Als lesbische Frau hat es mich in die Großstadt gezogen. Doch auch hier hat das queere Dating so einige Tücken.
Als lesbische Frau hat es mich in die Großstadt gezogen. Doch auch hier hat das queere Dating so einige Tücken.Bild: iStockphoto / gorodenkoff
Meinung

"Plötzlich trifft man die Ex beim Blinddate": Warum queeres Dating auch in der Großstadt kein Zuckerschlecken ist

30.05.2022, 07:42

Als ich mich mit 19 Jahren vor meinen Eltern als lesbisch geoutet habe, wohnte ich noch in einem kleinen hessischen Dorf, war unglücklich in meine beste Freundin verliebt und mir ziemlich sicher: Ab jetzt geht's nur noch bergab. Während der Schulzeit gab es tausend Anzeichen dafür, dass ich auf Frauen stehe und wenn ich meine alten Tagebücher aus dieser Zeit in die Hand nehme, frage ich mich, wie ich sie derart hartnäckig ignorieren konnte.

Zum Glück ging es für mich nicht bergab, sondern in die Großstadt.

Das ist nicht verwunderlich, denn auf dem Dorf queer zu sein, ist alles andere als leicht. Es gibt keine Community, man findet wenig Anschluss und hat Angst, dass alle Nachbarn einen schief anschauen, wenn man sich ein bisschen anders verhält oder kleidet als die anderen. Was mir allerdings niemand verraten hat: Auch in Berlin, der vermeintlichen LGBTQ-Hochburg Europas, ist das queere Dating kein Zuckerschlecken.

Googelt man nach queer-friendly Orten in Europa, steht Berlin ganz oben auf vielen der Top-10-Listen, die man findet. Von der "gayest city in Europe" erwarte ich Toleranz von meinen Mitmenschen, ein schillerndes Nachtleben und zahlreiche queere Hotspots, an denen ich mich mit anderen vernetzen kann. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Trotzdem lauerten zahlreiche andere Tücken auf mich im Dating-Dschungel.

Fangen wir an bei den Vorurteilen gegenüber queerem Dating. Klischees krallen sich bekanntermaßen sehr gerne in unseren Köpfen fest – deshalb denkt meine Oma zum Beispiel, dass alle schwulen Männer "gut gepflegt" und "reinlich" sind. Vorm Dating machen diese Klischees natürlich nicht Halt.

"Was bringt eine Lesbe mit zum zweiten Date? Einen Umzugswagen."

Schwule Männer treffen sich nur für One-Night-Stands über Grindr – lesbische Frauen dagegen suchen alle etwas Langfristiges. Egal wie veraltet diese Klischees sind, sie sind noch immer in unseren Köpfen. Wenn ich für jedes Mal, wenn ich den Witz "Was bringt eine Lesbe mit zum zweiten Date? Einen Umzugswagen" höre, einen Euro bekommen wurde, könnte ich bei der nächsten Party allen Feiernden eine Runde Drinks spendieren.

Auch Bisexuelle bekommen ihr Fett weg. Ihnen wird nämlich vorgeworfen, dass sie sich nicht entscheiden können zwischen Männern und Frauen, dass sie nur herumexperimentieren, ja sogar, dass sie "gierig" sind und nie genug bekommen, müssen sie sich anhören.

Große Stadt bedeutet nicht mehr Möglichkeiten

Berlin ist groß und voller Möglichkeiten, das stimmt. Trotzdem sind es im Endeffekt die immer gleichen Bars, in denen sich die queere Community trifft. Das ist super hilfreich, wenn man Anschluss sucht. Kann aber auch böse enden, wenn man plötzlich die Ex beim Blinddate trifft, weil sie in der Lesben-Bar, die man früher so gerne zusammen besucht hat, jetzt am Tisch nebenan mit ihrer neuen Flamme sitzt – die man bestenfalls auch noch kennt.

"Bekannte Gesichter trifft man an den queeren Hotspots schneller als einem vielleicht lieb ist."

Ob im Neuköllner "Silver Future" oder im "Heile Welt" in Schöneberg, dem Regenbogen-Bezirk Berlins – bekannte Gesichter trifft man an den queeren Hotspots schneller als einem vielleicht lieb ist. Beim "Queer Garden" in Kreuzberg habe ich beispielsweise mal eine Gruppe von Freundinnen getroffen, darunter war dann durch Zufall auch ein ehemaliges Tindermatch von mir. Und sie hieß genauso wie meine Ex-Freundin – na klar!

Obwohl es viele Orte gibt, an denen man sich als queere Person in Berlin zu Hause fühlt, gibt es natürlich auch in der Großstadt homophobe, transphobe, sexistische Menschen, die pfeifen, wenn zwei Frauen sich auf der Straße küssen und Sprüche wie "Bekomme ich auch einen Knutscher?" brüllen.

Ich sage es, wie es ist: Daran werde ich mich nie gewöhnen. Und ich will es auch nicht.

"Auch in der kunterbunten Großstadt ist man als offen queere Person nicht sicher."

Im Jahr 2021 wurden in Berlin 369 queerfeindliche Übergriffe registriert. Auch in der kunterbunten Großstadt ist man als offen queere Person nicht sicher. Das einzige Mal, dass ich bisher in Berlin in einem Club belästigt wurde, war ausgerechnet im SchwuZ, einem LGBTQ-Club.

Nach Berlin zu ziehen, war für mich trotz all dieser Tücken die richtige Entscheidung – queeres Dating funktioniert hier vermutlich immer noch besser als überall sonst.

Auch wenn ich mich in meine Freundin schlussendlich nicht in einer Gay-Bar, sondern in der Uni verliebt habe.

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