Leben
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"Der Fotowahn killt das Reisen" – dieser Experte weiß warum

Seit 35 Jahren tourt Globetrotter-Chef André Lüthi um die Welt. Der Traveller der Nation verrät im Interview, wo es auf der Welt noch unentdeckte Flecken gibt, weshalb er Instagram-Influencer verschmäht und welches das mieseste Loch war, in dem er bislang übernachtet hat. 

Adrian Müller, Nico Franzoni / watson.ch

Reisen statt Ferien: Mit diesem Motto hat André Lüthi das Reiseunternehmen Globetrotter groß gemacht. Braungebrannt und relaxt empfängt der 58-jährige Berner die watson.ch-Reporter in seinem Büro. Und gerät bei einem Thema richtig in Rage.

André Lüthi, Sie sind gerade von einer Südamerika-Reise mit Sohn Levin (18) zurückgekehrt. Haben Sie als Reiseprofi einen unentdeckten Flecken entdeckt?
In Bolivien habe ich Ecken gefunden, wo ich zwar nicht der Erste war, mich aber die Natur völlig überwältigt hat. In der Salar de Uyuni, der größten Salzpfanne der Welt, sind wir abends mit dem Landrover rausgefahren. Man fühlte sich dem Himmel so nahe. Die Sterne spiegelten sich schon während des Sonnenuntergangs in den Wasserlachen. Solch berührende Momente erlebte ich bisher nur im Tibet oder in Sibirien.

Habt ihr während der Reise – wie echte Traveller – in Hostel-Dorms übernachtet?
Nein, denn ich schlafe am liebsten im Zelt oder Fünfsternehotels (lacht). In Jugendherbergen war ich schon lange nicht mehr. Mit meinem Sohn wollte ich in Bolivien einen Sechstausender besteigen. Dort schliefen wir auf 5300 Metern in einer Art SAC-Blechhütte mit zehn Betten. Wegen eines Sturms konnten wir den Gipfel aber leider nicht besteigen.

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watson.ch/zvg

Zur Person

Der 58-jährige André Lüthi ist alles andere als ein klassischer Manager: Seine Karriere startete er mit einer Bäckerlehre. Danach ging er auf seine erste große Reise. Die Faszination ließ ihn nie mehr los. Heute ist er CEO der Globetrotter Group (450 Mitarbeiter) und einer der wichtigsten Köpfe der Schweizer Reisebranche. Lüthi hat zwei Kinder (18 und 20) und lebt in Bern. 

Sie besuchten in Peru das Weltwunder Machu Picchu. Wie haben Sie die Inka-Stadt erlebt, die unter den Touristenmassen zu ersticken droht?
Beim Eingang zur Inka-Stadt standen die Leute in in einer circa 800 Meter langen Zweierreihe Schlange! Mir kam es vor, als würden wir wie Vieh hineingepfercht. Ob in Venedig, beim Taj Mahal oder eben Machu Picchu: Es ist überall die gleiche Problematik. Zu viele Menschen wollen diese wunderbaren Orte besuchen. Es ist gar nicht mehr möglich, sich richtig mit diesen Weltwundern auseinanderzusetzen. Die Mystik geht verloren. Man ist immer von Menschen umgeben. Dazu kommt die Selfie-Klickerei. Es geht nur noch ums beste Foto. Ich habe mich selbst dabei ertappt, als ich mit meiner Spiegelreflexkamera den besten Ort für das beste Bild suchte.

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watson.ch/zvg

Lüthi über den Instagram-Wahn

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Touristen mit ihren Selfie-Sticks beobachten?
Reisen verkommt leider so zunehmend für viele Menschen zu einer Art "Trophäe abhaken". Der Fotowahn killt oft das wahre Reisen, wie wir es früher kannten. Dadurch entsteht eine völlig andere Wahrnehmung. Vor 20 Jahren zog ich vier Monate mit Jak-Nomaden durch Tibet – ganz ohne Kamera. Das ist eine ganz andere Auseinandersetzung. Mit der Kultur, mit den Menschen, mit sich selbst. Klar, die Welt hat sich nicht nur beim Reisen verändert – und nicht nur zum Schlechten (lacht). 

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Bilder vergangener Tage. Lüthi 1989 in Nepal. watson.ch/zvg

Instagrammer sorgen mit ihren Bildern dafür, dass einst wenig bekannte Orte wie das Berggasthaus Aescher plötzlich von Touristenhorden überschwemmt werden. Was halten Sie von Travel-Influencern?
Das ist eine, sorry für den Ausdruck, Saumode geworden, das bringt mich immer mehr in Rage. Wir haben bei Globetrotter täglich zahlreiche Anfragen von Influencern, die gratis herumreisen wollen. Einmal haben wir einen Blogger mit auf eine Reise mitgenommen. Statt sich auf das Land einzulassen und mit Einheimischen zu sprechen, saß die Person meistens mit dem Handy im Zelt. Ihm war das Land völlig egal, ihm ging es nur um Posts, Likes und Fame. Sicher sind nicht alle so, aber leider immer mehr. 

Thailand schließt wegen Overtourism den weltberühmten "the Beach" auf Ko Phi Phi, die Philippinen machen ganze Inseln dicht. Ist das mehr als Augenwischerei?
Das ist ganz klar ein Alarmzeichen. Wenn wir zum Punkt kommen, das sogar die lokale Bevölkerung und die Behörden, die vom Tourismus profitieren, denken, es sei zu viel, dann ist ein Umdenken angesagt. Ob dies durch Regeln und Schließungen erreicht werden kann, bezweifle ich. Vielmehr habe ich schon fast eine buddhistische Hoffnung. Dass das Pendel plötzlich wieder zurückschlägt, eine natürliche Regulierung der Touristenmassen eintritt.

Wie meinen Sie das?
Die Leute wissen ja, dass an touristischen Hotspots wie dem Taj Mahal oder Angkor Wat Chaos ist. "Ich habe darauf keine Lust mehr, so was brauch ich nicht mehr", sagte mir mein Sohn nach dem Besuch Machu Picchu. Das geht vielen Reisenden so. Ich kenne viele, die in der Hauptsaison gar nicht mehr an solche Orte hinfahren. Abseits der Touristenströme gibt es noch so viele schöne Orte zu entdecken. 

Die Realität sieht anders aus. Nach den Westlern stürmen nun chinesische und indische Touristenhorden in die Welt. Zerstört der überbordende Massentourismus die Reiseträume von einst?
Anfang der 1980er-Jahre wohnte ich auf Phuket noch bei einem Fischer, weil es damals auf der Insel noch fast keine Hotels gab. Nun reiht sich dort ein Hotel an das nächste. Heute stellt alleine China täglich um die 5 Millionen Reisepässe aus. Aber die Menschen aus Asien haben genauso das Recht wie wir vor 30 Jahren, die Welt zu entdecken. Das ist nicht das Problem. Vielmehr sehe ich eine gesellschaftliche Veränderung, die mir Sorgen macht.

Inwiefern?
Es ist bei vielen Menschen ein riesiges Bedürfnis da, aus ihrem gestressten Alltag auszubrechen. Das nimmt schon fast religiöse Züge an. Es ist ein Ritual geworden. Wir, die Reiseindustrie, ermöglichen das erst durch die absurd günstigen Flugtickets. Wir sind ehrlich gesagt mit diesem Zwiespalt ein bisschen überfordert.

Ich stelle mir manchmal schon die Frage, ob das heutige Reisen noch das ist, was wir vor 35 Jahren mit Globetrotter vermitteln wollten. Dennoch bin ich nach wie vor überzeugt:

"Reisen ist die beste Lebensschule!"

Viel besser wäre aber, wenn die Leute einmal pro Jahr eine große Reise und nicht mehrere kurze Trips machen, was ökologischer und nachhaltiger ist. Dafür sollte man mal den Reiseführer auch einmal zu Hause lassen und Destinationen abseits der Touristenströme erkunden.

Apropos Reiseführer: Wie bereiten Sie sich auf ihre Trips vor?
Wichtig ist, dass man sich vorab mit Land und Leuten auseinandersetzt, was Kultur und Religion angeht. Und mindestens Hallo, Adieu und Danke in der Landessprache sagen kann. Das ist überall möglich. Aber die Ignoranz der Touristen ist leider groß: In Bali schwärmen Touristen immer wieder vom Buddhismus – obschon 80 Prozent der Bevölkerung Hindus sind!

Diese Leute wissen nicht einmal, welche Religion in dem Land gelebt wird. Im Land selbst lasse ich mich gerne überraschen. Aber wenn ich einen Trip durch Pakistan mache, bereite ich mich natürlich gut vor. Dazu gehört auch, dass ich mich in den Islam einlese. Dieses Bewusstsein bei Reisenden zu schaffen, welche die Hotelbuffets suchen und fast nur am Strand liegen wollen, ist nicht einfach. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf. 

Viele Reisende wollen heutzutage auf keinen Fall Tourist sein. Das ist doch paradox!
Da müssen wir schon sehr aufpassen. Eigentlich macht auch der Individualtourist an der Khao San Road in Bangkok nichts anderes als eine große Gruppenreise. Denn alle haben denselben Lonely-Planet-Reiseführer, der sie zum besten Guesthouse und zum günstigsten Singha-Bier führt. Mit diesen Guidebooks reist man, etwas überspitzt gesagt,  eigentlich auch vororganisiert wie der Pauschaltourist in Bali. Nur umfasst die Gruppe nicht 20 Leute, sondern 3000 wie im Traveller-Viertel Bangkoks (lacht). 

In den 1970ern reisten die Hippes auf dem Landweg nach Goa, Indien. Wo findet man diese Freiheit heute noch?
Wenn wir morgen in den Flieger nach Neu Dehli steigen, Handy und Lonely Planet zu Hause lassen und dann zwei Monate mit Bahn, Bus, Bike und zu Fuß gen Süden reisen, uns bei den Einheimischen durchfragen, dann erleben wir ein Indien wie vor 30 Jahren in Goa! Doch man muss den Mut haben, sich einfach treiben zu lassen.

In welchen Gegenden lockt im Jahr 2018 noch das große Abenteuer?
Sibirien ist ein Traum. Dort kann man, abseits der Transsibirischen Eisenbahn, Sachen erleben, wo man keinen einzigen Touristen sieht. Kürzlich war ich mit meiner Partnerin in Sambia und erblickte sieben Tage lang fast keine Menschenseele.

Aber ganz viele Reisende haben einfach immer mehr Angst. Vor Durchfall, vor Unfällen, vor Überfällen. Alles ist auf Absicherung bedacht, das war früher viel weniger der Fall. Wir zogen einfach los. Angst ist auf Reisen ein schlechter Begleiter. Das führt auch dazu, dass Touristen in eher exotischen Ländern  an dieselben, besser entwickelten Orte gehen. Wie dies etwa in Bali mit der Region Kuta der Fall ist.

"Die Ratten rannten über unseren Schlafsack"

Sie reisen das ganze Jahr durch die Welt. Ihr ökologischer Fußabdruck ist eine Katastrophe. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?
Ich bin mir voll bewusst, dass ich oft fliege. Ich will nichts beschönigen. Aber ein schlechtes Gewissen habe deswegen ich nicht. Im Gesamtkontext habe ich manchmal das Gefühl, dass etwas zu stark auf dem Reisen herumhackt wird. Die Problematik ist viel komplexer. Man denke etwa an die Industrie, Schiffsverkehr oder Kleiderherstellung. Aber klar, weniger ist mehr, nicht nur beim Reisen. Immerhin pendle ich in der Schweiz klimaneutral: Ich fahre seit 30 Jahren mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Lüthis krasseste Reise-Erlebnisse

Haben Sie eigentlich überhaupt noch Reisefieber?
Sicher ist das Kribbeln noch da! Ich habe Glück, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen konnte. Das kriege ich nie mehr weg.

Wie viele Schweizer Pässe haben Sie schon gefüllt?
Ich habe etwa 120 Länder bereist und dabei über zehn Pässe mit Stempeln gefüllt. Rekordhalter ist Nepal: Dort war ich schon 45 Mal, das ist mein zweites zu Hause. Da war ich vermutlich in einem früheren Leben (lacht). 

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Nepal; Begegnung am Wegrand...

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Welches war Ihr krassester Trip?
Das war vor Jahren eine Kanuexpedition mit meiner Partnerin in Alaska. Ohne GPS, ohne Satellitentelefon. Wir ließen uns damals mit einem Wasserflugzeug in der Wildnis aussetzen und sagten dem Piloten, er solle uns sieben Wochen später am Yukon wieder abholen. Der Fluss war viel schwieriger zu befahren, als wir gedacht hatten. Es wurde mehrmals kritisch, als wir nur noch mit Mühe aus Stromschnellen herauskamen. Wildtiere machten uns das Leben ebenfalls schwer: In der Nacht attackierte ein Grizzlybär unser Camp. Da kamen wir wirklich an unsere Grenzen. Ich bangte zwar nie um unser Leben. Aber manchmal war es wirklich  knapp – und ein unvergessliches Erlebnis, das ich nicht missen möchte. 

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André Lüthi war schon oft mit dem Kanu unterwegs. watson.ch/zvg

Was war die mieseste Unterkunft, in der Sie je  gepennt haben?
Das war in den 1980er-Jahren in Kalkutta. Wir übernachteten für ein paar Cents bei einer Frau in einem Keller mit feuchtem Erdboden. Die Ratten rannten über unseren Schlafsack. Am Morgen kamen zwei Männer mit einem Wagen und sammelten Leichen vor unserer Unterkunft ein. Dieses Bild hat mich geprägt, ich war völlig überfordert. Da fragte ich mich schon, was ich eigentlich genau dort mache.

Was ist Ihr Lieblingsort auf der Welt?
Das ist die Stupa Boudhanath. Zehn Kilometer außerhalb von Kathmandu. Dort laufen die Tibeter mit Gebetsmühlen um die Stube und suchen den Weg zu sich selber. Diese mystische Stimmung, diese Ruhe, diese Inspiration finde ich sonst nirgendwo.

Was ist Ihr größter Reisetraum, den Sie noch verwirklichen möchten?
Ein großes Ziel ist eine Motorradtour der besonderen Art: Ich möchte nach vier Nordkorea-Reisen mit dem Motorrad von Pjöngjang  nach Seoul fahren. Und damit ein Zeichen im Konflikt von Nord- und Südkorea setzen. Wenn alles klappt, geht es schon im Sommer 2019 los.

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