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Bild: privat/imago/montage

"Es konnte nur ein Kind zum Geburtstag" – wie Nina gegen Kinderarmut kämpft 

Am Ende des Monats gibt es nur Nudeln mit Tomatensoße, für Freizeitaktivitäten oder das Kopiergeld in der Schule hat die Familie sowieso kein Geld. Viereinhalb Jahre lang hat die Familie von Nina Jaros von Hartz-IV gelebt – besonders ihre Kinder, heute sieben und neun Jahre alt, mussten darunter leiden. Nun engagiert sich Nina gegen Kinderarmut.

Warum engagiert Nina sich? 

Es war im Februar dieses Jahres, als Nina ein Gespräch ihrer beiden Kinder hörte: 

"Meine Kinder waren zu einem Kindergeburtstag eingeladen.

Sie haben darüber geredet, wer von ihnen zu der Geburtstagsfeier gehen kann, weil sie wussten, dass wir nur Geld für ein Geschenk hatten.

Meine Kinder haben schon verinnerlicht, dass für sie soziale Kontakte nur möglich sind, wenn einer von den beiden verzichtet. 

Ein Kind sollte nicht darüber nachdenken müssen, ob es zu einem Kindergeburtstag gehen kann.

Bei so etwas geht es nicht um Luxus oder um Statussymbole, sondern um ein Geschenk für fünf bis zehn Euro. Kinderarmut schmerzt."

Wie viele Kinder sind in Deutschland von Armut betroffen? 

Etwa 4,4 Millionen Kinder in Deutschland sind nach jüngsten Schätzungen des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) von Armut betroffen. 

So engagiert sich Nina: 

Nachdem sie das Gespräch ihrer Kinder gehört hatte, beschloss Nina, sich "laut gegen Kinderarmut" einzusetzen. Auf Twitter initiierte sie einen eigenen Hashtag: #AufschreiGegenKinderarmut. 

Der Grund: "Kindergeld kommt bei Familien, die Hartz IV erhalten, einfach nicht an. Eine Erhöhung des Kindergelds ist kein Mittel im Kampf gegen Kinderarmut. Aber so wird es gerne verkauft", sagt sie. 

Und weiter:

"Kinderarmut kann man nicht mehr übersehen. Es sind mehr Kinder arm, als Berlin Einwohner hat."

Deshalb haben sie und ihre Frau eine Petition gestartet. Der Wunsch: Mit Familienministerin Franziska Giffey über das Thema Kinderarmut sprechen. Und: Zeigen, dass "da Menschen sind, die gegen Kinderarmut kämpfen".

Diese Vorurteile kennt die Familie:

Hartz-IV-Familien müssen täglich mit Stigmatisierungen, Spott und Hohn zurechtkommen. Nina ist der Meinung, dass das dazu führen würde, dass sich Empfänger nicht trauen würden, öffentlich etwas zu sagen. Sie hätten Angst davor, in eine Schublade gesteckt zu werden. 

Diese Sprüche hat die Familie immer wieder gehört: 

"Such dir doch eine Arbeit. 
Die Eltern versaufen das sowieso.
Die geben das Geld nur für Zigaretten aus.
Das kommt eh nicht bei den Kindern an. 
Das sind doch alles Sozialschmarotzer."

Diese Probleme hatte die Familie: 

1. Kosten außerhalb des Regelsatzes:  

"Der Regelsatz reicht oft nicht aus, um die realistischen Kosten, die entstehen, zu decken. Zwar können Kosten wie Schulausflüge oder Essensgeld über 'Bildung und Teilhabe', also zusätzliches Geld vom Amt, übernommen werden – sofern der Antrag vorab gestellt wurde. Aber zum Beispiel gehören die Kosten für Musikschulen da nicht dazu. 

Musikschulen sind kommunal verwaltet und die Preise sind regional sehr unterschiedlich. Bei uns kostet sie 80 Euro im Monat und das pro Kind. Da habe ich noch keine Noten und kein Instrument. Mit Sozialschein muss ich 25 Prozent davon zahlen, also 20 Euro. Das sind auf den Tag gerechnet 65 Cent. Für die gesamte Verpflegung eines Kindes habe ich aber nur 2,70 Euro am Tag. Da sind 65 Cent wahnsinnig viel Geld"

2. Regionale Unterschiede werden nicht berücksichtigt: 

"Wir wohnen in einer Kleinstadt. Beim Busticket gibt es keine Ermäßigung für Kinder. Das Ticket kostet so mehr als 30 Euro monatlich für jedes Kind. Das ist ein Euro am Tag. Einen Zuschuss für Bildung und Teilhabe gibt es dafür aber nicht. Und im Regelsatz ist das auch nicht enthalten. Darin sind nämlich nur Kosten für ein Sozialticket enthalten, das es bei uns in der Region gar nicht gibt. Es gibt viele Regionen, in denen es Ermäßigungen fürs Theater, Kino und ähnliches, für alle die ein Sozialticket haben, gibt. Wir müssen für sowas den vollen Preis bezahlen."

Wer ist arm in Deutschland? 

16,1 Millionen Menschen, also jeder Fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: (Quelle: Leben in Europa EU-SILC).
1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.
2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.
3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

eu-silc-bericht 2015

3. Kinder haben einen anderen Bedarf: 

"Der Regelsatz für Kinder beträgt nur einen Bruchteil von dem für Erwachsene. Aber Kinder haben einen hohen Bedarf. Sie wachsen schnell und brauchen häufiger Kleidung. Außerdem brauchen gerade Kinder im Wachstum eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung.

Durch den geringen Regelsatz haben wir eine Situation, die Kinderarmut fördert.

Denn: Je mehr Kinder ich in einer Familie habe, umso mehr Armut herrscht vor. Man muss sich ja das gesamte Budget der Familie ansehen."

4. Das Essen: 

"Wir sind gebildet. Ich bin Dipl.-Ing. (FH), meine Frau hat eine abgeschlossene Ausbildung. Wir sind beide sehr gut in der Lage, die Schreiben vom Amt zu verstehen.

Trotzdem gab es in den vergangenen Jahren Monate, in denen es in der letzten Woche nur noch Nudeln mit Soße gab, weil wir kein Geld hatten, etwas anderes zu kaufen."

5. Das Verständnis: 

"Ich habe einmal in der Schule beim Kopiergeld und dem Beitrag zur Klassenkasse sagen müssen, dass ich es nicht zahlen kann. Das waren 45 Euro pro Kind. Ich habe das Glück, dass die Schulleitung sehr verständnisvoll ist und gesagt hat, dass wir das Geld erst zahlen sollen, wenn wir es haben. 

Ich weiß aber, dass so viel Verständnis bei der Schulleitung die Ausnahme ist."

6. Die Unsichtbarkeit: 

"Kinderarmut ist deshalb so unsichtbar, weil die Eltern alles tun, damit man den Kindern die Armut nicht ansieht und zum Beispiel bei der Kleidung drauf achten, dass sie aussehen, wie alle anderen Kinder. 

Eltern machen lieber Abstriche bei sich selbst, als bei den Kindern.

Sichtbare Einschränkungen hingegen gibt es beim sozialen Leben. Beim Spielen, bei Dingen wie Schlittschuhlaufen und ähnlichem. Das führt auch zu einer sozialen Isolation bei den Kindern. Da habe ich gemerkt: Gleich und gleich gesellt sich gern. Damit meine ich: Arme Kinder verstehen andere arme Kinder besser, weil sie wissen, dass man sich Sachen nicht leisten kann."

7. Die Gesellschaft:

"Wir leben in einer Gesellschaft, in der man nicht über Armut spricht und in der man als armer Mensch nicht am sozialen Leben teilnimmt. Ich bin zum Beispiel in der Elternvertretung. Wenn wir uns einmal im Monat in der Kneipe treffen, habe ich bis Mai ein Glas Wasser bestellt, während die anderen gegessen haben. Ich hatte dafür kein Geld. Ich bin stark und kann sagen 'Ich habe kein Geld dafür'. Aber das können nur sehr wenige. Viele gehen gar nicht erst raus oder sagen dann 'Ich habe keinen Hunger'.

Dadurch hat die Armut kein Gesicht, keine Stimme und keine Vertretung."

Anonym mitmachen: 

Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht. Darüber müssen wir sprechen. Würdest auch du dich als arm bezeichnen und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de.

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