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"Jede Generation hat ihre Kardashians" – eine Celebrity-Forscherin klärt auf

Ruth Scobie lehrt in Oxford und tut nichts anderes, als über Celebrities nachzudenken. Ein Traumjob. Sie findet, dass wir uns um unsere promi-geile Jugend keine Sorgen zu machen brauchen. Früher war's auch nicht besser.

Simone Meier

Am Anfang war das Feuer. Es wütete drei Tage lang im September 1666 und zerstörte vier Fünftel von London. Gleichzeitig beendete es die letzte große Pestwelle. Was wieder aufgebaut wurde, war sicherer, sauberer, komfortabler. Junge Menschen aus ganz England strömten in die Metropole, es gab Arbeit, Bildung, eine Mittelklasse war am Entstehen und diese hatte zum ersten Mal mehr Geld, als sie ausgeben konnte, und Freizeit, die sie mit Unterhaltung füllen wollte.

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Das große Feuer von London 1666.  Bild: imago stock&people

Bis dahin hatte kein Mädchen davon geträumt, einen Prinzen zu heiraten. Wer es geschafft hatte, als Künstler prominent zu werden, stand vornehmlich im Dienst elitärer Patrons, war nicht auf die Liebe der Massen angewiesen und für diese unerreichbar. Die Royals lebten in Palästen, die Heiligen im Himmel, die andern kannte man nicht. Bis 1665 gab es eine einzige britische Zeitung und die gehörte der Regierung, entsprechend wurde darin einzig über Staatsgeschäfte informiert.

Doch dann sorgte eine Gesetzeslücke dafür, dass die Beschränkung auf ein einziges Medium fiel und eine Masse an Massenmedien plötzlich die Metropole flutete. Sie setzten auf Skandale, Kriminalfälle, Gerüchte und Fake News, und wer zahlen konnte, kaufte sich große redaktionelle Geschichten über sich selbst. Heute würde man von Native Advertisement sprechen.

Celebrities wurden im Akkord gemacht. Sie waren so reich und doch so gleich. Stars, aus dem Himmel der Erhabenheit geholt.

Da waren Schauspielerinnen, die von Königen geliebt wurden. Schriftsteller, die von ihren Sekretärinnen so viele Haarlocken an Fans verschicken ließen, dass sie mehrfach kahl hätten sein müssen, hätten die Haare wirklich ihnen gehört. Populäre Bücher wurden mit Events lanciert, die denen der "Harry Potter"-Vernissagen in nichts nachstanden.

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Die Schauspielerin und Skandalnudel Nell Gwyn, um 1680. Bild: imago stock&people

Fanfiction und Merchandising-Produkte blühten, und Prominente konnten schon mal ein Geschäft betreten mit den Worten: "Wenn Sie mir Geld geben, trage ich dafür ihre Kleider." Wer ins Theater ging und genug bezahlte, konnte sich während der Vorstellung auf die Bühne setzen, Schauspielerinnen begrapschen oder durch andere Verhaltensauffälligkeiten in die Medien kommen.

Vieles war wie heute, erzählt Ruth Scobie, eine junge britische Dozentin, die an der Universität Oxford Literatur und Celebrity Studies unterrichtet.

"Es ist lustig, den älteren Professoren in Oxford zu erklären, was ich eigentlich mache. Dabei ist ihr Verhältnis zu Lord Byron, Oscar Wilde oder Napoleon, denen sie sich seit Jahrzehnten und oft ausschließlich widmen, auch nichts anderes als das Verhältnis eines Fans zu einer Celebrity. Sie hören das nicht gern. Weshalb ich es ihnen so oft und so laut wie möglich sage."

Ruth Scobie

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Ruth Scobie, Oxford-Dozentin, liebt Scones. bild: facebook

Es gibt das Klischee, dass Geschichten über Celebrities ausschließlich von Frauen konsumiert werden. Dass sie trivial und frivol sind. "Aber ist es weniger trivial und frivol jedes kleinste Detail über das Leben eines Fußballstars zu wissen?", fragt Scobie.

Wieso nimmt man an, dass ein Mann, der aus eigener Kraft reich geworden ist, mehr geleistet hat als eine Paris Hilton oder Kim Kardashian?

Laufen in Oxford, wo sich alles um die berühmten Toten dreht, eigentlich auch lebende Promis herum?

"Friedensnobelpreisträgerin Malala studiert bei uns Philosophie. Manchmal sieht man auch Emma Watson auf dem Campus, natürlich darf man sie nicht behelligen, schließlich versucht sie ja, ganz normal zu studieren. Und man trifft auf der Straße oft XXX (hier den Namen einer ultraberühmten britischen Band einsetzen) und Helena Bonham-Carter."

Ruth Scobie

Pakistani Nobel Peace Prize laureate Malala Yousafzai participates in an event on education and development of children and women, in Sao Paulo, Brazil, 09 July 2018. Malala Yousafzai participates in education and development event in Sao Paulo !ACHTUNG: NUR REDAKTIONELLE NUTZUNG! PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xMarceloxChellox SAO01 20180709-636667729619810312

Malala Yousafzai nimmt an einer Veranstaltung zu Bildung für Kinder und Frauen in Sao Paulo am 9. Juli 2018 teil.  Bild: imago stock&people

Wow, XXX also. OMG!

"Ja, den Sänger sieht man oft joggen, er ist ja nicht zu übersehen. Aber schreiben Sie das bitte nicht allzu fett, XXX nicht zu belästigen, ist ein sehr großes Ding in Oxford. Der Vater des einen Bandmitglieds war der Kinderarzt meiner Mutter. Wenn das nicht Fame ist!"

Ruth Scobie

Wie sieht es Celebrity-technisch eigentlich mit der britischen Kultfamilie schlechthin, der Royal Family aus? "Es gibt unter ihnen Unterschiede", sagt Scobie, "die einen sind reine Celebrities, die anderen sind ein bisschen mehr. Die Queen gibt es auf Geldstücken und auf offiziellen Briefmarken – damit ist ihr Image teilweise staatlich kontrolliert und inszeniert. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ohne Celebrity-Strategie so beliebt wäre, wie sie es gerade ist."

Die Celebrity-Strategie funktioniert so: Menschen, die sich an einem viel privilegierteren und exponierteren Punkt befinden als wir vermitteln uns über ihre mediale Selbstdarstellung eine Illusion von Intimität. So sehr, bis wir finden: Ein Bier trinken mit Jeff Bridges oder Daniel Radcliffe wär doch eigentlich das Normalste der Welt.

Actor Daniel Ratcliffe attends the Turner Networks 2018 Upfront at One Penn Plaza on Wednesday, May 16, 2018, in New York. (Photo by Evan Agostini/Invision/AP) |

Bier mit Harry-Potter-Star Daniel Radcliffe, anyone? Bild: Invision/AP Photo

Leider schenkt uns die Queen auf Instagram keinen Blick durch die Schlüssellöcher ihrer Schlösser, aber auch sie beherrscht den Kult der Nahbarkeit und redet in ihrer Neujahrsansprache schon mal über "Game of Thrones".

"Die Queen ist unglaublich smart in ihrem Image-Management, sie hat über die Jahre sogar ihren Akzent verändert."

Ruth Scobie 

Als junge Frau hatte sie eine aristokratische, vornehme, britische Stimme, jetzt hat sie sich quasi nach unten angepasst, eine sehr bewusste Entscheidung: "Sie klingt jetzt eher wie eine ganz normale, nicht distanzierte Großmutter."

Und die Jungen?

"Prinz Harry und Meghan Markle feierten im Mai eine staatspolitisch gesehen total unbedeutende Hochzeit, aber sie wissen genau, dass er das populärste und charismatischste Familienmitglied ist. Sie ist hübsch, in Amerika ein Star, das Ganze ist unfassbar romantisch, und natürlich werden sie aus der Hochzeit mit viel Manipulation das Beste rausholen. Denn dazu sind sie da. Oh Gott, werden Sie jetzt darüber schreiben, wie eine Oxford-Dozentin die Royal Family fertigmacht? Sie werden mich verbannen!"

Ruth Scobie

Britain's Kate, the Duchess of Cambridge, second right, sits with Prince George and Princess Charlotte as she talks to Autumn Phillips and her children, Savannah and Isla, as they watch Prince William take part in the Maserati Royal Charity Polo Trophy at the Beaufort Polo Club, in Tetbury, England, Sunday June 10, 2018. (Steve Parsons/PA via AP)

Kate, Duchess of Cambridge, redet mit ihren Kindern und einer befreundeten Familie auf dem Rasen. Sie wirken wie "normale" Menschen. Bild: PA

Scobie versucht, ihren Studierenden immer einzuhämmern, dass sie nicht wirklich verstehen, wie etwas funktioniert, wenn sie nicht wissen, wie es dazu gekommen ist. Egal, ob es sich um Kolonialismus, Kapitalismus oder die Mechanik hinter einer Celebrity handelt.

"Seit gut 1740 beklagt sich jede einzelne Generation in Großbritannien lauthals darüber, dass der Zerfall der westlichen Welt erst in den letzten zehn Jahren geschehen sei, dass die Jugend keine ernst zu nehmenden Vorbilder habe und sich nur noch an oberflächlichen, geldgeilen Celebrities orientiere."

Ruth Scobie

Leicht ist das Leben als Celebrity jedoch nicht unbedingt:

Britain's Prince Harry and Meghan, the Duchess of Sussex, waves at well-wishers during a walkabout in Dublin, Ireland, July 11, 2018. REUTERS/Clodagh Kilcoyne

Royals wie du und ich: Meghan Markle und Harry ganz zwanglos. Bild: X03756

Immer gab es auch Geschichten über junge Frauen, die angeblich nichts wollten als berühmt zu werden. "Jede Generation hatte ihre Kardashians und glaubte, sowas habe es noch nie gegeben." 

Eine Frage muss noch gestattet sein: Frau Scobie, wer ist Ihr liebstes Celebrity-Couple?

"Oh Gott, heute? Ich bin so schlecht mit heute!" Okay, Vergangenheit geht auch.

"Es gab diesen Politiker namens Charles James Fox im 18. Jahrhundert. Er war ein Partytier und Spieler, sehr modebewusst, hatte viele Affären, war unglaublich berühmt. In seinem Zirkel gab es eine 'Kurtisane' – ist dies höflich genug? – eine 'Lady of the Night', Elizabeth Armistead, unfassbar schön und die bezahlte Geliebte vieler Freunde von Fox inklusive des Prinzen von Wales."

Ruth Scobie

"Armistead und Fox führen diesen verrückten Partylifestyle in London, und dann kommt dieser Moment – beide sind in ihren Vierzigern und Armistead kann mit ihrem Körper nicht mehr so viel Geld verdienen –, in dem sie sich aufrichtig ineinander verlieben. Sie heiraten heimlich, es ist ein unglaublicher Skandal, Fox hätte jede heiraten können, aber er entscheidet sich für eine gefallene Frau. Sie ziehen sich zurück, gärtnern zusammen, schreiben sich rührende Liebesbriefe, seine letzten Worte auf dem Sterbebett sind: 'Das zählt nicht, liebste, liebste Liz.'"

Ruth Scobie

Weil nur die Liebe zählte. Armistead, noch immer eine begehrenswerte Frau, trauert 36 lange Jahre um ihren Fox.

Actor/director George Clooney, right, and his wife Amal mingle during the 46th AFI Life Achievement Award gala ceremony honoring him at the Dolby Theatre, Thursday, June 7, 2018, in Los Angeles. (Photo by Chris Pizzello/Invision/AP)

Die fabelhaften Clooneys. Bild: Invision

Okay, das ist süß, und abgesehen davon?

"George und Amal Clooney. Wie Fox hätte Clooney jede haben können, irgendeine hübsche, 22-jährige, devote Kellnerin, die den ganzen Tag über sagt: 'Oh George, you're so wonderful!' Aber er entschied sich für eine Frau mit einer Karriere und einem Profil, von der er dies nie hören wird."

Ruth Scobie

Gut, und eines Tages gehen wir mit George und Amal Bier trinken. Ganz sicher.

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