hast?

Jeder Autor solcher Posts würde auf diese Frage sicher mit einem empörten "Ja, klar!" reagieren – und das würden wir vermutlich sogar glauben, denn die allgemeine Faszination sowohl mit echten Menschen wie Ted Bundy als auch fiktiven wie Hannibal Lecter lässt sich nicht leugnen. Netflix und seine Freunde sind der beste Beweis dafür: Wir lieben Serienmörder. Aber... warum?

Was treibt manche Menschen sogar dazu, Beziehungen mit verurteilten Serienmördern einzugehen?

Zac Efron (Ted Bundy) und Kaya Scodelario (Carole Ann Boone) in "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile"

Die Faszination beschränkt sich in einigen kuriosen Fällen nämlich nicht nur auf das Anhimmeln und Verehren aus der Ferne: Zahlreiche Serienmörder wanderten als Singles ins Gefängnis und änderten ihren Beziehungsstatus erst hinter Gittern. So auch Bundy: Seine ehemalige Kollegin Carole Ann Boone wurde erst zu seiner Freundin und späteren Frau, als er bereits des dreifachen Mordes angeklagt worden war (und daraufhin dafür zum Tode verurteilt wurde). Ihre Ehe nahm ein böses Ende, als Bundy kurz vor seiner Hinrichtung doch mit der Wahrheit rausrückte und seine Taten gestand.

Boone verließ Bundy, weil sie an seine Unschuld geglaubt hatte und bitter enttäuscht worden war – doch andere Frauen (und sicher auch Männer) gingen willentlich Beziehungen mit verurteilten Serienmördern ein, obwohl sie von deren Schuld überzeugt waren. Doch während viele von uns bei dieser Vorstellung sicher verständnislos den Kopf schütteln, gibt es doch psychologische Erklärungen dafür, wieso sich mancher auf Liebesbeziehungen mit erwiesenermaßen gewalttätigen, sogar mordenden Menschen einlässt – und wieso wir alle (machen wir uns nichts vor!) gegenüber Mördern wie Ted Bundy eine gewisse Faszination empfinden.

Der wohl stärkste Auslöser dieser Faszination: Der Unterhaltungswert.

Charles M. Manson, leader of the cult-like band of hippies, accused of multiple murders, leaves a Los Angeles courtroom after telling a judge

Charles Manson, Anführer einer sektenähnlichen Kommune, die 1969 in Kalifornien mehrere Morde beging Bild: picture alliance/AP Images

In einer Welt, in der Langeweile verteufelt wird und in der es leichter ist denn je, sich in Sekundenschnelle Entertainment zu beschaffen – ob nun im Fernsehen oder am Handy –, zählt für Prominente oder die, die es werden wollen, vor allem eins: Sichtbarkeit. Wer in dieser Nachrichtenflut immer wieder irgendwo aufploppt und sich so seinen eigenen Bereich in der Erinnerung der Menschheit freischaufelt, muss quasi keine beeindruckenden Fähigkeiten oder Talente mehr mitbringen. Was zählt, ist der möglichst häufige Auftritt im Rampenlicht – und wer es schafft, den mit grundlegenden menschlichen Emotionen wie Angst, Wut, Hass und Verlangen zu koppeln, kann sicher sein, sich ins Gedächtnis seines Publikums gebrannt zu haben.

Angst, Wut, Hass, sogar Verlangen: Das emotionale Spektrum, das die Taten eines Serienmörders im Zuschauer einer Nachrichtensendung hervorrufen, die über seine Verbrechen berichtet, ist breit. Er wird zur Zielscheibe dieser Emotionen, die wir nun untrennbar mit ihm verbinden – Emotionen, die süchtig machen, so, wie manche den Grusel eines Horrorfilms oder den Adrenalinrausch einer Achterbahnfahrt lieben. So, wie wir bei einem Autounfall nicht weggucken können. Letzterem liegt aber noch ein anderes Gefühl zugrunde:

Wir sind neugierig auf alles Unbekannte.

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Bild: Netflix

Was einen Serienmörder dazu bringt, andere zu töten, die er in den meisten Fällen nicht einmal kennt, sondern wahllos aussucht, können wir uns nicht vorstellen. Doch das, was wir nicht begreifen, versuchen wir zu durchschauen, um es in unser vertrautes Weltbild einordnen zu können – und da liegt sie, die wirkliche Faszination an einem Serienmörder: Sein Verhalten entspricht nicht der Norm, seine Beweggründe unerklärlich, und seine Taten geben uns ein Gefühl der unberechenbaren Gefahr. Er ist "anders".

Also bemühen wir uns, den Serienmörder zu durchschauen und einen Funken Menschlichkeit in ihm zu entdecken, um ihn einordnen zu können, trotz des gleichzeitigen Bedürfnisses, uns von ihm, dem Unbegreiflichen, zu distanzieren. Dr. Scott A. Bonn beschreibt in "Psychology Today" unsere zwiespaltige Besessenheit in Bezug auf Menschen wie Bundy folgendermaßen:

"Wir versuchen, den Serienmörder zu vermenschlichen, um ihn weniger angsteinflößend zu machen.
Gleichzeitig versuchen wir, ihn zu entmenschlichen, um eine moralische Grenze zwischen Gut und Böse zu ziehen."

Dr. Scott a. Bonn, psychology today

Manche Menschen beschränken sich aber nicht nur darauf, den Serienmörder verstehen zu wollen, indem sie ihn wie einen Prominenten mustern; einige fühlen sich sogar sexuell zu ihm hingezogen, wie Carole Ann Boone zu Ted Bundy. Was für viele unverständlich wirkt, hat aber mehrere mögliche Erklärungen.

Wir sind darauf programmiert, uns einen starken Partner zu suchen.

FILE - This March 29, 1971, file photo shows three female defendants in the Manson murder trial, from left, Susan Atkins, Patricia Krenwinkel and Leslie Van Houten. All three, plus Charles Manson, were convicted of murder. (AP Photo, File) |

Mitglieder der "Manson Family": Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie van Houten, die gemeinsam mit Charles Manson des Mordes angeklagt wurden. Bild: picture alliance/AP Photo

Man kann Serienmördern sicher vieles vorwerfen, eines muss man ihnen aber lassen: Ihre (zeitweilig) heimliche Mordreihe beweist Intelligenz und Stärke – zwei aus evolutionärer Sicht attraktive Eigenschaften. Rational betrachtet sollte das nicht ausreichen, um jemanden romantische Gefühle für einen Mörder entwickeln zu lassen, doch spielen dabei noch andere Faktoren eine Reihe. Einer davon:

Wir glauben an die heilende Kraft unserer Liebe.

Zac Efron, Macie Carmosino and Lily Collins appear in <i>Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile</i> directed by Joe Berlinger, an official selection of the Premieres program the 2019 Sundance Film Festival. Courtesy of Sundance Institute | photo by Brian Douglas.


All photos are copyrighted and may be used by press only for the purpose of news or editorial coverage of Sundance Institute programs. Photos must be accompanied by a credit to the photographer and/or 'Courtesy of Sundance Institute.' Unauthorized use, alteration, reproduction or sale of logos and/or photos is strictly prohibited.

Zac Efron (Ted Bundy) und Lily Collins (Elizabeth Kloepfer) in "Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile". Bild: Brian Douglas/Sundance Institute

Wenn es ein Phänomen gibt, von dem die Menschheit seit Anbeginn der Zeit besessen ist, dann das: Die Liebe. Filme, Bücher, Musik – nichts davon würde ohne die Liebe auskommen. Wer schon einmal verliebt war, weiß, dass Liebe Menschen verändert. Aber kann sie einen Serienmörder in ein Unschuldslamm verwandeln? Unwahrscheinlich. Was jedoch nicht heißt, dass es nicht versucht wird.

Dr. Leon F. Seltzer schreibt in "Psychology Today" über die Fantasie jener, die sich auf Beziehungen mit Mördern einlassen: 

"[Sie stellen sich vor, dass] seine Gewalt und seine emotionale Zurückhaltung nur oberflächlich sind und dass ihre erbarmungslose Liebe, Zärtlichkeit und Treue seine Persönlichkeit schließlich verwandeln können, indem sie ihm helfen, ihn mit seinem weichen Kern zu verbinden."

Dr. Leon F. Seltzer in psychology today

Ebenso wie die religiösen Fanatiker, die Kriminellen wie Ted Bundy Briefe schreiben, in denen sie ihnen versprechen, sie von ihrer Schuld erlösen und sie bekehren zu können, meinen jene, die sich bewusst für eine Beziehung mit einem Menschen wie ihm entscheiden, ihn retten zu können. Es ist eine Art Instinkt, der sie an das Gute im Bösen glauben lässt, das mit ein wenig Liebe doch sicher herausgekitzelt werden könne. Ein Irrglaube, den Carole Ann Boone erst begriff, als aus Ted Bundy nicht das Gute, sondern Dutzende Geständnisse herausgekitzelt wurden.

Serienmörder – und vor allem diejenigen, deren Taten nachgewiesen wurden – sind kein "Relationship Material". Und deswegen möchten wir zum Abschluss Netflix von ganzem Herzen zustimmen: "Da draußen gibt es wortwörtlich TAUSENDE heiße Männer – von denen fast alle keine verurteilten Serienmörder sind."

Wer war Ted Bundy eigentlich? Seine Geschichte ist unglaublich – und blutig:

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