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Darum ist es wichtig, Schmerzen von Frauen ernster zu nehmen

Eine Geschichte ist erstmal nur eine Geschichte. Aber wenn man eine Geschichte öfter hört, dann fängt man sich irgendwann an zu fragen, ob sie nicht mehr ist als nur eine Geschichte. Ob nicht eine Struktur dahintersteckt.

Ein Problem.

Geschichte Nummer 1. Wir sitzen zusammen in der Uni-Bibliothek. Cecille, Yana und ich. In zwei Wochen gehen die Klausuren los. Wir sind gestresst, wir lernen. Yana hat Bauchschmerzen. Yana ist sehr weiß um die Nase. "Geh nach Hause, du siehst gar nicht gut aus," sagt Cecille. "Ne, ich muss lernen," entgegnet Yana. Zwei Stunden später und wir zerren Yana zum Arzt. Der Arzt fragt: "Haben sie ihre Tage?" Und empfiehlt: Ab nach Hause, mit Wärmflasche auf's Sofa.

Einen Tag später ruft mich Cecille an. Yana ist mit dem Notarzt ins Krankenhaus gefahren worden. Blinddarmdurchbruch. Sie musste sofort operiert werden. 

Geschichte Nummer 2. Ein paar Jahre später, ich bin Mitte 20 und ich sitze mit einer Freundin an einem Sommerabend im Park. Mir ist nicht gut. Mir ist wirklich nicht gut. Aber ich bin niemand, der ein Bier schnell hinstellt, also versuche ich meine Schmerzen zu ignorieren und bleibe sitzen. Zwei Stunden später und ich muss nach Hause. 

Die Nacht verbringe ich wach, mit enormen Leibschmerzen. Am nächsten Morgen gehe ich zu einer Ärztin. Die misst meine Körpertemperatur. Ich habe 39 Grad Fieber. Sie weiß auch nicht, sie schickt mich ins Krankenhaus. Dort falle ich in der Notaufnahme vom Stuhl. Ich komme auf eine Liege, und habe 40 Grad Fieber. Ich denke, wow, so beschissen ging es mir noch nie.

Dann kommt ein Arzt, er fährt mit einem Ultraschallgerät über meinen Bauch. Er sagt: "Da ist nichts. Wann waren sie denn das letzte Mal beim Frauenarzt?" 

Er will mich in ein Krankenhaus mit Gynäkologie überweisen. Ich sage: "Ich war gerade erst bei meiner Frauenärztin, ich bin gesund." Der Arzt lässt im Nachbarkrankenhaus anrufen. Ich sage: "Ich weiß, wie sich Schmerzen an der Gebärmutter anfühlen. Aber das fühlt sich ganz anders an." Das andere Krankenhaus könnte mich erst morgen aufnehmen. 

Ich hatte kein gynäkologisches Problem. Ich hatte eine schwere Magen-Infektion. Eine Woche später darf ich das Krankenhaus verlassen.

Zwei Geschichten, zwei unterschiedliche Geschichten, aber zweimal drängt sich eine Frage auf: Werden Schmerzen von Frauen eigentlich ernst genug genommen?

Studien zweifeln das an. Und es beginnt bereits in der Kindheit.

Wissenschaftler*innen der Yale University haben untersucht, wie Testpersonen auf den Schmerz von kleinen Kindern reagieren. Sie haben herausgefunden, dass die Schmerzen von Mädchen weniger ernst genommen werden als die von Jungen. Im Rahmen ihrer kürzlich publizierten Studie wurden 264 Erwachsenen ein Video gezeigt, indem ein Kind leicht in den Finger gepiekst wurde. Das Kind war weder als Junge noch als Mädchen erkennbar. Im Anschluss wurden die Testpersonen gebeten, zu bewerten, wie viel Schmerzen das Kind wohl erfahren hatte. Einer Gruppe wurde dabei gesagt, dass Kind hieße Samantha, der anderen Gruppe, es hieße Samuel.

Das gleiche Kind, unterschiedlicher Schmerz. Als Junge wahrgenommen, bekam es 50.42 Punkte auf der Schmerzskala, als Mädchen wahrgenommen nur 45.9. Und es waren sogar Frauen selbst, die den Schmerz des "Mädchen" am wenigsten ernst nahmen.

Jungen, so scheint hinter dieser Bewertung zu stecken, müssen wohl richtige Schmerzen haben, wenn sie sie äußern. Mädchen hingegen, übertreiben.

Maya Dusenbery hat sich in ihrem Buch "Doing Harm" mit den weitreichenden Auswirkungen beschäftigt, die diese Art von Gender-Stereotypen mit sich bringen. Wie Symptome nicht ernst genommen werden, wie Fehldiagnosen entstehen, wie Schmerzen nicht behandelt werden.

Denn genau darum kreisen diese Probleme, dass schreiben auch die Wissenschaftlerinnen Diane E. Hoffmann und Anita J. Tarzian in ihrer Studie zu dem Thema: "Frauen werden eher nicht so durchgreifend behandelt wie Männer, wenn sie im Erstkontakt mit dem Gesundheitssystem stehen."

Erstkontakt? Klingt etwas abstrakt, wird aber klarer, wenn man Zahlen auflistet: In den USA bekommen Männer im Schnitt nach 49 Minuten Wartezeit in der Notaufnahme ein Schmerzmittel gegen akute Bauchschmerzen. Frauen erst nach 65 Minuten.

Es läuft also etwas grundsätzlich schief. Ungleich und ungerecht. Sogar gefährlich und gesundheitsgefährdend. Hoffmann und Tarzian schreiben: "Im Gesundheitssystem muss diese Ungleichheit berücksichtigt werden, auch der Fokus auf sogenannte objektive Faktoren sollte geändert werden." Damit die Stimmen von Frauen endlich ernster genommen werden. Der Schmerz von Frauen. Und unser Gesundheitssystem nicht nur für diejenigen besonders gut ist, die ein gewisses Geschlecht haben.

Ich habe übrigens noch eine Geschichte, Geschichte Nummer 3. Ich bin vier Jahre alt. Ich habe mir beim Spielen das Schlüsselbein gebrochen. Im Krankenhaus wird mir ein Rucksackverband angelegt; er läuft an meinem Nacken unter meinen Armen vorbei und wird vom Arzt hinter meinem Rücken zusammengebunden. Sehr fest zusammengebunden. Auf dem Weg aus dem Krankenhaus, noch auf dem Flur, fange ich an zu weinen, lauter und lauter. Meine Mutter schaut mich an und geht mit mir zurück.

"Das muss so fest sein", erklärt der Arzt. "Sie stellt sich an."

Meine Mutter fährt mit mir nach Hause. Dort weine ich immer noch. Sie zieht mein T-Shirt hoch und schaut sich den Verband an. Er ist so fest gezogen, dass er mir an der linken Seite ins Fleisch schneidet. Sie lockert den Verband.

Ich behalte eine sechs Zentimeter lange Narbe an meiner Achselhöhle. Die habe ich bis heute.

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