Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.

Bild: iStockphoto/Montage

Kai ist alleinerziehend und lebt vom Geld seiner Kinder

Helena Düll, Christina zur Nedden
Helena Düll
Helena Düll

Christina  zur Nedden
Christina zur Nedden

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind.

09.04.18, 09:40 30.04.18, 07:44

Kai (Name geändert), 50 Jahre, ist alleinerziehender Vater von drei Kindern im Alter von neun, 11 und 22 Jahren. Weil er sich um die Kinder kümmert und keinen Teilzeitjob findet, lebt er von Hartz IV. Davor war er selbstständig in der Gastronomie. Monatlich hat er 1811 Euro netto zur Verfügung. Sein ältester Sohn verdient selber Geld.

Der 22 Jahre alte Sohn macht eine Ausbildung, bei der er knapp 750 Euro Gehalt erhält. Er wohnt noch zu Hause, zählt aber aufgrund des eigenen Gehalts nicht in den Hartz-IV-Satz rein. Da er sehr hohe Fahrtkosten hat, kann er seinem Vater kein Geld abgeben.

Für sich und seine anderen beiden Kinder hat er also pro Person durchschnittlich 603 Euro.

Das ist unsere Serie "Unter 1000 Euro"

Die allein erziehende Mutter, der junge Künstler und der Rentner, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt: Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam. Doch sie alle sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, genauso wie jeder Fünfte in Deutschland. watson trifft regelmäßig Menschen, die mit weniger als 1000 Euro netto im Monat auskommen müssen.

Der Gesamtbetrag von 1811 Euro setzt sich zusammen aus:

Die monatlichen Fixkosten betragen:

Wir haben Kai gefragt, wie er mit seinem Geld auskommt.

Würden Sie sich selbst als arm bezeichnen?

Wenn ich in andere Länder schaue, dann würde ich mich selbst nicht direkt als arm bezeichnen. Denn wir leben ganz gut und wir haben eine Wohnung. Ich versuche eine kleinere Wohnung zu bekommen, aber das ist in dem Bezirk, in dem wir wohnen, aufgrund der steigenden Mietpreise finanziell sehr schwierig.

"Ich will die Kinder auch nicht aus der Schule und aus ihrem gewohnten Umfeld reißen und weiter weg ziehen."

Kai

Woran merken Sie täglich, dass Sie arm sind?

Faktisch lebe ich von dem Geld von meinen Kindern. Mich setzt es schon unter Druck, dass ich immer jeden Euro umdrehen muss. Beim Einkaufen im Supermarkt rechne ich immer mit. 

"Als ich noch selbstständig war, hatten wir alles. Zwei Autos, ein Haus."

Kai 

Das ist jetzt ein krasser Unterschied. Aber ich habe mich nach der Trennung von meiner Frau  bewusst für die Kinder entschieden, ich wollte sie bei mir haben und das würde ich auch jederzeit dem Geld vorziehen.

Wer ist arm in Deutschland?

16,1 Millionen Menschen, also jeder Fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: (Quelle: Leben in Europa EU-SILC).

1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.

2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

eu-silc-bericht 2015

Wie lange dauert es, bis das Geld knapp wird?

Das kommt ganz auf den Monat an. Wenn Ostern, Weihnachten oder Geburtstage anstehen, dann bin ich die gesamte Zeit am Rechnen. In normalen Monaten ist es meistens die letzte Woche, die kritisch ist. Aber Essen zum Beispiel gibt es bei uns immer. Ich bin gelernter Koch und koche jeden Tag frisch, das ist kein Problem.

Das ist der zweite Teil der Serie 

Was war das krasseste, was Sie mal gemacht haben, um an Geld zu kommen?

Ich habe sehr viele Sachen von früher verkauft, um an Geld zu kommen und mich von meiner Zippo-Feuerzeug-Sammlung getrennt – damit habe ich 750 Euro verdient. Aber ich habe auch das Glück, dass ich noch viele Dinge wie Möbel von damals habe und die Kosten dadurch nicht so krass sind.

Was haben Sie sich zuletzt gegönnt?

Ich gebe mein Geld lieber für meine Kinder aus und kaufe ihnen schöne Kleidung oder etwas für ihre Zimmer.

"Aber schon Klassenfahrten sind ein Problem. Da muss ich dann zum Amt und nach dem Geld fragen."

Kai 

Was müsste sich Ihrer Meinung nach in Deutschland ändern, um Ihre Situation zu ändern?

Weil ich starke Diabetes habe, habe ich inzwischen 10 Augenoperationen hinter mir und sehe kaum noch. Deshalb kann ich nicht mehr als Koch arbeiten. Ich würde gerne wieder arbeiten, aber das ist als alleinerziehender Vater sehr schwierig. Es müsste mehr Teilzeitstellen geben, die es ermöglichen würden, dass ich meine Kinder morgens und abends gut versorgen kann. Wenn ich Schicht arbeiten würde, dann wäre ich den ganzen Abend weg und könnte mich nicht mehr um meine Kinder kümmern. 

"Ich würde sehr, sehr gerne arbeiten, mich aber auch um meine Kinder kümmern."

Anonym mitmachen

Jeder fünfte Deutsche ist von Armut bedroht. Darüber müssen wir sprechen. Würdest auch du dich als arm bezeichnen und möchtest mit uns - gerne anonym - darüber sprechen? Dann schreib uns an redaktion@watson.de.

Wir lassen Menschen zu Wort kommen, die es wissen müssen

Warum Katharina mit 24 Schulden aufnehmen muss

10.000 Euro zum 25. Geburtstag – für jeden! Warum das keine Utopie ist

Was die SPD vorschlägt, ist kein Grundeinkommen – sagt einer, der es wissen muss

Unsere Armutsserie startet: So lebt Jan mit 800 Euro im Monat

Die Krypto-Kurse fallen – können ominöse Telegram-Gruppen unsere Coins retten? 

Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Rainer Hausfeld 09.04.2018 20:20
    Highlight Hallo,

    also ich finde das gelogen. In Hartz 4 sind Miete und Nebenkosten außer Strom enthalten, also hat Kai diese Aufwendungen gar nicht.
    Ein Arbeiter in der Firma meiner Frau erhält 1399 Euro netto für 40 Stunden Arbeit sowie Kindergeld, aber er muss noch die Miete bezahlen. Das sind die wahren Betrogenen, nicht Kai, der mehr zur Verfügung hat als Leute, die arbeiten.
    3 0 Melden
    • Helena Düll 10.04.2018 10:37
      Highlight Nach § 22 SGB II sehen die Hartz IV-Leistungen neben dem Regelsatz auch einen Anspruch auf Übernahme der Kosten für Unterkunft und Heizkosten (KdU). Die Miete für die Wohnung kann einerseits an den Leistungsbezieher ausbezahlt werden, mit der Auflage diesen Betrag zweckentsprechend zu verwenden. Das ist bei Kai und seiner Familie der Fall. Er bekommt die Leistungen zusammen mit dem restlichen Hartz-IV-Anspruch in Höhe von 1033 Euro ausbezahlt und verwendet das Geld für die Miet- und Heizkosten.
      1 1 Melden
    • Helena Düll 10.04.2018 10:38
      Highlight Er bekommt nicht 1033 Euro plus KdU, sondern 1033 Euro inklusive KdU. Wenn nicht gewährleistet werden kann, dass der Leistungsempfänger die Zahlungen direkt an den Vermieter der Wohnung leisten wird, dann zahlt das Jobcenter die KdU direkt an den Vermieter. Hier nochmal der Link zum nachlesen: https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_2/__22.html

      1 1 Melden
  • JaneDoe2610 09.04.2018 18:43
    Highlight Wir 2 Erwachsene, 2 Kinder (12 und 14 J.). Mein Mann geht vollzeit arbeiten, für 2088€ brutto. Macht Netto 1645€. Wir bekommen aktuell nur einmal Kindergeld, da bei der Familienkasse irgendwas schief lief.. ein Neuantrag steht aus. Wir zahlen 590€ Miete, 70€ Strom, 60€ Telefon, TV und Internet, 60€ alle 4 Handys, dazu kommen noch Versicherungen wie Haftplicht, Hausrat, Glas (weil wie viele große Scheiben haben, die der Vermieter ausdrücklich nicht ersetzt), 64 € die Buskarte meines Mannes, 58€ die Buskarten unserer Kinder zusammen.
    d.h. nicht mal 100€/W zum einkaufen für 4 Pers.
    5 3 Melden
    • maljian 09.04.2018 20:05
      Highlight Gehen Sie nicht arbeiten?

      Übern Tag sind die Kinder in der Schule, also bestünde durchaus die Möglichkeit in der Zeit arbeiten zu gehen.

      Mit 12 und 14 können sich die Kinder allenfalls auch schon morgens alleine fertig machen.

      Ich denke das es doch eine etwas andere Situation ist, als in dem Beitrag.

      Sollten Sie nicht arbeiten können, wäre das natürlich eine andere Situation, aber würde Ihnen dann nicht eine Invalidenrente zustehen?

      Ich möchte Sie damit nicht angreifen, da ich auch gar nicht Ihre Geschichte kenne. Es sind einfach nur Fragen die aufkommen.
      2 2 Melden

"Ich schalte im Winter den Kühlschrank ab" – Rentnerin Gertrud in unserer Armutsserie

Hier sprechen regelmäßig Menschen, die von Armut betroffen sind.

Gertrud ist 71 Jahre alt, Renterin, und wohnt in einer deutschen Kleinstadt. In der DDR hat sie als Bibliothekarin gearbeitet. 1989, drei Wochen vor dem Mauerfall, floh sie in den Westen, wo sie in einer Drogerie arbeitete, bis sie nach ihrer Scheidung krank und erwerbsunfähig wurde. Heute lebt sie von einer Rente über 672 Euro und gelegentlichen Geldgeschenken. Gertrud ist nicht ihr richtiger Name, sie möchte anonym bleiben. 

Es bleiben 107 Euro zum Leben. Davon zahlt sie 18 Euro für den …

Artikel lesen