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Meinung

5 Gründe, warum endlose Zugreisen besser sind als Fliegen

Alles andere als pannenfrei ist unser watson-Reporter mit dem Zug aus dem schweizerischen Bern nach Süditalien gefahren. Die Reise hat trotzdem bleibende Eindrücke hinterlassen.

Adrian Müller

Zug fahren statt fliegen: In meinen diesjährigen Sommerferien in Apulien (Süditalien) hat es sich ausgejettet. Stattdessen gebe ich mir die volle Zug-Dröhnung. Einerseits wegen der Diskussion um die Klima-Krise, anderseits will ich auf einem Europa-Trip wieder mal mehr sehen als nur Flughafen-Terminals, den blauen Himmel und Städte aus der Vogelperspektive.

Die Route: Bern-Milano-Polignano al Mare

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Die (zeitlichen) Kosten dafür: Statt fünf Stunden mit dem Flugzeug (inklusive Anreise zum Flughafen), dauert der 1200 Kilometer lange Tages-Trip von Bern über Mailand mit Eurocity, Frecciabianca und Regionalzug nach Polignano al Mare bei Bari insgesamt 17 Stunden.

14 Stunden die Rückreise mit dem Nachtzug und EC zurück nach Bern. Hin und zurück kostet das Ticket rund 230 Euro.

Darum hat sich dennoch (fast) jede Minute gelohnt:

Leute treffen

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Wann hast du zuletzt auf einem Europaflug Leute kennengelernt? Ich kann mich nicht daran erinnern. Ganz anders auf der zehnstündigen Eisenbahn-Odyssee von Mailand nach Bari.

Kurz vor Bologna steht wegen einer Großstörung der gesamte Zugverkehr geschlagene zwei Stunden still. Im Gegensatz zu den Schweizer Pendlern nehmen es die Italiener gelassen und beginnen zu quatschen. Ich komme mit Sabato, einem italienischen Mode-Designer aus New York, ins Gespräch. Er sitzt mit seinem Hund Spotty im gleichen (1. Klasse)-Abteil und lädt mich später zu einem Musikfestival in der Nähe seines Heimatortes ein.

Kultig sind auch die ultrakurzen Rauchpausen. Je länger die Reise dauert, desto öfter springen die Nikotinabhängigen bei den gefühlten 100 Stopps auf den Bahnsteig und Sekunden vor Abfahrt wieder in den Wagen. "Ciao, wohin fährst du? Was machst du im Leben?" Lockere und lustige Gespräche verkürzen die schier endlose Reise.

Mit über 100 Minuten Verspätung kommen wir schließlich zu später Stunde in Bari an. Beinahe verpassen wir auch noch den letzten Regionalzug nach Polignano. Sabato und ich machen einen Deal: Ich helfe ihm beim Kofferschleppen, er löst mir dafür ein Ticket. Mit vereinten Kräften erreichen wir den letzten Zug, quatschen weiter und verabschieden uns mit einer Umarmung.

Sonnenaufgang im rollenden Bett

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Vergiss die Flugzeug-Sardinenbüchse: Für die Rückreise gönne ich mir im Treno Notte von Bari nach Mailand ein Einzelabteil. Kostenpunkt: 90 Euro.

Komfortabler geht es nicht. Denn es ist eine Reise wie in der First-Class: Welcome-Kit mit Augenmaske, Schlappen und Zahnbürste. Dazu ein großes Bett mit Decke. Musik an, Bier auf und ich lasse mich gemütlich in die Nacht schaukeln.

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Es bleibt viel Zeit, einige der schönsten Tage des Jahres in Ruhe Revue passieren zu lassen und die Ferien nochmals richtig aufzusaugen. Keine Spur vom Ankunfts-Schock, der einen bei den Jodel-Klängen im Terminal am Flughafen Zürich immer wieder erfasst.

Das Highlight wartet rund zwei Stunden vor Ankunft in Mailand. Während der Fahrt durch die Po-Ebene erlebe ich im Halbschlaf einen atemberaubenden Sonnenaufgang. Schöner können Ferien nicht zu Ende gehen. Oder doch: Kurze Zeit später klopft es an der Türe – und der Zugbegleiter serviert einen perfekten italienischen Espresso.

Unvergessliche Momente

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Bereits kurz nach dem Simplontunnel kommt beim spektakulären Blick auf den Lago Maggiore so richtig Ferien-Feeling auf. Nach einer Mittagspause in Milano taucht einige Stunden später die Adria auf. Endlich am Meer!

Als der Zug in Rimini hält, kommen Jugenderinnerungen auf. Schon der Großvater reiste früher mit Kind und Kegel (und im Nachtzug) in die Ferien an die Adria. Später rast der Zug entlang der Küste gen Süden, die gesamte Strecke ist von Weinbergen gesäumt. Dann der Sonnenuntergang. Diese Bilder vergisst man nicht so schnell.

Keine Frage: Die Reise erfordert trotz eines mit Netflix-Staffeln vollgepackten iPads viel Geduld. Der Sitz ist trotz 1. Klasse unbequem. Aber es sind erfahrungsgemäß gerade die härteren Reisen, die in Erinnerung bleiben.

Kein Check-in-Stress

Bei einer Fahrt mit dem Eurocity beginnen die Ferien bereits bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Bern. Überfüllte Check-In-Hallen oder Stress beim Boarding? Fehlanzeige. Ich lehne mich in meinem Sitz zurück und gönne mir ein Nickerchen. Nur drei Stunden später fahre ich bereits in Milano ein, der Zug ist sogar pünktlich. Der Alltagsstress ist bereits dort vergessen. Umso mehr als der Anschlusszug nach Bari zumindest pünktlich abfährt.

Kein schlechtes Gewissen

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Die Klimastreiker haben ihr Ziel erreicht. Mittlerweile habe ich ein latent schlechtes Gewissen, wenn ich in ein Flugzeug steige.

Reist man mit dem Zug, passiert genau das Gegenteil. Seinen Freunden erzählt man (ein bisschen stolz), dass man den ganzen Trip mit dem Zug zurückgelegt hat.

Eine Menge CO2 habe ich tatsächlich eingespart. Ein Hin- und Rückflug von Zürich nach Bari verursacht laut Myclimate-Berechnung fast eine halbe Tonne Kohlendioxid pro Passagier. Mit der Bahn ist es nur ein Bruchteil.

Punktabzug für das Toiletten-Elend

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Defekte Toiletten sind leider in italienischen Zügen alles andere als ein seltenes Bild.

Die italienischen Züge sind zwar (zumindest überregional) nicht mehr vergleichbar mit den Lotterkompositionen, die vor Jahren durchs Land tuckerten. Eines ist jedoch gleich geblieben. Die Plumpsklos sind meist in einem desolaten Zustand. Und oftmals unbenutzbar und abgeriegelt.

Bist du auch mit dem Zug in den Sommerurlaub gefahren? Dann schreib deine außergewöhnlichen Erlebnisse ins Kommentarfeld.

Viel Urlaub, wenig CO2: So gehts!

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    Alle Leser-Kommentare
  • Zweiundvierzig 11.08.2019 13:12
    Highlight Highlight Mit dem Auto geht es noch einfacher.
    Man ist Herr seiner Zeit, immer 1ter Klasse und stoppt wo man will.
    Kosten für 4 Personen - weit entfernt von den 4x230€ die im Zug fällig wären - davon kann man sich noch ein paar leckere Filetsteaks gönnen.

    Verbrauch mit einem Stinkediesel (E5) keine 5,5l mit durchschnittlich 110km/h - sind 1,4ltr/100km/Person.

    Ober Danke - fahr nur Zug - macht meine Straße frei.

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