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"Bildnis einer Dame", Anthonie Blocklandt van Montfoort, 1580. Es handelt sich hierbei möglicherweise um die Gräfin Elisabeth Bathory. Bild: wikimedia commons

Blutgräfin Báthory, die ungarische Serienmörderin

18.08.18, 14:41

Anna Rothenfluh / watson.ch

Graf Dracula kennen alle, Elisabeth Báthory nicht. Dabei ist sie der schauderhafteste Ausdruck, den die Geschichte je für einen nach Blut dürstenden Menschen gefunden hat.

"Was schallt im tiefen Keller zu Cseitha in der Nacht
Für herzzerreissen Schreien, wenn Niemand droben wacht?
Was tönt für kläglich Wimmern alldort bei kargem Schein
Hinein durch all die Gänge ans taube Felsgestein?"

Gedicht von Johann Nepomuk Vogl: "Die Burgfrau zu Cseitha" (1836)

Als der Vizekönig Ungarns mit seinen Leuten in die Burg Csejte eindringt, findet das abscheuliche Gerücht endlich seine Bestätigung. Lange wurde über die Herrin auf dem kargen Felsen geflüstert, über ihre Grausamkeit, ihr schamloses Martern und Hinmorden ungezählter Jungfrauen.

Lange haben die kalten, von Blut besudelten Mauern geschwiegen, jetzt aber sieht Georg Thurzó mit eigenen Augen ein totes Mädchen im Eingang liegen. Daneben eins, das danach aussieht, als würde es nur noch eines wünschen: Endlich seine Seele aus dem gequälten Körper hauchen zu dürfen und diese dunkle Welt für immer zu verlassen. 

"Die übrigen als Opfer Bereiteten waren in strengstem Versteck gehalten, diese hatte sich das verfluchte Weib zur künftigen Marterei vorbereitet."

Graf Georg Thurzó, 1610

Es ist der 29. Dezember 1610.

Das tote Mädchen hiess Doricza. Es wurde von seiner Herrin so lange mit einem Stock geschlagen, bis diese ihn nicht mehr halten konnte. Dann eilte ihr die Kammerzofe Dorkó zur Hilfe, ein "Weib von großer Häßlichkeit". Mit der Schere schnitt sie den aufgeschwollenen Leib des Mädchens auf. Um 11 Uhr abends wurde alles still. Der unkenntliche Fleischklumpen, der einmal Doricza war, seufzte nicht mehr.

Das war am 28. Dezember 1610. 

Doricza war nur eines von vielen Mädchen, das durch die grausame Hand der Elisabeth Báthory und ihrer Gehilfinnen zu Tode kam. Die Zahl 650 soll sie eigens in ihrem Tagebuch niedergeschrieben haben, will Susanna gehört haben. Oder waren es doch nur 80? Sicher ist sich die Burgdienerin nicht mehr. 

Die Legende um die Blutbäder

Im Laufe der Jahrhunderte bekam Báthory viele Namen, alle im Versuch, das Unsagbare zu benennen, das Unerklärliche zu begreifen: In Studien und Aufsätzen ebenso wie in Romanen, Gedichten und Filmen wird sie zur Blutgräfin, zur Titanin der Erotik, zur amazonenhaften Sexualmörderin, zur lesbischen Vampirin.

"Aus dem furchtbaren Knochenberg
Ragt ein totes Mädchen hervor
Und zeigt drei Wunden
Auf ihrer jungen Stirn. 
Ihr starres Blicken
Erzeugt tödliche Qualen,
Ihr Todesstöhnen
Grollt im Unendlichen."

Gedicht von János Garay "Báthori Erzsébet" (1839)

Je nach Zeitalter wird sie romantisiert, psychologisiert oder pathologisiert. Wir müssen uns nun Schicht für Schicht durchkämpfen zum historischen Gerippe dieser schauderhaften Person. 

Beginnen wollen wir mit der Sagengestalt der Báthory. Es ist die Geschichte einer um ihre Schönheit fürchtenden Gräfin, die mit allen Mitteln versucht, die Zeichen des Alters auszulöschen:

Stets saß sie vor dem Spiegel und wachte mit Argusaugen über das Tun ihrer Dienstmädchen, die allesamt damit beschäftigt waren, ihre Herrin hübsch herzurichten. Nicht der kleinsten Unachtsamkeit durften sich die Zofen schuldig machen, nicht das geringste Ziehen an ihrem langem schwarzen Haar ertrug die überfein fühlende Gebieterin nämlich.

Moderne Darstellung der Elisabeth Báthory. Bild: pinterest

Und doch blieb das unschuldige Geschöpf an einem widerborstigen Strähnchen kurz hängen, das es mit dem feinen Kamm doch so sanft wie nur möglich zu durchstreifen suchte. Sofort wallte die Wut in der Domina auf, sie holte mit ihrer rechten Hand aus und klatschte sie dem Mädchen heftig ins Gesicht.

Das Blut stürzte aus Mund und Nase der Getroffenen. Ein Tropfen davon landete auf dem Antlitz der Báthory. Und als sie es mit einem Tuch wegwischte, da sah sie voller Erstaunen, dass die Haut dort weiss wie Alabaster strahlte, schöner als der ganze Rest und im frischen Reiz der Verjüngung prangend.

Fortan regierte nur noch ein Gedanke in der hohen Stirn: "Man bringe mir mehr frisches Mädchenblut, baden will ich darin und mich so auf ewig jung halten!"

Moderne Illustration der Blutgräfin von Santiago Caruso. Bild: pinterest

Die Suche nach dem Motiv – Von der Eitelkeit zum Vergnügen an fremdem Schmerz

Als erster nahm sich der Jesuitenpater Lázló Turóczi (1729) des Báthory-Stoffes an. Er war sich sicher, dass die Morde an "etwa 600 Mädchen" der Eitelkeit der Gräfin geschuldet waren. Und dass sie aus Liebe zu ihrem Mann, dem Grafen Franz Nádasdy, dem katholischen Glauben entsagte und zum lutherischen übertrat, dem ihr Gatte angehörte. "Hierin", so findet er, "liegen die Anfänge des Untergangs" – aber das nur am Rande.

"Bis zum Wahnsinn" sei sie auf ihr Äußeres bedacht gewesen, schreibt der Jesuitenpater weiter, immerzu "strebte sie danach, den Männern zu gefallen". Erst ihrem Gatten, und nach dessen Tod dann ihren Geliebten, denn sie war in Turóczis Augen eine "nach Liebschaften unersättliche Frau".

Die Sage um die kosmetischen Blutbäder wird in der Folge immer weiter ausgeschmückt und gipfelt in der von Báthory eigens dafür konstruierten Blutpresse, der Eisernen Jungfrau. 

"Lernet an diesem Beispiele, Mädchen und Weiber, dass eure unschuldig scheinende Putzsucht oft die einzige Quelle ist, aus welcher euer Lasterleben entsteht."

Anonymer Text aus dem Jahr 1795

Erst Ende des 18. Jahrhunderts kommt erstmals in der Rezeptionsgeschichte der Blutgräfin ein neues Motiv hinzu: Elisabeth Báthory leidet zwar noch immer unter der Sucht, "dem andern Geschlecht zu gefallen", doch inzwischen ist ihr auch das Morden und Blutvergießen an sich "zum Bedürfnis geworden". 

Diese Tatsache jedoch stellte den Menschen des anbrechenden Jahrhunderts abermals vor ein neues Rätsel. Er mochte die Blutbäder Báthorys ins Reich der Legende schicken, doch welche Umstände würden denn bloss eine Frau dazu bringen, aus teuflischem Vergnügen an fremden Schmerzen über hundert unschuldige Geschöpfe ihrer Mordlust zu opfern?

"Wenn Grausamkeit und Blutdurst den Mann entehren, ihn dem allgemeinen Abscheu Preis geben, und mit dem Fluch der beleidigten Menschheit brandmarken; so findet die Sprache keinen Ausdruck, die Gefühle der empörten Natur zu bezeichnen, wenn ein Weib diesen unnatürlichen Trieben frönt.

Vom Schöpfer sanfter organisiert, um die Stürme in der leidenschaftlichen Seele des Mannes zu mildern, durch körperliche Beschaffenheit, Erziehung und bürgerliche Verfassung bestimmt, dem wilden Zerstörungstriebe des stärkeren Geschlechts Einhalt zu thun, sehen wir bei allen Nationen der Erde die schönere Hälfte der Menschheit auch treu sich diesem schöneren Berufe widmen.

Nur das Zusammentreffen ausserordentlicher Umstände kann das Weib solch' einer süssen Bestimmung entrücken, und in das sanfte nur zur Theilnahme, Zärtlichkeit und Liebe geschaffene Herz den grässlichen Trieb pflanzen, Menschen zu quälen, zu hassen, zu morden."

Freyherr von M-y: "Elisabeth Báthory. Eine wahre Geschichte" (1812)

Was diese besonderen Umstände sein mögen, darüber schweigen selbst die Prozessakten, die 1817 erstmals veröffentlicht werden. 

Die Verhörprotokolle von 1611 – Zeugnisse der Grausamkeit

Elisabeth Báthory beging die Morde nicht allein – sie hatte Gehilfinnen. Das geht aus den Aussagen der Hauptschuldigen und Zeugen hervor. Die Gräfin selbst musste nicht vor Gericht erscheinen. Der Vizekönig Georg Thurzó setzte sie in ihrem Turm gefangen, nachdem er die Burg gestürmt und die toten Mädchen aufgefunden hatte. Er wollte nicht, dass der gute Namen ihres seligen Gatten durch ihre Verbrechen noch mehr beschmutzt werde. Und so erschienen an diesem 2. Januar 1611 eben nur die vier Gehilfen der Witwe Báthory vor dem 14-köpfigen Adelsgericht in Bicse. 

Die Geständnisse, so heißt es in der Anklageschrift, wurden von den Beklagten "sowohl freiwillig als auch auf der Folter abgelegt." 

Als erstes sagte Johannes Ujvári aus, Fizkó genannt, ein Zwerg, der ganze 16 Jahre lang im Dienst der Herrin stand. Er brachte ihr viele Mädchen von überall her, die meisten niederen Standes. Versprach ihnen einen Kaufmann zum Mann oder eine Anstellung als Kammerzofe der Gräfin. Geschlagen habe er keins der Mädchen, er sei nur dabeigestanden, wenn Báthory und die anderen sie quälten. Wissen will er von 37 getöteten Mädchen.

Das Morden geschah nicht nur auf der Burg Csejte, denn die Herrin besass viele Schlösser. In Lezetice, Keresztúr, Sárvár, Beckó und Pressburg. Sie folterte die Mädchen in der Waschküche oder irgendwo im Innern der Schlösser, wo nicht jeder Zutritt hatte.

"Selbst wenn wir wohin fuhren, marterte sie die Mädchen im Wagen, schlug und kneipte sie und zerstach ihnen mit Nadeln den Mund."

Aus der Aussage Fizkós

Manchmal nähte sie den Mädchen die Lippen auch zu. Das sagte Báthorys Kammerzofe Dorothea Széntes aus. Genannt wurde sie von allen nur Dorkó. Und Dorkó war es auch, die der Herrin, als sie einmal krank darniederlag, ein Mädchen ans Bett brachte:

"Sie zerrte das Mädchen zu sich ans Bett und biss ihr ein Stück aus dem Gesicht und aus der Schulter. Die Stecknadeln stach sie ihm durch die Finger und sagte: wenn es der Hure weh thut, mag sie dieselbe herausziehen; that sie das, so schlug sie die Frau darum gleich wieder und schlitzte ihr die Finger auf."

Aus der Aussage Dorkós

Dorkó marterte auch selbst die Mädchen. Laut den Aussagen der anderen nahm sie den Platz der Anna Darvolia ein, nachdem diese erblindet und später verstorben war. Darvolia war die Schlimmste. Von ihr – so sagten die vier Angeklagten einhellig aus – habe die Herrin das Foltern gelernt. Sie band den Mädchen die Hände auf den Rücken, "schlug sie so lange, bis ihre Körper platzten" oder verbrannte ihnen mit einer Kerze die Geschlechtsteile. 

Die Wäscherin Katharina Beneczky, Katha genannt, brachte der Herrin keine Mädchen. Sie schlug auch keins, sondern versuchte den von Durst Gepeinigten heimlich Wasser zu bringen. Einmal wurde sie dabei erwischt und nach eigener Aussage so hart von der Herrin bestraft, dass sie "einen ganzen Monat wegen der erlittenen Schläge" im Bett verbringen musste. Getötet habe sie keins der Mädchen, aber sie sei gezwungen worden, diese nach ihrem Dahinscheiden zu verscharren. 

Der Palatin (Vizekönig Ungarns) Georg Thurzó, der den Prozess gegen Báthorys Gehilfinnen leitete. Bild: wikimedia commons

Manche vergruben die Angeklagten im Garten, andere unter dem Fußboden, den sie dafür aufbrachen. Einige Mädchen kippte man in die Weizengrube. Eins wurde in den Schloßgraben geworfen, doch der Hund zog den leblosen Körper bald wieder aus dem Wasser. 

Auch Helena Jo brachte Báthory Mädchen. Sie war die "derbe, untersetzte, von einer Warze verunstaltete" Amme der Gräfin. Sie ließ die Mädchen nackt in einer Reihe stehen und nächtelang durchnähen, wenn sie mit ihrer Stickerei nicht fertig wurden. Eins brachte sie sofort in die «Marter-Kammer», weil es eine Birne gestohlen hatte. Auch selbst hat sie ein paar Mädchen getötet. Wie viele, dass weiß sie nicht mehr. Nach Aussagen der anderen schenkte die Herrin ihr dafür schöne Röcke und verheiratete zwei ihrer Töchter.

Alle haben es gewusst

Von 54 verhörten Zeugen wollen allein vier nichts gesehen oder gehört haben von den Verbrechen, die die Gräfin Báthory gemeinsam mit ihren Gehilfen beging. Die anderen – unter ihnen Hofmeister, Beamte und Bedienstete – haben gesehen, wie die Mädchen sich nackt in Brennesseln wälzen mussten, haben zugeschaut, wie man sie im Winter draussen stehen liess und immer wieder mit kaltem Wasser übergoss, bis sie starben.

Der Kastellan von Sárvár hörte "das Klatschen der Schläge aus der Burg bis auf die Mauern hinaus", wenn er um die Burg schritt. Der Vizekastellan sah die Mädchen, "wie sie im Sarg hinausgetragen wurden". 

Quelle: panzio-korona

Und ein adliger Namens Franz Török sagte aus, dass eine junge Frau aus Pressburg von der Gräfin gezwungen worden sei, sich wie ein Mädchen zu kleiden:

"Die junge Frau entschuldigte sich, gewiss doch, meine liebe hohe und gnädige Herrin, ein Mädchen kann ich nimmermehr sein, da ich doch schon ein Söhnchen, meinen kleinen Franz, hatte. In ihrem Zorn hierüber liess sie ihr einen Holzscheit bringen und befahl ihr, diesen zu säugen, auch liess sie den Stock in Windeln schlagen, im Schloss herumtragen und sprach: ‹Säuge du Metze dein Kind, lass es nicht weinen.› Auch des Nachts weckte sie sie auf und zwang sie mit Gewalt das Holzstück zu stillen, als ob es ein Kind wäre. Später dann hat sie sie mit vielen weiteren Qualen aus der Welt gehen lassen."

Aus der Aussage von Franz Török

Verurteilung und Hinrichtung der Angeklagten

Elisabeth Báthory "als ein blutrünstiges, höchst ruchloses, auf frischer Gräuelthat ertapptes Weib" wird vom Gericht zu ewiger Gefangenschaft auf dem Schloss Csejte verurteilt.

Dorkó und Helena hingegen sollen "als vorzügliche Theilnehmerinnen so vieler Unthaten", nachdem ihnen vom Henker die Glieder der Finger an beiden Händen, "als den Werkzeugen einer so schweren, wider christliches Blut verübten Gräuelthat", abgerissen worden sind, verbrannt werden.

Fizkó hingegen, der selbst keine Morde begangen hatte, sollte geköpft, sein Leichnam hernach auf den Scheiterhaufen gelegt und "gemeinschaftlich mit den andern beiden Verbrecherinnen verbrannt werden."

Gegen Katha hingegen lagen wenig Beweise vor und ihre Schuld wurde von mehreren Aussagen gemildert. Sie sei barmherzig gewesen, habe Mitleid mit den armen Mädchen gezeigt. Deshalb hielt man sie vorerst im Kerker zurück, bis allenfalls klarere Beweise gegen sie auftauchen würden. 

König Matthias versuchte, das milde Urteil der Gräfin anzufechten, in Briefen redete er mehrmals auf seinen im Prozess federführenden Vize ein und forderte eine abermalige Untersuchung.

Doch Thurzó gelang es, die ganze Sache so in die Länge zu ziehen, dass bald auch der Monarch nicht mehr nach dem Fall Báthory fragte.

"Der Fall der erlauchten und rühmlichen Frau Nádasdy [Name ihres Gatten] konnte in diesem für die Überprüfung ziemlich vieler Umstände sehr knappen Zeitraum weder beigelegt noch viel weniger aus verschiedenen Gründen aus der Welt geschafft werden." 

Thurzó in einem Brief an König Matthias, 30. März 1611

Er verhinderte auf diese Weise wohl einen noch grösseren Skandal um die Witwe des hoch angesehenen Franz Nádasdy. Da gab es ausserdem noch den Sohn Paul, der um Schonung seiner Mutter bat. Und zwei Schwiegersöhne, die ebenso für die Kerkerstrafe anstelle einer Hinrichtung eintraten. 

Matthias war Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Erzherzog von Österreich, bereits seit 1608 König von Ungarn (als Mátyás II.), Kroatien (als Matija II.), seit 1611 auch König von Böhmen (gleichfalls als Matyáš II.). Quelle: wikimedia

Opfer einer Intrige oder sadistische Serienmörderin?

Die Opferangaben in den Verhörprotokollen pendeln zwischen 35 und 650. Und Báthory wird von der Nachwelt als grösste Serienmörderin aller Zeiten verschrien oder gar für gänzlich unschuldig erklärt.

László Nagy stellt die Gräfin 1984 als Opfer einer undurchsichtigen habsburgerischen Intrige dar. Tony Thorne will sie als vom Vizekönig Georg Thurzó kaltgestellte Witwe sehen – eine schutzlose Frau in einer enormen Machtposition, die dieser um ihren riesigen Besitz zu bringen suchte. Die Prügelstrafe – so Thorne weiter – sei bei der Behandlung von Dienerinnen niederen Standes durch Hochadlige allgemein üblich gewesen. 

Die meisten allerdings sehen in den Prozessakten den Beweis, dass Elisabeth Báthorys Bestrafungsritus weit über die alltäglichen Körperstrafen der Zeit hinausging. Diese Frau fand Gefallen am Quälen. 

1901 wird sie dann auch erstmals einer sexuellen Perversion beschuldigt, man sagt ihr eine aktive Algolagnie nach (von griech. algos "Schmerz" und lagneia "Wollust"), ein Vorgängerwort des Sadismus.  

Nur ein paar Jahre später freut sich der ungarische Sprachwissenschaftler Dezsö Rexa darüber, dass die Aussenwelt sich häufig nicht beeilt, die ungarischen Ereignisse zur Kenntnis zu nehmen: 

"Denn wäre die Krankheit der Báthory den bedeutenden Seelenforschern schon früher bekannt geworden, hätten die Ungarn auf diese Weise einen traurigen Ruhm erlangt. Dann wäre der Báthorismus zum Synonym für das geworden, was heute Sadismus heisst."

Dezsö Rexa, 1908

Nun ist halt den Franzosen diese Ehre zuteil geworden. 

Illustration von «Aline und Valcour» (1786), einem der Werke mit pornographisch-gewalttätigem Inhalt, das Marquis de Sade im Gefängnis schrieb. quelle: wikimedia

Die Forschung gräbt sich auf der Suche nach Krankheitszeichen tief durch die Familiengeschichte der Báthorys: Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert seien im Familienast der Blutgräfin durch Eheschliessungen untereinander immer mehr "Geisteskranke und degenerierte Psychopathen", "ungestüme Säufer", "sexuell Belastete" und "Wahnsinnige" zur Welt gekommen. Ein Ahne der Blutgräfin sei sogar im Sommer mit dem Schlitten herumgereist. 

Vielleicht war Elisabeth Báthory wahnsinnig. Und vielleicht paarte sich dieser Wahnsinn mit der Macht, die sie als Gräfin genoss:

"Erst dann, wenn die Umstände ein totales Herrschaftsverhältnis legitimieren, taucht der Sadist aus der Verborgenheit seines fiktiven Spiels auf; z.B. in Zeiten des Sklaventums, bei den Inquisitionen, in den faschistischen Konzentrationslagern. Bei Báthory findet sich die Kombination von Sadismus einerseits und der realen Macht totaler Verfügung und Beherrschung von Menschen andererseits."

Eberhard Schorsch, Anmerkungen (1973)

Krampfhaft wird gesucht nach den Gründen für solch ein sadistisches Verhalten, doch viel zu wenig Sicheres wissen wir über Elisabeth Báthory. Nicht den Hauch eines Motivs vermögen wir aus ihrem nur dünn überlieferten Leben herauslesen: 

1560 wird sie an einem unbekannten Tag in Nyirbátor geboren. Mit 15 wird sie mit dem Grafen Franz Nádasdy verheiratet, dem Besitzer von Sárvár. Vor allem aber ist er ein Kriegsmann, der Türkenköpfe zu spalten weiss. Er kämpft in einer Zeit, in der sein Land den Osmanen und Habsburgern als Schlachtfeld dient.

Im Schloss Eczet wächst Elisabeth Báthory auf. quelle: wikimedia

Nach der Hochzeit lebt das Paar in Sárvár. Die Stadt war damals das Zentrum der ungarischen Reformation, man nannte es darum auch das "ungarische Wittenberg". Elisabeth bekommt fünf Kinder, allerdings erst, als sie bereits weit über dreissig Jahre alt ist. Zwei sterben, als sie noch klein sind, Anna, Katharina und Paul werden ihre Mutter überleben. 

Um diese Zeit muss das Flüstern über die Grausamkeit der Gräfin seinen Anfang genommen haben. Die überaus harten Strafen hatten nämlich bereits zwei ihrer Dienstmädchen das Leben gekostet. István Magyari, dem bedeutendsten Kirchenmann von Sárvar, war dies bekannt. Und so klagte er 1602 die Gräfin vor versammelter Gemeinde an.

Man habe beim Begräbnis der beiden Mädchen "die Spuren der Folter sehen können". Natürlich empörte sich Elisabeth über die "falsche Anklage" des Priesters – und auch ihr Gatte rügte das Vorgehen in einem Brief an Magyari.

Ob ihm das dunkle Treiben seiner Frau bewusst war? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass Nádasdy 1604 starb. Und dass – schenkt man den Verhörprotokollen Glauben –, danach alles noch viel schlimmer wurde. Vielleicht hatte sich Elisabeth vorher noch im Zaum gehalten, nach dem Tod ihres Gatten aber schien sie ihre Neigung voll ausgelebt zu haben. 

Franz Nádasdy, der Ehemann von Elisabeth Báthory. quelle: wikimedia

Ihre Stammburg wird nun Csejte, bis am 29. Dezember 1610 der Vizekönig Thurzó dort einfällt und die Gräfin in ihrem eigenen Turm festsetzt. Im Januar 1611 werden ihre Gehilfen hingerichtet, während sie in ihrem Gefängnis auf den Tod wartet, der sie am 21. August 1614 um zwei Uhr nachts ereilt. Beigesetzt wird Elisabeth Báthory in der Kirche von Csejte, das heute in der Westslowakei liegt. Und wo ihre Gebeine nie gefunden wurden.

Einzig die Ruinen des Csejter Schlosses stehen noch immer öde und verlassen auf ihrem Fels. 

"Raben umkreisen sein mit jedem Tage mehr zerfallenendes Gestein mit ihrem Gekrächze, aber ein Theil des Thurmes, in welchem die Verbrecherin ihre Schandthaten sühnte und ihre mit Angst und Kummer gepresste Seele aushauchte, steht noch fest, scheint dem Zahne der Zeit für immer zu trotzen und zur Warnung vor Misshandlungen der Unschuld für immer dienen zu wollen." 
Michael Dionys Doleschall (1838)

Das für den Artikel verwendete Buch und Filmtipps

Michael Farin: Heroine des Graues. Wirken und Leben der Elisabeth Báthory in Briefen, Zeugenaussagen und Phantasiespielen.

Unter den Verfilmungen ist der lesbische Vampirfilm Blut an den Lippen (Les lèvres rouges, 1971) des Belgiers Harry Kümel zu erwähnen, ausserdem der Episodenfilm Unmoralische Geschichten (Contes immoraux, 1974) des Exilpolen Walerian Borowczyk, in dem Picassos Tochter Paloma als Gräfin Báthory im Blut ihrer Opfer badet. 

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