Leben
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Das sind Tobias und Jessica. Sie sind okay. Denn sie arbeiten für die Höhepunkte der anderen. Bild: untamed.love/andré krysl

"Gründe keinen Sexshop, wenn du ein erfülltes Sexleben willst!"

Nicht jede WG verwandelt ihr Wohnzimmer in einem professionellen Online-Sexshop. Und Mitbewohner in Models. Schon gar nicht in Oerlikon. Das machte uns neugierig. Ein Hausbesuch.

Simone Meier / watson.ch

Es ist ein unschuldiger Morgen in Oerlikon. Vor einer Metzgerei laden zwei Männer Fleisch aus einem Lastwagen, Hauskatzen lauern süßen Singvögeln auf, und auf den stillsten, letzten Metern einer ruhigen kleinen Straße steht das Häuschen, wo die Sache mit der Fleischlichkeit ihren Höhepunkt erreicht. Und zwar mehrfach. Quasi unentwegt.

Von hier aus werden seit wenigen Wochen Produkte der Befriedigungsindustrie in die ganze Schweiz versandt. Dinge, die wohlig surren und schnurren wie kleine Katzen und irgendwie an Teletubbies und italienisches Küchendesign erinnern. Andere sind mit Stacheln, Klemmen und Schrauben versehen und wirken wie aus den innersten Kammern der Fantasie von H.R. Giger. Auch der lebte in Oerlikon. Was macht Oerlikon bloß so aufreizend?

Treffen im Wohnzimmer

Jessica Siegrist und Tobias Zimmermann heißen die beiden, die den neuen Online-Sexshop untamed.love betreiben, Firmensitz ist Jessicas WG in Oerlikon, sie nennen ihr Unternehmen "queer". Und da treffen wir uns nun, in Jessicas Wohnzimmer, das einem Treibhaus für Zimmerpflanzen gleicht, an einer Wand eine Bar, auf dem Sofa ein Mitbewohner, zwischen den Stühlen ein kleiner Hund, auf dem Tisch Kaffee und surrende, schnurrende Spielzeuge. Einige davon sind "umweltfreundlich", andere "vegan". Und ich will wissen: Wieso machen sie das? Geht sowas gut? Was verbirgt sich dahinter? Und was macht das mit ihrem eigenen Sexleben?

Various sex toys (dildo, anal balls, vibrator, fur handcuffs and others)

Sextoys, schön bunt. Bild: gettyimages

Hinter euch seh ich einen Berg aus äußerst neutral beziehungsweise diskret gestalteten Versandpaketen. Verschickt ihr darin eure Sextoys?
Tobias: Ja, die müssen heute noch raus. Eigentlich wollten wir bunte, schön designte Verpackungen, auf denen draufsteht, woher es kommt. Aber Kolleginnen, die Sextoy-Onlineshops betreiben, rieten uns dringend davon ab. Viele bestellen sich heute die Paketpost ins Büro. Da ist Diskretion wichtig.
Jessica: Wir persönlich hätten indiskrete Verpackungen sehr lustig gefunden. Unsere Idee heißt ja eigentlich "Enttabuisierung", das wollten wir auch in der Verpackung zeigen. Aber die Welt ist noch nicht so weit.

Erzählt mal was über euch: Wie alt seid ihr, was arbeitet ihr neben dem Sexshop, in welcher Beziehung steht ihr zueinander?
Tobias: Wir sind beide 33. Ich arbeite daneben im Drucksalon in Zürich und lebe in Wetzikon. Unser Beziehungsstatus ist "kompliziert". (lacht)
Jessica: Ich komme aus der Sozialarbeit und arbeite gerade voll für den Sexshop. Ich wohne hier in der WG. Ich bin bisexuell und wir leben beide polyamourös oder offen, sind also beide in einer Beziehung mit einer anderen Person, die unsere Hauptperson ist.

Aha. Ihr seid also irgendwie auch zusammen.
Jessica: Unsere Beziehung hat auch einen sexuellen Aspekt.

Und ist dieser sexuelle Aspekt durch den Handel mit Sextoys interessanter oder intensiver geworden?
Jessica: Ganz ehrlich? Nein. Wir haben am 1. Oktober mit der Arbeit angefangen und am 1. Dezember eröffnet ...
Tobias: ... die Resonanz ist riesig, wir kommen nicht nach mit den Diskret-Paketen und sind voll im Stress. Wir dachten, es dauert ein paar Monate, bis man überhaupt von uns gehört hat, jetzt ist es schon passiert. Für Sex haben wir gar keine Zeit im Moment.
Jessica: Gründe keinen Sexshop, wenn du ein erfülltes Sexleben willst! (lacht)

Wieso will man eigentlich einen Sexshop gründen?
Jessica: Wir und viele, die wir kennen, waren mit dem bestehenden Angebot unzufrieden.
Tobias: Es gibt den alten Schmuddelstil, alles in rot-schwarz, mit Videokabinen im Untergeschoss.

Die mit den hyperrealistischen Produkten.
Tobias: Genau! Einige sind auch total surreal. Etwa ein Frauenhintern mit zwei Löchern, der direkt an Brüste angewachsen ist. Alles ganz kompakt.
Jessica: Die Frau auf das Wesentliche reduziert. Auch die Werbung solcher Shops zeigt nur Frauen. Dann gibt es die cleaneren Shops, ihre Grundfarbe ist weiß, darauf sieht man pastellfarbene Produkte und die Werbeslogans lauten: "Bring ein bisschen Schwung in deine Beziehung."
Tobias: Solche Slogans gehen immer davon aus, dass etwas nicht perfekt ist. Dass man unzufrieden ist mit einem Teil seines Lebens oder mit sich und Abhilfe schaffen muss, und erst mit dem richtigen Sextoy funktioniert auch der Sex perfekt. Uns geht es auch einfach um den Spaß.

Okay, ihr wollt weder schwarz-rote noch pastellfarbige Sexshops. Sondern?
Jessica: Bunte! Glitzrige! Ein anderes Problem ist ja auch, dass man sich durch die immer gleichen Kategorien klicken muss, um ein Produkt zu finden: "Frauen", "Männer" und "Paare". Die gezeigten Leute sind 25, weiß und haben Modelkörper. Aber auch Menschen über 50 haben Sex. Dicke haben Sex. Queere. Menschen mit Transkörpern und körperlichen Beeinträchtigungen. Alle! Zudem vermitteln die bestehenden Online-Sexshops oft das Gefühl, dass der CEO dahinter genau so gut Turnschuhe oder Farbstifte verkaufen könnte. Und das Angebot ist riesig. Wer sich nicht auskennt, hat keine Chance, ein Toy zu finden, das qualitativ wirklich gut ist.

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Da ist doch für jeden was dabei. Bild: gettyimages

Und ihr könnt das bieten?
Jessica: Unsere Produkte sind body-safe. Es gibt zum Beispiel künstliche Weichmacher, die in Kinderspielzeug verboten sind, aber in Dildos und Butt Plugs sind sie immer noch erlaubt, da gibt es keine Reglementierung. Und wenn man nicht will, dass sich ein Kind etwas in den Mund steckt, sollte man es sich vielleicht auch nicht in andere Körperteile stecken. Sowas verkaufen wir nicht. Oder Produkte mit porösen Oberflächen, die dafür sorgen, dass man ein Sextoy gar nie richtig reinigen kann, und wenn es von mehreren Leuten gebraucht wird, überträgt es Krankheiten. Sowas muss man wissen. Als Laie ist das fast unmöglich.

Welches Land ist eigentlich führend in der Herstellung von Sextoys?
Tobias: Es gibt zahlreiche Hersteller aus Nordamerika, Europa und Asien. Wenn es sich um Elektronik handelt, wird meist in China produziert. Silikondildos kaufen wir in einer kleinen Manufaktur in Amsterdam (Jessica holt einen armlangen Dildo).

Okay, den Dildo sehe ich, die Frau dazu kann ich mir nicht vorstellen.
Jessica: Der ist auch eher unser Maskottchen.

Sonst sehe ich hier vieles, was aussieht, als wäre es Küchendesign von Alessi. Nur hübscher. Allerdings sehe ich das nicht zum ersten Mal. Was macht euch jetzt so besonders? So queer?
Jessica: Erstens die Menschen, die wir in unserer Werbung abbilden. Wir wollen Menschen mit unterschiedlichen Körpern, sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten zeigen. In Zukunft wollen wir noch diverser werden. Bis jetzt sind viele davon Freundinnen und Freunde. (Deutet auf den ansehnlichen Mitbewohner auf dem Sofa) Der ist auch dabei.

Prima. Und weiter?
Jessica: Zweitens unterstützen wir queere Anbieter. Drittens arbeiten wir nicht mit "Frauen", "Männern", "Paaren". Paare sind meist sehr heteronormativ gemeint und unter Frauen versteht man Cis-Frauen mit einer Vulva und unter Männern Cis-Männer mit einem Penis. Wir gehen davon aus, dass es auch nicht-binäre Menschen mit einer fluiden Geschlechteridentität gibt. Und die sollen sich bei uns nicht durch Kategorien klicken müssen, die sie ausschließen. (Nimmt einen Strap-On Dildo zur Hand) Wer etwa keinen Penis besitzt, kann sich diesen umschnallen und jemanden vaginal oder anal penetrieren.

Sextoys Dildos

Bild: WATSONCH Shutterstock

Das ist jetzt auch nicht der erste Strap-On der Sexgeschichte.
Jessica: Natürlich nicht. Aber uns ist es egal, ob du den in einen heterosexuellen Cis-Männerarsch schiebst oder in eine Transmänner-Vulva. Deshalb arbeiten wir mit Produktekategorien, nicht mit Geschlechterkategorien.
Tobias: Und mit Authentizität. Was wir mit unserem Shop repräsentieren, leben wir auch.
Jessica: Wir sind selber queer.

Aus der Community für die Community?
Tobias: Genau. Aber natürlich nicht nur. Alle Menschen, die unsere Werte vertreten, sollen sich bei uns wohl fühlen. Viele Heterosexuelle unterstützen zum Beispiel die Ehe für Alle. Auch sie sollen bei uns einkaufen.

Und solche, die gerne Alessi-Design haben.
Tobias: Ja, das gibt’s auch. Bei allen sexuellen Orientierungen. (lacht)

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