Leben
Bild

Wo Benni hinkommt, fliegt sie wieder raus - und legt es auch darauf an. Denn Benni will nur eins: wieder bei Mama wohnen! Bild: Port au Prince Pictures/kineo/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer

Interview

Schwererziehbare Kinder – die wahren Schicksale hinter dem Film "Systemsprenger"

Benni rennt. Und kämpft und wütet und schreit um ihr Leben. Das Spielfilmdebüt von Nora Fingscheidt über eine Neunjährige, die durch alle sozialen Netze fällt, geht unter die Haut. Und verhilft der deutschen Regisseurin nicht nur zu unzähligen Preisen und einer Oscar-Nominierung, sondern ihrer Hauptdarstellerin auch gleich noch zu einer Rolle an der Seite von Tom Hanks.

Simone Meier / watson.ch

Nora Fingscheidt, erzählen Sie uns bitte, wie Sie zur Idee für "Systemsprenger" gekommen sind.
Ich war Ende zwanzig und drehte in Stuttgart einen Dokumentarfilm für die Caritas. In einem Heim für obdachlose Frauen. Eines Tages kommt eine Vierzehnjährige ins Heim, um da zu wohnen. Ich fand das schockierend, aber es hieß: Die ist sonst überall rausgefallen, die will keine andere Institution in der ganzen Bundesrepublik mehr aufnehmen, und wenn ein Kind älter als vierzehn ist, dann kann es in Deutschland auch im Obdachlosenheim wohnen.

Die will niemand mehr? So wie die neunjährige Benni in Ihrem Film also.
Genau. Meine Benni setzt sich aus den Geschichten von gut zwanzig Kindern zusammen, die ich für meine Recherche während vier, fünf Jahren getroffen habe. Kinder aus zerrütteten Verhältnissen, die man davor in fünfzehn oder auch fünfunddreißig Wohngruppen, Pflegefamilien, Sonderschulen oder anderen Organisationen für Jugendliche versucht hatte unterzubringen...

... und die dann eben jedes System sprengen? Die im Grunde unerziehbar sind?
Kinder, die sich jeder Art von System widersetzen, die eine unglaubliche anarchische Kraft entwickeln und derer die Erwachsenen nicht Herr werden können, die sich nicht bändigen oder kontrollieren lassen.

Im Film höchstens mal durch Medikamente. Benni wird immer mal wieder in die Psychiatrie eingeliefert und sediert, bevor es in die nächste Wohngruppe geht.
Es ist ein Kreislauf aus den immer gleichen Faktoren, die immer toxisch sind, immer gibt es schlechte Freunde, Wohngruppen, Familien, Stress in der Schule.

Hier seht ihr den Trailer zu "Systemsprenger":

abspielen

Video: YouTube/KinoCheck

Darum geht's in "Systemsprenger":

Systemsprenger sind Kinder, gegen die Erwachsene machtlos sind. Weil sie zu unberechenbar, aggressiv, durchtrieben, schnell und schlau sind, um in irgendwelche sozial verträglichen Raster gepresst zu werden. Benni (Helena Zengel) ist eins dieser Kinder. Zu anstrengend für die labile Mutter, zu gefährlich für Geschwister und andere Kinder, eine Zumutung für jede Institution. Und im Herzen des Sturms, als der sie durch ihre Stadt fegt, ein ungemein verletzliches und anhängliches Wesen.

Als Filmstoff ist Benni, die eigentlich Bernadette heißt, auf ihrem Teufelskarussell aus Sozialarbeiterinnen, Antiaggressionstrainern, White-Trash-Background und Psychiatrie genial. Ihre Geschichte hat Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt allerdings der Realität abgetrotzt. Das macht den Film bei aller Unterhaltung sehr traurig und tragisch.

"Systemsprenger" ist seit dem 19. September in den deutschen Kinos zu sehen.

Eine andere Therapiemaßnahme geht in Richtung der Dokusoap "Die schrecklichsten Eltern der Welt": Es wird überlegt, Benni in ein Erziehungscamp nach Afrika zu schicken.
Auch das ist Realität. Solche Camps gibt es in Namibia, in Sibirien, in Spanien, auf den Kanarischen Inseln, in Rumänien, auf Malta... Die Idee dahinter ist gut: Man holt die Kinder aus ihren Teufelskreisen raus, bringt sie ganz woanders hin und hofft, dass sie ohne die üblichen Verhaltensmuster noch einmal eine Chance haben, sich ganz neu zu finden. Aber natürlich geht das meistens schief. Ich kannte einen Jungen, der nach Sibirien ging, dort irgendwelche schiefen Dinge drehte und in den Knast kam. Die deutschen Behörden versuchten, dieses Kind aus dem Knast zu holen, aber die Russen sagten: Vergesst es! Oder ein Junge, der auf den Kanarischen Inseln das Hausschwein meuchelte und sich dann drei Wochen lang in Höhlen versteckte.

Bild

Bild: nordmedia

Deutschland hat Ihren Film jetzt für die Oscars eingereicht. Rechnen Sie sich Chancen aus?
Ganz ehrlich? Nein. Der Film hat seiner Premiere an der Berlinale zwar schon internationale Preise von Santiago bis Taipei eingeheimst und läuft in Deutschland ausgezeichnet im Kino, aber die Rezeption in den USA ist sehr einseitig, ich mach' mir da keine riesigen Hoffnungen. Der Film ist für Amerika zu krass. Das Einzige, was dort interessiert, ist das Medikamententhema. Aber Amerika ist ja auch ein von Medikamenten terrorisiertes Land.

Verrückt. Apropos krass: Sie arbeiteten mit einem Kind, das ein Kind spielen muss, welches unter schweren seelischen Traumata und diversen Störungen leidet. Wie macht man sowas?
Wir wussten, das Drehbuch ist hart und die Hauptdarstellerin Helena Zengel ist erst neun, wir müssen da ganz behutsam dran. Wir hatten 67 Drehtage, was wahnsinnig viel ist, und Helena war an 65 Tagen dabei. Mit Kindern ist die Arbeit streng reglementiert, man darf nicht länger als fünf Stunden drehen. Daneben hatte sie eine Privatlehrerin, damit sie in der Schule nichts verpasst. Sie war vorher schon eine ausgezeichnete Schülerin gewesen, danach war sie noch besser. Die wenigen Zweien, die sie davor noch gehabt hatte, verwandelten sich in lauter Einsen.

Und seit der Berlinale verwandelte Deutschland sich für Helena in Hollywood.
Ja. Sie dreht jetzt gerade mit Tom Hanks unter der Regie von Paul Greengrass. Jemand von denen sah "Systemsprenger" an der Berlinale und wollte sie haben.

Hinter vielen Kindern im Showbiz stecken überehrgeizige Eltern. Auch hinter Helena?
Naja, die Mutter ist jetzt zum Beispiel mit ihr nach Amerika zum Dreh gefahren, was auch verständlich ist. Aber der Rest kommt schon ganz allein aus der Kleinen. Die anderen Eltern kenne ich auch, das sind Eltern, die sehen ihr Kind gar nicht, die sehen nur den Erfolg. Und dann tritt da so ein zitterndes kleines Wesen vor die Kamera und kriegt Tränen in die Augen, wenn es den Text nicht kann, das bricht mir dann das Herz.

Bild

Bild: Port au Prince Pictures/kineo/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer

Wie schwierig war es, ein Ausnahmetalent wie Helena zu finden?
Gar nicht. Gefunden habe ich Helena im November 2016. Da war sie noch acht. Sie war die Siebte im Casting und ich hab mir nach ihr noch 150 andere Mädchen angeschaut, weil ich mein Glück gar nicht zu fassen wagte. Aber ich kam immer wieder auf sie zurück. Und dann haben wir sechs Monate lang zusammen gearbeitet und uns langsam der Figur genähert. Wir waren zusammen in Secondhand-Läden und haben Bennis Kleider ausgesucht. Wir haben ihr ein Stofftier gekauft. Wir haben Listen gemacht: "Wie reagiert Benni" und "Wie reagiert Helena" auf ein bestimmtes Problem. Zum Glück war da eine große Differenz. Wir mussten das so präparieren, dass Helena während des Drehs in die Rolle rein- und nach der Arbeit wieder aus der Rolle rausschlüpfen konnte. Ich wollte, dass sie den Dreh mit dem Gefühl verlässt, eine schöne Erfahrung gemacht zu haben.

Im Grunde ist Benni ja Pippi Langstrumpf, die man gewaltsam versucht, in ein System zu zwängen.
Ja. Nur lieben alle Pippi im Gegensatz zu Benni.

Also erstens mochte ich Pippi als Kind nicht. Ich fürchtete mich vor ihr und hielt sie für eine ausgemachte Nervensäge. Zweitens ist Benni neben ihrer explosiven Aggressivität ja auch höchst liebenswert: Sie ist emotional sehr bedürftig, smart und sehr, sehr lustig.
Das stimmt.

Sie sind jetzt 36 und eine arrivierte deutsche Regisseurin. Ist das nicht großartig?
Ja, total, das ist wunderbar, ich genieße das gerade sehr. Ich habe jahrelang ohne einen Cent gearbeitet und jetzt interessieren sich die Leute plötzlich für meine weiteren Projekte.

Die da wären?
Das darf ich nicht verraten. Nur so viel: Nächste Woche ziehe ich mit meiner Familie nach Amerika.

Viel Urlaub, wenig CO2: So gehts!

Play Icon
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Interview

Psychologe erklärt: So klappt es endlich mit den Vorsätzen

Ein neues Jahr ohne Vorsatz ist wie Modern Talking ohne Thomas Anders – vorstellbar, aber irgendwas fehlt dann doch. Und so nehmen sich jedes Jahr zur Jahreswende Menschen haufenweise etwas vor, um sich nach wenigen Wochen einzugestehen, wieder einmal mit den Vorsätzen gebrochen zu haben.

Warum klappt es so selten mit den Vorsätzen? Und was kann man tun, damit es funktioniert? Autor und Psychologe Sebastian Bartoschek weiß Rat.

watson: Warum nehmen sich Menschen gerade zum Jahreswechsel etwas …

Artikel lesen
Link zum Artikel