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José Mourinho: "The Special One" ist neuer Trainer bei den Spurs. Passt das? bild: imago images/sportimage

Analyse

London als letzte Chance: Passt José Mourinho überhaupt zu Tottenham?

Philipp Reich / watson.ch

Exakt 337 Tage war José Mourinho nach seinem Aus bei Manchester United ohne Job, nun kehrt "The Special One" mit Pauken und Trompeten in die Premier League zurück. Einen Tag nach der Entlassung von Mauricio Pochettino wurde der 56-jährige Portugiese bei Tottenham Hotspur als Nachfolger präsentiert. Mourinho unterschrieb bei den Spurs einen Vertrag bis 2023. Sein Jahresgehalt soll rund 17 Millionen Euro betragen – damit verdient er fast doppelt so viel wie sein Vorgänger. Am Donnerstag um 15 Uhr wird Mourinho erstmals vor die Medien treten.

Von Pochettino zu Mourinho – das wirkt wie eine Kehrtwende um 180 Grad. Hier der besonnene Argentinier, der Tottenham mit viel Geduld und Geschick zur Spitzenmannschaft geformt hat – da der launische Portugiese, der zwar überall Titel gewinnt, aber als taktisch eindimensional gilt und einen Klub völlig für sich einnimmt. Die ganze Fußball-Welt stellt sich darum die Frage: Passt Mourinho überhaupt zu den Spurs? Die Kritikpunkte am neuen Tottenham-Trainer sind seit Jahren dieselben.

Destruktive Spielweise

Wer an Mourinho denkt, denkt mittlerweile reflexartig an den "geparkten Bus". Gegen spielerisch überlegene Teams predigte Mourinho während seines zweiten Engagements bei Chelsea und später bei Manchester United einen ultra-defensiven "Kratz-und-Beiß-Fußball" ("Spiegel"), der eigentlich nur darauf ausgelegt war, das gegnerische Spiel zu zerstören.

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José Mourinho 2015 in seiner zweiten Amtszeit als Trainer von Chelsea. bild: imago images/newspix

Unlängst verteidigte Mourinho in einem Interview mit "The Coaches Voice" seine Fußball-Philosophie: "Viele Leute glauben, dass die Teams mit hohem Ballbesitz auch automatisch dominant sind. Aber das kommt darauf an, wie man das Spiel betrachtet. Ein Team ohne Ball kann auch dominieren. Für einige Trainer ist Ballbesitzfußball mehr etwas für das Image und die Öffentlichkeit. Am Ende ist aber nur eine Statistik relevant: Welches Team mehr Tore geschossen hat."

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"A Team is a Puzzle of Ideas" – Mourinho erklärt, wie er den Fußball sieht. Video: YouTube/The Coaches' Voice

Mourinho will sich aber nicht auf seinen pragmatischen Soldatenfußball versteifen: "Man muss manchmal auch gegen seine Ideen arbeiten können, um den richtigen Weg zum Erfolg zu finden", erklärte er. "Man muss sich an den Verein und den Wettbewerb anpassen können."

Tottenham spielte in den fünfeinhalb Jahren unter Pochettino, anders als Mourinho bei seinen vergangenen Stationen, einen modernen Offensivfußball mit hohem Pressing und schnellem Umschaltspiel. Statt teure Stars zu verpflichten, setzte man wegen den Stadionneubaus auf den eigenen Nachwuchs und die Weiterentwicklung von aufstrebenden Talenten. Ob Mourinho dazu bereit ist?

Autoritäre Menschenführung

Mourinho hat bei seinen Klubs gerne die totale Kontrolle. Wer nicht auf seine Linie einschwenkt, wird als Feind betrachtet. Bei seinen ersten Engagements bei Chelsea, Inter Mailand und Real Madrid schaffte es "The Special One" dank seines Charmes jeweils, die gesamte Mannschaft hinter sich zu scharen und eine Wir-gegen-alle-Mentalität zu kreieren. Unvergessen die Clásico-Schlachten, in denen sich die Königlichen gegen den spielerisch überlegenen Erzrivalen aus Barcelona auflehnten wie Asterix und seine Gallier gegen die Römer.

Der Wolf im Schafspelz:

Das Problem: Sobald der sportliche Erfolg ausblieb, folgten die Spieler Mourinho, seinem autoritären Führungs- und defensiven Spielstil nicht mehr bedingungslos. Bei Real Madrid überwarf er sich am Ende in sportlich schwierigen Zeiten mit Iker Casillas und Sergio Ramos, bei der Rückkehr zu Chelsea mit Eden Hazard und bei Manchester United mit Paul Pogba. Je größer die Kritik an ihm wurde, desto resoluter schlug Mourinho zurück. Meist mit schwerwiegenden Folgen für den Klub. Die "Times" verglich seine rabiaten Führungsmethoden einst mit einem antiken Feldherrn, der stets verbrannte Erde hinterlässt.

Bei Tottenham kann er sich einen weiteren solchen Abgang nicht mehr leisten, das würde sein Karriereende bedeuten. Tottenham ist Mourinhos letzte Chance. "The Special One" muss sich also anpassen. Ob er das kann und auch wirklich dazu bereit ist?

Das sagen die Experten:

Alan Shearer, Ex-Profi:

"Mourinho hat auf einen großen Job gewartet und jetzt hat er einen. Er hat große Fußstapfen zu füllen, wenn er versuchen will, es besser zu machen als Pochettino. Der Argentinier mag zwar keinen Titel gewonnen haben, aber er hat seine Art von Fußball kultiviert. Das Erreichen des Champions-League-Finals war etwas ganz Besonderes und wird den 'Spurs'-Fans noch viele Jahre in Erinnerung bleiben."

BBC

Paul Gascoigne, Ex-Profi:

"José Mourinho ist ein unglaublicher Trainer. Wenn ich Tottenham-Spieler wäre, würde ich mich freuen, dass er kommt. Für mich waren Sir Alex Ferguson und Sir Bobby Robson die Besten, und José Mourinho ist nicht weit von ihnen entfernt, man kann nicht viel besser sein als er.

Ich glaube nicht, dass es lange dauern wird, bis er die Kabine für sich gewonnen hat. Wenn ich ein Spieler wäre, würde ich mir ansehen, was er gewonnen hat und welche Emotionen er bei den Spielern hervorruft. Er ist ein Trainer, für den ich definitiv spielen würde."

sky sports

Graeme Souness, Ex-Profi und jetziger Trainer:

"Tief in seinem Inneren ist er ein wütender und frustrierter Mann, wegen der Art und Weise wie es bei Manchester United für ihn gelaufen ist. Die ‹Spurs› werden ihren Nutzen daraus ziehen.

Mourinho wird in seinem neuen Job keine Überraschungen erleben. Er weiß, was ihn erwartet. Er kennt die Spieler, gegen die er spielt und wird ein Gespür für die Spieler haben, mit denen er arbeitet. Er hat überall, wo er gearbeitet hat, Titel gewonnen und das erwarte ich auch bei den Spurs von ihm."

Sky Sports

Jamie Redknapp, Ex-Profi und Sky-Experte:

"Ich weiß nicht, ob Mourinho der Richtige für Tottenham ist. José gibt gerne Geld aus und möchte große Namen verpflichten. Er mag erfahrene Spieler und ist nicht bekannt dafür, jungen Spielern eine Chance zu geben. Das könnte zu Problemen mit Klubboss Daniel Levy führen."

skysports

Stan Collymore, ehemalige Fußballer:

"Erstaunlich, wie einige auf die Parole 'Mourinho, der Gewinner' hereingefallen sind, ohne zu bedenken, wie er seine Klubs jeweils verlässt. Unausgewogen, zerstört, das Budget verschwendet, seelenlos. Alles, was die Spurs vermeiden wollten. Viel Glück! Ich mag die 'Spurs' sehr, aber es geht nicht darum, wie dieser Mann zum Klub stößt, sondern wie er ihn verlassen wird."

twitter

Eidur Gudjohnsen, ehemaliger Chelsea-Profi:

"Ich habe großen Respekt vor dem Mann, der uns bei Chelsea auf ein neues Level gebracht hat. Es ist eine große Herausforderung, auf dieses Top-Level zu kommen, aber Tottenham gehört unter die Top 4."

Sky Sports

Ian Herbert, Sportjournalist:

"Es ist Wahnsinn von Tottenham, José Mourinho zu verpflichten. Er wird das Leben, die Seele und die Freude aus der Mannschaft saugen und alles ruinieren, was Mauricio Pochettino aufgebaut hat. Es ist eine Kamikaze-Aktion, die Pochettinos gute Arbeit bedroht. Mourinhos Individualismus steht im Widerspruch zu Pochettinos lebhaftem Stil. Pochettinos Menschenkenntnis half, aus Heung-min Son einen Star zu machen. Mourinho dagegen fehlte die Empathie, um Kevin De Bruyne bei Chelsea aufblühen zu lassen. Der Portugiese ist ein Individuum ohne ein Minimum an Geduld oder Verständnis für die Unbekümmerten."

daily Mail

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