Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Bild

Quelle: watson.ch

Süchtig nach dem Klick – wie die Onlinesucht Timon in die Klinik trieb

Zocken bis vier Uhr morgens. Ein, zwei Stunden Schlaf, dann direkt zur Arbeit. So sah Timons Alltag Anfang 2018 aus. Bis der 20-Jährige seine Lehrstelle verlor. Seit vier Monaten ist er in der psychiatrischen Klinik für Verhaltenssüchte in Basel. watson hat ihn besucht. 

Helene Obrist / watson.ch

Im Juni 2018 klassifiziert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Computerspielsucht als eigene Krankheit. Da ist es für Timon* aber bereits zu spät. Nach drei Jahren Ausbildung wirft ihn der Lehrbetrieb raus.

Der junge Mann fehlte zu viel. Kam oft zu spät, war unkonzentriert. Nach der Kündigung sitzt er Zuhause und starrt auf den Bildschirm – Stunde um Stunde. Er spielt "Rainbow Six Siege", ein Ego-Shootergame, bis in die Morgenstunden. Essen, Arbeiten, soziale Kontakte – für den heute 20-Jährigen belanglos. 

Alles was zählt, ist das Spiel. Das Glücksgefühl nach einem erfolgreichen Schachzug. Der Kick, wenn der Gegner besiegt ist.

Timon verliert die Kontrolle. 

Im Oktober 2018 kommt er nach Basel. Die Abteilung für Verhaltenssüchte der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) ist jetzt sein Zuhause. Timon ist schweizweit einer der ersten, der stationär wegen einer Verhaltenssucht behandelt wird. Lange Zeit gab es für Internet-, Glücksspiel- oder Sexsucht nur ambulante Therapien. "Zehn bis 20 Prozent davon bräuchten aber eine stationäre Behandlung", erklärte Gerhard Wiesbeck, Zentrumsleiter für Abhängkeitserkrankungen der UPK, vor einem Jahr. Damals, als die Abteilung für Verhaltenssüchte geschaffen wurde. 

Ein Glück für Timon. Anders hätte er es wohl nicht geschafft. Die Worte des jungen Mannes kommen zögernd über seine Lippen. Er erzählt scheu von den letzten vier Monaten in der Klinik. Er sieht jünger aus, als er ist. Dunkles, dichtes Haar, braune Augen, eine markante schwarze Brille auf der Nase. Die Hände knubbeln nervös am grau verwaschenen Pullover, während er mit der watson-Reporterin spricht. 

Bild

Ausschnitt aus dem Spiel Rainbow Six Siege. bild: screenshot/youtube.com

Der Übergang von problematischen Verhalten und Sucht ist fließend. Gerhard Wiesbeck, ärztlicher Zentrumsleiter für Abhängigkeitserkrankungen an der UPK, formuliert es so: "Wenn der Konsum überbordet, dabei die Kontrolle verloren geht und die Person sich und anderen körperlichen, psychischen oder finanziellen Schaden zufügt, dann sind Merkmale einer Sucht gegeben."

In Timons Augen war das Online-Gamen lange kein Problem. "Ich wusste, etwas ging schief in meinem Leben, ich habe es aber nicht mit dem Gamen in Verbindung gebracht", erzählt er zögernd. "Das Spielen war das einzig Gute, das ich noch hatte."

Im Sommer 2018 versucht Timon es noch mit einem Ferienjob. Eine neue Lehre findet er nicht. Zocken bestimmt jetzt Timons Alltag. Er beschreibt es so:

"Es war ein Hochgefühl, eine ganz eigene Welt, die ich mir kreierte. Es hat sich gut angefühlt."

Die alleinerziehende Mutter ist ratlos. Ihr Sohn reagiert aggressiv, wenn sie mit ihm reden will. Sie droht ihm mit dem Rausschmiss. Und schaltet die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB), die Hausärztin und einen Sozialpädagogen ein. Das dringt zu Timon durch. Er ist bereit zu reden.

Im Herbst 2018 sieht auch Timon ein, dass es nicht mehr geht. Er lässt sich nach Basel in die Klinik einweisen. Seit vier Monaten ist er nun da. Harrt im Gebäude E auf dem Campus der UPK aus. Kocht, isst und verbringt Zeit mit elf anderen Bewohnern, deren Leben die Sucht zerriss. Die Gänge erinnern an ein Krankenhaus. Die Wände kahl, die Böden blitzsauber.

Betten hat es für zwölf Personen. Doch es könnten noch mehr sein. Die Warteliste ist lang. Bezahlt wird die stationäre Behandlung von der obligatorischen Grundversicherung der Krankenkassen. Für viele ist die UPK die letzte Chance auf ein geregeltes Leben, wenn alle Stricke reissen. Ursprünglich geplant war ein Aufenthalt von sechs Wochen. Doch das reicht bei Weitem nicht. "Die meisten bleiben länger", erklärt eine Pflegefachfrau.

Zurück zu Timon. "Die ersten drei Wochen waren hart", erinnert er sich. Kalter Entzug – kein Handy, kein Computer, kein Ego-Shooter. Dafür Gruppen- und Einzelgespräche, Musik- und Gestaltungstherapien. Timons rechte Hand schmerzt – von den abertausenden Mausklicks. Plötzlich sind da so viel leere Stunden, die es zu füllen gilt. Für Timon ist das schwierig. Er weiss nicht mehr wie es ist, sich mit etwas anderem als dem Gamen zu beschäftigen.

Nach einigen Wochen kann er am Wochenende seine Familie in der Ostschweiz besuchen. Timon freut sich. Die Gespräche mit Mutter und Schwester sind erleichternd. Er fühlt sich gut. So gut wie schon lange nicht mehr. Abstinent sein will er aber nicht. In seinem Zimmer wartet der Computer. Timon stellt einen Timer. Vier Stunden pro Tag – das ist das Maximum, das er sich täglich erlaubt. "Ich werde nie mit dem Gamen aufhören." Einen normalen Umgang finden, sei das Ziel, sagt Timon.

Bild

Neben Online- und Handysucht werden in der Abteilung für Verhaltenssüchte in Basel auch Spiel- und Kaufsucht behandelt. Bild: imago stock&people

Ein scheues Lächeln. Timon hat Angst. Anfang Februar soll er die Klinik verlassen. Vier Monate hat er gebraucht, um Herr über seine Sucht zu werden. Vier mühselige, klinische Monate. Jeden Tag vor acht Uhr aufstehen. Am Wochenende einmal quer durch die Schweiz reisen, zurück zu seiner Familie. Seine intimsten Gedanken mit fremden Menschen teilen. Für Timon eine anstrengende Zeit.

"Ende Februar ziehe ich in eine betreute WG", sagt er hoffnungsvoll. Dort will Timon sein Leben wieder in den Griff kriegen. Bis im Sommer eine neue Lehre beginnen. Andere Hobbys finden. Unihockey macht ihm Spaß. Am Wochenende trifft er sich manchmal mit einem alten Schulfreund. "Nächste Woche wollen wir uns zum Schlitteln treffen", verkündet Timon aufgekratzt. 

Wovor er sich fürchtet? Vor dem Scheitern. "Davor, für mich selbst zu sorgen, mir selbst einen strukturierten Tagesablauf zurechtzulegen." Freuen ja, das würde er sich auch. Besonders auf die WG. Raus aus dem Gebäude E. Rein in ein eigenes Leben, mit eigenem Zimmer. 

Ein scheues Lächeln. Timon hat Angst. Anfang Februar soll er die Klinik verlassen. Vier Monate hat er gebraucht, um Herr über seine Sucht zu werden.

Timon verschwindet in seinem Zimmer. Er holt seine Jacke für ein letztes Foto im Hof. Die Pflegefachfrau, die das Gespräch begleitete, sieht nachdenklich auf die Stelle, wo Timon eben noch sass. Dann blickt sie auf und sagt stolz: "Er hat unglaubliche Fortschritte gemacht. Als er im Oktober ankam, sprach er kaum ein Wort."

Timon ist zurück, eingepackt in eine dicke schwarze Jacke. Er geht für das Foto ein paar Schritte in der eisigen Kälte. Kehrt um und verabschiedet sich. Sein Blick ist wach. Ehrgeiz hat er genug, um es zu schaffen.

*Name von der Redaktion geändert

Kann eine Vagina "zu weit" sein?

abspielen

Video: watson/Gunda Windmüller, Lia Haubner

Das könnte dich auch interessieren:

WLAN auf dem Mars? Bibis Beauty Palace liefert TV-Blamage für die Ewigkeit

Link zum Artikel

Boris Palmers verwirrender Berlin-Besuch: Im "Drogen-Park" wird es besonders bizarr

Link zum Artikel

Neue WhatsApp-Sicherheitsfunktion ist gar nicht so sicher ...

Link zum Artikel

1860 München hat offenbar ein Anti-Ismaik-Banner auf der Homepage zensiert

Link zum Artikel

Diese Schönheitskönigin will bei Olympia 2020 eine Medaille holen – im Gewichtheben

Link zum Artikel

6 Fotografen für "World Press Photo" nominiert: Hinter jedem Bild steckt eine starke Story

Link zum Artikel

Der neue Pixar-Kurzfilm ist da – und nimmt sich wieder einem ernsten Thema an

Link zum Artikel

Hauptsache weiterhin männlich – die verzweifelte Suche der Kirche nach Priestern

Link zum Artikel

"Wenn's dir gefällt, mach es einfach" – wieso Alexander in die sibirische Kälte zog

Link zum Artikel

Nach rassistischem Pullover – Rapper nehmen Entschuldigung von Gucci nicht an

Link zum Artikel

"Aber so ist es halt grad" – wir haben 3 Obdachlose an ihre Schlafplätze begleitet

Link zum Artikel

9 Promis, die gerne (un)heimlich im Foto-Hintergrund rumlungern

Link zum Artikel

Ja, ich gestehe, ich habe Modern Talking gehört

Link zum Artikel

Teste den Sound von DOCKIN und sag uns deine Meinung!

Link zum Artikel

Netflix macht's einfach selbst – und will 3 Filme mit deutschen Stars drehen

Link zum Artikel

Das Wunder von Montana: Gefrorene Katze Fluffy wurde aufgetaut und überlebt

Link zum Artikel

Wenn du deinen Job auch so im Griff hast wie diese 17 Menschen, darfst du heute früher heim

Link zum Artikel

Rechtsextremismusverdacht: Bundeswehr suspendiert offenbar Elitesoldaten

Link zum Artikel

Stelle dich unserem ultimativen GNTM-Quiz für Superfans!

Link zum Artikel

Spieler selbst aufstellen – dieser Verein ist der Traum jedes FIFA-Fans

Link zum Artikel

Kartellamt schränkt Facebook beim Datensammeln ein

Link zum Artikel

Kartellamt verpasst Facebook blaues Auge – muss Zuckerberg das Datensammeln einstellen?

Link zum Artikel

"Weißbier trinken und die Klappe halten" – Assauers 14 ikonischste Zitate

Link zum Artikel

Real gratuliert Ronaldo nicht zum Geburtstag – und die CR7-Fans sind empört

Link zum Artikel

Jetzt erkennen die Briten langsam den Brexit-Irrsinn – Panik kommt auf

Link zum Artikel

Jodel: Auf einer Party rast sie aufs Klo – und merkt zu spät, dass es gar keins war...

Link zum Artikel

Weil 5 Pfarrer Geflüchteten halfen, wurden nun ihre Häuser durchsucht

Link zum Artikel

Die Karriere von Rudi Assauer in 15 bewegenden Bildern

Link zum Artikel

Suche nach Fußballer Sala –  Erste Leiche aus Flugzeugwrack geborgen

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

DJ Marshmello spielt am Samstag live in Fortnite – so findet ihr das Konzert

Wenn ihr mal zwischendurch genug vom Ballern haben solltet, könnt ihr euch heute Abend vom Flugzeug auch mal über einem Konzert abwerfen lassen.

Bei Fortnite findet am Samstag (2. Februar) zum ersten Mal ein echtes Ingame-Konzert statt. Ab 20 Uhr deutscher Zeit könnt ihr einen Gig des US-amerikanischen Musikers DJ Marshmello ansehen. Im Spiel und auf einer virtuellen Bühne.

Der Künstler ist gerade auf Tour und ja bekanntlich selbst großer Fortnite-Fan, weswegen er auch im Game auftreten wird. …

Artikel lesen
Link zum Artikel