Leben
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Ich bin Witwe – und zum ersten Mal auf einem Date. Es ist der Horror.

Lea ist mit Anfang 30 Witwe geworden. Jetzt beginnt sie wieder mit dem Dating. Folge 3 ihrer Kolumne 

Lea laufer

Ich habe mich bei "Gleichklang" angemeldet, einem Dating-Portal für Menschen in speziellen Lebenssituation und ich fühle mich definitiv in einer speziellen Lebenssituation.

Im vergangenen Frühling ist der Mann gestorben, mit dem ich 14 Jahre meines Lebens verbracht habe. Er war mein erster Sex, meine erste Liebe, mein bester Freund, der Vater meiner Tochter und meines Sohnes.

Und ich musste mich fragen: Ab wann ist es okay, wieder Gefühle zu entwickeln:

Ich habe einen sehr ehrlichen Text auf "Gleichklang" über mich verfasst. Die lange Beziehung, der Status "Witwe", die Kinder, alles auf dem Tisch. Und während ich zweifle, ob ich an dieser Stelle zu viel über mich erzähle, gibt es erste Versuche der Kontaktaufnahme.

Die Männer, die mir schreiben, sind ausnahmslos höflich, interessiert und bedienen alle meine Erwartungen an das ökologisch-motivierte und sozial-engagierte Klientel der Partnerbörse. Nicht, dass das für mich grundsätzliche Qualitätskriterien bei der Männerwahl wären, aber in meiner zugegebenermaßen naiven Vorstellung kann so jemand einfach kein Arschloch sein.

Einer sticht dabei heraus. Er heißt Thomas, ist angehender Lehrer, hat ebenfalls zwei Kinder und nach ein paar Mails stellen wir fest, dass wir überraschend nah beieinander wohnen. Auf seinen undeutlichen Bildern zeigt er sich als Naturbursche und trägt einen langen Bart. 

In meinen Lagebesprechungen mit Freundinnen nenne ich ihn "den Weihnachtsmann".

Wir klappern schriftlich die üblichen Themen ab: Interesse an Film-Genres, Musikrichtungen, Wochenend- und Freizeitgestaltung. Dann Kinder und Kindererziehung, Beziehungserfahrung, Wünsche für die Zukunft.

Er erzählt mir von seinem WG-Leben, vom Containern und wie er aus Euro-Paletten eine komplette Wohnungseinrichtung gebaut hat. Die Konversation ist nett, zuverlässig und wirkt ehrlich. So geht es über mehrere Wochen.

"Schön und gut" sagt mir eine enge Freundin, "aber willst du den auch mal irgendwann treffen?" Wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, weiß ich es nicht genau. Ich bin neugierig, auf der anderen Seite habe ich wahnsinnige Angst.

Es ist schwer, das Menschen verständlich zu machen, für die Dating ein integrierter Teil ihres Lebens ist. Ich habe das Gefühl, die letzten 14 Jahre auf dem Mond verbracht zu haben. Meine Vorstellungen von Dates speisen sich aus den Erzählungen von Freundinnen und dem ausdauernden Konsum von "sex and the City" (die Serie, nicht die Filme!).

Vor der realen Erfahrung habe ich Angst. Nicht, weil ich befürchte, dass ein Mann mich in eine unangenehme Situation bringen könnte. Eher, weil ich überhaupt nicht weiß, wie ich mich verhalten soll. Weil ich nicht einschätzen kann, wie es mir damit gehen wird.

An einem Wochenende knapp drei Wochen nach unserer ersten Kontaktaufnahme organisiere ich eine Auswärts-Übernachtung für meine Kinder und verabrede mich mit Thomas fürs Kino. Er bietet an, mich mit dem Fahrrad abzuholen. Eine halbe Stunde bevor er kommt ziehe ich mich zum dritten Mal um (Klassiker), 10 Minuten vorher entscheide ich mich, noch schnell ein Glas Wein zu trinken.

Eine Freundin fragt nach einem Selfie und bestätigt, dass ich super aussehe, als Thomas klingelt. Wir begrüßen uns mit einer Umarmung und ich fühle mich direkt unwohl. 

Er sieht anders aus als auf seinen Bildern

Der Bart, von dem ich von Anfang nicht wusste, ob ich ihn mag oder nicht, ist deutlich länger und ungepflegter als angenommen, der Bauch dicker. Ok, auch er hat vorteilhafte Fotos von sich ausgesucht, das kann man ihm nicht zum Vorwurf machen.

Wir setzen uns auf die Räder und führen während der Fahrt eine gezwungen lockere Unterhaltung. Im Kino angekommen bietet er mir selbstgedörrtes Obst aus einer Mehrzweckdose an. Auch das ist ok, ja, nett sogar. Aber alles riecht ein bißchen muffig und ich fühle mich komisch mit der erzwungenen Nähe des Kino-Doppelsitzes.

Nach dem Film gehen wir spazieren und kurzzeitig hoffe ich, dass es nun lockerer wird. Aber er redet in einem wahnsinnigen Tempo und wirkt unglaublich viel steifer als in seinen Emails. Es ist nicht so sehr, was er sagt, sondern wie er es sagt.

Jede seiner Bewegungen hat etwas aufgesetztes, comedianhaftes. Wir machen in einer Bar halt. Er redet und ich kann seine Lippen wegen des Vollbarts kaum sehen, nach jedem Schluck wischt er sich mit der überzogenen Gestik einer Cartoonfigur den Bierschaum aus dem Bart.

Ich weiß, dass ich ihn niemals küssen möchte.

Irgendwann traue ich mich, die Verabschiedung einzuleiten. Thomas sagt, er freue sich auf ein Wiedersehen. Zu Hause angekommen schreibe ich ihm eine nette, aber klare Absage zu weiteren Treffen und falle ins Bett, vollkommen verwirrt und unsicherer als je zuvor.

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