A woman in streetcar alone and depressed

Selbst als alle im Lockdown waren, fuhren Obdachlosen-Helfer jeden Tag zur Arbeit. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Marjan_Apostolovic

"Für uns hat keiner geklatscht": Junge Obdachlosen-Helferin fühlt sich vergessen

gizem pamuk

Wer momentan vor die Tür tritt, steckt die Hände wohl tief in die Taschen, denn es ist kalt. Und wird noch kälter. Wie schön, dass die meisten sich aufs warme Sofa verkriechen können. Über 680.000 Menschen in Deutschland ist das aber laut einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe nicht möglich: Sie leben auf der Straße und müssen jeden Abend hoffen, einen Platz in den städtischen Notunterkünften zu ergattern. Diesen Winter ist das schwieriger als je zuvor, denn auch in Obdachlosen-Unterkünften gelten Corona-Maßnahmen: Weniger Betten dürfen aufgestellt werden, hunderte Schlafplätze fielen plötzlich weg.

Für die Bedürftigen ist das eine Katastrophe, für die Sozialarbeiter eine Mammut-Aufgabe: Sie haben das ganze Jahr hindurch weiter gearbeitet, nach alternativen Schlafgelegenheiten gesucht und versucht, die letzten Flaschen Desinfektionsmittel im Frühjahr zu ergattern, während viele Menschen ins Homeoffice umstiegen. Wertschätzung gab es dafür kaum, sagt Gizem Pamuk. Die 20-Jährige arbeitet für die Berliner Stadtmission in der Notübernachtung am Containerbahnhof. Bei watson erzählt sie, wie Corona ihre Arbeit veränderte und warum es ihr scheint, als ob die Politik die Wohnungslosen völlig vergessen hat.

"Im vergangenen Jahr haben wir viel improvisieren müssen oder waren auf private Spender angewiesen, die uns zum Beispiel mit Mund-Nasen-Schutz-Masken versorgten."

Ich habe 2015, als ich erst 14 Jahre alt war, durch ein Schulpraktikum angefangen, bei der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten zu arbeiten. Viele aus meiner Klasse fanden das damals spannend, andere haben sich auch darüber lustig gemacht, dass ich ausgerechnet in der Straße arbeite, "die so stinkt". Aber ich habe die Arbeit und das Team sofort gemocht. Dort habe ich die Leitung der Notübernachtung am Containerbahnhof kennengelernt, für die ich erst als Ehrenamtliche im Einsatz war und seit Anfang des Jahres sogar hauptamtlich arbeite.

Vor allem in dieser Corona-Zeit merke ich, wie wichtig die Arbeit ist, die wir hier leisten. Der "Stay-at-Home"-Appell funktioniert nicht für Leute, die kein Zuhause haben. Sie brauchen Orte wie unsere, um zur Ruhe zu kommen. Und ich kriege von den Gästen viel zurück, ich mag die Unterhaltungen, ihre Geschichten und das Gefühl, etwas Wertvolles mit meiner Zeit zu tun.

Wir messen Fieber an der Tür, haben eine Maskenpflicht

Das Team ist toll, aber Covid-19 hat unsere Arbeit sehr verändert. Wenn wir abends die Türen öffnen, schauen wir jetzt, dass die Menschen in der Schlange die Abstände einhalten und sich schon einmal die Hände waschen. Anfang des Jahres wurde das noch behelfsmäßig mit einer Gießkanne gemacht, inzwischen ist da ein Wasseranschluss. Momentan werden bei jedem Ankommenden auch Erkältungssymptome abgefragt und Fieber gemessen. Sollten sie Symptome haben, machen wir Schnelltests – erst, wenn diese negativ ausfallen, dürfen die Gäste rein und bekommen auch ein Abendessen.

All die Regeln, die bei uns gelten, werden gut angenommen. Manchmal müssen wir zwar an die Maskenpflicht erinnern, aber fast alle akzeptieren die veränderte Situation unter Corona problemlos. Was jetzt in unserem Winterkonzept gilt, ist, dass die Gäste nicht mehr in der Nacht rausgehen können. Wer das tut, um zum Beispiel doch noch ein Bier zu trinken, verliert seinen Platz und jemand anderes darf nachrücken. Es kommt vor, dass Leute das dennoch in Kauf nehmen, denn alkoholkranke Menschen haben eben diesen Drang, der schwer zu unterdrücken ist. Wer bei uns bleibt, erhält morgens noch ein Frühstück und muss um acht Uhr wieder gehen.

"Wenn wir abends die Türen öffnen, schauen wir jetzt, dass die Menschen in der Schlange die Abstände einhalten und sich schon einmal die Hände waschen."

Unsere Arbeit besteht vor allem daraus, den Einlass und die Essensausgabe zu organisieren, wir müssen aber auch generell einen Überblick über die Lage haben, Konfliktsituationen lösen. Streit kommt meist dann auf, wenn Gäste alkoholisiert sind oder Drogen genommen haben – dann geraten Leute aneinander, wenn sich jemand ins falsche Bett legt oder vorgedrängelt hat, ganz normale Sachen eben. Normalerweise lassen sich solche Situationen friedlich lösen, wenn nicht, haben wir Sicherheitspersonal zur Stelle, die im Notfall eingreifen, das ist aber selten nötig.

Die Obdachlosen schätzen unsere Arbeit wert, die Politiker leider nicht

Als Kind hatte ich oft Angst vor Obdachlosen. Ich hatte einfach Klischees im Kopf, dachte bei wohnungslosen Menschen an Trinker auf der Straße. Mittlerweile kenne ich so viele Lebensgeschichten und weiß, wie unterschiedlich der Weg in die Obdachlosigkeit ist. Als Passant fallen einem im Straßenbild nur die Menschen auf, die offensichtlich süchtig und nachlässig gekleidet sind. Aber zu uns kommen so viele Menschen, denen man überhaupt nicht ansieht, dass sie keine Wohnung haben, viele sind sogar sehr gepflegt. Wieder andere haben sogar einen Job, dem sie tagsüber nachgehen, zum Beispiel auf Baustellen. Andere haben einen Hund, von dem sie sich nicht trennen wollen und finden nur deshalb keine Wohnung. Die ganze Bandbreite der Obdachlosigkeit ist mir erst durch die Arbeit klar geworden.

"Als Kind hatte ich oft Angst vor Obdachlosen. Ich hatte einfach Klischees im Kopf, dachte bei wohnungslosen Menschen an Trinker auf der Straße."

Ich merke, wie dankbar die Gäste für unsere Arbeit sind. Manchmal ist es unausgesprochen, nur ein Nicken oder ein Lächeln, aber andere sagen ganz direkt: "Danke, dass ich hier sein kann. Danke, dass du mit mir redest." Diese Wertschätzung ist wertvoll, leider erfahren wir sie durch die Öffentlichkeit eher selten. Während der Corona-Krise hatte ich das Gefühl, dass Obdachlose und unsere Arbeit mit ihnen untergingen. Für uns hat keiner geklatscht. Es ist schön, dass Krankenpflegern gedankt wurde und ich freue mich, dass einige Berufsgruppen, wie Feuerwehrleute in Berlin, eine Corona-Zulage für ihren Einsatz kriegen sollen. Aber viele andere soziale Berufe hätten die ebenfalls verdient.

Wir mussten viel improvisieren, arbeiteten auch im Lockdown

Im Lockdown sind auch wir in die U-Bahn gestiegen und jeden Tag zur Arbeit gefahren. Wir hatten mehr zu tun als sonst, weil immer mal Kollegen durch die Quarantäne ausfielen und das unter schlimmen Hygienebedingungen: Anfangs gab es kaum Einweghandschuhe bei uns, weil Privatpersonen sie gebunkert hatten. Es fehlte auch an Desinfektionsmittel. Dass die Ämter uns da nicht schnell unterstützt haben, stört mich im Nachhinein.

Mir fehlt die Anerkennung unserer Arbeit durch die Öffentlichkeit und die Politik. Das Ermöglichen von regelmäßigen Corona-Tests für die Mitarbeiter an Obdachloseneinrichtungen wäre mir zum Beispiel wichtig. Es wäre ein konkretes Zeichen, dass man uns wahrnimmt und hinter uns steht. Aber im vergangenen Jahr haben wir viel improvisieren müssen oder waren auf private Spender angewiesen, die uns zum Beispiel mit Mund-Nasen-Schutz-Masken versorgten.

"Während der Coronakrise hatte ich das Gefühl, dass Obdachlose und unsere Arbeit mit ihnen untergingen. Für uns hat keiner geklatscht."

Ich habe zwar Respekt vor Corona, trage meine Maske und wasche meine Hände ordentlich, aber Angst vor einer Infektion habe ich selbst nicht. Was mir mehr Sorge macht, ist die Vorstellung, dass sich die Gäste untereinander anstecken könnten. Es gab bei uns an der Tür Fälle, die nach einem positiven Schnelltest nicht in Quarantäne wollten, sondern einfach wieder gegangen sind. Wir schicken ihre Namen dann an alle Notübernachtungen raus, damit sie nicht noch irgendwo anders reinrutschen, aber festhalten können wir sie natürlich nicht. Und so laufen sie dann durch Berlin. Das Problem ist dabei: Wenn wir aufgrund eines Ausbruchs schließen müssten, würden noch mehr dringend benötigte Schlafplätze wegfallen und das wäre bitter.

Selbst im Flur wurden nun Betten aufgestellt

Denn viele Notunterkünfte mussten die verfügbaren Plätze durch die Corona-Maßnahmen einschränken, man kann jetzt eben nicht mehr zwanzig Leute in einem Raum zum Schlafen legen. Wir am Containerbahnhof haben ungefähr 100 Schlafplätze, es stehen in jedem Zimmer zwei Hochbetten und dann haben wir diesen Winter auch Betten in den Gängen und im Hauptsaal aufgestellt, um maximale Schlafmöglichkeiten zu schaffen. Gerade werden mit Hochdruck Lösungen für den Bettenmangel gesucht, so haben zum Beispiel zwei Hostels ihre Räume zur Verfügung gestellt, damit Obdachlose dort die Nächte verbringen können. Trotzdem lässt es sich nicht verhindern, dass einige Menschen selbst bei Wintertemperaturen auf der Straße bleiben müssen.

Wohnungslosen fehlt es an warmer Kleidung und der Möglichkeit, jederzeit etwas zu Essen oder zu Trinken holen zu können. Doch oft geht es auch um einen anderen Mangel: Sie möchten gesehen werden. Viele verletzt es, dass man sie ignoriert, dass die Passanten durch sie hindurch starren, wenn sie in der U-Bahn betteln. Selbst ein "Nein. Aber ich wünsche Ihnen einen schönen Tag." wäre netter. Den Menschen fehlt einfach der Austausch, ein kurzes Gespräch und dass sie ihre Geschichte loswerden können.

Wie du mit Geld- und Sachspenden hilfst

Wer Obdachlose direkt unterstützen möchte, kann gerne Menschen auf der Straße ein Almosen geben, sagt Gizem Pamuk: "Denn viele, zum Beispiel die Zeitungsverkäufer hatten in diesem Jahr große Schwierigkeiten, an Geld zu kommen, weil das öffentliche Leben stillstand."

Was an Sachspenden bei den Anlaufstellen gerade gebraucht wird, erfragt man am besten bei den lokalen Notunterkünften selbst oder schaut online nach, zB. bei der Berliner Stadtmission. Prinzipiell sind Kleiderspenden (Handschuhe, Jacken, Socken etc.) gern gesehen, auch Schlafsäcke und Decken sind oft rar.

Natürlich freuen sich die zuständigen Organisationen auch über Geldspenden, da diese flexibel eingesetzt werden könne, wo auch immer sie gerade nötig sind (zB. Benzin für die Kältebusse, Kauf von Medikamenten). Bundesweit betreiben unter anderem die Diakonie, die Malteser, die Heilsarmee und das Deutsche Rote Kreuz Obdachlosenhilfe.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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