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Die 34-jährige Jasmin will ihr Schweigen brechen und spricht über das Leben mit drogensüchtigen Eltern Bild: watson

"Der Drogenkonsum war nicht das Schlimmste" – Jasmin über ihr Leben bei süchtigen Eltern

Der Kinohit "Platzspitzbaby" rückt Kinder von suchtkranken Eltern in den Fokus. Auch die 34-jährige Jasmin ist bei drogensüchtigen Eltern aufgewachsen. Nun will sie das erste Mal über ihr Leben erzählen.

Jara Helmi / watson.ch

Der Schweizer Film "Platzspitzbaby" füllt seit Wochen die Kinosäle in unserem Nachbarland. Der Film erzählt unter anderem von der Kindheit von Michelle Halbheer, die in den 90er-Jahren bei einer drogensüchtigen Mutter aufgewachsen ist. Auch Jahre nach der Veröffentlichung ihres Buches sind die Zuschauer noch geschockt und empört: Wie konnten die Behörden so lange zuschauen und nicht eingreifen?

Das Schicksal von Halbheer ist kein Einzelfall. Studien zeigen, dass allein in Deutschland mehr als 3 Millionen Kinder und Jugendliche – vermutlich deutlich mehr – mindestens einen suchtkranken Elternteil haben.

So wie die 34-jährige Jasmin. Sie sitzt in einem Café in Zürich, trägt längeres blondes Haar und einen gelben Pulli. "Als ich 16 Jahre alt war, lag ich zusammen mit Michelle Halbheer im selben Krankenhauszimmer", beginnt Jasmin zu erzählen. Ihre Eltern konsumierten Heroin und andere Drogen.

Jasmin hat zunächst verschwiegen, dass ihre Eltern drogensüchtig sind

"Wir haben uns sofort gut verstanden", fährt sie fort. Sie wusste, dass die damals 16-jährige Michelle bei einer Pflegefamilie lebt und diese wiederum wusste, dass Jasmin im Heim wohnt. "Wir haben uns aber beide verschwiegen, dass unsere Eltern drogensüchtig sind. Ich dachte, wir könnten dann keine Freundinnen mehr sein."

Nach dem Krankenhausaufenthalt schrieben sich die beiden Briefe. "Als Michelle mich fragte, was es denn sei, das ich ihr partout nicht erzählen wolle, blockte ich ab." 2013 veröffentlichte Halbheer ihre Autobiografie, erst dann erfuhr Jasmin, dass sie beide fast dasselbe Schicksal teilen. "Meine Geschichte mit Michelle zeigt, wie sehr sich Kinder von süchtigen Eltern davor fürchten, über das Tabuthema zu reden." Nun will auch Jasmin ihr Schweigen brechen und das erste Mal über ihre Geschichte sprechen.

Von der "normalen" Familie in die Drogen

Diese beginnt bereits vor ihrer Geburt. Denn ihre Eltern kamen schon früh in Berührung mit Drogen. Als ihre Mutter mit 19 Jahren schwanger wird, hört sie komplett auf – auch der Vater von Jasmin. So wird sie in eine "ganz normale" Familie geboren mit "super Eltern". "Ich erinnere mich an Weihnachten, als ich drei Jahre alt war. Ich wollte unbedingt einen eigenen Christbaum. Mein Papi hat mir dann einen Tannenzweig abgeschnitten und ließ mich ihn schmücken. Es war wirklich so eine liebevolle Beziehung."

"Meine kleine Schwester war den ganzen Tag in denselben Windeln und ich kam immer zu spät in den Kindergarten"

Auch später sind ihre Eltern fürsorglich, nur eben anders. Denn als Jasmin fünf Jahre alt war, beginnen ihre Eltern, Heroin zu konsumieren. Ihr Vater geht weiterhin auf dem Bau arbeiten. Ihre Mutter hingegen driftet weiter ab. "Meine kleine Schwester war den ganzen Tag in denselben Windeln und ich kam immer zu spät in den Kindergarten."

Die Großmutter von Jasmin macht kurz daraufhin eine Gefährdungsmeldung. Obwohl ihr Vater für die Kinder sorgen will, ist dies nicht möglich. "Damals gab es noch fast keine Therapieeinrichtungen für Drogensüchtige. Und einem alleinerziehenden Vater gab man die Kinder sowieso nicht." Deshalb kommen Jasmin und ihre Schwestern ins Kinderheim und erleben ihre "schlimmste Zeit", wie es die 34-Jährige heute erzählt.

Im Heim wartet die Gewalt

Für die damals Sechsjährige bricht eine Welt zusammen. Sie wird aus der Familie gerissen und kann nicht verstehen, warum sie nicht bei ihren Eltern leben kann. Im Heim wird sie von einzelnen Betreuern geschlagen, bestraft und schikaniert. Das kleine Kind bekommt wenig Zuneigung, wenig liebe Worte, keine Umarmung. "Ich litt sehr. Ich hatte schon so früh einen riesigen seelischen Schmerz und ging fast kaputt", erzählt Jasmin. Doch anvertrauen kann sie sich niemandem. Ihre ältere Schwester ist ihre einzige Bezugsperson, doch auch diese soll ihr nicht erhalten bleiben, denn sie wird kurze Zeit später umplatziert.

Zu ihren Eltern darf sie jedes zweite Wochenende, sie leben inzwischen getrennt, nehmen beide aber noch Drogen. Sie freut sich jedes Mal, sie zu sehen. Ob Ausflüge an den See oder auf die Skipiste – sie verbringt auch immer wieder unbeschwerte Zeiten mit ihren Eltern. "Von ihnen bekam ich die Liebe, die ich so fest brauchte." Aber die Umstände im Haus sind nicht immer kindergerecht.

An gewissen Wochenenden sieht sie ihre Eltern konsumieren und bei ihrer Mutter ist das Geld und deshalb auch das Essen immer knapp; sie gibt alles für die Drogen aus. "Wir mussten auf die Straße betteln gehen oder ihr unser Taschengeld leihen." Nicht selten nimmt ihre Mutter sie auf die Gasse mit, die Mutter mit der Bierdose, die Kinder mit der Cola-Flasche in der Hand.

"Am schlimmsten waren die Versprechungen, die nicht gehalten wurden"

Es sind jedoch nicht diese Zustände, unter denen die kleine Jasmin litt. "Am schlimmsten waren die Versprechungen, die nicht gehalten wurden." Obwohl die Mutter versichert, Zeit mit ihnen zu verbringen, lässt sie die Kinder alleine zuhause und kommt ab und an zugedröhnt zurück. "Ich konnte es nicht ausstehen, wenn sie so verladen war."

Trotzdem will das Jasmin ihren Eltern nicht übel nehmen. "Sie haben das Beste getan, was sie konnten. Sie haben an mich geglaubt und mir beigebracht, mir selber treu zu bleiben. 'Wenn es dir schlecht geht, denk an etwas Schönes', das hat mir mein Vater selbst in seinen zugedröhntesten Momenten gesagt."

"Ich hatte Schuldgefühle, weil meine Eltern mir mal sagten, dass sie immer weinen müssen, wenn sie sich die leeren Kinderbettchen anschauen"

Dennoch fühlt sich Jasmin dauernd für ihre Eltern verantwortlich. Im Heim denkt sie ständig an sie und fragt sich, ob es ihnen gut geht. Wenn sie sich länger nicht melden, macht sie sich Sorgen. "Ich hatte zudem Schuldgefühle, weil meine Eltern mir mal sagten, dass sie immer weinen müssen, wenn sie sich die leeren Kinderbettchen anschauen. Das hat mich sehr geprägt."

Was sie am Wochenende bei ihren Eltern erlebt und wie sie im Heim Gewalt erfährt, will Jasmin niemandem erzählen. "Ich konnte meinen Eltern nicht sagen, wie schlimm es im Heim war, sonst hätten sie sich schlecht gefühlt. Gleichzeitig wollte ich im Heim nicht über die Zustände zuhause sprechen, sonst hätten sie mir nicht mehr erlaubt, nach Hause zu gehen."

Nach der Mutter folgt die Schwester

Obwohl sie in den letzten Jahren mit den anderen Jugendlichen zusammenhält und bessere Zeiten erlebt, zählt Jasmin die Tage und kann es nicht erwarten, endlich auszuziehen. Sie rebelliert, verschanzt sich; kaum will eine Betreuungsperson in ihr Zimmer kommen, wirft sie Dinge nach ihnen. "Ich war wütend und wollte ihnen nichts erzählen. Ich dachte mir: 'Ihr habt gut reden, ihr könnt Feierabend machen und alles hinter euch lassen. Das ist mein Leben und es hört nicht einfach auf.'"

Mit 16 Jahren zieht sie in eine begleitete Wohngemeinschaft ein, just zwei Blöcke neben ihrer Mutter. Sie hofft, dass nun alles vorbei ist. Doch es kommt wieder anders. Als Jasmin 18 Jahre alt ist, wird ihre Mutter nochmal von einem anderen Mann schwanger. Jasmin fühlt sich erneut für ihre Mutter verantwortlich und kann nicht loslassen.

"Ich wollte nicht glauben, dass ich meine Schwester an die Drogen verliere"

Das Familiendrama erreicht kurze Zeit später seinen Tiefpunkt. Ihre ältere Schwester konsumiert erste Male Heroin und wird süchtig. "Ich wollte nicht glauben, dass ich wieder jemand aus der Familie an die Drogen verliere und habe alles dafür gegeben, dass sie davon wegkommt." Also nimmt Jasmin ihre Schwester für den Entzug zu sich. Später nimmt die Mutter die älteste Tochter zu sich und versucht, nach ihr zu schauen. Stattdessen konsumieren die beiden gemeinsam und stürzen weiter ab. Bis heute ist ihre Schwester drogenabhängig.

Jasmin hat selber nichts mit Drogen am Hut. "Als ich zwölf war, habe ich die Wohnung meiner Mutter geputzt, weil es mich geekelt hat. Dabei bin ich auf das Drogenkästchen meiner Mutter gestoßen. Dann überlegte ich mir, ob ich es mal probieren soll. Ich hatte dann aber so Panik, weil wusste: Wenn ich es anfasse, ist niemand mehr für meine Familie da."

Auch als Erwachsene hört es nicht auf

Außerdem will Jasmin nicht denselben Fehler machen, wie ihre Eltern. "Das ist meine Geschichte, ich kann sie ändern. Wenn ich Drogen nehme, lebe ich die Geschichte meiner Eltern weiter." Sie will beweisen, dass sie es schafft, auch wenn es Leute gibt, die sagen, dass es die Heimkinder zu nichts bringen. Also macht sie eine Lehre und arbeitet mittlerweile selbstständig auf dem Beruf.

Dass die Belastung durch die suchtkranken Eltern auch im Erwachsenenalter nicht aufhört, weiß Jasmin heute. Ihr Vater ist zwar seit 22 Jahren clean, und zu ihm pflegt sie ein gutes Verhältnis. Ihre Mutter hingegen ist immer noch drogenabhängig. In der Beziehung mit ihr hat Jasmin längst die Mutterrolle übernommen.

"Ich will trotz allem für meine Mutter da sein und gebe sie nicht auf"

Nachdem sie vor sechs Jahren eine Gefährdungsmeldung wegen ihrer kleinen Schwester eingeben musste, brach sie den Kontakt zur Mutter komplett ab. Bis vor einem Jahr, als sie eines Tages einem schlechten Bauchgefühl gefolgt ist und die Mutter in einem bedenklichen Zustand vorfand und sich um sie kümmerte. "Ich will trotz allem für sie da sein und gebe sie nicht auf." Als Kind hat sie sich pausenlos verantwortlich gefühlt und ihre Bedürfnisse hinten angestellt. Heute weiß sie, dass sie sich abgrenzen und kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn es ihr gut geht, auch wenn ihre Mutter leidet.

Jasmin will nun Kindern helfen, die ebenfalls mit drogensüchtigen Eltern aufwachsen

Diese Erkenntnis und ihre Erfahrungen will sie den jetzigen Kindern von süchtigen Eltern weitergeben. Statt mit dem Finger auf die Behörden zu zeigen, will sie gemeinsam mit ihnen etwas verbessern. "Es gibt noch heute zu wenige Angebote für diese Kinder. Ich würde gerne eine Anlaufstelle initiieren, wo sie anonym über ihre Probleme sprechen können oder sich mit Älteren, die dasselbe erlebt haben, austauschen können."

"Rückblickend weiß ich nicht, wo meine Kindheit schlimmer gewesen wäre, im Heim oder bei meinen drogensüchtigen Eltern"

Jasmin wird oft gefragt, was das Richtige wäre für die Betroffenen. Darauf antwortet sie: "Wir müssen davon wegkommen, dass es nur einen richtigen Weg gibt. Jeder Fall ist individuell, schließlich geht es darum, herauszufinden, was dem Kind gut tut." Für sie war es traumatisierend, dass sie so früh aus der Familie gerissen wurde und im Heim Gewalt erlebte. Sie hätte stattdessen Vertrauen, Liebe und Sicherheit benötigt. "Rückblickend weiß ich nicht, wo meine Kindheit schlimmer gewesen wäre, im Heim oder bei meinen drogensüchtigen Eltern. Eine Platzierung muss immer gut überdacht werden. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass es Fälle gibt, wo sofort eingegriffen werden muss."

Das zeigt auch der Film "Platzspitzbaby": Das Kind kämpft unerbittlich dafür, dass ihre Mutter clean wird und verlässt sie dann. Auch Jasmin hat sich den Film angeschaut. "Das erste Mal ging er emotional völlig an mir vorbei. Ich habe nur beobachtet, was bei mir nicht so schlimm war und habe gewisse Dinge schöngeredet. Als ich ihn ein zweites Mal anschaute, ging er mir näher. Es gab aber auch Szenen, die ich detaillierter dargestellt hätte: Wie der zu saubere Boden oder der Unterarm der Schauspielerin, der nicht zerstochen war."

Dennoch ist sie froh, dass Halbheer den Stein ins Rollen gebracht hat. "Ich will mit meiner Geschichte anderen Kindern und Jugendlichen Mut machen. Mein Schicksal hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin und dafür bin ich dankbar."

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