Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.

Bild: iStockphoto/Montage

Warum Katharina mit 24 Schulden aufnehmen muss

Helena Düll, Christina zur Nedden
Helena Düll
Helena Düll

Christina  zur Nedden
Christina zur Nedden

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind. 

04.04.18, 09:52 30.04.18, 07:48

Katharina (Name geändert), 24 Jahre, macht einen Master in Betriebswirtschaftslehre. Sie ist Werkstudentin in einer Unternehmensberatung und verdient dort 866 Euro netto. Davon zahlt sie:

Das macht 710 Euro. Den Rest gibt sie für Studium, Büro-Kleidung, Medikamente, Haushalt und Hygieneartikel aus. Zurücklegen kann sie nichts.  

Sie kommt aus einer Arbeiterfamilie und muss ihr Studium komplett selbst finanzieren. 

Das ist unsere Serie "Unter 1000 Euro"

Die allein erziehende Mutter, der junge Künstler und der Rentner, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt: Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam. Doch sie alle sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, genauso wie jeder Fünfte in Deutschland. watson trifft regelmäßig Menschen, die mit weniger als 1000 Euro netto im Monat auskommen müssen.

Würdest du dich selbst als arm bezeichnen?

Ich weiß, dass ich mehr verdiene, als so manche Werkstudenten in anderen Branchen. Andere sind also ärmer. Allerdings ist Beratung eigentlich eine Branche, in der man mehr verdient und im Vergleich zu meinen festangestellten Kollegen verdiene ich als Werkstudentin sehr wenig. Die anderen Werkstudenten werden alle finanziell von ihren Eltern unterstützt und sehen das Gehalt eher als Extra-Geld.

"Ich allerdings muss mein Studium komplett selbst finanzieren."

Katharina

Gleichzeitig wird von mir erwartet, dass ich gepflegt und hochwertig gekleidet zur Arbeit erscheine, Reisekosten auslege und an jedem meiner Arbeitstage mit den Kollegen essen gehe. Ich versuche so gut wie möglich mitzuhalten, aber eigentlich schaffe ich es nicht. Auf der Arbeit versuche ich zu verstecken, dass ich so wenig Geld habe.

"Ich schäme mich auch ein bisschen."

Katharina

Wieso verdienen deine Kollegen so viel mehr als du?

Ich bin nur Werkstudentin und obwohl ich fast die gleichen Aufgaben wie meine festangestellten Kollegen übernehme, bekomme ich viel weniger Gehalt. Am Anfang war ich richtig stolz auf meine Stelle in der Unternehmensberatung. Ich habe mich angestrengt und hatte viel Verantwortung. Dann habe ich irgendwann gemerkt, dass die Bezahlung nicht gerechtfertigt ist für das, was ich dort leiste. Auch, weil ich viele Überstunden gemacht habe und dadurch mein Studium litt.

"Je mehr ich arbeitete, umso schlechter wurden meine Noten in der Uni und desto mehr verlängerte sich das Studium."

Richtig enttäuscht war ich, als mein Chef mir sagte, dass er mich trotz guter und verlässlicher Arbeit nach dem Studium nicht übernehmen wird, weil meine Noten zu schlecht sind. Das Spannungsverhältnis zwischen guten Noten, Studium schnell abschließen, aber auch Geld verdienen und Arbeitserfahrung sammeln, macht mir zu schaffen. 

Wer ist arm in Deutschland?

16,1 Millionen Menschen, also jeder Fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. 

Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: (Quelle: Leben in Europa EU-SILC).

1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.

2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

eu-silc-bericht 2015

Wieso beantragst du nicht einfach Bafög?

Bafög bekommt nur, wer maximal 450 Euro neben dem Studium verdient. Ich verdiene ja mehr und kann daher kein Bafög beantragen. Ich will es auch nicht, denn auf meine Stelle bei der Unternehmensberatung will ich nicht verzichten. Ich komme aus der Arbeiterklasse und habe immer gesagt bekommen: "Bildung ist der beste Weg um den sozialen Aufstieg zu schaffen".

"Das Studium und die Werkstudentenstelle sind meine Ausbildung und ich will immer noch daran glauben, dass wenn ich das irgendwann überstehe, es sich auszahlen wird."

Das lässt mich kämpfen. Mit der Erfahrung als Werkstudentin bei einer Beratung bin ich im Endeffekt qualifizierter und erhoffe mir dadurch später bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Auch wenn ich jetzt dafür viel weniger Geld zur Verfügung habe. Trotz der finanziellen Probleme würde ich jedem raten zu studieren. Ich studiere wahnsinnig gerne.

Woran merkst du täglich, dass du arm bist?

Wenn ich im Supermarkt einkaufe, muss ich darauf achten, dass es nicht zu teuer wird. Bei Aldi kann ich für fünfzehn Euro die Woche Essen einkaufen, in andere Supermärkte gehe ich nur, um mir ab und zu Produkte zu kaufen, die bei Aldi nicht angeboten werden.

"Ich gehe aber auch mal einen Kaffee zu trinken und versuche mit meinen Freunden in Kontakt zu bleiben und nicht zuhause den Vorhang zu zuziehen."

Katharina

Ich habe das Glück, ein paar Freunde im Nachtleben zu haben, die mich manchmal auf die Gästeliste schreiben. So kann ich ab und zu auch ausgehen oder ein Konzert besuchen. Es macht mich schon fertig, so wenig Geld zu haben. Es ist einfach ein ständiger Kampf.

Was war das krasseste, was du mal gemacht hast, um an Geld zu kommen?

Ich mache gelegentlich bei Filmdrehs als Komparse mit. Dafür bekomme ich 60 Euro für zehn Stunden. Das ist ziemlich undankbar: Wenn ich Pech habe, muss ich stundenlang draußen in der Kälte stehen. Gleichzeitig verpasse ich einen Uni-Tag oder schenke einen der wenigen freien Tage her, die mir zwischen Vorlesungen, Arbeit und Lernen zur Verfügung stehen.

Was hast du dir zuletzt gegönnt?

Nachdem mein alter Laptop kaputt ging, musste mir einen Neuen "gönnen", um überhaupt studieren zu können. Er hat 1300 Euro gekostet. Den konnte ich mir nur kaufen, weil ich mir vorher einen Studienkredit bei der KfW geholt hatte. Hätte ich den Kredit nicht gehabt, hätte ich nicht weiter studieren können.

"Klar, macht es mir Sorgen, dass ich den Kredit auch irgendwann zurückzahlen muss."

Katharina

Wie lange dauert es, bis das Geld knapp wird?

Als ich den Studienkredit noch nicht hatte, habe ich ab Monatsmitte alles mit Kreditkarte bezahlt. Da war ich dann richtig in der Schuldenfalle drin. Denn jeden Monat lebst du dann noch früher vom Kredit. Die Kreditkarten-Schulden habe ich nun mit dem Studienkredit ausgeglichen. 

"Ich habe also Schulden mit Schulden beglichen."

Katharina

Was müsste sich deiner Meinung nach in Deutschland ändern, um deine Situation zu verbessern?

Es müssten mehr junge Leute in den Bundestag, damit Probleme nicht nur von alten Leuten angegangen werden und die Bedürfnisse von Studenten und Schülern stärker berücksichtigt werden. 

"Jetzt sitzen da Leute wie Jens Spahn, die keine Ahnung haben, wie es ist, wenn man für seinen eigenen sozialen Aufstieg kämpft."

Anonym mitmachen

Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht. Darüber müssen wir sprechen. Würdest auch du dich als arm bezeichnen und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de.

Schornsteinfeger Tim verdient 386 Euro – und zahlt noch das Zimmer für die Berufsschule 🤔

"Ich konnte nur gründen, weil meine Eltern mich unterstützt haben" – Gründer Philip 

"Ich möchte gar nicht Vollzeit arbeiten" – Musiker Hannes in unserer Armutsserie 

"Menschen sehen Blumen als Billigprodukt": Floristin Stefanie in unserer Armutsserie 

"Manchmal arbeite ich ohne Bezahlung" – Wie Tänzerin Larissa mit Armut zurechtkommt

"Ich schalte im Winter den Kühlschrank ab" – Rentnerin Gertrud in unserer Armutsserie

"Ich habe oft Schmerzmittel gespritzt" – Friseur Julian arbeitet, obwohl er krank ist

Kai ist alleinerziehend und lebt vom Geld seiner Kinder

Warum Katharina mit 24 Schulden aufnehmen muss

Unsere Armutsserie startet: So lebt Jan mit 800 Euro im Monat

So teuer sind WG-Zimmer in deutschen Uni-Städten geworden

13.000 Menschen demonstrieren gegen hohe Mieten in Berlin

Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

8
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • lukas@braband.de 05.04.2018 08:57
    Highlight Im übrigen ist es als student auch moeglich in einer WG zu leben.. dann koennte man bei der miete vlt noch 100€ Sparen.

    Insgesamt finde ich, dass es viele leute gibt die es schlimmer haben. Sie hat ja eine Perspektive! Im studium hat man halt nicht groß luxus!!
    3 1 Melden
  • lukas@braband.de 05.04.2018 08:57
    Highlight Ich kann K. In gewisser weise nachvollziehen. Sie ist am ende Ihres studiums und vermischt schon ihre Verhältnisse mit leute die bereits arbeiten. Genau darin liegt der Fehler.
    Man braucht auch niemals einen laptop für 1300€!! (Vlt wenn man Architektur mit aufwendigen 3dprogrammen studiert, aber als normalen büropc kriegt man schon (gebrauchte) laptops fuer 200-300€ - etwas schrottiger vlt auch fuer weniger).
    Sie ist ja auch bald fertig mit dem studium und sie wird dann schon einen (gut bezahlten) Job finden! Sie hat ja nun auch schon erfahrung in der Beratung.
    5 0 Melden
  • lukas@braband.de 05.04.2018 08:56
    Highlight Hallo,
    ich kann bei diesem Thema (nur) bedingt mitdiskutieren. Ich wurde/werde von meinen eltern während des Studiums unterstützt.
    Ich hsbe etwas mehr als diese 866€ aus diesem artikel zur Verfügung.
    Ich leiste mir dazu allerdings ein (altes) auto, was eine ziemliche schrottkiste ist..
    Trotzdem weiß ich, dass das absoluter luxus ist. Hätte ich das auto nicht, würde ich auch mehr ider weniger gut mit 866€ auskommen.



    0 0 Melden
  • Gesalzenes Moped 04.04.2018 12:31
    Highlight Hmm, eigentlich "hat" oder "macht" man Schulden oder man muß einen Kredit "aufnehmen", aber "Schulden aufnehmen" klingt komisch. 🤔
    2 2 Melden
    • ShadowSoul__ 04.04.2018 15:35
      Highlight Schön, dass dies dein einziges Problem ist.
      0 0 Melden
    • ishotamaninreno 04.04.2018 16:00
      Highlight Man kann auch eine Schuld auf sich laden, das ist aber noch mal was anderes ;)
      0 0 Melden
    • Gesalzenes Moped 04.04.2018 18:33
      Highlight @ShadowSoul__: wenn das Deine Sorge ist...😁
      0 1 Melden

"Ich schalte im Winter den Kühlschrank ab" – Rentnerin Gertrud in unserer Armutsserie

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind.

Gertrud ist 71 Jahre alt, Renterin, und wohnt in einer deutschen Kleinstadt. In der DDR hat sie als Bibliothekarin gearbeitet. 1989, drei Wochen vor dem Mauerfall, floh sie in den Westen, wo sie in einer Drogerie arbeitete, bis sie nach ihrer Scheidung krank und erwerbsunfähig wurde. Heute lebt sie von einer Rente über 672 Euro und gelegentlichen Geldgeschenken. Gertrud ist nicht ihr richtiger Name, sie möchte anonym bleiben. 

Es bleiben 107 Euro zum Leben. Davon zahlt sie 18 Euro für den …

Artikel lesen