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"Die Nutzer sind dabei jetzt schon das Bauernopfer." Schlecky Silberstein über den Kampf der Konzerne im Netz. Bild: iStockphoto

"Stiller Krieg" im Internet – davor warnt Schlecky Silberstein

Jovin barrer

Schlecky Silberstein ist ein peinlicher Name. Peinliche Dinge funktionieren im Internet. Das weiß Christian Brandes nur zu gut. Denn er ist der Kopf hinter der Internetidentität mit dem lustigen Namen: Schlecky Silberstein. 

So heißt der Blog, den Brandes seit 2010 führt. Darauf versammelt sind kurios-peinliche Fundstücke aus dem WWW. Der Slogan: "Die Jogginghose für den Kopf."

Christian Brandes' Job ist es nun schon seit acht Jahren, das Internet nach stimmungsvollen Hühnerporträts und den neusten Meme-Trends abzusuchen. Seit zwei Jahren wird er zudem von ARD und ZDF dafür bezahlt, dass er die Welt mit grandios lustigen YouTube-Videos versorgt.

Es entstanden Produktionen wie "Masters of Germany Action-Figuren", "Der Outfluencer" oder "Rettet die Arier!".

Nun will ausgerechnet der Mann, der dank den absurden Charakterzügen unseres heiß geliebten Internetz' zur digitalen Berühmtheit wurde, das Internet komplett abschaffen. Das ist sein Ernst.

Er hat sogar ein 300-seitiges Buch mit dem Titel "Das Internet muss weg – eine Abrechnung" geschrieben. Wir haben ihn gefragt wieso.

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Das ist Christian Brandes aka Schlecky Silberstein. Bild: dpa

Herr Brandes, Sie wollen das Internet abschalten?
Eigentlich schon.

Aber… ?
Das geht leider nicht. Wir haben uns bereits zu abhängig von der Maschine gemacht. Die Nahrungsversorgung, die Stromversorgung und auch die Wasserversorgung würde bei einem Blackout sofort zum Erliegen kommen und wir würden binnen einer Werkwoche die komplette Zivilisation auf Null setzen. Eigentlich hätte der Titel des Buchs lauten müssen: Ich wünschte mir, wir hätten das Internet nie erfunden.

Das Internet war doch immer lieb zu Ihnen? Sie haben als Blogger der ersten Stunde bestimmt mächtig Kohle aus dem Netz geholt?
Ja, hab ich. Ich war mal verliebt ins Internet. Als es quasi noch "indie" war – um mal bei der Musik zu bleiben. Aber mit dem Siegeszug von Social Media haben Konzerne wie Facebook und Google im Prinzip das Internet übernommen und durchkommerzialisiert. Zur Stunde glauben wir, unserem freien Willen zu folgen, in Wirklichkeit sind wir Teil einer Menschen-Plantage und folgen klug konzipierten Interaktionsanreizen, damit für Facebook und Google Daten entstehen. Und Daten sind momentan das wertvollste handelbare Gut der Welt.

"Im Wesentlichen teilen die drei das Internet unter sich auf."

Christian Brandes

Jetzt sind Sie aber pessimistisch.
Es ist mein Ernst.

Dann sind Sie also so eine Art Komplize. Ich klicke gerne auf Ihre Satire-Videos, in denen Sie Action-Merkel vorstellen oder das "Outfluencen" erklären. Sind das etwa Auftragsarbeiten aus dem Silicon Valley?
Klar bin ich Komplize. Sie auch. Die Leserinnen und Leser ebenfalls. Und gleichzeitig sind wir alle Nutzer. Die Sache ist kompliziert. Es ist eine wunderschöne Sache, Kunst übers Netz zu verbreiten oder online eine Debatte anzuregen. Angenommen ein paar Leute werden diesen Artikel hier teilen; dann hat Facebook zwar ein paar Daten gesammelt, aber hunderte Leute haben etwas über Daten-Kapitalismus gelernt.

Dieses Interview ist also für Ihre Revolutions-Gelüste unproblematisch?
So ist es.

In Ihrem Buch steht, das Internet ist Schuld an der steigenden Zahl von Depressions-Erkrankungen, an Massenstress und dem Rückkehr des Nationalismus .
Im Silicon Valley gab es im letzten Jahr eine bemerkenswerte Aussteiger-Welle von Menschen, die wissen, dass besagte Daten auf dreckigstem Wege abgeschöpft werden. Es geht dabei um das so genannte Addictive Design.

"Wir arbeiten weniger denn je und sind so gestresst wie nie zuvor! "

Christian Brandes

Was ist das genau?
Das menschliche Hirn ist gar nicht so raffiniert, wie man denken könnte. Zumindest wenn es um Glücksgefühle geht. Da gibt's im Hirn nur zwei Zustände: Dopamin oder kein Dopamin. Wenn wir ein Risiko eingehen, schüttet das im Gehirn ziemlich viel Dopamin aus. Zum Beispiel bei einem Glücksspiel. Ungewissheit macht glücklich – es würde keinen Spaß machen an einem einarmigen Banditen zu sitzen, wenn wir jedes Mal gewinnen. Das verleidet einem schnell. Aber wenn nur ab und zu was rausspringt, finden wir das unglaublich geil. Und werden süchtig.

Sie wollen also sagen, Likes sind sowas wie Pokerchips.
Genau. Sie bilden zusammen mit jeder WhatsApp-Nachricht, jedem Kommentar und Share die Gewinne, die wir aus dem Internet ziehen. Das Leute nervös werden, wenn ihr Smartphone-Akku unter 20 Prozent sinkt, ist daher selbsterklärend.

Und was wäre dann der Einsatz, den wir leisten, um ab und zu elektronisch geherzt zu werden?
Daten. Informationen über uns selber. Selfies, Sprachnachrichten, Verweildauer, Klicks und so weiter. Die machen alles zu Geld.

Wer sind "die"?
Google, Facebook und Amazon sind momentan diejenigen, die über ihre Datensätze so viel Einfluss ausüben, dass man sagen kann: Im Wesentlichen teilen die drei das Internet unter sich auf. 

Wie teilen die das auf?
Gar nicht. Das ist ein stiller Krieg. Dieser Internet-Konkurrenzkampf ist vergleichbar mit dem Space Race zwischen der Sowjet Union und den USA in den 1950er-Jahren. Er führt zwangsweise zu einem historischen Dilemma: Dieses Wettrennen, beziehungsweise dieser Daten-Goldrausch kennt langfristig nur einen Gewinner. Deshalb sind diese Konzerne gezwungen, so aggressiv wie möglich vorzugehen, sonst riskieren sie ihre eigene Zukunft. Die Nutzer sind dabei jetzt schon das Bauernopfer.

"In der Folge bekommt jeder User tendenziell nur noch Inhalte angezeigt, denen er zustimmt, weil dadurch die Interaktionsbereitschaft wächst."

Christian Brandes.

Und aus Daten der Bauern wird dann eben wieder Geld?
Richtig.

Wie?
Ganz einfach: Sie werden verkauft. Der Datenhandel ist eine 220-Milliarden-Dollar-Industrie. Und wir kennen keinen einzigen Namen der großen Player. Zum Beispiel die Firma "Acxiom". Die dealen mit Unmengen von Daten; das ist ein Unternehmen, das in die Größenrichtung von Coca-Cola zusteuert. Dass solche Unternehmen fast niemand kennt, ist ein Zeichen, dass da etwas Dubioses im Gange ist.

Um Daten zu kriegen, braucht es Interaktion und der Algorithmus sorgt dafür, dass sich die Interaktionen maximieren.
Mhm.

Aber wie genau funktionieren diese Algorithmen. Können Sie ein Beispiel machen?
Das verständlichste Beispiel ist der Algorithmus, der als Kollateralschaden sogenannte "Filterblasen" entstehen lässt. Hier bekommt der User einen maßgeschneiderten Newsfeed, der alles filtert, was für den User nicht relevant ist. Denn mit irrelevanten Inhalten wird nicht interagiert und es entstehen keine Daten. Das mögen die Netzoligarchen überhaupt nicht. Im Umkehrschluss hat der Filter-Algorithmus die Zielfunktion die Wahrscheinlichkeit auf Interaktion so hoch wie möglich zu halten.  

Macht Sinn.
Grässlicherweise ja. In der Folge bekommt jeder User tendenziell nur noch Inhalte angezeigt, denen er zustimmt, weil dadurch die Interaktionsbereitschaft wächst. Für eine reflektierte Meinungsbildung ist das natürlich Gift. Aber in sozialen Medien zählt nicht die Information, sondern ausschließlich die Interaktion. Und deshalb bot Facebook einem Anders Breivik – dem norwegischen Rechtsradikalen Massenmörder – nur Inhalte, mit denen er gern interagiert: Hass, Angst, Gewalt.

Bild: dpa

Jetzt sind wir bei den Nazis ...
Ja. Das Internet, wie es heute ist, produziert neurechte Bewegungen am Laufband.

Nazis gab es schon immer ...
Stimmt. Doch vor dem Internet mussten die rückständigen Kräfte der Gesellschaft vermuten, sie seien allein. An den mächtigsten Schnittstellen in Medien, Politik, Wirtschaft und Kultur saßen ab den 90er-Jahren in der Regel Menschen, die den Kulturkampf der 68er gewonnen haben. Vermeintlich. Mit dem Internet haben die Kräfte, die die Welt am liebsten permanent brennen sehen wollen, gemerkt: Wir sind gar nicht allein. Im Gegenteil. Es sind deutlich mehr als uns lieb ist. Diesen Vernetzungseffekt erleben wir gerade.

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Der rote Daniel in Aktion. Die 68er-Bewegung hat die liberale Normalität von heute geprägt. Braucht es das nach 50 Jahren wieder? Bild: dpa

Menschen vernetzen sich auch anders im Netz. Auf schöne Weise. Jedes fünfte Paar lernt sich online kennen.
Das ist auch eine fantastische Sache. Wenn man sich dem Preis bewusst ist und den auch bezahlen will. Wenn Tinder ihren Usern offen mitteilen würde, was mit ihren Daten passiert – im Stil von: Hei ihr, wir vermitteln euch vielleicht die Liebe des Lebens, aber wir verkaufen dabei garantiert alle Infos, die uns sagen, auf was für Typen ihr so steht an Dritte. Dann wäre das ein sauberes Tauschgeschäft. Eventuell erstickt diese Art von Transparenz jedoch die noch übriggebliebene Romantik des Online-Datings. 

Und was ist mit dem arabischen Frühling? 
Das ist immer so eine Sache. Es heißt ja ständig, arabischer Frühling = die Twitter-Revolution. Aber es ist ja nicht so, dass Twitter ganze Landstriche im Nahen Osten durchdemokratisiert hat. Vielerorts herrscht jetzt Bürgerkrieg. Was Twitter definitiv gemacht hat, ist diese Hashtags und die Besammlungsinfos – so wie jeden andere Twitter-Trend – zu pushen. Aber das macht Twitter immer, wenn viel Interaktion zu holen ist. Das Netzwerk hat im Verlauf der arabischen Revolutionsbewegungen zudem damit angefangen, sich als Revolutionshelfer zu vermarkten. Wie man so eine Inszenierung bewertet, wäre dann schon wieder eine andere Frage.

"Ich denke ernsthaft, dass sich die großen Internetfirmen über ein paar staatliche Regeln freuen würden."

Momentan ist der Hashtag #deletefacebook im Trend. Löschen Sie jetzt Ihr Profil?
Auf keinen Fall. 

Sie haben schließlich ein Buch, das es zu vermarkten gilt.
Genau. Und nicht nur das. Als Kultur- und Medienschaffender ist man schlicht  abhängig von jenem Netzwerk. Nichtsdestotrotz freue ich mich über #deletefacebook.

Aber wenn alle Facebook löschen, dann hört und schaut Ihnen doch niemand mehr zu?
Ich glaube nicht, dass jetzt das Massen-FB-Löschen beginnt. Ich sehe in dem jüngsten Skandal, bei dem Facebook-Daten illegalerweise an Dritte weitergegeben wurden, eine Chance. Ich glaube Facebook wird jetzt voll auf Transparenz gehen. Das könnte ein Trend werden, bei dem Amazon und Google mitziehen.  

Aber das Internet abschaffen – Hand aufs Herz, das geht nicht. Was können wir wirklich tun?
Viele Menschen glauben: Nur weil sie das Internet seit Jahren intensiv nutzen, verstehen sie es auch. Das ist ein gefährliches Missverständnis. Verstünden wir den Datenkapitalismus, der momentan nahezu jeden Lebensbereich prägt, hätten wir schon längst nach mehr Regeln gerufen. Und darum geht's. Ähnlich wie Regeln bei PKWs im Rahmen des Insassenschutzes nötig waren, müssen wir jetzt Regeln für den Datenkapitalismus entwickeln. Dazu muss man natürlich verstehen, warum das überhaupt notwendig ist.

Der Staat muss handeln?
Unbedingt und sofort!

Gibt's denn nicht sowas wie eine digitale Selbstermächtigung?
Hmmm. Nein ich glaube nicht. Das Machtgefälle ist zu stark. Wie gesagt: Drei Player beherrschen die gesamte digitale Welt. Ich glaube, die finden das selber überhaupt nicht geil. Im Silicon-Valley künden massenhaft Leute, weil der Job, der Krieg um die Daten echt hart ist. Ich denke ernsthaft, dass sich die großen Internetfirmen über ein paar staatliche Regeln freuen würden. Dann würde sich das ganze ein bisschen beruhigen. 

Dazu müssen wir alle zu passionierten, kleinen Hobby-Experten werden, die wütend sind und Gerechtigkeit fordern. So wie Sie?
Ja, das würde mich freuen. Und ich habe das Gefühl, dass das auch gerade passiert.

Macht euch die Macht von Facebook & Co. auch Sorgen?

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