Leben
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Die Rote Schleife ist seit 1991 Zeichen der Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken Bild: iStock / Getty Images Plus / Chinnapong

Wie sich HIV verbreitete – und was heute Hoffnung macht

75 Millionen Menschen haben sich seit Ausbruch des HI-Virus vor bald 40 Jahren infiziert, knapp die Hälfte davon ist an den Folgen daran gestorben. Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember rollen wir die Geschichte der HIV-Epidemie auf.

Lea Senn / watson.ch

In den frühen 1980er-Jahren machte ein neues tödliches Virus Schlagzeilen. Später wurde es unter dem Namen "Human Immunodeficiency Virus", kurz HIV, weltbekannt.

1959

Ältester AIDS-Befund

Die ältesten HIV-Sequenzen fand man in einer Blutprobe einer Person aus Léopoldville, der damaligen Hauptstadt von Belgisch-Kongo, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Die Blutprobe stammt aus dem Jahr 1959, eindeutig auf die Aids-Krankheit zurückführen konnte man sie allerdings erst dutzende Jahre später.

Inzwischen weiß man, dass die heute weltweit verbreitete Variante des HI-Virus um das Jahr 1920 von Schimpansen auf Menschen übertragen wurde, vermutlich durch Schnittwunden bei der Jagd.

Von Léopoldville (heute trägt die Stadt den Namen Kinshasa) aus verbreitete sich das Virus zuerst entlang des Eisenbahnnetzes. Ab den 1960er Jahren breitete sich das HI-Virus vom westlichen Zentralafrika in die anderen Teile der Welt aus.

1981

Fälle von "Gay Cancer" häufen sich

In den USA werden einige ähnliche Fälle von jungen, homosexuellen Männern bekannt, die an einer "seltenen und oftmals schnell tödlichen Form von Krebs" erkrankt sind. Der Grund des Ausbruchs sei unbekannt, schreibt die "New York Times" in ihrer Ausgabe vom 3. Juli 1981. In den folgenden Tagen berichten diverse weitere Titel über die medizinischen Vorfälle.

1983

"Safer Sex"-Guidelines

Die US-Gesundheitsbehörde gibt erstmals bekannt, wie das Virus übertragen wird: Durch sexuellen Kontakt und Bluttransfusion. Entsprechende Safer-Sex-Guidelines folgen.

In Berlin gründet sich am 23. September die Deutsche Aidshilfe. Der Verein berät kranke und gesunde Menschen im Umgang mit HIV, klärt über Vorurteile auf, sammelt Spenden und gibt Tipps zu Safer Sex, um nur ein paar Tätigkeitsfelder zu nennen.

1984

Entdeckung des HI-Virus

Zeitgleich entdeckten zwei Forschergruppen das Virus, welches Aids verursacht. Dem Team um die französischen Wissenschaftler Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi gelingt es im Jahr 1984 erstmals, im Gewebe eines Aidspatienten einen Virus zu identifizieren.

Ein ähnliches Kunststück gelang kurze Zeit später auch dem US-Virologen Robert Gallo. Da ihm das Patent früher zugesprochen wurde, präsentierte er sich bald als Erstentdecker. Danach folgte ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen den beiden Forschergruppen, der die spektakuläre Forschungsleistung überschattete.

Im Jahr 2008 erhielten Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi – zur großen Enttäuschung Gallos – den Nobelpreis für ihre Forschung. Sie gelten heute als Entdecker des HI-Virus.

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Luc Montagnier Bild: imago images / UPI Photo

1985

Schauspieler Rock Hudson stirbt

Frauenschwarm und US-Schauspieler Rock Hudson gibt als einer der ersten Prominenten sein Coming Out und erzählt öffentlich von seiner Aids-Erkrankung.

In der damaligen Zeit ein Skandal: Die überwiegend ahnungslose heterosexuelle Weltöffentlichkeit erfuhr zum ersten Mal, dass Schwule nicht nur Tänzer, Schneider und Frisöre sind, sondern auch Männer wie du und ich.

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Rock Hudson in "Der Kommodore" Bild: imago images / Prod.DB

Unter schwierigen Umständen kämpfte Rock Hudson für die Akzeptanz von Homosexuellen und HIV-Betroffenen – so wollte ihn beispielsweise keine amerikanische Fluggesellschaft mehr von Paris zurück in die USA transportieren. Kurz vor seinem Tod war er gezwungen, einen Rückflug für sich alleine zu chartern – für 250.000 Dollar. Hudsons Geschichte sorgte dafür, dass Aids in der Gesellschaft immer mehr zum Thema wurde.

Blutbanken und Rotes Kreuz reagieren

Blutbanken und das Rote Kreuz beginnen 1985, das gespendete Blut auf HIV zu untersuchen. Blut von schwulen Spendern wird nicht mehr angenommen – eine Regelung, die in Deutschland bis heute bestand hat.

Anzahl Infizierte knackt eine Million

Weltweit wird 1985 die Grenze von einer Million Infizierten geknackt.

1987

Die ganze Welt schaut Schweizer Tagesschau

Der Moderator Charles Clerc zieht sich während der Hauptausgabe der Schweizer "Tagesschau" vor laufender Kamera ein Kondom über den Mittelfinger – und erregt damit internationale Aufmerksamkeit.

Lady Diana schockiert die Welt

Im April 1987 schüttelt Prinzessin Diana die Hände von Aidskranken – ohne dabei Gummihandschuhe zu tragen. Mit dieser Geste menschlicher Nähe setzt sie ein Zeichen. Gleichzeitig versetzte sie die Öffentlichkeit in Panik: Eine deutsche Zeitung fragte sogar: "Wird sie jetzt sterben müssen?"

1991

Basketball-Star Magic Johnson wird positiv auf HIV getestet

Bei einer Routineuntersuchung wird Magic Johnson, Basketballstar der Los Angeles Lakers, positiv auf HIV getestet. Johnson versteht die Welt nicht mehr, wie in aller Welt konnte er HIV-positiv sein? Wie Johnson waren damals viele der Überzeugung, dass nur Schwule vom tödlichen Virus betroffen sein können. Die Krankheit hat den Weg in die heterosexuelle Welt gefunden.

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Bild: imago images / ZUMA Press

Nach insgesamt drei Tests – alle mit dem selben Ergebnis – gibt er an einer emotionalen Pressekonferenz seinen (zumindest vorläufigen) Rücktritt als Profibasketballer bekannt.

"I'm going to go on. I'm going to beat this, and I'm going to have fun."

Magic Johnson bei seiner Rücktritts-Pressekonferenz

Später gab Magic Johnson zu, sich bei einer seiner zahlreichen Affären angesteckt zu haben. Heute ist der inzwischen 60-Jährige noch immer als HIV-Botschafter unterwegs.

Tod von Freddie Mercury

Seit mehreren Monaten gab es öffentliche Spekulationen über eine Aids-Erkrankung beim Queen-Sänger Freddie Mercury. Bei seinen Auftritten im September 1991 wirkte er bereits deutlich gekennzeichnet.

Am 23. November 1991 gab er in einem Statement bekannt, HIV-positiv zu sein. Nur einen Tag später starb er an einer Lungenentzündung.

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Freddy Mercury imago images / Mary Evans

1992

Erfolgsversprechende Medikamente werden getestet

Fast 10 Jahre, nachdem das HI-Virus isoliert wurde, publizieren Forscher erste Berichte über Behandlungsmöglichkeiten. Bis zur Einführung dieser Medikamente vergehen aber nochmals mehrere Jahre.

1994

20 Millionen Infizierte

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt die weltweite Zahl der am HI-Virus Erkrankten auf 20 Millionen.

1996

HIV ist nicht mehr tödlich

Der große Durchbruch ist da: Bei der Welt-Aids-Konferenz in Vancouver wird erstmals die "Kombinationstherapie" vorgestellt. Es gab zwar seit einigen Jahren erste Medikamente, aber erst die sogenannte antiretrovirale Therapie konnte die Vermehrung von HI-Viren im Körper dauerhaft verhindern.

Innerhalb weniger Wochen schöpfen zehntausende Patienten Hoffnung und bekommen die Erkrankung in den Griff – viele von ihnen lagen bereits auf dem Sterbebett.

HIV-positive Menschen können nun jeden Beruf ausüben, ihre Sexualität ausleben und auf natürliche Weise gesunde Kinder bekommen. Die Therapie ermöglicht Betroffenen ein komplett neues Leben – zumindest wenn sie in einem reichen Land leben, das ihnen Zugang zur Therapie ermöglicht.

2001

40 Millionen Menschen leben mit HIV

Inzwischen schätzt die WHO die Anzahl Infizierter weltweit bereits auf 40 Millionen Menschen. Die Zahl der Betroffenen hat sich also in nur sieben Jahren verdoppelt.

2008

Das "Swiss Statement"

Die Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen publiziert eine aufsehenerregende Mitteilung: Mit der richtigen Therapie sind HIV-Positive nicht mehr ansteckend. Das "Swiss Statement" trägt maßgebend zur Entstigmatisierung von HIV bei – weit über die Landesgrenzen aus.

2016

PrEP erobert den europäischen Markt

"Das Wunder gegen Aids" wurde die Pille bei ihrer Präsentation genannt: Die Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz PrEP, schützt genau so zuverlässig gegen HIV wie ein Kondom. Seit 2012 ist sie in den USA zugelassen, in der EU seit 2016.

PrEP birgt den großen Vorteil, dass man selbst Verantwortung übernehmen kann und sich nicht mehr "nur" auf den Sexpartner verlassen muss. Allerdings schützt die Pille nicht gegen andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis oder Tripper.

Seit der Entdeckung des Virus ist viel passiert

2019

Stand heute

Ende 2018 lebten der Deutschen Aidshilfe zufolge in Deutschland rund 87.900 Menschen mit HIV, 71.400 Menschen nahmen HIV-Medikamente. Die Zahl der Neuinfektionen geht seit 2015 kontinuierlich zurück, 2018 wurde zuletzt 2400 Neuansteckungen gezählt.

Weltweit liegt die Zahl der Menschen, die mit HIV leben, bei knapp 40 Millionen. Rund 770.000 Menschen sind im vergangenen Jahr an der Krankheit gestorben.

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, ist HIV heute längst kein Todesurteil mehr. Mit dem Virus kann man gut leben und eine Therapie vorausgesetzt, ist es von seinem Wirt nicht mehr übertragbar.

Der Kampf gegen die Krankheit und das Stigma, das Menschen mit HIV und AIDS-Kranken anhaftet, ist dennoch noch längst nicht ausgefochten. Ulf Kristal vom Vorstand der Deutschen Aidshilfe macht die Ziele klar:

„Unser Ziel ist das Ende der Diskriminierung. Menschen mit HIV können heute leben wie alle anderen. Zurückweisung, Schuldzuweisungen und Benachteiligung hindern sie oft daran. Ein ganz selbstverständliches Leben mit HIV ist möglich – Solidarität bedeutet, sich dafür stark zu machen.“

Stempelt psychische Erkrankte nicht als "Mega-Psychos" ab!

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