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"Chose your own adventure" ist das Motto des Buchs, des Games und des Films "Bandersnatch".  bild: netflix

Warum der interaktive "Black Mirror"-Film eine reine Enttäuschung ist

Die Vorfreude war groß, die Enttäuschung ist größer. Schade, dass Netflix ausgerechnet eins seiner besten Projekte in den Sand setzt.

Simone Meier / watson.ch

Selten so genervt, selten so enttäuscht gewesen.

Weil "Black Mirror" seit Jahren den Standard in Sachen technoid-technophober Serie sehr, sehr hoch setzt. Jetzt gibt es keine neuen Folgen, sondern einen neuen, originellerweise interaktiven Film, den (fast) nach Belieben dehnbaren "Bandersnatch".

Jungnerd Stefan (Fionn Whitehead) macht darin ein crazy Buch namens "Bandersnatch" – getauft nach einer Figur aus "Alice im Wunderland" – zum crazy Game. Worum es genau geht, ist egal, wir erfahren es eh nicht, auf jeden Fall drivet es ihn gehörig crazy, so sehr, dass er regelmäßig zur Psychologin muss. Der spätkindliche Game-Guru Colin (Will Poulter) will Stefan für seine Firma gewinnen – und nun öffnen sich viele Fragen, auf die es mancherlei Antworte gibt: Wie entscheidet sich Stefan, geht er dafür über Leichen, was hat das mit seiner Kindheit zu tun und gelingt das Game überhaupt?

So sieht der Trailer aus:

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Video: YouTube/Netflix

Doch nicht jeder, der eine tolle Serie macht, ist auch ein guter Filmemacher.  "Black Mirror"-Schöpfer Charlie Brooker ist es jedenfalls nicht. Denn was von der Story her schon als normale, kompakt in sich geschlossene Folge ein Ausreißer nach unten wäre, befriedigt als interaktiv verschlaufter, gameifizierter Film erst recht nicht. Obwohl Brooker dies mit allen Tricks versucht.

1. Mit Partizipation

Endlich ermöglichen Brooker und Netflix, wovon "Black Mirror"-Junkies nachts so träumen: Selbst Teil des Horrors zu werden. Wieso? Weil "Black Mirror" bisher in vielen in sich abgeschlossenen Folgen (man würde sich eine so geringe Ausfallquote für den "Tatort" wünschen) diesen irren Sog entwickelte, dieses Eindringen in Perversionen des digitalen Fortschritts, wie wir ihn uns gerade knapp noch nicht vorstellen konnten. Im Gegensatz zu Brooker, der sowas wie die perversesten Hirnwindungen der Serienmacherwelt besitzen muss. Science Fiction zum Fürchten, bei der man sich tatsächlich fragt: Wie denkt wohl der Mann dahinter?

Royal Television Society Programme Awards 2018 - London Charlie Brooker arriving at the Royal Television Society Programme Awards 2018 held at Grosvenor House Hotel, London. Photo credit should read: Doug Peters/EMPICS Entertainment PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xDougxPetersx 35616008

"Black-Mirror"-Schöpfer Charlie Brooker Bild: imago stock&people

Jetzt kann man da ein Stück weit mit rein. Kriegt unterhalb des Bildschirmes Optionen zur Verfügung gestellt, kann sich für einen Soundtrack oder eine Frühstücksflocke entscheiden. Dafür, ob Stefan einen Job annimmt oder ablehnt. Ob ein Toter vergraben oder in Stücke gehackt wird, wer von zweien aus dem Fenster springt. Das triggert tatsächlich eine ganze Reihe von Instant-Befriedigungen, von "Wow, was passiert jetzt wohl?"

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Es ist 1984 und Stefan sitzt vor seiner Crazywall. Ob das gut kommt?  bild: netflix

Es passiert dann allerdings verdammt wenig, in Rekordzeit schnellt die Story wieder zu einer älteren Option zurück oder die Entwicklungen hinter zwei unterschiedlichen Entscheidungen sind beinah identisch. Es finden sich keine völlig unterschiedlich abgedrehten neuen Erzählstränge, nur minimale Variationen. Die Schatztruhe hinter "Bandersnatch" ist also ernüchternd endlich. Eher halb leer als halb voll.

Bei Netflix heißt dies natürlich: Der Weg ist das Ziel. Und damit der schlappeste Spruch aller Zeiten. Gilt für alles, was keine Pointe, kein Finale, keine richtige Architektur hat.  

2. Mit Nostalgie

Normalerweise befinden wir uns im "Black Mirror"-Universum in einer bedrohlichen, aber uns nahen, durchaus vorstellbaren Zukunft. Jetzt gehts zurück in die Zukunftsvisionen des Jahres 1984. Ausgerechnet. In jenes von George Orwell geprägte Jahr also, das als Chiffre für Technoterror so durchgenudelt ist wie kein anderes. Was erstens ironisch gemeint sein dürfte, zweitens aber auch tatsächlich auf das 1984 programmierte Spiel namens "Bandersnatch" (später wurde daraus "Brataccas") hinweist.

Doch natürlich bedeutet 1984 vor allem: Soundtrack! Eighties! Smarties-Pop von Kajagoogoo, Eurythmics, Frankie Goes To Hollywood, Depeche Mode und Konsorten. Wer kann davon schon je genug kriegen? Und es bedeutet: Kindheits- und Jugenderinnerungen. Oder im Fall der Millenials: Ein unbeschwertes, pränatales Sehnsuchtsjahrzehnt. Funktionierte bei Netflix mit "Stranger Things" bombig.

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Verrückt! Game-Guru Colin ist tatsächlich schon Vater! bild: netflix

3. Mit Ironie

Nice, aber am Ende zu wenig Trost und gelegentlich zu selbstreferentiel aufs Auge gedrückt. Der Vater bezeichnet eine Mikrowelle als "alien technology". Die Psychoanalytikerin fragt Stefan, der sich zu Unterhaltungszwecken ferngesteuert glaubt, wieso er sich dann nicht in einem unterhaltsameren Universum befände (ja, fragen wir uns auch). Er glaubt sich von jemandem aus der Zukunft mit dem Namen "Netflix" gesteuert. Haha, funny. An der Wand von Colins Game Factory hängt Werbung für das Game "Metl Hedd" – den Robo-Käfer vom Plakat kennen wir bereits aus der "Black Mirror"-Folge "Metalhead". Und so weiter.

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"Black Mirror"-Fans kennen diesen Käfer.  bild: netflix

Und das Fazit?

Es war ein Versuch. Er ist gescheitert. Bitte so nicht wiederholen. Die Gestaltungsmöglichkeiten und das Labyrinth, in das sie führen sollen, bleiben weit hinter dem zurück, was Brooker sonst in den geschlossenen Irrsinnsanstalten seiner Einzelfolgen wagt. "Bandersnatch" ist eine weichgespülte Publikumsanbiederung. Dabei war der Clou von "Black Mirror" bisher doch gerade das Gegenteil: Die furiose, in ihren paranoischen Volten so unglaublich raffinierte Beschimpfung all der idealistischen oder naiven (was ja oft das Gleiche ist) Verschmelzungsversuche von Mensch und Technik.

Bisher stand man nach "Black Mirror" verwirrt und aufgewühlt vom Sofa auf. Wie genial war das! Folgen wie "Black Museum", "Nosedive", "San Junipero", "Be Right Back", "Hated in the Nation" und, und, und. Jetzt? Hätte man genau so gut eine Packung ungesalzener Reiswaffeln essen können.

"Bandersnatch" läuft jetzt auf Netflix.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Myriam 04.01.2019 22:19
    Highlight Highlight Die gewohnte Kuriosität von B.M. ist auch hier vorhanden. Wenn man sich eine Folge von Black Mirror ansieht fragt man sich häufiger wer so etwas tun würde und warum. Dieser Film zeigt auf wie schnell man selbst die Kontrolle über sich selbst verlieren kann wenn man nur einmal die Möglichkeit hat. Die Kontrolle über das Handeln und das Leben einer Person ist eine Thematik die durchaus in der beliebten Serie in einer Folge vorkommen kann, welche wieder die Frage aufwerfen würde `Wer tut so etwas´. Ich finde also man sollte den Film vor allem als ein gesellschaftskritisches Stück betrachten
  • Myriam 04.01.2019 22:07
    Highlight Highlight Wie in dem Artikel erwähnt werden in der Serie absurde und doch in etwa so in unserer Gesellschaft vorkommende Geschehen gezeigt, bei denen sich der Zuschauer oftmals die Frage stellt `` Wie kann so etwas geschehen? Wer macht sowas´´ Ich persönlich denke der interaktive Film Bandersnatch ist ein Meisterwerk, da der Zuschauer nicht nur Entscheidungen für den Protagonisten treffen kann sondern auch direkt in der Handlung drin ist. Man darf diesen Film nicht als einen Mitmachfilm sehen sondern sollte versuchen das große Ganze wahrzunehmen. Die gewohnte Kuriosität von Black Mirror ist auch hier
  • Flashchopf 04.01.2019 11:55
    Highlight Highlight Ich hab das Ding mindestens 5 mal durchgespielt/geschaut, das ganze als Enttäuschung zu bezeichnen ist naja objektiv

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