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Dr. Uwe Denker behandelt jeden -  Bild: privat/t-online

Arzt für Arme erzählt: Wer zu ihm kommt, hat oft einen sozialen Abstieg hinter sich

Ein Erfahrungsbericht von Dr. Uwe Denker

Wer wissen will, was schief läuft in Deutschland, muss nach Bad Segeberg fahren. Dort behandelt Dr. Uwe Denker kostenlos Patienten, die mittellos und krank sind. Er berichtet für uns, wie Armut in Deutschland krank macht.

"Praxis ohne Grenzen"

2010 öffnete die erste "Praxis ohne Grenzen" für die Region Bad Segeberg. Die Arztpraxis ohne Kasse ist einmal die Woche am Mittwoch von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Die Sprechstunde halten sechs Fachärzte im Wechsel ab. Es sind neun weitere Praxen nach diesem Modell entstanden, u. a. in Flensburg, Hamburg und Solingen.

Meine "Praxis ohne Grenzen" in Bad Segeberg sieht aus wie eine ganz normale Arztpraxis. Doch meine Patienten sind nicht nur krank, sie haben kein Geld. Ich behandele sie kostenlos, aus christlicher Nächstenliebe, ohne Fragen zu stellen. Auf Wunsch auch völlig anonym, niemand muss sich bei mir ausweisen, seine Armut beweisen, seine Geschichte erzählen.

Meine Patienten wollen reden. 

Doch viele meiner rund tausend Patienten wollen reden, berichten, welches Unglück sie aus ihrer bürgerlichen Bahn geworfen hat. Wie rund ihr Leben früher lief, mit Familie, einem gutem Einkommen, einem Auto, einer tollen Wohnung und einem guten Job. Ich nenne mein Klientel oft "den gestrauchelten Mittelstand". Es sind kaum Obdachlose dabei, eher Wohnungslose, die bei Freunden oder Familie auf dem Sofa schlafen.

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Dr. Denker in der "Praxis ohne Grenzen" in Bad Segeberg. Hier behandelt er mittellose Patienten. Bild: privat/t-online

Armut macht krank und Krankheit macht arm, das ist meine Erfahrung der letzten Jahre.

Denn wer die Beiträge zur Krankenversicherung nicht bezahlen kann, ist schnell nicht oder nicht ausreichend versichert. Das betrifft in Deutschland mindestens 500.000 Menschen. Dazu zähle ich auch die, die noch in einer Krankenkasse sind, aber ihre Beiträge nicht mehr bezahlen können und die bei der Krankenkasse Schulden haben. Sie werden herabgestuft in einen Notlagentarif, bekommen nur noch im Notfall eine Behandlung oder wenn sie Schmerzen haben. Und das geht schnell, schon nach vier oder fünf nicht bezahlten Monatsbeiträgen. Privat Versicherte landen in einem "Basistarif".

Was ein Notfall ist, bestimmt die Krankenkasse. 

Die Beiträge zu einer privaten Krankenversicherung werden mit steigendem Alter so teuer, dass Menschen mit wenig Geld sie nicht mehr bezahlen können. Viele sagen sich dann: "Ich bin nicht krank, hab 35 Jahre lang meine Beiträge bezahlt, nun setze ich mal aus." Und das geht nicht. Denn dann kommt sofort die Herabstufung in den Notlagentarif. Was ein Notfall ist, bestimmt die Krankenkasse.

Ein Patient von mir war selbstständiger Journalist aus Mecklenburg-Vorpommern. Er konnte keine Artikel mehr schreiben, weil seine Familie auseinander brach. Seine Frau wurde psychisch krank und hat versucht, sich umzubringen. Der Mann hat versucht, seine Frau und sein Kind zu retten, war nicht mehr in der Lage, zu schreiben. Die Mutter ist in die Psychiatrie gekommen. Der Mann war selbst schwer krank, hatte Darmblutungen. Er ist über 300 Kilometer weit gefahren zu mir in die Praxis. Er war nicht versichert, hatte seine Beiträge nicht bezahlt. Ich habe ihn untersucht, es wurde eine Darmspiegelung gemacht. Er hatte Darmkrebs, der sofort operiert werden musste. Er konnte sich nicht operieren lassen, da er nicht versichert war.

Die Kosten haben dann wir übernommen, es waren ungefähr 15.000 Euro. Leider kam die Hilfe zu spät, er ist wenige Wochen später verstorben.

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Behandlungsraum in Bad Segeberg: Wer hier herkommt, hat einen Abstieg hinter sich. Bild: privat/t-online.de

Der Gesundheitsminister Jens Spahn, mit dem ich neulich in Berlin einen Termin hatte, sagt, solche Fälle können doch zum Sozialamt gehen und der Patient hätte eben seine Notlage darlegen müssen. Das hätte allerdings die Behandlung verzögert, so etwas geht nicht in 14 Tagen. Da springen wir ein und füllen eine Lücke.

Den Weg zum Sozialamt scheuen sehr viele Leute aus dem Mittelstand. 2015 haben 4,9 Millionen Menschen, die überschuldet waren, auf Hartz IV verzichtet. Das bedeutet: "Zu stolz für die Stütze". Das hat dem Staat 20 Milliarden Euro gespart. Ich habe alle diese schlimmen Zahlen eine Zeit lang aufgeschrieben. Ich habe das jetzt aufgegeben, weil mich das so erschüttert hat. Das sind Zahlen, die alle Dimensionen für mich sprengen.

Unser größtes Klientel der Mittelständler sind nach außen immer noch Gastronom, Webdesigner, Soziologin, Bauunternehmer, Schlachter, Ergotherapeutin, Soldat. 46 verschiedene Berufe habe ich bis jetzt gezählt. Ich frage sie oft "Wieso gehst Du nicht zum Sozialamt? Warum beantragst Du keine Grundsicherung?" Und die haben oft gute Gründe, warum sie es nicht tun. Viele sagen, ich bin da gewesen, bin abgeschmettert worden, habe viele Nachweise bringen müssen. Bin zwischen Jobcenter und Krankenkasse hin- und hergeschoben worden. Viele verstehen das System nicht, es ist ihnen zu kompliziert und sie brauchen sofort ärztliche Hilfe. Die bekommen sie bei uns, schnell und ohne Bürokratie.

Ein Patient mit Zuckerkrankheit hatte einen abgestorbenen Zeh. Das ist ein Notfall, der musste am nächsten Tag amputiert werden. Das haben wir organisiert und bezahlt. Und hinterher sehen wir, ob wir ihn wieder in eine Krankenkasse bringen. Nach zwei, drei Jahren konnte er wieder versichert werden. Das ist nicht kurzfristig möglich.

Wer zu uns in die Praxis kommt, dem wird geholfen, das ist mein christlicher Grundsatz. Ohne Namen, ohne Diskriminierung. Ich habe auch mal einen Schwerverbrecher behandelt, ohne es zu wissen. Da rief dann später die Kripo bei mir an...

Arme Menschen sterben früher.

Die meisten meiner Patienten wollen reden, wollen ihr Schicksal jemandem erzählen, suchen einen Rat. Mein Rat ist, versucht in eine Krankenkasse zu kommen. Nicht krankenversichert zu sein, ist lebensgefährlich und lebensverkürzend. Armut macht krank! Armut verkürzt das Leben! Wenn Du in Armut lebst, werden dir als Frau acht Jahre, als Mann elf Jahre von deinem Leben gestohlen. Das haben Armutsforscher festgestellt. Ein großer Teil meiner Patienten, die verstorben sind, ist zu spät zu uns gekommen. Die hatten schwere Krankheiten, die lange Zeit nicht behandelt worden. Sie sind lange nicht zum Arzt gegangen, weil sie nicht versichert waren und die Versicherung nicht bezahlen konnten. Nichtzahler gibt es ungefähr 500.000.

Dabei behandeln viele Hausärzte ihre Patienten umsonst. Die sind da sehr großzügig. Für echte Notfälle. Das sind auch die, die bei uns auftauchen. Keine Blender. Das sind ganz vernünftige Leute, häufig Männer, die sitzen hier und brechen in Tränen aus. Die sagen, ich packe das nicht mehr. ich komme nie mehr raus aus dem Sumpf. Das erzählen sie uns, das dauert oft eine Stunde. Ein Arzt hat siebeneinhalb Minuten Zeit maximal. Bezahlt bekommt er von den Kassen noch weniger.

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Denker behandelt Menschen, ohne Fragen zu stellen. Reden wollen viele Patienten trotzdem. Bild: t-online/privat

Wir haben hier einen ehrenamtlichen Berater, der dabei hilft, wenn Patienten in die Krankenkasse zurückwollen. Doch nur sehr wenige schaffen es, es ist zu kompliziert. Vielleicht 40 bis 50 meiner Patienten. Das sind viel zu wenige! Wir haben ein großes Team von ehrenamtlichen Helfern, meine Frau Christa ist immer dabei, die machen alles ohne Bezahlung. Unsere Ausgaben werden durch Spenden finanziert. Und wir finanzieren alles, so lange es die Spenden hergeben. Wir müssen zum Beispiel davon Medikamente bezahlen, zum vollen Preis mit hohem Mehrwertsteuersatz. Das ärgert mich sehr.

Rettungsschirm gibt es für Banken, nicht für Kranke

Warum gibt es so viele arme Menschen in einem so reichen Land? Das ist die große Frage. Da ist zunächst einmal die Überschuldung. Die beträgt bei einer Familie im Schnitt 35.000 Euro. Die Wege in die Verschuldung sind verschieden. Bei vielen ist es Unkenntnis und mangelnde Vorsorge, die rasseln da rein. Etwa ein Prozent aller Patienten fällt durch das soziale Netz, wahrscheinlich sind es mehr. In einem reichen Land, in einer Wohlfühlphase. Wären diese nicht versicherten Kranken eine Bank, wäre sie längst gerettet worden. Dann hätte man Milliarden locker gemacht, wie bei der HSH Nordbank. Das ist eine große soziale Ungerechtigkeit. Diesen Rettungsschirm gibt es für Banken, nicht für unversicherte Kranke. Und deren Zahl wächst, es rollt eine Monsterwelle der Armut auf uns zu. Wir müssen Deichschutz betreiben, sonst ersaufen wir alle. Wir geben Katastrophenalarm, aber niemand reagiert.

Das Thema Altersarmut hat für mich keine Partei und kein Spitzenpolitiker auf dem Radar. "Deutschland verarmt leise, langsam und beständig" hab ich mal gehört. Das ist richtig. Was man sieht, zum Beispiel Obdachlose, sind nur ein ganz kleiner Teil. Die meiste Armut ist verdeckt und will es auch bleiben. Ich erkenne Armut nicht an der Kleidung, sondern an den fehlenden Zähnen. Dafür fehlt dann das Geld.

Ein Patient von mir ist Franzose und besitzt seit sieben Jahren ein Bistro. Er kann die Krankenversicherung nicht mehr bezahlen, weil sein Laden zu wenig einbringt. Bei Selbstständigen sind die Ursachen für Armut oft schlecht laufende Geschäfte. Besonders Solo-Selbstständige tragen ein hohes Risiko. Die müssen ihre Krankenkassenbeiträge komplett selbst bezahlen.

Der Mann hat Lymphknotenkrebs, der tödlich ist, wenn er nicht behandelt wird. Die Behandlung hätten wir bezahlt, doch er war zum Glück noch in Frankreich versichert. Den habe ich nach Frankreich geschickt, er fährt alle vier Wochen nach Lille und lässt sich da behandeln. In Frankreich besteht die Krankenversicherung weiter, auch wenn er ausgeschieden ist. In Europa gibt es da erhebliche Unterschiede. Durch zunehmende Armut wird der soziale Frieden in Deutschland gestört. Darauf müssen die Gesundheitspolitiker reagieren, damit der Satz von Papst Franziskus nicht wahr wird: "Die himmelschreiende soziale Ungleichheit wird unweigerlich in Gewalt münden." Wir hoffen, dass der Sozialstaat erhalten bleibt.

Hier findest du die Website von "Praxis ohne Grenzen" ud das Spendenkonto. 

Dieser Text ist zuerst auf t-online.de erschienen. 

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