People sit at tables in Covent Garden, in London, Saturday, Dec. 12, 2020. Health Secretary Matt Hancock says infections are starting to rise in some areas after falling during a four-week national lockdown in England that ended Dec. 2. (AP Photo/Alberto Pezzali)

Trotz des Lockdowns haben in England viele Pubs und Kneipen geöffnet, wie hier in London. Bild: ap / Alberto Pezzali

"Vielen hier sind die Corona-Regeln ziemlich scheißegal": So erlebt ein Italiener den Lockdown in Nordengland

Großbritannien ist im Corona-Ausnahmezustand: Eine neue Mutation des Virus Sars-Cov-2 verbreitet sich beunruhigend schnell im Land – und die Regierungen in London und in anderen europäischen Staaten reagieren mit drastischen Maßnahmen.

In Großbritannien selbst wird in der Hauptstadt und anderen Regionen ein harter Lockdown verordnet. Und wer aus Großbritannien nach Deutschland will, hat Pech gehabt: Flüge werden gestrichen, Passagiere von Schiffen und Zügen dürfen nicht mehr in Frankreich oder Belgien aussteigen.

Wie fühlt sich das für Menschen an, die vor Ort leben? Watson hat mit Andrea gesprochen, einem 29-jährigen Italiener, der seit Jahren im nordenglischen Macclesfield lebt und in der nahen Großstadt Manchester gerade seinen Doktor in Filmwissenschaften macht. Er beschreibt eine seltsame Atmosphäre: Zum einen erlebten viele in ihrem Umfeld, wie hart die Krankheit Menschen treffen kann. Zum anderen missachteten viele die Regeln – weil sie das Gefühl hätten, von der Regierung im Stich gelassen zu werden.

Ich lebe seit Jahren hier in Macclesfield, in der nordenglischen Region Cheshire East. Von Deutschland aus gesehen sieht die Situation in Großbritannien sicher dramatisch aus. Für mich persönlich hat sich aber durch die Entscheidungen der vergangenen Tage eigentlich nichts geändert, außer meine Pläne für Weihnachten. Ich komme aus Süditalien, auf eine Reise zu meiner Familie hatte ich schon vor dem zweiten Lockdown im November verzichtet. Aber die Regeln für die Festtage hier haben sich noch einmal verändert: Personen außerhalb des eigenen Haushalts darf man hier jetzt nur noch am Weihnachtstag, am 25. Dezember, sehen. Das heißt, die Leute dürften nur im eigenen engen Familienkreis feiern – oder in einer sogenannten "Bubble" mit einer Person, die sie sich selbst aussuchen. Ich selbst lebe in so einer "Bubble" mit meiner Freundin.

"Viel davon hat meiner Meinung nach mit der Politik der Johnson-Regierung zu tun."

Das Problem ist: Viele nehmen es hier in Nordengland mit den Corona-Regeln nicht wirklich ernst.

Dabei sind die Regeln im Vergleich zu Deutschland oder Italien sowieso ziemlich lax. Cheshire East ist laut der britischen Regierung eine Region der Risikostufe 2. Die Restaurants und Läden sind offen. Pubs dürfen geöffnet bleiben, wenn dort nicht nur Getränke verkauft werden, sondern auch Speisen, sogenannte "substantial meals". Das führt dann dazu, dass Lokale, die nie etwas zu essen im Angebot hatten, plötzlich Suppen anbieten. Auch Pubs, in denen Livemusik gespielt wird, dürfen offen bleiben, wenn sie bestimmte Hygieneprotokolle einhalten.

Wie gesagt: Selbst diese Regeln halten ziemlich viele Menschen aber nicht ein. Am Sonntag war ich mit meiner Freundin in einem Restaurant. An einem Tisch in unserer Nähe saßen sechs junge Leute, ich würde sagen zwischen 18 und 25 Jahre alt. Und einer von denen erzählte laut, dass er aus einem Corona-Risikogebiet angereist ist. Einfach ausgedrückt: Vielen Leuten hier sind die Corona-Regeln ziemlich scheißegal.

Viel davon hat meiner Meinung nach mit der Politik der Johnson-Regierung zu tun. In meiner Wahrnehmung war die Affäre um Dominic Cummings ein echter negativer Wendepunkt. Der damalige Chefberater von Premier Boris Johnson hat ja im ersten Lockdown im Frühjahr die Corona-Regeln missachtet und ist mit seiner Familie kreuz und quer durch Großbritannien gefahren. Als das Ende Mai bekannt geworden ist, haben hier in Macclesfield viele Leute gesagt: "Okay, uns sagen sie, dass wir zu Hause bleiben sollen – und die in der Regierung machen einfach, worauf sie gerade Bock haben?"

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Der gebürtige Süditaliener Andrea lebt seit Jahren in Großbritannien – und erlebt ziemlich fassungslos, wie die Corona-Situation im Land eskaliert ist. bild: privat

"Die Solidarität, die man im ersten Lockdown gespürt hatte, ist weg."

Die Solidarität, die man im ersten Lockdown gespürt hatte, ist weg. Vorher haben hier Menschen jeden Donnerstag um 19 Uhr für die Ärzte und Krankenschwestern des NHS, des nationalen Gesundheitsdiensts, applaudiert. Jetzt bekomme ich mit, dass die Schwester meiner Freundin ständig von unterschiedlichen Leuten auf Partys eingeladen wird, die in Privatwohnungen stattfinden.

Es ist wirklich seltsam: Gerade junge Menschen hier haben anscheinend kaum Angst davor, schwer an Covid zu erkranken. Und gleichzeitig kenne ich selbst mehrere jüngere Menschen, die es selbst heftig erwischt hat, die jetzt noch an den Spätfolgen wie Geschmacksverlust leiden – oder die ältere Verwandte an diese schreckliche Krankheit verloren haben.

Ich selbst komme eigentlich seit März nicht mehr aus Macclesfield raus. Ich mache gerade meinen Doktor an der Uni Manchester, dort läuft gerade alles online über Zoom. Ich habe viel zu tun für das Studium. Trotzdem fühlt sich die Uni gerade sehr weit entfernt an.

"Ich bin eigentlich auch ein sehr geselliger Typ, aber ich habe seit Monaten keine echte Lust mehr, in Lokale oder Pubs zu gehen."

Ich bin eigentlich auch ein sehr geselliger Typ, aber ich habe seit Monaten keine echte Lust mehr, in Lokale oder Pubs zu gehen. Mein Lieblingslokal ist offen, es gibt dort Konzerte, bis zu 50 Menschen dürfen rein. Das Problem ist halt: Entweder gehe ich dort hin, halte mich an die Regeln und setze mich alleine an einen Tisch – das hat dann für mich aber nichts mehr mit einem Lokalbesuch zu tun. Oder ich halte mich nicht an die Regeln und laufe Gefahr, mich anzustecken. Und das Risiko scheint mir groß: Wenn ich an den Pubs hier vorbeispaziere, sehe ich Leute, die dicht beieinander sitzen, das mit dem Social Distancing nehmen viele nicht richtig ernst.

"Jetzt sagen sich viele Leute hier: Solange es mir gut geht, sind mir die Corona-Regeln verdammt egal."

Das liegt auch daran, dass viele Menschen hier das Vertrauen in die Regierung verloren haben. Sogar diejenigen, die letztes Jahr die Konservativen gewählt haben. Viele haben das Gefühl, dass die Botschaften aus London widersprüchlich sind: Erst sagen sie, dass sich an den Weihnachtstagen alle treffen können, dann bereiten die Leute ihre Feiern vor – und plötzlich werden die Regeln wieder verschärft.

Dass sich die neue Mutation des Coronavirus hier in England und Wales so schnell verbreitet hat, hat sicherlich auch mit dem Misstrauen in die Regierung und der Missachtung der Regeln durch die Leute hier zu tun. Hätten wir eine fähigere Regierung, die nicht alle paar Tage ihre Position ändert, wäre die Situation nicht so dramatisch. Jetzt sagen sich viele Leute hier: Solange es mir gut geht, sind mir die Corona-Regeln verdammt egal.

(se)

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