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Wer einen Baum spendet, erwirbt in der Regel einen kleinen Setzling. Bild: iStockphoto / Ridofranz

Analyse

Wie sinnvoll die Idee vom Bäumepflanzen fürs Klima wirklich ist

Manchmal pflanzen wir einen Baum, ohne es zu merken: in der Drogerie eine Flasche Shampoo gekauft, im Supermarkt eine Packung Trockenfrüchte aufs Kassenband gelegt oder online ein T-Shirt bestellt – und schon ist die Welt ein bisschen grüner.

Fast 20 Jahre, nachdem Krombacher uns zum Trinken für den Regenwald animierte, gibt es den Baum inzwischen als Zugabe für alle erdenklichen Produkte. Und nicht nur das: Unternehmen rühmen sich mit aufgeforsteten Waldflächen, Influencer lassen sich beim Pflanzen von Setzlingen filmen, Sportler und Musiker in Rente werden zu Hobby-Förstern. Wer ein Geburtstagsgeschenk sucht, kann einen Baum verschenken und wer in den Urlaub fliegt, sein Gewissen beruhigen.

Kurz gesagt: Wer etwas auf sich hält, pflanzt Bäume. Bleibt die Frage: Retten wir damit tatsächlich das Klima? Oder ist das Ganze am Ende nur ein Ablasshandel, mit dem wir uns von unseren Klimasünden freikaufen – und der dazu gar nicht funktioniert?

"Die Wälder sind die großen Klimamacher der Welt."

Fürs Weltklima sind Wälder von enormer Bedeutung, insbesondere die riesigen Waldgebiete in Sibirien, im Amazonas oder im Kongo. Das bestätigt Forstwissenschaftler Sven Wagner von der TU Dresden im Gespräch mit watson: "Das sind die großen Klimamacher der Welt." Und weil dort jeden Tag riesige Flächen abgeholzt würden, mache Aufforsten auf jeden Fall Sinn, sagt der Professor für Waldbau. Ähnliches empfahl 2019 eine Studie der ETH Zürich: 900 Millionen Hektar, eine Fläche so groß wie die USA, solle aufgeforstet werden, empfahlen die Wissenschaftler im Magazin "Science". Zwei Drittel unserer CO2-Emissionen könnten so gebunden werden.

Doch die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Denn nicht alle Flächen sind zum Bäume pflanzen geeignet. Bereits bestehende Savannen und Moore etwa nehmen viel mehr CO2 auf, als dies bei an dieser Stelle gepflanzten Bäumen der Fall wäre. Und: Hier wird von gigantischen Wäldern gesprochen, nicht von einzelnen Bäumchen, die wir beim Kauf einer Tafel Schokolade on Top bekommen oder in die wir als gute Tat investieren.

"Wenn man jemandem einen Baum zum Geburtstag schenkt, dann ist das eine schöne Sache, aber ich würde dafür nicht das Weltklima bemühen", sagt auch Wagner. Das ganze als Freifahrtschein für ein ansonsten wenig nachhaltiges Leben zu nehmen, sei noch problematischer – vor allem bei Unternehmen sieht der Forstexperte hier die Gefahr von Greenwashing.

Setzling ist nicht gleich Baum

Denn so einfach es auch klingt – Bäumchen pflanzen, Klima retten, fertig – ist es nicht. Wenn wir auf den "Kaufen"-Button klicken, bekommen wir nicht etwa den gigantischen Baum mit dickem Stamm und breiter Krone, der gern beworben wird. Sondern einen zarten, oft nur wenige Zentimeter großen Setzling. Bis der die angegebene Menge CO2 bindet, gehen Jahre oder Jahrzehnte ins Land – vorausgesetzt, der Setzling wird nicht in der Zwischenzeit von Tieren abgegrast, von einem Waldbrand oder einer Überschwemmung zerstört oder schlicht abgeholzt. Von 20.000 auf einem Hektar gepflanzten Setzlingen könnten je nach Größe der Bäume am Ende nur ein paar Hundert übrigbleiben, schätzt Wagner.

Dass wir eigentlich nur kleine Setzlinge erwerben, könnte allerdings mit Blick auf die Preise in Vergessenheit geraten, zu denen einzelne Bäume auf speziellen Plattformen angeboten werden. Das inzwischen online nicht mehr auffindbare Startup Treevy beispielsweise bot einen Baum für 49 Euro an – auch wenn die Gründer im Gespräch mit dem Reportageformat STRG_F zugaben, dass der Setzling weniger als einen Euro kostet und der Rest in Werbemaßnahmen und ein Poster fließen.

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Mangrovenbäume werden im Senegal gepflanzt – wer sie "gekauft" hat, bekommt ein Foto vom Setzling. foto: treedom

Bei der aus Italien stammenden Baumpflanz-Plattform Treedom gibt es Bäume für weniger Geld: zwischen 15 und 35 Euro kosten sie dort. Auch hier sind die Kosten für den Setzling natürlich deutlich geringer. Die höheren Kosten werden damit erklärt, dass die ganze Arbeit hinzukomme, die dafür sorgt, dass der Setzling tatsächlich zu einem gesunden Baum heranwächst, Baumschulen ausgebaut und Workshops organisiert würden. Dazu kommen die Geo- und Wetterdaten zu dem Pflänzchen, die der Käufer zugeschickt bekommt.

Denn Treedom wirbt damit, nicht nur irgendeinen Baum pflanzen zu lassen, sondern einen ganz persönlichen. Einen Mandarinenbaum in Guatemala zum Beispiel oder einen Jackfruitbaum in Kenia. Die sollen nicht nur CO2 speichern, sondern auch die Kleinbauern unterstützen, die die Bäume anpflanzen und von ihrem Ertrag leben. 1,7 Millionen Bäume wurden so in den vergangenen zehn Jahren gepflanzt, zehn Millionen sollen es Ende 2022 sein.

Es geht um mehr als ums CO2

Da ausschließlich Nutzbäume gepflanzt werden, stellt sich die Frage, ob der Kaffeebauer nicht ohnehin weitere Kaffeesetzlinge gepflanzt hätte, auch ohne die 15 Euro aus Deutschland oder Italien. Gleichzeitig klingt es plausibel, dass der Baum tatsächlich überlebt – daran haben schließlich alle ein Interesse. Forstexperte Wagner sieht hier eher den humanitären Aspekt, die Klimabilanz sei eher nachrangig und beispielsweise Kaffee allenfalls ein Strauch, der mit Wald nichts mehr zu tun habe.

Jaron Pazi, Countrymanager von Treedom, sagt gegenüber watson: Es geht um viel mehr als um das CO2. "Wenn Bodenerosion ein Problem ist, kann beispielsweise ein Baum gepflanzt werden, der den Boden auflockert, oder an abrutschenden Hängen solche mit starken Wurzeln."

Die Biodiversität stehe im Vordergrund, sodass Monokulturen vermieden und die Bauern mehrere Erntezyklen hätten. Diese werden verpflichtet, die Bäumchen zehn Jahre wachsen zu lassen, sagt Pazi. "Nach einigen Jahren dann sind die Bäume so ertragreich, dass es keinen Sinn mehr ergeben würde, sie zu fällen." Treedom gibt an, mit NGOs vor Ort zusammenzuarbeiten und die Projekte immer wieder zu besuchen. Denn auch hier verfolgt logischerweise keine Live-Cam, welche Fortschritte der Baum beim Wachsen macht – und ob er noch lebt. Das Unternehmen verspricht aber, kaputte Setzlinge zu ersetzen.

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Treedom gibt unter anderem an, wie viel CO2 ein gepflanzter Baum inzwischen gespeichert hat.

Anderswo stellt sich die Frage, ob sie überhaupt jemals gepflanzt wurden. "Zeit Online" knöpfte sich unlängst die Stiftung Plant for the Planet vor, 2007 von dem damals erst neunjährigen Schüler Felix Finkbeiner gegründet und eine Pionierin der Baumpflanzbewegung. Die veröffentlichten Zahlen zu den Projekten stellten sich bei näherem Hinsehen als "widersprüchlich, übertrieben oder schlicht falsch heraus", schreibt die "Zeit".

Beispielsweise seien die Flächen, die Plant for the Planet auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan aufforsten will, schon bewaldet gewesen, bevor das Projekt dort startete. Teile davon liegen der Recherche zufolge in einem Biosphärenreservat – dessen Direktor noch nie etwas von Plant for the Planet gehört haben will.

Das ist insofern ärgerlich, weil Unternehmen wie Rewe, Ritter Sport oder Peugeot damit werben, dort über die Stiftung Wälder zu pflanzen – und ihrem Image so einen grünen Anstrich verleihen. Forstexperte Wagner sieht so etwas generell kritisch. "Man muss sich die Bilanz des Unternehmens ansehen, sonst ist das Bäume pflanzen der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz und bringt gar nichts." Wer Verpackungsmüll ohne Ende produziere, dann aber 20 Hektar Wald pflanzen lasse, betreibe nichts anderes als Greenwashing.

Bäume pflanzen macht noch kein nachhaltiges Unternehmen

Nehmen wir zum Beispiel McDonalds. Der Fast-Food-Konzern hat über Treedom 44.507 Bäume gepflanzt und damit – sofern sie zehn Jahre überleben – 8,8 Millionen Kilo CO2 eingespart. Laut Statista hat McDonalds aber 2018 allein in Deutschland 1440 Millionen Kilo CO2 verursacht. Nicht sonderlich verwunderlich – wer Billigfleisch verkauft, trägt zur Abholzung der Regenwälder bei.

Helfen Baumpflanzaktionen den Unternehmen am Ende also tatsächlich nur beim Greenwashing? Wenn Unternehmen statt eines normalen Kunden- oder Werbegeschenkes einen Baum pflanzen ließen, sehe man keine Komponente von Greenwashing, sagt Pazi von Treedom.

Tree planting Uganda, close up of many small seedlings growing in African soil with plastic protection

In Äthiopien haben 2019 Regierungsvertreter, Umweltorganisationen und Bürger innerhalb von 12 Stunden 350 Millionen Bäume gepflanzt – das ist Rekord. Bild: iStockphoto / Dennis Wegewijs

Man müsse sich aber bewusst sein, dass diese Gefahr bestehe, wenn man in Marketingkampagnen eingebunden werde. "Es ist wichtig, dem Partner zu vermitteln, dass Bäume pflanzen allein sie nicht nachhaltiger macht. Und genau darauf achten wir auch beziehungsweise untersagen es, wenn Unternehmen Treedom-Bäume 'benutzen' wollen, nur um diese Message zu verbreiten."

Ob das immer so klar kommuniziert wird, ist allerdings fraglich – und auch, ob Kunden das so differenziert betrachten können. Denn oft bleibt der Eindruck: Wer Bäume pflanzt, tut was fürs Klima.

Und das kaufen wir nicht nur Unternehmen gerne ab, sondern reden es uns auch selbst ein, um uns von unseren eigenen Klimasünden freizukaufen. Forstexperte Sven Wagner warnt jedoch: Mit Berechnungen zum Emissionshandel bewegt man sich auf dünnem Eis. "Sich freizukaufen nach dem Motto 'Ich habe fünf Bäume gepflanzt, jetzt kann ich bedenkenlos in den Urlaub fliegen oder am Wochenende 500 Kilometer mit dem Auto fahren' funktioniert nicht", sagt er.

Dabei will uns genau das beispielsweise der Hamburger Flughafen weismachen. Wer von dort aus abhebt und damit unweigerlich eine Menge CO2 in die Atmosphäre bläst, kann nämlich freiwillig an Klimaschutz und Baumpflanzprojekte in der Region spenden. Aber jede Tonne CO2, die so eingespart werde, erfasse die Bundesregierung selbst und rechne sie sich auf ihre Klimaziele an, kritisierte die Klimaschutzorganisation Atmosfair in der "taz": "Das heißt im Klartext, dass dafür dann zum Beispiel der Verkehr in Deutschland wieder umso mehr CO2 ausstoßen kann." Am Ende helfen wir also nur einem: unserem Gewissen.

Pflanzen allein hilft nicht

Dabei können wir auch Bäume pflanzen, ganz ohne etwas zu bezahlen oder zu kaufen. Die Suchmaschine Ecosia pflanzt mit den Gewinnen von Werbekunden Bäume, etwa alle 45 Suchanfragen kann ein neues Bäumchen in die Erde von Burkina Faso bis Madagaskar gedrückt werden. Auf der Startseite läuft unermüdlich der Zähler weiter, momentan steht er bei 121.182.372 Bäumen.

"Die Zahl zeigt die Anzahl der gepflanzten Setzlinge, nicht etwa ausgewachsene Bäume an", sagt Pieter van Midwoud, der Tree Planting Officer von Ecosia gegenüber watson. "Wir überprüfen und überwachen unsere Bäume regelmäßig um zu sehen, wie viele Bäume nach drei Jahren noch stehen, und passen den Zähler an, falls dies notwendig ist", sagt er.

Weil über Partnerorganisationen an über 13.000 Locations gepflanzt werde, sei die Überprüfung aber ein großer Aufwand:

"Dazu fahren wir immer wieder zu den Projekten, aber wir haben auch unsere Partner vor Ort. Darüber hinaus setzen wir Google Earth und Satelliten zum Monitoring ein. Manchmal zählen wir einzelne Bäume, auf größeren Flächen machen wir Waldinventuren, um die Baummenge zu berechnen."

In einem Agroforstsystem würden teilweise nur 200 bis 500 Bäume pro Hektar gepflanzt werden, in einem Mangrovensystem könnten es bis zu 30.000 sein. Man gehe durchschnittlich von einer Überlebensrate von 80 Prozent aus. Forstexperte Sven Wagner dagegen hält es bei Mangroven eher für realistisch, dass auf einem Hektar von 20.000 Setzlingen noch etwa 300 bis 400 ausgewachsene Bäume übrig bleiben, weil ein Teil nicht anwächst oder von Fluten dezimiert wird. "Ab einer gewissen Größe konkurrieren die Pflanzen auch um das Licht."

Ob alle der auf der Ecosia-Website aufgezählten Bäume überleben, lässt sich also schwer nachvollziehen. Immerhin müssen wir hier aber nicht aktiv Geld fürs Bäume pflanzen ausgeben, Suchmaschinen nutzen wir sowieso – und eine klimafreundlichere Alternative zu Konkurrent Google ist Ecosia vermutlich trotzdem. Denn Ecosia investiert die zwanzig Prozent des Gewinns, die nicht zum Pflanzen von Bäumen genutzt werden, nach eigenen Angaben beispielsweise in erneuerbare Energien, sodass die Server mit sauberer Energie versorgt werden. "Wir sind seit Juli 2020 damit doppelt CO2-neutral", sagt van Midwoud. Mit Bäume pflanzen allein könne man die Welt ohnehin nicht retten. "Wir dürfen nicht nur übers Bäume pflanzen reden, sondern wir müssen auch über Moore reden, über erneuerbare Energien, über unseren Fleischkonsum und übers Fliegen."

Das wird besonders deutlich, wenn wir uns die nackten Zahlen anschauen. Denn ein gepflanzter Kaffeebaum bindet innerhalb von zehn Jahren gerade einmal 55 Kilo CO2. Das ist so viel, wie auf das Konto von einem Kilo Steak an einem lauschigen Grillabend gehen. Es Ende hilft es also nichts: Wir, die Politik und die Unternehmen müssen klimafreundlicher leben, unsere CO2-Emissionen senken, nachhaltiger denken. Denn ein paar gepflanzte Bäume können die Klimakrise nicht verhindern. Auch wenn es sich ziemlich gut anfühlt – und sicher auch nicht schadet – die Welt ein wenig grüner zu machen.

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