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Gedreht in einem Take – Regisseur Levy über den Schweizer "Tatort" ohne Schönheits-OP

Am 5. August geht die "Tatort"-Saison wieder los. Der Schweizer-Tatort spielt nun in Luzern. Gedreht wird in Echtzeit. Regisseur Dani Levy im Interview

Simone Meier / watson.ch

Es gibt alte Verbrechen und junge Tote. Glitzer, Liebeswirren und Gift, viel Gift. Alles in Echtzeit, innerhalb von 90 Minuten, an genau einem Ort, von genau einer Kamera gefilmt. Die erste "Tatort"-Folge der neuen Saison heißt "Die Musik stirbt zuletzt". Gedreht wurde sie im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Ein irres Experiment, ein Adrenalin-Akt für die Schauspielerinnen, Schauspieler und 1200 Statisten, ein Triumph für Kamera und Regie, ein krasser Trip für uns alle vor dem Fernseher. Näher dran waren wir noch nie. 

Das Testpublikum der "Tatort"-Nerds im Fanforum tatort-fans.de ist begeistert. Die "Bild"-Zeitung nicht: Regisseur Dani Levy habe den "SchleTaZ", den schlechtesten "Tatort" aller Zeiten, geliefert. Natürlich liegt die "Bild" falsch. 

Dani Levy, Sie sind gerade in Italien in den Sommerferien, seit dem Dreh in Luzern ist es jetzt ein Jahr her. Haben Sie überhaupt noch eine Erinnerung daran?
Ja natürlich! Das war die spannendste, inspirierendste, aufregendste Drehzeit, die ich je erlebt habe. Ich habe Film für mich quasi nochmals neu erfunden, erfühlt, erlernt. Das war eine völlig andersartige Erfahrung als konventionelles Drehen.

Wie würden Sie diese Erfahrung beschreiben?
Das war wie der Sprung von einer pedantischen Schulmedizin zu einer ganzheitlichen Körperansicht. Normalerweise sind Filmdrehs minutiös, zäh, langsam, man wartet viel, es ist aufwendig in tausend Details. Manchmal hat es fast schon etwas Wahnhaftes. Für diesen "Tatort" haben wir vier, fünf Wochen lang ganz exakt geprobt, ähnlich wie im Theater. Und dann haben wie vier Mal 90 Minuten durchgedreht. Ohne Unterbrechung. Und dabei gemerkt: Das muss ja alles gar nicht so kompliziert sein! Das kann ja einen totalen Swing haben! Film hat sich da plötzlich als eine wahnsinnig organische Arbeitsform entschlüsselt. Es muss gar nicht dieses Staccato interruptus sein, wie wir das sonst so kennen.

Bild

Hatte eine spannende Zeit beim Dreh: Dani Levy. Bild: dpa

Man sieht das auch an den Schauspielerinnen und Schauspielern: Sie wirken äußerst konzentriert, präsent, viel lebendiger als sonst.
Für sie war es genial, dass sie ihre Rollen in einem organischen Verlauf spielen und spüren konnten. Meistens dreht man ja aus dem emotionalen Kontext gerissen irgendeine Szene von weit hinten im Film und danach eine von ganz vorne am gleichen Tag. Was ich zudem mochte, ist, dass sich die Hierarchie zwischen großen und kleinen Rollen relativiert hat: Die Verantwortung, das Mitdenken für das Funktionieren des ganzen Abends hing an allen gleich stark. Alle waren Teil einer riesigen Maschine und wenn das kleinste Teilchen nicht funktioniert hätte, wäre die Arbeit genau so unterbrochen worden, wie wenn das größte einen Fehler gemacht hätte.

Auch die beiden Kommissare wirkten frisch, gelöst, enorm direkt.
Ja? Das finde ich auch. So ein One-Take ist ja auch eine One-Chance, die muss man nutzen. Film ist genau genommen ein "Best of" der schauspielerischen Momente: Du schneidest und baust dir von jedem Schauspieler eine Performance zusammen, die er so nie gespielt hat. Was man in unserem "Tatort" sieht, das ist real, das hat genau so stattgefunden. Insofern können Schauspieler vielleicht sogar besser sein, wenn man sie nicht schneidet.

Dani Levy

Der 60-jährige Regisseur und Schauspieler wuchs im solothurnischen Dornach auf. Er lebt seit gut 40 Jahren in Berlin. 1984 eroberte er das Schweizer TV-Publikum als Küchengehilfe Peperoni in der Serie "Motel". Sein größter Erfolg war 2004 die Komödie "Alles auf Zucker". 2007 drehte er die Hitler-Komödie "Mein Führer" mit Helge Schneider in der Hauptrolle. Als Nächstes verfilmt er den deutschen Bestseller "Die Känguru-Chroniken".

Also ein "Tatort" ohne Schönheits-OP?
Es ist völlig egal, ob man als Zuschauer diesen One-Take immer realisiert oder mitdenkt – für mich als Regisseur war es toll, einmal einen Film zu machen, bei dem nicht beschissen wird. Das ist kein zusammengestückelter Film, kein Betrug, es wird nicht mit Schnitten über dramaturgische Mängel hinweggetäuscht, es wird nichts übersprungen oder weggeschnitten. Es ist total real.  

Was mich am meisten verblüfft hat, war ...
... ich versteh Sie sehr schlecht, Sie klingen so weit weg!

Ich bin auch weit weg. Entschuldigung! Ist es jetzt besser?
Ja.

Was mich am meisten verblüfft hat, war, dass innerhalb des One-Takes sogar eine Szene in der Vergangenheit möglich ist: Da wird eine Tür geöffnet und dahinter befindet sich die Kindheit einer Figur. Auch das wirkt völlig plausibel und organisch.
Es ist überhaupt nicht zwingend, dass ein One-Take auf einer Zeitebene spielt. Filmemacher sind ja seit es Film gibt von der Kunstform One-Take fasziniert, davon, dass sich filmische Fiktion an reales Erleben annähern kann: Das gab’s schon in den 30er-Jahren, bei Hitchcock, bei Sokurov, bis hin zu Inarritu, der mit "Birdman" einen Oscar gewonnen hat. Und gerade bei "Birdman" war die Arbeit mit den Zeitsprüngen sehr schön zu sehen, innerhalb eines Schwenks war es da im gleichen Raum plötzlich eine Woche später. Man könnte damit noch viel freier umgehen, im Zeitkosmos surfen und den Zuschauer mitsurfen lassen.

Wie muss man sich die Proben vorstellen? Etwa wie im Theater?
Das KKL war für uns erstaunlich zugänglich, es ließ uns um seinen laufenden Betrieb herum proben, auch wenn uns gewisse Räumlichkeiten nur während der Mittagspause zur Verfügung standen. Die Proben glichen tatsächlich Theaterproben, mit dem Unterschied, dass immer die Kamera und oft auch der Ton mit dabei waren. Die kannten den ganzen Text bis aufs letzte Komma, gerade der Kameramann Filip Zumbrunn musste in jeder Sekunde wissen, wo im Drehbuch wir uns gerade befanden und sich zu helfen wissen, wenn jemand einen Satz vergaß. Ein paar Szenen mussten bis ins letzte sitzen, bei einem Luftröhrenschnitt etwa gibt es keinen Raum für Improvisation. Bei den Live-Auftritten des Orchesters auch nicht.

Kurze Pause mit Anna:

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Video: watson/Anna Mayr, Lia Haubner, Marius Notter

Ihr habt den "Tatort" viermal gedreht. Zweimal auf Schweizerdeutsch und zweimal auf Hochdeutsch. Das heißt, die schweizerdeutsche Fassung läuft auf SRF und die hochdeutsche auf ARD und ORF?
Genau. Der Schweizer "Tatort" leidet ja immer etwas unter dem Problem der Synchronfassung, damit hat er auch in Deutschland unfairerweise einen schweren Stand. Ich hab das 2013 bei meiner Arbeit am "Tatort" "Schmutziger Donnerstag" schon erfahren. In diesem Fall, wo der ganze Film in 90 Minuten abgedreht wurde, haben wir uns entschieden: Wir nutzen die einmalige Chance und drehen ihn gleich in zwei Sprachfassungen.

Also, gleichzeitig laufen zwei verschiedene "Tatort"-Fassungen?
Ja. Ein deutscher und einen schweizerdeutscher Originalfilm.  

Und man sieht kleine Unterschiede?
Genau.

Krass.
Die Unterschiede liegen natürlich im Mikroskopischen, nicht im Makroskopischen. Aber im Detail kann man viel sehen, wir sind ja keine Maschinen. Was allerdings an ein Wahnsinnswunder grenzte, war, dass jeder der vier Takes ziemlich genau die vorgeschriebene "Tatort"-Länge von 88 Minuten und 30 Sekunden erreichte. Völlig absurd! Inwendig unterscheiden sie sich alle, aber die Länge stimmt.

War euer Kameramann eigentlich nie am Rand des Wahnsinns?  
Es braucht sehr, sehr, sehr viel, bis Filip Zumbrunn am Rand des Wahnsinns ist, er hat das sehr genossen. Das ist ein total cooler, sportlicher Typ. Er hat sich eine möglichst leichte Kamera zusammengebaut, dazu eine Vorrichtung umgeschnallt, auf der er die Kamera abstützen und seinen Arm zwischendurch entspannen konnte, er hat auch eine gute Balance und kann sehr gut rückwärts gehen, das ist alles sehr wichtig. Er war sowas wie der Atem des Ganzen, er musste das ganze Timing im Kopf haben und gleichzeitig sehr intuitiv arbeiten. Eine Meisterleistung, wie ich finde.

Apropos Wahnsinn: 10 Hausparty-Typen, die alle kennen...

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Video: watson/Marius Notter, Julia Knörnschild, Lia Haubner

Geht’s am Sonntag zum Public Viewing?
Ich fahr nach Luzern und schau’s mir dort im KKL an. Klar.

"Die Musik stirbt zuletzt" läuft am Sonntag, 5. August, um 20.15 Uhr auf SRF, ARD und ORF.

Fasst so gut wie Tatort: Stockfotos von seriösen Geschäftsmännern...

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