Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Bild

bild: universal pictures

"Eine Hure zu sein, war oft top", sagt Virgine Despentes aus Erfahrung

Die französische Bestseller-Autorin Virgine Despentes analysiert in "King Kong Theorie" das Verhältnis zwischen Geschlechtern – aus der Sicht einer ehemaligen Sexarbeiterin.

Simone Meier / watson.ch

Virgine Despentes ist angstfrei. Obwohl sie vieles erlebt hat, was sich leicht unter "Scheiße" zusammenfassen lässt. Obwohl sie als Siebzehnjährige zusammengeschlagen und mit vorgehaltener Waffe vergewaltigt wurde.

Beim Trampen. Ganz klassisch. Zusammen mit ihrer besten Freundin. Von drei Männern. Die beiden Mädchen wehren sich nicht. Die Todesangst ist zu groß. Es ist der Sommer 1986, irgendwo in Frankreich.

Danach suchte sie dort Zuflucht, wo sie sonst zuverlässig eine fand, wenn sie depressiv war, wenn sie selbstmordgefährdet war: in Büchern. Zum Umgang mit Vergewaltigung findet sie nichts. Zum Glück steckte Virginie Despentes gerade tief in der Punkszene. Punk rettete sie. Der Lärm, die Wut taten ihr gut. Und weil sie ein Punk war, hatte sie nicht das Gefühl, ein "reines" Mädchen sein zu müssen. Die Vergewaltigung ließ sie nicht zerstört oder beschämt zurück.

Sie zog Kleidung an, die ihre Weiblichkeit versteckten, und nahm sich die Freiheit, die ihr die drei Vergewaltiger im Auto nehmen wollten, zurück.

Bild

Fuck the system! And everything else. Punks in Depentes-Film "Bye Bye Blondie". bild: red star cinema

Vier Jahre später liest Despentes die Aufforderung der amerikanischen Feministin Camille Paglia, sich nach einer Vergewaltigung nicht zum Opfer machen zu lassen, sondern hart im Nehmen zu sein. Paglias mitleidloser Pragmatismus deckt sich mit Despentes' Punk-Manifest.

Wieder vier Jahre später schreibt sie ihren Roman "Baise-moi". Es ist ein feministischer Road-Movie-Racheporno. 2000 verfilmt sie das Buch mit Pornodarstellerinnen. Der Film wird zum Skandal. Im Sommer 2000 reiben wir uns am Filmfestival Locarno alle die Augen, denn sowas gab es noch nie. Wer ist diese Virginie Despentes eigentlich, die an einem brütend heißen Tag enorm schlecht gelaunt vor uns sitzt und sich selbstvergessen in der Achselhöhle kratzt?

Der Begriff "Ex-Prosituierte" geistert herum. Er stimmt.

French writer Virginie Despentes poses for the photographer during an interview held with Spanish News Agency EFE held in Barcelona, Catalonia, Spain 04 May 2017. Despentes is well-know for her books such as King Kong Theory or Apocalypse Baby . FRENCH WRITER VIRGINIE DESPENTES !ACHTUNG: NUR REDAKTIONELLE NUTZUNG! PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xANDREUxDALMAUx 20170504-636295147413307671

Virginie Despentes (rechts) 2000 mit "Baise-moi" am Filmfestival Locarno. Bild: imago stock&people

Mit 22 Jahren schlitterte Virginie Despentes tatsächlich in die Prostitution hinein. Halt, nein, das tat sie nicht. Sie prostituierte sich bei vollstem Bewusstsein und mit vollster Absicht. Keine fremd-, sondern eine selbstbestimmte Entscheidung. Keine Prostituierte, die von einem Zuhälter irgendwo an einem elenden Stadtrand auf den Strich geschickt wird und keine Papiere hat, sondern eine privilegierte. Damals schlug sie sich mit öden Gelegenheitsjobs durch: "Ich hasste es zu arbeiten. Mich deprimierte die Zeit, die es mir raubte, das wenige Geld, das ich verdiente, und die Leichtigkeit, mit der ich es ausgab."

Zum ersten Mal machte sie sich als "Frau" zurecht. Mit Highheels und Minirock. "Die Wirkung auf viele Männer war fast hypnotisch. Eine Frau, die sich wie eine Nutte anzieht, erregt das Interesse fast aller." Sie nimmt ihren neuen Job als ernorme Selbstermächtigung wahr. "Sobald ich in das Kostüm der Hyperweiblichkeit geschlüpft war: abrupt gesteigerte Selbstsicherheit wie nach einer Line Koks." Und: "Die Kunden waren eher freundlich, aufmerksam, zärtlich zu mir. Tatsächlich weit freundlicher als Menschen im echten Leben."

Echt jetzt? Der Job, der als schlimmstes Schimpfwort für eine Frau dient, macht den Umgang mit Männern einfacher, ja sogar angenehmer?

Bild

Gnade? Ist in "Baise-moi" keine in Sicht. bild: canal+

Ja, ist so, sagt Virginie Despentes, nicht die Prostitution an sich ist schlecht, sie wird nur schlecht gemacht. Weil sich die "normalen" Frauen, die Gattinnen, die Anständigen, die Sauberen bedroht fühlen von den unanständigen, randständigen Dienstleisterinnen, die erfüllen, was ihnen zuhause verwehrt bleibt. "Man hat Angst, dass sie (die Prostituierten) sagen, der Job sei gar nicht so furchtbar. Und zwar nicht nur, weil jede Arbeit entwürdigend, schwer und anstrengend ist. Sondern auch, weil viele Männer nie so liebenswürdig sind wie bei einer Nutte."

Gelegenheitsprostitution, sagt sie, sei "auch eine Möglichkeit für eine Frau, hin und wieder ohne Gefühle Sex zu haben. Eine Hure zu sein, war oft top, das Begehren lohnte sich."

Wow, okay. Was für eine handfeste, radikale Umdefinierung von weiblichen Opferrollen. Nach zwei Jahren hörte Virginie Despentes trotzdem wieder damit auf, es fühlte sich für sie zu sehr an wie "harte Drogen". Sie war zu süchtig nach der "fantastischen Kraft", die sie spürte, wenn sie sich prostituierte. Sie wurde Künstlerin. Schrieb Trash-Romane und drehte Trash-Filme über den starken weiblichen Trieb.

Bild

Traumpaar à la Française: Béatrice Dalle (links) und Emmanuelle Béart in "Bye Bye Blondie". bild: red star cinema

Heute fragt niemand mehr, wer die Frau hinter "Baise-moi" eigentlich ist. Heute ist Virginie Despentes ein Superstar. Die Autorin der "Vernon Subutex"-Trilogie. Jenes schrille, diverse, perverse Paris-Panorama, das im Kern um das Alt- und Rechtswerden einer früher so linken Kulturbohème kreist. Aber ich greife vor. Denn hier geht es nicht um "Vernon Subutex".

Hier geht es um jenes andere Buch von Virginie Despentes, in dem sie ihre Erfahrungen von Vergewaltigung und Prostitution und die Zeit mit "Baise-moi" beschreibt und mit kühnen, coolen Thesen über Sex und Gesellschaft durchsetzt. Es heißt "King Kong Theorie". Nichts Neues, es stammt von 2006, wurde aber soeben im Zug des "Subutex"-Hypes neu übersetzt und aufgelegt.

Einige von Despentes Thesen haben sich inzwischen überholt, die Grenzen zwischen den Geschlechtern sind fluider geworden, jüngere Generationen bewusster und sensibler. Aber dass Despentes ihre abgebrühten Analysen quasi aus der Straßenperspektive ihrer Erfahrungen vollzieht, macht "King Kong Theorie" zu einem enorm handfesten, ungewöhnlichen, weisen und, ja, auch erfrischenden Stück feministischer Literatur.

Seinen Namen verdankt das Buch übrigens einem Film: Keinem pornografischen, auch keinem subkulturell subversiven, sondern Peter Jacksons "King Kong".

Bild

Das Biest, die Beauty, die Freundschaft. Wenn da bloss der Rest der Welt nicht wäre. bild: universal pictures

Despentes schaute sich im Kino die Beziehung zwischen der weissen Frau und dem Menschenaffen an und war verzaubert. Hier war eine friedliche, freundliche Vision von Ruhe zwischen den Geschlechtern: "Dieser King Kong hat weder Schwanz noch Hoden noch Brüste. Zwischen ihm und der blonden Frau gibt es keine einzige Szene erotischer Verführung. Die Schöne und das Tier zähmen sich gegenseitig, sind voller Zärtlichkeit füreinander." Sie sah darin eine "Metapher für eine Sexualität vor der Unterscheidung der Geschlechter, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollzogen wurde. King Kong oder das Chaos vor den Geschlechtern."

Deshalb muss das gute Biest, das ein wenig an die laute, im Schutz ihrer Combat-Hosen und festen Schuhen daherpolternden, blutjungen Punk-Virginie erinnert, ausgeschaltet werden. Zu viel der friedvoll verspielten Uneindeutigkeit in einer binär codierten Welt. Noch nie machte King Kongs Tod so melancholisch. Und selten ein Buch so stark.

Virginie Despentes: King Kong Theorie. Kiepenheuer & Witsch 2018. 150 Seiten, ca. 13 Euro.

Lando Calrissian ist pansexuell

abspielen

Video: watson/Lia Haubner, Marius Notter

Sex

Wo ist der Dildo? 11 ziemlich unerotische Suchbilder für Erwachsene

Link zum Artikel

Die Deutschen mögen "Füße" und "pissen" – das Jahr 2018 auf Pornhub

Link zum Artikel

Diese Sex-Szene war selbst "Sex and the City" zu krass – und wurde deshalb nie gezeigt! 

Link zum Artikel

Warum wissen Frauen nicht, wo ihre Vagina liegt? Wir haben eine Gynäkologin gefragt

Link zum Artikel

"Setz die Maske wieder auf" – wenn Halloween und Sex kollidieren...

Link zum Artikel

Quiz: Weißt du, ob das ein Sex Toy oder ein Beauty-Produkt ist? 

Link zum Artikel

Schluss mit Scham! Lasst uns Vulvalippen statt Schamlippen sagen

Link zum Artikel

Meine große Liebe ist tot. Und zum 1. Mal habe ich wieder Lust auf Sex...

Link zum Artikel

18-jähriger Autist bittet das Internet um Sex-Tipps – und erhält die liebsten Antworten

Link zum Artikel

Wie eine Freiburger Fahrschule mit einem Blowjob-Bild so richtig ins Klo griff

Link zum Artikel

Einfach köstlich! 18 Dinge, die man beim Sex UND beim Grillen sagen kann 🤣

Link zum Artikel

Wenn das Bedürfnis nach Sex fehlt: 6 asexuelle Frauen erzählen ihre Geschichte

Link zum Artikel

Fahrradfahren verhilft Frauen zu besserem Sex – mit einem Nachteil

Link zum Artikel

Wenn du gerne Sex im Auto hast, bist du in guter Gesellschaft

Link zum Artikel

Frauen mögen keine One-Night-Stands? Von wegen! 

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Diese Sex-Szene war selbst "Sex and the City" zu krass – und wurde deshalb nie gezeigt! 

Die HBO-Serie "Sex and the City" ist vor kurzem 20 Jahre alt geworden. 1998 startete die TV-Serie um vier Freundinnen in New York, später folgten noch zwei Filme über das Leben von Carrie, Miranda, Charlotte und Samantha. 

In vielerlei Hinsicht war die Serie daran beteiligt, auch im Fernsehen offen über Sex und allem, was dazu gehört, zu sprechen. 

Da gab es zum Beispiel so Fälle wie Samanthas Affäre, die übelschmeckendes Sperma hatte, Charlottes Vagina, die "depressiv" war oder …

Artikel lesen
Link zum Artikel