Leben
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Love-Scamming: Wie ich einer Russin (fast) auf den Leim gegangen bin

Willi Helfenberger / watson.ch

Diese Geschichte zeigt, wie unglaublich geschickt, hartnäckig und mit welch enormem Aufwand (angebliche) russische Frauen vorgehen, um das Vertrauen von Männern zu gewinnen – und so an ihr Geld zu kommen. Ein Erlebnisbericht.

Der erste Kontakt

Eines Tages habe ich Post im Eingang:

"Ich habe deine E-Mail-Adresse von einer Dating-Plattform. Ich habe mein Profil gelöscht. Mir hat die Seite nicht gefallen. Wollen wir unseren Chat hier fortfahren!? Mein Name ist Oksana, ich bin 36 Jahre alt und lebe in Poshekhonye in Russland. Ich schicke dir meine Photos. Könntest du mir dein Photo auch schicken? Erzähle über dich. Oksi."

Ich schreibe zurück, kurz und bündig:

"Hallo Oksi, ich bin zu alt für Dich".

Doch damit beginnt die Geschichte erst.

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Oksi, die einsame Frau an der Wolga.

Oksi schreibt mir zurück, das Alter spiele keine Rolle und erzählt, dass sie in einer kleinen Stadt an der Wolga in Russland lebt und Psychologie und Deutsch studiert habe. In der Tat, ihr Deutsch ist recht gut, keine Google-Übersetzung, eher wie in der Schule oder an der Uni gelernt.

Ihre Fotos zeigen eine junge, sympathische Frau, nicht aufgedonnert, nicht speziell sexy. Sie wolle einen Mann aus Europa kennenlernen, die russischen Männer hätten sie nur enttäuscht, auch ihr Vater, der die Familie verlassen habe, als sie noch klein war.

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Oksi (links außen) während ihres Fachlehrgangs.

Der Köder wirkt, ich beiße an

Obwohl ich skeptisch bin, lasse ich mich ein, ich kann ja nichts dabei verlieren: "Liebe Oksi, wir können gerne einander schreiben und erzählen. Du bist interessant und ich würde gerne mehr über Dich und Dein Leben in Russland erfahren".

Es beginnt ein täglicher Briefwechsel per E-Mail, der Wochen dauern sollte.

Sie schreibt, dass es in ihrer kleinen Stadt keine Arbeit für eine Psychologin gebe und darum habe sie "einen Fachlehrgang der Einzelwimperntechnik und des Nagelaufbaus absolviert" und mit einem Zeugnis abgeschlossen. Jetzt arbeite sie in einem Schönheitssalon in Poshekhonye.

Sie schickt mir Bilder von ihrem Arbeitsplatz, von ihren Kolleginnen.

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Oksi bei der Arbeit im Schönheitssalon.

Wir tauschen einige Wochen unsere alltäglichen Erlebnisse aus. Sie schickt mir Bilder mit ihrer Mutter, ihrer Schwester, ihrer Freundin. Wir diskutieren über Literatur, über Tolstois "Krieg und Frieden".

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Oksi mit Mutter und Freundin.

Die E-Mails mutieren zu Liebesbriefen

Es sind lange Briefe, die wir uns mittlerweile täglich schreiben und sie werden immer intimer. Oksana schreibt:

"Ich bin es Leid, allein zu sein, ich kenne die Einsamkeit. Ich denke, dass jeder Mensch, tief in der Seele, Angst vor der Einsamkeit hat. Ich bin auf der Suche nach einem Mann, mit dem ich alles teilen kann, einem Mann, der weiß, wie man lacht und wie man liebt, Liebe macht. Vielleicht bist du dieser Mann?"

Sie schickt mir Fotos von sich in ihrer Wohnung.

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In ihrer Wohnung.

Der Altersunterschied

Ich fühle mich geschmeichelt, vergesse aber die Realität nicht. Ich schreibe ihr:

"Du hast Dein Leben noch vor Dir, was willst Du mit einem alten Mann?"

Oksana möchte vom Thema Altersunterschied nichts wissen: "Du hast Recht, es gibt einen großen Altersunterschied zwischen uns. Und du hast schon verstanden, dass ich nicht gerne darüber rede."

Langsam beginne ich, mir auch keine Sorgen mehr darüber zu machen. Immerhin hat der französische Präsident auch eine viel ältere Frau. So ein großer Altersunterschied ist zwar nicht die Regel, aber warum sollten wir nicht die Ausnahme sein? Und die Bilder, die sie mir unterdessen schickt, tragen ebenfalls zum Vergessen bei.

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Die Bilder werden immer intimer.

Das Telefongespräch

Nach vier Wochen Briefwechsel will Oksana mit mir telefonieren, weil sie meine Stimmen hören will. Doch sie könne mit ihrem Handy nicht ins Ausland telefonieren und müsse in die nächste große Stadt reisen, Jaroslawl, um bei der internationalen Telefonvermittlung eine Verbindung in die Schweiz herstellen zu lassen. Die Reise mit dem Bus von Poshekhonye nach Jaroslawl dauert über eine Stunde.

Und tatsächlich, sie ruft mich zur abgemachten Zeit an, spricht fast perfekt deutsch mit einem angenehmen russischen Akzent. Wir sprechen etwa zwei Minuten:

"Schön Deine Stimme zu hören, wie geht es Dir… ".

Über eine Stunde reisen, um zwei Minuten zu telefonieren? Ich bin gerührt und denke, wahrscheinlich wollte sie herausfinden, ob es mich wirklich gibt.

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Oksana will mich besuchen

Nach dem Telefongespräch schreibt sie, sie wolle für zwei Wochen zu mir in die Schweiz kommen und schickt ein Bild von sich mit ihrem internationalen Reisepass. Ich hatte immer irgendwo in einer kleinen Ecke meines Gehirns Zweifel an dieser Liebesgeschichte, doch jetzt sehe ich, dass Name und Bild auf dem Pass übereinstimmen mit den Angaben, die sie mir gemacht hat. Ich schreibe zurück, dass ich mich freuen würde, sie zu treffen. Sie solle ein Visa beantragen und mir eine Kopie schicken, dann würde ich ihr einen Flug buchen und bezahlen.

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Oksi mit ihrem Reisepass

Erste Zweifel

Oksana schreibt mir, "Mein Liebling ich habe das Visa in einem Reisebüro in Auftrag gegeben". Doch sie müsse das Flugticket ebenfalls bei dem Reisebüro kaufen und bar bezahlen, ob ich sie ein bisschen unterstützen könne.

Jetzt läuten bei mir die Alarmglocken. Ich schreibe ihr:

"Liebe Oksi, jetzt werde ich misstrauisch. Ich werde Dir Deine Reisekosten zurückzahlen, wenn Du hier bist, aber ich schicke Dir kein Geld nach Russland".

Ich hatte unterdessen auf der Webseite der Schweizer Botschaft in Moskau eine Warnung vor Internet-Bekanntschaften gelesen, darin wird davon abgeraten, Geld zu schicken.

Das Vertrauen kommt zurück

Ich bin mir fast sicher, dass mit meiner Absage, Geld zu schicken, die Internet-Affäre beendet ist und ich nichts mehr von ihr hören werde. Weit gefehlt! Oksana schreibt weiter und schickt auch immer wieder Bilder. Sie habe begriffen, dass ich misstrauisch sei, es gebe leider viele Betrüger im Internet. Sie werde mich nicht mehr um Geld bitten, sondern das Geld für die Reise selber organisieren.

Sie wolle um unsere "Liebe kämpfen" und werde mir beweisen, dass sie es ehrlich meint. Eine Woche danach schickt sie mir die Kopie ihres Flugtickets der Aeroflot mit An- und Abflugdaten und schreibt, dass sie das Visa auf der Botschaft in Moskau kurz vor der Abreise erhalten werde. Wow, denke ich, warum war ich so misstrauisch?

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Oksi schickt ein Bild, wie sie ihren Koffer packt, um nach Moskau zu reisen.

Und noch mehr Misstrauen

Oksana ist unterdessen von ihrem Provinzstädtchen Poshekhonye nach Moskau gereist. Sie schreibt, dass sie in der Schweizer Botschaft Ärger hatte. Sie bekomme das Visa nur, wenn sie nachweisen könne, dass sie 1400 Franken auf ihrem Konto habe, sie wolle mich anrufen. Tatsächlich telefonieren wir noch am gleichen Tag.

Ich erkläre ihr nochmals, dass ich ihr kein Geld überweisen werde und dass ich wieder sehr misstrauisch geworden sei. Sie antwortet, sie werde das Geld selber auftreiben und obwohl sie ein wenig enttäuscht sei, dass ich ihr nicht helfe, wolle sie weiter darum kämpfen, dass wir uns treffen und dann werden wir "viele Nächte Liebe machen".

Meine Hormone beginnen zwar zu tanzen, doch der Verstand sendet auch wieder Alarmglocken.

Die Gewissheit: Betrug

Ich google die Lady. Das habe ich zwar schon früher einmal gemacht und nichts gefunden. Unterdessen hat sie mir über 50 Fotos geschickt. Ich gebe jedes dieser Fotos in der Google-Suche ein. Beim Foto 37 gibt es einen Treffer und ich lande auf einer Internet-Seite, die Scammer auflistet.

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quelle: scammers.ru

Sie steht auf dieser Liste mit Bildern und einem ihrer Briefe, der fast identisch ist mit einem E-Mail, das sie mir geschickt hat, nur ist er nicht mit Oksi, sondern mit Tania unterschrieben.

Ich schlucke und denke, was bin ich für ein alter Esel.

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Ein fast identisches E-Mail habe ich auch bekommen, nur war es mit Oksi unterschrieben, nicht wie hier mit Tania. quelle: scammers.ru

"Oksana" gibt nicht auf

Ich schreibe ihr, dass ich sie auf einer Scammerliste gefunden habe. Doch Oksana gibt nicht auf. Das sei unmöglich, da habe jemand ihr E-Mail-Account gehackt. Das sei der schrecklichste Tag ihres Lebens.

"Ich werde mich an einen Anwalt wenden, der mir hilft, diesen Betrug aufzuklären. Ich werde nicht zulassen, dass jemand unsere Beziehung ruiniert."

Sie habe jeden Tag eine Stunde oder mehr damit verbracht, mir einen Brief zu schreiben. Ich soll keine voreiligen Schlussfolgerungen ziehen.

"Was kann ich für dich tun, damit du von der Aufrichtigkeit meiner Gefühle überzeugt bist?" Und fast nebenbei erwähnt sie, dass sie jetzt das Visa auf der Botschaft bekommen habe.

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42 E-Mails für nichts: Kein Geld für sie, keine Liebe für mich.

Das (Un-)Happy-End

Ich nehme den Ball auf und schreibe: "Du kannst mir deine Aufrichtigkeit bezeugen, indem Du mir eine Kopie des Visas schickst". Dann könne mir die Schweizer Botschaft in Moskau bestätigen, dass ihr das Visa ausgestellt wurde.

Ich hatte tatsächlich mit der Botschaft Kontakt aufgenommen und um eine Bestätigung von Oksanas Visa-Antrag gebeten.

Die Botschaft schreibt: "Leider sind wir nicht in der Lage Ihre Anfrage zu beantworten".

Seit 2015 gilt in Russland ein sehr strenges Datenschutzgesetz in Bezug auf Weitergabe von Daten ins Ausland, wie ich erfahren habe.

Doch das Problem hat sich auch ohne Auskunft der Botschaft erledigt. Ich habe seit meinem letzten Brief nichts mehr von Oksana gehört.

Nach zwei Monaten und 42 Liebesbriefen aus Russland hat Oksi endlich aufgehört zu schreiben. Aber vermutlich nur mir.

Mit diesem Artikel verabschiede ich mich von watson und gehe in den (Un-)Ruhestand.

(whr)

Mehr zum Thema

Eine Reportage des Bayerischen Rundfunks gibt einen guten Einblick in das Geschäft mit der vermeintlichen Liebe. Die Recherche führt auch nach Russland. In dem TV-Beitrag kriegen aber auch Dating-Portale ihr Fett weg.

LGBTI* - was steckt eigentlich hinter dem Kürzel?

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Video: watson/katharina kücke

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