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Wie "Plötzlich arm, plötzlich reich" die Grenzen zwischen Arm und Reich verstärkt

Zufrieden schaut Jessica Stockmann auf den Balkon, den sie mit ihrer Tochter hergerichtet hat: Ein grüner Kunstrasen und zwei Ledersessel sollen den Ort ein wenig freundlicher erscheinen lassen.

Besonders toll ist, dass der Kunstrasen nur 10 Euro gekostet hat und die Sessel sogar gratis waren. Der niedrige Kostenfaktor ist gerade für Jessica wichtig – denn für diese Woche stehen ihr und ihren zwei Töchtern nur 80 Euro zum Leben zur Verfügung.

Wenn man Jessica nun mit dem Teppich, Sesseln und neuen Balkonpflanzen herumwerkeln sieht, könnte man denken, sie tritt bei einer kostengünstigeren Version von "Schöner Wohnen" auf. Tut sie aber nicht. Die Schauspielerin und Unternehmerin ist Protagonistin der zweiten Staffel von "Plötzlich arm, plötzlich reich" von Sat1, bei der eine arme und eine reiche Familie eine Woche lang ihre Leben tauschen.

Und Jessicas Verhalten macht klar, wie sehr das Sozialexperiment scheitert: Sie mag nämlich offenbar gar nicht tauschen. Sie mag lieber verbessern. Und zwar das Leben von Yvonne, einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren beiden Kindern derweil auf Jessicas Anwesen in Nizza die Füße hochlegen darf.

"Plötzlich arm, plötzlich reich" zeigt, wie groß die Kluft zwischen Arm und Reich ist

Mit "Plötzlich arm, plötzlich reich" wollen die Macher der Sendung die Frage aufstellen, ob Geld wirklich glücklich macht. Deswegen sollen eine arme und eine reiche Familie einen Einblick ins Leben der jeweils anderen gewinnen: Es werden die Wohnungen getauscht, die wöchentlichen Budgets sowie anfallende Aufgaben. Danach treffen sich die Familien und sprechen über ihre Erfahrungen.

Der Zuschauer darf also zwei Stunden lang dabei zusehen, ob sich Arm und Reich einander annähern. Ob die Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, Verständnis füreinander aufbauen. Und leider geht das Experiment in dieser Hinsicht nicht auf:

Gerade die aktuelle Folge von "Plötzlich arm, plötzlich reich" zeigt eher, wie Unverständnis für die jeweils andere Seite erst aufgebaut wird – und so die Kluft zwischen Arm und Reich so richtig sichtbar wird. Geld schweißt die Menschen eben nicht zusammen, scheint die Botschaft zu sein.

Armut verkommt bei "Plötzlich arm, plötzlich reich" zu einem Spiel

Um eins vorab zu sagen: Natürlich kann das Experiment nicht ganz aufgehen. Der Einblick, den die Teilnehmer in das Leben der anderen Familie gewinnen, ist nur vage. Eine Woche ist einfach zu kurz, und sich ein Bild von dem Leben eines Menschen zu machen, den man erst am Ende des Experiments trifft.

So verkommt das Ganze eher zu einem Spiel: Die Armen können endlich mal ein bisschen Luxus genießen, und die Reichen dürfen ausprobieren, ob sie es schaffen, eine Woche lang mit wenig Geld auszukommen. Wenn nicht, ist das aber auch nicht so schlimm. Schließlich darf man ja danach in seine Villa zurückziehen und sein altes Leben wieder annehmen.

Dasselbe gilt für die Armen, minus die Villa, selbstverständlich. Immerhin haben sie allerdings einen genauen Blick darauf bekommen, was sie alles so verpassen – wie den eigenen Swimmingpool, Gärtner und Personal Trainer.

In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur zur ersten Staffel der Show sagte auch Armutsforscher Christoph Butterwegge, das Experiment sei viel zu künstlich, um wirkliche Erkenntnisse liefern zu können. Zudem könne eine mögliche negative Konsequenz sein, dass es der armen Familie nach dem Tausch schlechter gehen könnte als zuvor, weil sie nun wüsste, was ihnen entginge.

Die Fronten zwischen der armen und der reichen Familie scheinen verhärtet

Das scheint in dieser Folge "Plötzlich arm, plötzlich reich" allerdings nicht das vordergründige Problem zu sein. Viel auffälliger ist diesmal, wie verhärtet die Fronten zwischen den beiden Familien sind, die sich doch nicht einmal kennen. Wie viel hier bei den anderen jeweils bewertet, anstatt hinterfragt wird. Wie viel die Teilnehmer sich rechtfertigen, anstatt einfach zu erklären.

Wenn die alleinerziehende Yvonne zum Beispiel sagt, sie brauche keinen Personal Trainer, kommentiert Jessica: Ohne den könne sie sich eben nicht motivieren. Wenn Jessica meint, Yvonne solle sich lieber noch einen Minijob neben ihrer Vollzeitstelle suchen, anstatt Trödel auf dem Flohmarkt zu verkaufen, regt sich Yvonne auf: Ein Minijob käme nicht infrage, ihr Arbeitgeber verbiete das.

Zudem scheint Jessica das Experiment generell nicht ganz verstanden zu haben: Es geht nicht darum, dass sie einer armen Familie eine Woche "Urlaub", wie sie den Aufenthalt in ihrer Villa nennt, ermöglicht. Es geht auch nicht darum, zu zeigen, was man vermeintlich alles besser weiß – egal ob man in einer wohlhabenderen Situation lebt oder nicht. Es geht darum, sich auf eine fremde Lebensweise einzulassen.

Jessica scheint alles besser zu wissen als die alleinerziehende Yvonne

Als Yvonne einkaufen geht und lediglich Lebensmittel kauft, die sie und die Kinder kennen, damit nichts übrig bleibt – Fischstäbchen, abgepackten Käse und Cola – kommentiert Jessica: "Der Einkauf hat gar keinen Sinn gemacht." Schließlich habe Yvonne doch weder günstig noch lecker eingekauft. Immerhin räumt Jessica gönnerhaft ein, niemand habe Yvonne erklärt, was sie einkaufen sollte.

Die Aufgaben, die auf dem Wochenplan stehen, den Yvonne für Jessica angefertigt hat, werden von dieser teilweise ignoriert: Nach neuem Trödel für den Flohmarktstand am Wochenende zu suchen, hält Jessica für überflüssig. Dabei hätte sie wenigstens mal gucken können, um den Alltag der armen Familie besser zu verstehen, findet Yvonne.

Zu allem Überfluss entscheidet sich Jessica noch dazu, Yvonnes Balkon umzudekorieren. Das ist zwar nett gemeint, aber recht übergriffig – und am Ende eben auch nicht so praktisch. Den Kunstrasen findet Yvonne nicht gut, weil er recht lange trocknet, sobald er nass wird. Und die schwarzen Ledersessel könnten sich in der Sonne zu stark aufheizen. Das hat Jessica wohl beides bei ihrem Wunsch zur Verbesserung nicht bedacht .

Die Fronten zwischen den beiden Familien, die je ein Leben in Reichtum und in Armut repräsentieren, scheinen verhärtet zu sein. Das ändert sich auch beim persönlichen Treffen nach dem Experiment nicht. Um sich gegenseitig Fragen zu stellen und mehr Verständnis füreinander aufzubauen, nutzen die Teilnehmer das Gespräch nicht.

Armut als strukturelles Problem wird außer Acht gelassen

Als Zuschauer bleibt man nun lediglich mit der nicht ganz so neuen Erkenntnis zurück: Geld spaltet die Gesellschaft. Zudem wird, wie in vielen anderen Armutsshows auch, mal wieder außer Acht gelassen, dass weder Armut noch Reichtum sich an einzelnen Schicksalen erzählen lassen, sondern als strukturelle Probleme betrachtet werden sollten. Auch Armutsforscher Butterwegge meint, die Sendung spiele deswegen denjenigen in die Karten, die Armut gern als selbstverschuldet und Reichtum als verdient darstellen wollen.

Vielleicht sollte Sat1 lieber mal versuchen, die Teilnehmer eine Woche lang miteinander quatschen und den Alltag gemeinsam bewältigen zu lassen. Wenn man einen Einblick in das Leben eines völlig fremden Menschen gewähren will, sollte man den Menschen selbst vielleicht nicht nahezu völlig außer Acht lassen.

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