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Bild: picture alliance / Costa/Leemage

Die Journalistin Nellie Bly war undercover in der Psychiatrie

Die Amerikanerin Nellie Bly zählt zu den größten Legenden der Mediengeschichte. Alles, was sie erlebte, schrieb sie nieder. Und fesselte damit die Welt.

Simone Meier / watson.ch

Nur vier Journalisten dürfen im Oktober 1914 in die Kriegsgebiete an der Ostfront reisen und darüber berichten. Vier aus unzähligen. Drei Männer. Und eine Frau. Die Amerikanerin Nellie Bly. Sie ist 50 Jahre alt. Der Krieg ist ihr Comeback. Erneut ist sie die prominenteste Journalistin der Welt. Die tollkühnste. Die engagierteste.

Immer schon war sie auf der Seite der Armen, der Arbeiter, der Frauen. Und jetzt, im gerade erst ausgebrochenen Ersten Weltkrieg, ist sie die Advokatin der ganz gewöhnlichen Soldaten, die in den Schützengräben geopfert werden. An der Cholera verrecken. In den Lazaretten krepieren. Oder andere töten.

"Wen sie töten, was sie töten, das wissen sie nicht. Es kommt der Befehl in eine bestimmte Richtung und auf einen bestimmten Abstand zu schießen. Dreihundertvierzig Meter, habe ich sie rufen gehört. Wieder zweihundertfünfzig. So töten die Männer ohne Emotionen. Sie erleben das Ergebnis nicht, da fällt das Töten weniger schwer." (Nellie Bly von der Front)

Nellie Bly in Gefahr

Sie selbst schwebt auch für ein paar Tage in Lebensgefahr, ihre Neugier ist schuld, sie nimmt eine in Gift getauchte Gewehrkugel in die Hand, das Gift gerät sofort in ihren Blutkreislauf, sie erleidet "die heftigsten Schmerzen von den Fußsohlen bis zur Gürtellinie, das Fieber und eine Reihe geröteter Flecken zwischen den Knöcheln und Knien waren alles andere als tröstlich". Sie beißt die Zähne zusammen, sagt kein Wort, will nicht heimgeschickt werden.

Dass sie 1914 zur Kriegsreporterin wurde, war ein Zufall. Denn eigentlich war sie nach Österreich gereist, um dort einen möglichen Financier für die Rettung der Stahlfabrik ihres verstorbenen Mannes, Robert Seaman, zu besuchen. Seit seinem Tod 1904 war sie für 1500 Beschäftigte verantwortlich. Doch schon zuvor hatte sie die Akkordarbeit zugunsten eines Wochenlohnes abgeschafft, eine Bibliothek und eine Turnhalle für die Arbeiter eingerichtet und eine Kantine mit einem japanischen Koch für die leitenden Angestellten.

1889 und 1890 hatte sie als Reporterin eine spektakuläre Weltreise unternommen, seither verehrte sie die japanische Küche.

Doch dann crashte ihr Unternehmen, der Partner, auf den sie sich verlassen hatte – und mit dem sie wohl auch eine Affäre hatte – entpuppte sich als schillernder Betrüger (er diente später F. Scott Fitzgerald als Vorbild für den Großen Gatsby). Und so kommt Nellie nach Europa, trifft dort auf den Krieg und reaktiviert sofort ihr altes Leben als Journalistin. Sie bleibt fünf Jahre. Was von ihrer Firma überhaupt noch übrig ist, verliert sie unterdessen an ihren raffgierigen Bruder. Es ist nicht das erste Mal, dass sie alles verliert außer ihrer Durchsetzungsfähigkeit.

Nellie Bly kommt am 5. Mai 1864 als Elizabeth Jane Cochran zur Welt. Ihr Vater ist ein wohlhabender Mühlenbesitzer, sie ist eins von fünfzehn Kindern aus zwei Ehen. Als der Vater stirbt, wird das Vermögen auf alle Kinder und die Witwe verteilt – und von einem windigen Bankier erfolgreich dezimiert. Elizabeths Mutter heiratet wieder, einen Säufer und Schläger, von dem sie sich schließlich scheiden lässt.

Mit ihren Kindern versucht sie, in der Stahlstadt Pittsburgh zu überleben. Die Söhne finden sofort gute Arbeit, die Töchter nicht. Elizabeth schwört sich, nie zu heiraten, sich nie in die Abhängigkeit von einem Mann zu begeben. Sie liest viel Zeitung. Und stößt da im "Dispatch" auf einen launigen Text über die Rolle der Frau. Sie schreibt einen wütenden Brief an die Zeitung, der zwar nicht abgedruckt wird, aber sie wird zu einem Gespräch eingeladen.

Nellie Blys erste Schritte als Journalistin

Am 25. Januar 1885 erscheint ihr erster Artikel im "Dispatch". Er heißt "The Girl Puzzle" (Das Rätsel der Mädchen) und ist unterzeichnet mit Orphan Girl (Waisenmädchen).

Dieses Orphan Girl fordert radikale Gleichberechtigung: Gleiche Bildungschancen, Lohngleichheit, Beschäftigungsmöglichkeiten für junge, unprivilegierte Frauen, die sich nicht nur auf die Fließbänder in den Fabriken beschränken. Der Artikel ist eine Sensation und Orphan Girl erhält eine Festanstellung als Journalistin und das Pseudonym Nellie Bly – nach der Heldin eines Pittsburgher Volkslieds.

Nellie Bly wird zur Investigativjournalistin in den Fabriken. Reist mit ihrer Mutter fünf Monate lang durch Mexiko und schickt derart regierungskritische Berichte nach Hause, dass sie schließlich gesucht wird und das Land überstürzt verlassen muss.

Kaum ist sie wieder in Pittsburgh, findet ihr Boss folgende Notiz auf seinem Schreibtisch: "Bin unterwegs nach New York. Behalten Sie mich im Auge. Bly."

Sie ist jetzt 23 und hat Großes vor. New York ist eine Millionenstadt, der Medienunternehmer Joseph Pulitzer, der schon anderswo mit Erfolg unbedeutende kleine Provinzblätter erfolgreich fusionierte, kauft die kränkelnde "New York World" und macht sie zu einer explosiven Mischung aus Qualitätsmedium und Boulevard. Nellie Bly will zur "World".

Für ihr Vorstellungsgespräch hat sie sich Themen ausgedacht, die den Chefredakteur sprachlos machen: Sie will undercover als Migrantin auf einem Schiff in der dritten Klasse nach Europa und zurück reisen und über die Schicksale all der Menschen aus der ganzen Welt berichten, die den Humus von New York bilden. Und sie will sich in die Psychiatrie einweisen lassen und undercover aus New Yorks Irrenanstalt für Frauen auf Blackwell's Island berichten. Gesagt, getan. Schon Charles Dickens hatte über Blackwell's Island geschrieben:

"Alles war hier vetreten, unverhüllt, in nackter Hässlichkeit und grauenerregend. Im Essraum, einem kahlen, düsteren, trostlosen Ort, in dem das Auge nur auf leeren Wänden ruhen konnte, war eine Frau allein eingeschlossen. Man sagte mir, sie sei unbedingt darauf aus, Selbstmord zu begehen."

Die unerschrockene Miss Bly inszeniert für ihre Reportage "Ten Days in a Mad-House" ein virtuoses Theater. Damit sie überhaupt interniert wird, muss sie die Leitung eines Arbeiterinnenheims, mehrere Ärzte und einen Richter täuschen. Sie spielt eine demente Unbekannte, und derart berührt sind alle von ihr, dass die Zeitungen schon über sie schreiben, bevor sie überhaupt zu ihrer Recherche schreiten kann. Auf ihrer Fahrt nach Blackwell’s Island ist der Weg von Schaulustigen gesäumt, Ereignisse wie die Überführung der verrückten Frauen auf die Insel sind das Reality-Fernsehen jener Zeit.

Und dann ist sie eine von 1600. So viele Frauen irrlichtern nämlich auf Blackwell's Island. Sie muss in Eiswasser baden, spinnenverseuchtes Brot essen, sieht, wie andere Frauen gefoltert werden, geschlagen gefesselt, wie ihnen die Haare in Büscheln ausgerissen werden.

Den Ärzten fehlt jede Kompetenz, aber die ist auch nicht gefragt, denn Blackwell's Island ist nicht zuletzt eine Zermürbungs- und Abschiebestation für Migrantinnen.

"Was für ein rätselhaftes Ding der Wahnsinn doch ist. Ich habe Patientinnen gesehen, deren Münder zu ewigem Schweigen verschlossen sind... Ich habe mich gefragt, ob hinter diesen verschlossenen Lippen Träume existieren, von denen wir nichts wissen – oder ob alles leer ist?" (Nellie Bly über Blackwell's Island)

Nach zehn Tagen wird die Unbekannte von einem Mitarbeiter der "World" abgeholt, und wenig später erscheint Nellie Blys Reportage. Alle New Yorker Medien berichten darüber, Bly muss vor einem Untersuchungsausschuss aussagen, sofort werden grundlegende Reformen auf Blackwell's Island eingeleitet. "Die Bly" ist geboren. Und die Bly bringt als nächstes gleich mal ein paar korrupte New Yorker Politiker zu Fall. Und arbeitet als Undercover-Prostituierte auf dem Staßenstrich im Central Park. Und als Elefantendompteurin.

1889 erfüllt sich die 25-Jährige ihren größten Traum: Sie will den fiktionalen Helden aus dem Bestseller "In achtzig Tagen um die Welt" von Jules Verne besiegen.

Denn, so sagt sie sich, der Fortschritt hat Fortschritte gemacht, die Schiffe, die Eisenbahnen sind schneller als 1873, dem Erscheinungsjahr von Vernes Roman. Ihr Ziel sind 75 Tage, sie schafft es schließlich in 72. Und: allein. Was für eine Frau in der damaligen Zeit vollkommen ungehörig ist. Sie lässt sich ein Kleid schneidern, das sie zweieinhalb Monate lang tragen kann, der Außenminister persönlich stellt ihren Reisepass aus.

Zuerst besucht sie Jules Verne. Der Franzose spricht kein Englisch, sie kein Französisch, der Paris Korrespondent der "World" übersetzt, Bly verrät Verne stolz ihre Reiseroute: London, Calais, Brindisi, Port Said, Ismailia, Sues, Aden, Colombo, Penang, Singapur, Hongkong, Yokohama, San Francisco, New York.

Da sie die meiste Zeit ihrer Reise auf Schiffen oder in Zügen verbringt und ihre Berichte nur mit langer Verzögerung in New York eintreffen, muss die "World" zu neuen Tricks der Aufmerksamkeitsökonomie greifen: Täglich kann man Wetten abschließen, wie schnell oder langsam die Bly wohl unterwegs sein könnte. Eine Million Menschen wettet mit.

Ihre Reiseroute wird zu einem Brettspiel. Ihr Porträt ziert die Verpackungen von Seifen, Zigaretten und Morgenmänteln. Ihr Reisekleid ist der Hit unter jungen Frauen. Sie ist ein Superstar, ohne es zu wissen.

Das Magazin "Cosmopolitan" schickt eine Konkurrentin los, die Bly unterbieten soll. Doch Bly reist schneller.

Wo auch immer sie hinkommt, studiert sie die Situation der Frauen. Fahndet nach Ungleichheit. Findet sie überall. Selbst im Tod.

In Hongkong besucht sie den Ort, wo Todesstrafen vollzogen werden und sieht, wie die Männer enthauptet, die Frauen jedoch an ein Kreuz gebunden und derart in Stücke zerteilt werden, dass sie möglichst langsam unter irren Qualen verenden.

Als sie nach 72 Tagen in San Francisco von Bord geht, wird sie von einer jubelnden Menschenmenge empfangen. Für den Weg nach New York hat ihr die "World" einen Sonderzug organisiert, der einzig aus einer Lokomotive und einem Schlafwagen besteht. An jedem Bahnhof warten Tausende von Fans. In New York erwartet sie eine Vortragsreise. Aber keine Beförderung, keine Lohnerhöhung, obwohl die "World" in den 72 Tagen einen traumhaften Umsatz gemacht hat.

Die Frau weiß, was sie will

Nellie Bly verlässt die "World", geht zur Konkurrenz, kommt zurück, verdient mehr, arbeitet sich in die ihr durchaus sympathische Anarchistenszene New Yorks ein, schreibt weiterhin Aufsehen erregende Stücke. Doch die Medienszene hat sich verändert. Der Bly-Hype hat enorm viele Töchter geboren, sie ist jetzt nicht mehr die Einzige.

Im April 1895 lernt sie den fast vierzig Jahre älteren Stahlmillionär Robert Seaman kennen und heiratet ihn nur zwei Wochen später. Drei Jahre lang reisen die beiden durch Europa, 1899 macht er sie zur Vorstandsvorsitzenden seines Imperiums, 1905 zu Witwe. Im Jahr 1914 steht ihr Unternehmen vor dem Kollaps und sie reist nach Europa. In den Krieg. Und schreibt darüber. Ist wieder zurück als Königin der Krisenreportage.

Als sie 1919 heimkommt, hat sie genug von allem, von den Geschäften, von ihrer Familie, die sie hintergangen hat. Sie will nach dem Krieg nur noch eins: helfen. Ihre neue Kolumne wird zu einem Netzwerk für humanitäre Hilfe. Sie kümmert sich um das kranke Kind einer jungen heroinsüchtigen Mutter. Und stirbt am 27. Januar 1922 mit 57 Jahren an einer Lungenentzündung. Züge, Schiffe, Parks, Glacé und ein Musical werden auf ihren Namen getauft. Nellie Bly hatte einen amerikanischen Traum gelebt. Indem sie Amerikas Alpträume zu Papier gebracht hatte.

Diesem Artikel liegende folgende Bücher zu Grunde:

"Nellie Bly" von Nicola Attadio, Orell Füssli Verlag, Zürich 2019, 214 Seiten.
"Zehn Tage im Irrenhaus: Undercover in der Psychiatrie" von Nellie Bly, Aviva Verlag, Berlin 2011, 192 Seiten.

100 Jahre Frauenwahlrecht

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