Leben
Bild

Bild: John Phillips/Getty Images/Warner Bros./Montage Watson

Meinung

Dumbledore und Grindelwald liebten sich, sagt Rowling. Warum ich das heuchlerisch finde

Einige Monate ist es nun schon her, dass "Phantastische Tierwesen – Grindelwalds Verbrechen" in die Kinos kam und nicht nur wegen seines doch sehr überraschenden Endes, sondern wegen der enttäuschenden, da fehlenden Darstellung von Albus Dumbledores Homosexualität Schlagzeilen machte.

J.K. Rowling verkündete 2007 überraschend, Dumbledore sei schwul. Seitdem warteten wir Muggel darauf, dass diese erst nach dem letzten "Potter"-Band enthüllte Behauptung auch ihren Weg in darauffolgende Bücher und Filme finden würde. Im Theaterstück "Harry Potter und das verwunschene Kind" (2016) wurde daraus nichts – also lagen alle Hoffnungen auf der neuen Prequel-Filmreihe, "Phantastische Tierwesen", die unter anderem Dumbledores Vergangenheit zeigen sollte.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Endlich würden wir einen Einblick in das so oft von Rowling thematisierte Liebesleben Dumbledores erhalten. Dachten wir jedenfalls. Denn als "Phantastische Tierwesen – Grindelwalds Verbrechen" dann in die Kinos kam, war da von Homosexualität wenn überhaupt nur eine flüchtige Spur zu entdecken. Und das auch nur, wenn man wusste, wonach man Ausschau zu halten hatte – melancholische Mienen, kryptische Andeutungen, bedeutungsschwangere Blickwechsel.

Bild

Ist das schon homosexuell genug? Scheinbar. Bild: Warner Bros.

Anfang April erscheint nun die Blu-ray zum Film, gepaart mit diversen Bonusfeatures. Eines davon ist ein Interview mit J.K. Rowling und dem Regisseur David Yates. Die amerikanische "Radio Times" hat sich das bereits ansehen dürfen und schreibt, Rowling habe sich dabei folgendermaßen zu Dumbledores und Grindelwalds Beziehung geäußert:

"Ihre Beziehung war unglaublich intensiv. Sie war leidenschaftlich, und es war eine Liebesbeziehung. Aber wie es in jeder Beziehung nun mal so ist – ob homo-, heterosexuell oder wie auch immer man sie bezeichnen will –, weiß niemand je wirklich, was die andere Person fühlt. Du kannst es nicht wissen; du kannst nur glauben, es zu wissen.
Daher bin ich weniger an der sexuellen Seite interessiert – obwohl ich glaube, dass es in dieser Beziehung eine sexuelle Dimension gibt – als an den Gefühlen, die sie füreinander empfanden, was letztlich das Interessanteste an allen menschlichen Beziehungen ist."

J.K. Rowling auf der blu-Ray zu "Grindelwalds verbrechen", via "Radio Times"

Und mit dieser Aussage macht es sich Rowling meiner Meinung nach sehr leicht.

Denn da haben wir es wieder: Anstatt ihre Lehren aus dem Shitstorm zu ziehen, den sie und Regisseur David Yates vor dem Kinostart von "Grindelwalds Verbrechen" ernteten, weil Letzterer in einem Interview verkündet hatte, Dumbledores Homosexualität würde im Film "nicht explizit" dargestellt werden, fährt Rowling weiterhin dieselbe Schiene. Und deren Gleise tragen sie immer weiter in Richtung Queerbaiting. Das ist eine verbreitete Praxis, bei der homosexuelle Beziehungen in Filmen, Büchern und Co. zugunsten des LGBT-Publikums zwar angekündigt, aber dann letztlich doch nicht gezeigt werden.

LONDON, ENGLAND - NOVEMBER 13: J.K Rowling attends the UK Premiere of

Wenig an sexuellen Seiten interessiert: J.K. Rowling. Bild: John Phillips/Getty Images

"Ich bin weniger an der sexuellen Seite interessiert" ist Rowlings vermeintlich nonchalanter Versuch einer Rechtfertigung dafür, dass Dumbledores Homosexualität zwar in ihren Interviews existiert, in den Filmen jedoch nicht deutlich erkennbar ist. Seine Homosexualität dient als Crowdpleaser, ihre Verkündung derselben brachte ihr damals Standing Ovations (!) ein. Und diese Enthüllung sollte nicht der einzige Versuch ihrerseits bleiben, "Harry Potter" nachträglich Diversität einzuhauchen, wo keine war – aber darüber habe ich mich schon anderweitig ausgelassen.

Jetzt wäre ihre Chance gewesen – und lange nicht die erste –, sich all der Kritik anzunehmen, die seit über einem Jahrzehnt auf sie einprasselt. Sie hätte ihren Worten endlich Taten folgen lassen können und Dumbledores Homosexualität nicht nur verkünden, sondern auch in den "Phantastische Tierwesen"-Filmen zeigen sollen.

Damit meine ich keine Sexszenen – "Phantastische Tierwesen" ist und bleibt eine Filmreihe für die ganze Familie.

Aber Sexualität lässt sich auch anders darstellen, wie uns die "Harry Potter"-Filme eindrücklich gezeigt haben. Harry küsste Cho und Ginny, Ron küsste Hermine. Und die Bücher gingen da vielleicht sogar noch einen Schritt weiter, erlaubten sie uns doch "intime" Einblicke in Harrys Gedankenwelt – die insbesondere in Bezug auf Ginny ziemlich hormonell aussah. Wieso also ist es den Filmemachern hinter "Phantastische Tierwesen" – und dazu zählt auch Rowling, die für die Drehbücher verantwortlich ist – offenbar unmöglich, Homosexualität in einer Weise darzustellen, die über sehnsüchtige Blicke hinausgeht?

Bild

Hier wird gerade ein Blutpakt geschlossen. Und Dumbledore Sr. sieht traurig zu. Bild: Warner Bros.

Niemand verlangt eine tatsächliche Sexszene zwischen Dumbledore und Grindelwald, aber ein Kuss wäre doch schon mal ein Anfang (und jugendfrei noch dazu). Denn Rowling kann nicht von einer "sexuellen Dimension" zwischen beiden Männern sprechen – was übrigens schon schwammig genug ist –, ohne diese dann zumindest auch in den Film einfließen zu lassen. Und sicher hat sie Recht, wenn sie davon spricht, dass die Gefühle das Interessanteste einer zwischenmenschlichen Beziehung sind – aber zu diesen zählt eben auch sexuelle Anziehung. Vor allem in einer "unglaublich intensiven", "leidenschaftlichen" Beziehung wie dieser, wie sie selbst sagt.

Und wenn David Yates im selben Interview (!) davon spricht, das Ganze sei "eine Geschichte über zwei Männer, die einander liebten und letztlich gegeneinander kämpfen müssen, eine Geschichte für das 21. Jahrhundert" ("Radio Times"), stelle ich mir die Frage, in welchem 21. Jahrhundert er denn lebt, wenn dort einander liebende Männer in Filmen nicht offen als homosexuell gezeigt werden dürfen.

Denn mal ehrlich: Wenn es nicht gezeigt wird... zählt es dann überhaupt?

Was meint ihr dazu? Seht ihr Rowlings Verhalten als Queerbaiting? Schreibt mir einen Kommentar!

Mit der guten Frau habe ich schon mehrere Hühnchen zu rupfen gehabt:

3
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Phil89 16.03.2019 13:34
    Highlight Highlight Der Spiegel Nerhegeb ist - um das zu den bestehenden Kommentaren noch hinzuzufügen - nicht einfach etwas, das dazu dient, sich sehnsüchtige Blicke zuzuwerfen. Er zeigt, und das erklärte Dumbledore Harry persönlich, nichts Geringeres als den allergrößten Wunsch, das größte Begehren.
    Bei der Konstellation zwischen Albus und Gellert ist das schon ein eindeutiges Stilmittel. Zu mehr wird es in ihrer Darstellung als erwachsene Männer auch nicht / kaum kommen. Aber es gibt noch drei Filme, in denen noch eine Menge aus der früheren Vergangenheit erzählt werden kann.
  • Julian Thomas 16.03.2019 11:21
    Highlight Highlight Die Autorin ist einzig und allein ihrer Story verpflichtet.
    In 5 Filmen hat der zweite die beiden Figuren erstmal eingeführt und trotz über zwei Stunden Länge blieb wegen vieler neuer Informationen keine Zeit, sich der Beziehung zwischen Dumbledore und Grindelwald zu widmen.
    Was zwischen beiden passierte ist Kernelement dieser Geschichte. Es wäre dramaturgischer Nonsens das bereits jetzt aufzudecken. Vielmehr wäre es aber ein Fest, dieser Beziehung als Höhepunkt der Filmreihe zu einem späteren Zeitpunkt den Raum zu geben, den sie verdient und ich bin sicher, dass Rowling genau dies tun wird.
  • frank42 15.03.2019 17:23
    Highlight Highlight Die Autorin schreibt »[...] stelle ich mir die Frage, in welchem 21. Jahrhundert [Yates] denn lebt, wenn dort einander liebende Männer in Filmen nicht offen als homosexuell gezeigt werden dürfen«
    Ich finde, die Frage stellt sich erst gar nicht. Klar darf das im 21. Jhd. gezeigt werden, aber wann genau spielt der Film nochmal? Laut Wikipedia im Jahr 1927 und ich glaube, mich zu erinnern, dass man damals maximale Vorsicht hat walten lassen mit dem Thema Homosexualität, selbst unter Zauberern. Insofern finde ich die dezenten, aber eindeutigen Andeutungen völlig in die Story passend.

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht …

Artikel lesen
Link zum Artikel