Nachhaltigkeit
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Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer vor dem Konzert und Pianist Igor Levit während des Konzerts. bild: fotomontage / screenshots periscope

Igor Levit spielt Klavierkonzert im Dannenröder Forst – aus Protest gegen Rodungen

Der weltberühmte Pianist äußert vor dem Konzert "Dankbarkeit an einem traurigen Tag". Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer ist dabei und sagt: "Der Protest geht weiter – egal, wie das hier ausgeht."

Der Pianist Igor Levit hat am Freitagvormittag ein Klavierkonzert im Dannenröder Forst gehalten, um sich mit Umweltaktivisten zu solidarisieren, die den Wald besetzt halten. Sie protestieren damit gegen die Rodungen, die momentan dort für den Ausbau der Autobahn A49 stattfinden.

Das Konzert spielte Levit an einem Klavier auf einem Podest – an einer Stelle im Wald, die schon gerodet wurde. Levit war auf Einladung der Aktivisten in den Dannenröder Forst, der in Mittelhessen in der Nähe von Marburg liegt, gekommen. Vor dem Konzert sprachen er und Luisa Neubauer, bekannteste Aktivistin der Klimaschutzbewegung Fridays for Future in Deutschland. Beide waren in dicke Winterjacken und Schals eingepackt und hatten ihren Mund mit einer Maske bedeckt.

Neubauer sagte vor dem Konzert, das Greenpeace Deutschland in einem Livestream auf der Plattform Periscope übertrug:

"Wir stehen hier an einem ganz, ganz tragischen Ort – man sieht zur Hälfte Wald, zur Hälfte Nicht-mehr-Wald"

Luisa Neubauer: Rodung wirft "ganz große Fragen auf"

Neubauer dankte den Umweltaktivisten für die Besetzung des Dannenröder Forsts. Sie hätten den Wald "viel größer gemacht" als ein Stück Wald in Mittelhessen – und "zu einem Symbolbild stilisiert, das wir brauchen in diesen Zeiten". Die Rodung für den Autobahnbau werfe "ganz große Fragen auf". Neubauer wörtlich:

"Noch nie war es schwerer zu rechtfertigen, warum man intakte Ökosysteme weniger schätzen soll als fossile Infrastruktur."

Der Protest gehe "natürlich weiter, egal wie das hier ausgeht", sagte Neubauer weiter.

Levit meinte vor seinem Konzert:

"Ich habe gerade bei der Probe das Gefühl gehabt, wie einen Schwanengesang zu singen für etwas, das geht"

Als "Schwanengesang" bezeichnet man üblicherweise letzte Werke von Politikern oder Dichtern, bevor sie sterben. Levit bedankte sich zudem bei den Umweltaktivisten für die Besetzung des Waldes. Sie hätten die Situation nicht nur wach gehalten, sagte Levit, "sondern ihr habt sie mit neuem Leben erfüllt". Er empfinde "Dankbarkeit an einem traurigen Tag".

Levit spielte dann "Danny Boy", ein melancholisches irisches Lied, das von Abschied und Wiederkehr eines geliebten Menschen handelt. Unter die Klavierklänge mischten sich der Winterwind, die Klicks der Fotografen und das Rascheln des Laubs, auf dem Fotografen, Journalisten und Aktivisten herumtraten. Nach rund fünf Minuten war das Konzert vorbei.

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Igor Levit bei seinem Konzert. bild: screesnshot periscope

Die Rodungen im Dannenröder Forst haben am 10. November begonnen. Insgesamt soll ein gutes Viertel des Waldes gerodet werden. Aus Protest dagegen besetzen Umweltaktivisten den Wald seit Oktober 2019. Der Beschluss zum Autobahnbau ist rechtskräftig, auch die Grünen – die in Hessen zusammen mit der CDU regieren – haben zugestimmt. Seit Wochen streiten Klimaaktivisten deshalb mit Teilen der Partei.

Levit ist einer der bekanntesten Pianisten Europas. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2014 mit dem Musikpreis "Echo Klassik". Den Preis gab er aus Protest gegen die Echo-Auszeichnung der Rapper Farid Bang und Kollegah im selben Jahr aber zurück – wegen antisemitischer Texte der beiden.

Zwischen März und Mai, während der ersten Welle der Corona-Pandemie, übertrug Levit über Twitter und Instagram Hauskonzerte aus seinem Wohnzimmer, mit denen er ein großes Publikum erreichte. Zu einem "Hauskonzert" wurde Levit dann von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eingeladen.

Levit ist Mitglied der Grünen und engagiert sich seit Jahren für politische Anliegen wie den Kampf gegen Rassismus und Faschismus und den Schutz von Flüchtlingen. Seine Sympathie für Fridays for Future hatte er auch schon mehrfach bekundet.

(se)

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