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Gruppenzwang

Ich kann beim Gärtnern nur noch an Sex denken – dank dieser FB-Gruppe

Jede Woche besuche ich eine Facebookgruppe, mit der ich eigentlich nichts anfangen kann. 

anna mayr

Die Gruppe

Name: Gartensüchtig
Die Beschreibung: Garten, Deco, Pflanzen,Tiere, Naturschutz, Gartenparties – einfach Fun!
Mitglieder: 42.000

Ich sollte nicht hier sein…

Meine Lieblingspflanze heißt "Rose von Jericho". Das ist so ein Gestrüpp, eine Wüstenpflanze, die das ganze Jahr über auf der Fensterbank unseres Wohnzimmers lag. Einmal im Jahr sagte meine Mutter: "Wollen wir die Rose aufgießen?" Ich jubelte. Rose aufgießen, DAS Event. Wir legten die Rose in eine Schüssel, kippten heißes Wasser drauf – und auf einmal war das kein Gestrüpp mehr, sondern ein Lebewesen. Die Blätter öffneten sich, waberten herum, ich sah zwei Stunden lang komplett fasziniert zu. Einmal im Jahr. So oft schaffe ich es maximal, eine Pflanze zu gießen.

Mein erster Eindruck

“Was ist das?” ist die am häufigsten gestellte Frage. Daraufhin streiten sich dann alle: Bärlauch oder Maiglöckchen? Krokus oder Narzisse? Und: Ist das nicht das gleiche? Dabei gibt es längst eine App dafür, die Fotos von Pflanzen erkennt. Ich entscheide mich dagegen, den Link in die Gruppe zu posten. Das wäre Spielverderberei.

Das durchschnittliche Gruppenmitglied

Christiane Müller-Benedikt hat wie 80 Prozent der anderen Gruppenmitglieder einen Doppelnamen, ist 37 Jahre alt und trägt bei der Gartenarbeit stets gelbe Gummihandschuhe. Alles, was sie schreibt, könnte genauso gut als schlechter Vergleich in einem Erotikroman vorkommen. "Ich habe Samen von der Igelgurke bekommen!" – “Wann sollte denn mein Hibiskus zu Treiben anfangen?” – "Zeigt mir Bilder von eurem Korkflügelstrauch!” Hihi.

Der durchschnittliche Post​


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Was Trolle schreiben

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Meine erste Freundin

Angela. Angela ist der normalste Mensch der Welt. So richtig, mit zwei Kindern, ein Junge, ein Mädchen und Urlaub auf Mallorca. Und genau so ehrlich wie ihr Lebensentwurf ist ihr letzter Post: "Gibt es auch Arbeiten im Garten, die ihr gar nicht mögt?" Angela trifft da einen Nerv. Auf einmal packen alle aus: Rasen mähen, schon ziemlich blöd. Winter insgesamt – ätzend. Frühjahrsputz auch. Nur eine laute Gegenstimme gibt es: "Es gibt doch nichts besseres, als auf den Knien rumzurobben. Kann dabei alles vergessen, könnte das stundenlang machen." Ich muss schon wieder kichern.Meine Antwort: "Kann nicht verstehen, wie man Gartenarbeit überhaupt mögen kann (außer Grillen und auf Liegestühlen Bücher lesen)" wird knallhart wegignoriert.

Warum ich für immer Mitglied bleiben will

Gartensüchtig ist nicht nur eine Quelle für flache, zweideutige Gags. Eigentlich ist es ein Ort für Menschen, die sich um mehr Dinge kümmern als sich selbst: um einen Hund, eine Horde Entenbabys, Schulkinder und auch noch die Pflanzen vor der Haustür. Sagt es etwas über mich, dass ich mich nicht um Pflanzen kümmern kann? Bin ich selbstsüchtig? Mit meinen Schuldgefühlen gehe ich auf Amazon und kaufe ein Zehnerpack Rosen von Jericho – dann kann ich demnächst ein Video in Gartensüchtig posten, wie ich sie alle nacheinander aufgieße.

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